Um es vorwegzunehmen: Ich bin keine Pädagogin. Ich habe eine Tochter großgezogen und werde hoffentlich in naher Zukunft – drücken Sie die Daumen – Oma. Also Zeit, sich mit dem Thema Erziehung erneut auseinander zu setzen. Man darf sich durchaus fragen, ob es 329 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Lockeschen Gedanken einer weiteren Ausgabe bedarf. Nicht, wenn man nur die letzte Ausgabe neu auflegt, denn bis zur vorliegenden aktuellen Ausgabe basieren alle anderen auf einer Übersetzung aus den 1960er Jahren bzw. davor. Zur Feier des 125-jährigen Jubiläums der Klett-Cotta Gruppe gab der Verlag eine neue Übersetzung in Auftrag. Ich habe mir die Mühe gemacht und Textpassagen verglichen und bin zu dem Schluss gekommen: entweder liest man die Texte von John Locke im original – Shakespeare Englisch – oder in der von Jürgen Overhoff herausgegebenen Ausgabe von 2022. Was ich vor ca. 25 – 30 Jahren zum Thema Erziehung in Ratgebern und anderen Print Medien gelesen habe, beruht augenscheinlich auf den Gedanken John Lockes. Unter den verschiedenen historischen und aktuellen Erziehungsmodellen finde ich die Gedanken von John Locke als richtungsweisende Basis für eine moderne, praktikable Erziehung. Denn: die Gedanken von John Locke begleiten das junge Lebewesen von der Geburt bis zur Adoleszenz. Weiterlesen
Kategorie: Buchbesprechungen
Talberg 1977, Teil II der Trilogie von Max Korn

Talberg 1977 von Max Korn
Der zweite Teil der Talberg-Trilogie erstaunte mich erst einmal. Denn dieser Band knüpft erst nicht bei den Charakteren an, bei denen das erste Buch aufhörte. Zwar ist die siebzigjährige Maria eine uneheliche Tochter des Bäckers Georg Leiner und war ebenfalls gleich zweimal mit Männern der Steiner Familie verheiratet, doch sonst scheint sie, augenscheinlich nichts mit Elisabeth Steiner zu tun haben, um die es in Talberg 1935 ging. Die einzige Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen zweier Generationen ist ihre Kräuterkunde, die tiefe Verwurzelung mit dem unheimlichen Wald und das die boshaften Dörfler beide für Hexen hielten.
Sehr erstaunlich, ich hatte beim zweiten Teil etwas anderes erwartet. Dennoch ist es ein sehr spannendes, überraschendes Konzept für eine Trilogie. Und am Ende versteht man, wie Talberg 1935 und 1977 zusammengehört, weil die Familienbande verständlich werden. Hoffentlich müssen wir nicht zu lange auf Talberg 2022 warten.
Kerstin Cantz: Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund
Fräulein Zeisig ist ein Paradebeispiel dafür, dass man ein Buch weder nach Aufmachung noch nach Titel beurteilen sollte. Denn: Fräulein Zeisig ist eine absolute Bereicherung für die deutsche Krimi-Landschaft! Und es ist bei weitem mehr als ein spannender Krimi mit einer glaubwürdigen Geschichte, einem schönen, durchgängigen Spannungsbogen und verschiedenen Erzählsträngen, die am Ende glaubhaft aufgelöst werden. Dank erkennbar umfangreicher Recherchen zeichnet die Autorin ein dichtes gesellschaftspolitisches Bild Münchens Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mit all seinen Strömungen. Kerstin Cantz scheut sich weder den allgegenwärtigen Rassismus noch Homosexualität, damals noch strafbar, zu thematisieren. In diesem zweiten Kriminalroman um Fräulein Zeisig, durchaus verständlich, auch wenn man den ersten Band nicht gelesen hat, lässt die Autorin ihre Kommissarin in der Welt der amerikanischen Soldaten-Frauen ermitteln. Elke Zeisig tut dies mit so viel Fingerspitzengefühl, Empathie und kriminalistischem Gespür, dass selbst der amerikanische Ermittler von ihr beeindruckt ist. Kerstin Cantz hat mit Fräulein Zeisig eine junge Kommissarin geschaffen, die sich wohltuend von anderen Ermittlern abhebt. Ein Kriegskind, dem eben nicht Schule und Bildung offen stand, das sich gegen den mütterlichen Widerstand durchsetzen musste, um das Berufsziel zu erreichen und dem dann immer noch nicht die Möglichkeiten offen stehen, wie den männlichen Kollegen. In Hauptkommissar Manschreck und Hauptkommissarin Sailer findet Elke Zeisig Förderer und man darf gespannt sein, wie es für Fräulein Zeisig weitergeht. Weiterlesen
Ravna, Die Tote in den Nachtbergen, Elisabeth Herrmann

