Schlagwort: Roman

Viet Than Nguyen: Die Idealisten

Die Idealisten von Viet Thanh Nguyen

Die wunderbare, bildhafte Sprache lässt Bilder in einer Geschwindigkeit entstehen, die atemlos macht, wodurch „Die Idealisten“ als Einschlaflektüre ausfallen. Es empfiehlt sich das Buch aufmerksam zu lesen und nicht der Versuchung zu erliegen, die Seiten schneller umzuschlagen. Einzig bei den Beschreibungen der Gewalttaten nimmt der Erzähler Tempo raus. So wie dem Ich-Erzähler wird auch dem Leser alles abverlangt, wenn der Erzähler sich mal als Ich, Du und dann als Wir vorstellt. Und so verwundert es auch nicht, dass ein Mann, der sich als Mann mit zwei Gesichtern sieht, immer wieder unvermittelt in Tränen ausbricht, weil er für alle Seiten – Kommunisten, Kapitalisten – Kolonialisten – Sympathien aufbringt und darüber sinniert: „Die Jahre als Spion, Schläfer und Maulwurf hatten mich einem so großen Stress ausgesetzt, dass das Gewinde meiner Schraube jetzt ausgeleiert war. Solange sie fest angezogen gewesen war, hatten meine zwei Seelen einigermaßen gut zusammengearbeitet. Jetzt drehte meine Schraube durch – der allgemeine Zustand der Menschheit – und saß nicht mehr fest.“ Weiterlesen

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Yassin Musharbashs soeben erschienene dritte Thriller, Russische Botschaften, ist auf Augenhöhe mit seinen – von den Kritikern hochgelobten – Vorgängern und bestätigt, der Autor hat vom Besten des Genres gelernt, dem er auch diesen Thriller widmet: John le Carré. Musharbash sucht für seinen Plot nicht in den Sternen, sondern bemüht das Hier und Jetzt. Seine Protagonisten:innen springen nicht aus Flugzeugen, kämpfen nicht mit dem Gegner auf dem Dach eines fahrenden Zuges und müssen auch nicht die ganze Welt retten: nur die Wahrheit. Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf, ohne zu langweilen und gibt mir die Gelegenheit meinen Platz in dem Team von Investigativjournalisten zu finden. Ich verstehe, wie sie arbeiten, akribisch, vorsichtig und umsichtig, auf höchste Sicherheit bedacht, bemüht keine Spuren zu hinterlassen, denn es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass der Feind auch in den eigenen Reihen zu finden ist. Mir gefällt, wie mit Fortschreiten der Geschichte, der Autor seine Protagonistin Merle Schwalb an der Geschichte wachsen lässt. Sie, ihre Schüchternheit, die ihr in der Vergangenheit im Wege stand, eine ganz große unter den Besten zu werden, überwindet und die Führungsrolle übernimmt. Weiterlesen

Annegret Held: Eine Räuberballade

Ein lebenspraller Roman, der uns in die Jahre um 1790 entführt und das dörfliche Leben im Westerwald in unnachahmliche Weise schildert. Es erinnert an das Decamerone des Giovanni Boccaccio in der Schilderungen des Lebensgefühls und des erotischen Umgangs zwischen den Geschlechtern. Es ist das Westerwalddecamerone der Annegret Held. Was man spannend und herzhaft lachen macht, ist die mundartliche Ausdrucksweise bei der man sich die Wörter laut vorlesen muss um deren Inhalt zu verstehen. Der Dialekt ist schon sehr speziell, wie die Westerwälder. Dass diese Räuber damals aber eine Plage waren, die Bauern und die Händler ausgeplündert haben wird auch deutlich. Mit Sicherheit wird eine Lesung mit der Autorin den Spaß dieses Buches noch deutlich erhöhen. Wun eysch des Erläwe könnt! Weiterlesen

Gestapelte Frauen, Patrícia Melo

Femizid: tödliche Gewalt gegen Frauen oder eine Frau aufgrund des Geschlechts (Duden)