Den großen Reiz, den dieser Krimi auf den Leser ausübt, ist, dass er in einem Sommerlager der Samen spielt. Vor zehn Jahren verschwand dort eine junge Frau, die Tochter des norwegischen Veterinärs. Er war mit ihr zu Mittsommer hergeflogen, um sich um die Rentierkälber zu kümmern. In der Nacht verschwand Linnéa und tauchte nie mehr auf. Zehn Jahre später kehrt die Polizeistudentin Ravna aus Oslo zurück zu ihrer Familie, um bei der Kälbermarkierung zu helfen, denn auch sie ist eine Sami. Es ist mehr ein Zufall, dass sie beim Einfangen von streunenden Rens abstürzt und in eine Höhle fällt. Beim Versuch sich zu befreien, stößt sie auf ein Skelett und anhand der Kleidungsreste weiß Ravna sofort, es ist Linnéa. Sie war damals neun Jahre, aber hatte dieses wunderschöne Mädchen kennengelernt. Eine Mischung aus spannenden Kriminalfall, ursprünglicher Sami Magie und Tradition, sowie dem ewigen Überlebenskampf der Naturvölker in der heutigen Zeit. Elisabeth Herrmann hat sich richtig in die Mentalität der Samen gekniet und rausgekommen ist ein fantastischer glaubwürdiger Thriller, bei dem man als Leser das Gefühl hat, immer direkt dabei zu sein. Erste Sahne!
Kerstin Ehmer: der blonde Hund
Der Kriminalroman führt uns in das Berlin der zwanziger Jahre. Es ist deutlich abzusehen wie sich die Nationalsozialisten lieb Kind mit den bürgerlichen Gesellschaftsschichten. Diese meinen das ungehobelte Pack schon in den Griff zu bekommen und fördern die braune Schlägertruppe. Im Roman wird sehr schön geschildert, wie in den zwanziger Jahren der Okkultismus und die Sterndeuterrei Platz greift. Da der Berliner Kommissar die Möglichkeit hat in der jungen Republik herum zu reisen, bekommt er die politischen Strömungen auch in der Provinzen mit. Die völkische Bewegung, die zur Zeit auch in unserer Republik ihre Unterstützer findet, ist der Bodensatz aus dem sich die faschistische Partei in Deutschland ihre Gläubigen Mitglieder zieht. Wird deutlich, welche Parallelen es zur deutschen Gegenwart gibt. Weiterlesen
Annette Holländer: Der Garten im Klimawandel. Besser Gärtnern mit Permakultur

Nachdem sich die Autorin bereits den Themen »Mein Biogemüse Garten«, »Selbstversorger Garten«, »Sprossen, Microgreens & Co«, »wildbienenfreundlich gärtnern« und »Planen, Säen, Ernten« gewidmet hat, behandelt ihr neuestes Werk den Klimawandel im Garten. Dabei geht sie strukturiert vor, unterteilt in drei Hauptthemen: Klima und Ernährung, Ein Nutzgarten nach dem Vorbild der Natur, Urban Gardening – Essbare Städte, Andernach wirbt seit Jahren damit, setzt auf die Aussage und Kraft der Fotos und scheut sich nicht, selbst in die Kamera zu lächeln, und sich bei der Arbeit im Beet ablichten zu lassen. Annette Holländer, die uns vom Umschlag anlächelt, schreibt gut verständlich. Dem einen oder anderen Leser mag es nicht ausführlich genug sein, aber das Buch erhebt nicht den Anspruch als Standardwerk in die Geschichte einzugehen. Dennoch und vielleicht gerade als Einstieg in das Thema eignet sich das Buch hervorragend. Der Leser erhält wertvolle Tipps wie die Bezugsquellen für samenfestes Saatgut und Anregungen für Balkon- und Terrassenpflanzen sowie diverse Exkurse, z.B. zum »Wunder von Mals«, den »Weltäckern« in Berlin und Landshut und lässt Bernhard Gruber, Präsident Österreichisches Waldgarten Institut, über essbare Waldgärten als Klimachance berichten. Fazit: ich kann mich nicht mehr hinter der Ausrede: unser Garten ist zu klein, verstecken. Weiterlesen
Anarchie Deco, J.C. Vogt

Babylon-Berlin und Zauberei. Auch wenn ich wiederholen muss, was bereits auf dem Cover steht, so ist das doch die erste Assoziation, die man bei diesem Roman hat. Die Beschreibungen des Berlin in den zwanziger Jahren treffen den gleichen Ton, wie die Buchserie von Volker Kutscher, die so erfolgreich verfilmt wurde. Nur das es nicht nur um Politik, Mord und die lüsterne Nachtwelt des verruchten Berlin geht. Es ist eine weitere Essenz mit im Spiel: Magie!
Magie die sich nicht im Verborgenen oder bei den Séancen der Reichen und Gelangweilten abspielt. Es ist eine Magie die von Wissenschaftlern gerade anerkannt und mit Experimenten bewiesen wird. Eine Magie, die gewisse Leute aber bereits so perfektioniert haben, dass sie damit ohne Weiteres töten können.
Eine wirklich interessante Mischung aus Krimi- und Fantasieroman mit ziemlich starken Protagonisten.
Urte Zimmermann: Mein Blumengarten
Urte Zimmermanns Werk entspricht nicht nur der Tendenz, bei Gartenbüchern mit aquarellierten Illustrationen zu arbeiten, was bei einer Grafikerin und Malerin auch gar nicht so abwegig ist, sondern könnte mit dem ersten journalartigen Gartenbuch gleich einen neuen Trend setzen. Mir gefällt das. Warum ist nicht schon früher jemand auf diese Idee gekommen? Bei allem Neuem setzt die Autorin dennoch auf Bewährtes: Struktur und Index. Die Grundlagen zum Gärtnern im Ziergarten sowie die Anleitungen zur Anlage eines Ziergartens sind für Anfänger und Fortgeschrittene gleichsam interessant und lehrreich. Man merkt, Zimmermann kann auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen und hat sich selbst durch einige Gartenratgeber gearbeitet: „Mein Blumengarten“ ist praxisorientiert, gut verständlich, dabei kurz und knapp geschrieben. Die verwendeten Symbole machen das Ganze übersichtlich und vereinfachen das Leben bei der Zusammenstellung eines Beetes. Es macht Freude das Buch in die Hand zu nehmen. Die Illustrierung ist ein Stimmungsbooster. Das Neue und was aus dem Buch ein Journal macht sind die To-Do-Listen, die Platz für die Notierung der anstehenden Arbeiten, Ideen aber auch für Pflanzpläne bietet. „Mein Blumengarten“ ist ein pro-aktives Gartenbuch und ein praktischer Begleiter auf dem Weg zu einem blühenden Paradies. Viel Erfolg und Freude bei der Umsetzung! Weiterlesen
Finsterbrook, Peter Schwindt, Kinder-Jugendbuch ab 10 Jahre

Eigentlich kommt die Erbschaft, das Hotel Seelenfrieden auf der Insel Finsterbrook gerade recht für Adrian und seinen Papa. Denn Papa Justus steckt in gewissen Geldschwierigkeiten und muss Hals über Kopf mit seinem Sohn flüchten. Also nix wie ab nach Finsterbrook, das auch nicht schlimmer sein wird als Oberpupsmanshausen oder Castrop-Rauxel. Jedoch schon in der ersten Nacht in dem unheimlichen Inselhotel passieren Dinge, die es, sagen wir es ehrlich, nicht gibt. Ein Hund erscheint und bleibt, eine dreizehnte Tür erscheint und verschwindet wieder und die alte Musikbox spielt einfach Lieder. Das Beste aber, schon am ersten Schultag findet Adrian richtige gute Freunde. Gemeinsam mit ihnen und seinem neuen Höllenhund wollen Sie den berühmten Schatz von Finsterbrook finden. Na dann, Prost Mahlzeit, kein Wunder das die Inselbewohner sauer werden. Es stört jedoch weder die vier Freunde noch Garm den Beagle, der einfach einen fahren lässt, wenn ihm was nicht passt.
Tolles, lustiges und spannendes Kinderbuch. Vor allen Peter Schwindts Wortwahl ist manchmal zu schreien komisch! Richtig tolles Kinderbuch für alle ab 10 Jahre.
Tupoka Ogette: Und Jetzt Du

Mit Neugier und Interesse und bemüht vorurteilsfrei bin ich, nachdem ich das Interview mit der Autorin im Stern gelesen hatte, an das neue, und für mich erste Buch von Tupoka Ogette herangegangen. Dass bei dem Thema Rassismus eine emotionale Ebene mitschwingt, ist verständlich und eine Sache, ein emotionales Dauer-Trommelfeuer zu zünden ist eher ermüdend und eine ganz andere Sache. Und nur weil ich vielleicht in den Augen der Autorin rassistisch bin, heißt es nicht, dass ich auch unkritisch bin. Mit dem Duzen des Lesers vermittelt die Autorin das Gefühl einer flachen Hierarchie, wiegt den Leser in Sicherheit: wenn Du tust, was ich Dir sage, wird alles gut! Ist das so? Überwinden wir Rassismus durch ideologische Vorgaben oder verordnete Denkmuster, die das Denken narkotisieren? Oder sind es nicht vielmehr Denkanstöße, die Prozesse in Gang setzen? Wenn man sich einem so wichtigen Thema wie Rassismus nähert, dann sollte man versuchen die Leserschaft einzubeziehen und sich auf eine Verständnisebene begeben, die Menschen erreichen kann und vielleicht eher bei einem respektvollem „Sie“ bleiben. Weiterlesen