Ein sehr kraftvoller Roman, der den alltäglichen Femizid in Brasilien zum Thema hat. Es ist keine Dokumentation, denn es erzählt die spannende Geschichte einer jungen Anwältin, die wegen eines Berichts über Frauenmorden in das Grenzgebiet Acre reist. Dort wurde ein vierzehnjähriges indigenes Mädchen auf brutalste Art und Weise gefoltert, verstümmelt, vergewaltigt und ermordet. Auf der Anklagebank sitzen drei junge angesehene Studenten aus besten Kreisen der Gesellschaft, Sprösslinge der mächtigen Herrn von Arce. Und so wird die Verhandlung trotz Beweisen und Zeugen eine Farce. Denn arme Frauen, schwarze Frauen und besonders indigene Frauen zählen in Brasilien so gut wie nichts. Und wenn man ein reicher Mann ist, dann kommt einem das korrupte System zur Hilfe.

Doch die junge Anwältin ist nicht nur Erzählerin und Beobachterin, sie selbst wurde erst vor Kurzem von ihrem Freund ins Gesicht geschlagen und als Schlampe tituliert. So bricht sie den Kontakt ab, Angst und Hass sind jetzt ihre Gefühle für Armir. Denn sie ist eine Frau mit Narben, Narben aus der Kindheit, da ihre eigene Mutter getötet wurde.

Der Roman ist hart und unverblümt geschrieben. Er berichtet von dem gelebten Recht der Männer, ihre Frauen wie Sklaven und Dreck zu behandeln. Aber es ist auch die Reise in den Urwald Brasiliens zu den indigenen Stämmen mit ihren Ritualen und zeremoniellen Drogen. Von kraftvollen Gedanken und Taten der Rache. Und der wichtigste Botschaft, die man Frauen nur mitgeben kann: Schweig nicht über eure Misere, schämt euch nicht für euer Verwundungen, sondern verbündet euch und desmaskiert die Täter.

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Christian Klinger: Die Liebenden von der Piazza Oberdan

Eine Stadt, Triest, gibt den Ton an. Die Protagonisten beleben das Bild über Generationen hinweg. Die Geschichte spielt der Stadt und den Menschen teilweise übel mit. Jahrhunderte lang war Trist Österreichisch. Dann hat der Kaiser einen Krieg angezettelt und die Stadt und den Zugang zum Meer verspielt. Triest wurde italienisch. Nach dem Italienischen Seitenwechsel war dann Triest von Deutschland besetzt. All das hat die Familie teilweise zerrissen und neu geformt. Die Zerrissenheit wird sehr deutlich und nachvollziehbar geschildert. Enge Nationalismen sind Sprengsätze für Familienverbände. Dies macht er Autor sehr deutlich.

 

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Ilija Trojanov: Doppelte Spur

EINE (WAHRE) REISE INS LABYRINTH DER MACHT. Kurz vor der amerikanischen Präsidentenwahl ein Aufdeckungs-Roman. Der Whistleblower (Hinweisgeber, Enthüller oder Aufdecker) ist eine Person, die für die Allgemeinheit wichtige Informationen aus geheimen oder geschützten Zusammenhang an die Öffentlichkeit bringt. Der Whistleblower riskiert mit seinem Handeln persönliche Repressalien von Arbeitsverlust bis zu Gefängnisstrafe oder in einigen Ländern die Todesstrafe. Umso bewundernswerter ist ihr Handeln. Leider haben sie meistens das Nachsehen. Man liebt zwar den Verrat, aber nicht den Verräter! Der Investigative Journalist (lateinisch: investigare, aufspüren, genauestens untersuchen) setzt eine langwierige, genaue und umfassende Recherche vor Veröffentlichung voraus. Als Quellen verwenden investigative Journalisten häufig sogenannte Whistleblower. Immer dabei bedacht ihre Informanten nicht Preis zu geben. In „Doppelte Spur“ sucht der eine den anderen. Weiterlesen

Esi Edugyan: Washington Black

Ein Buch das geradezu für die gegenwärtige Rassismus Diskussion gemacht ist. Sklaverei, Ausbeutung, Kolonialismus, Menschenverachtung, all dies spielt in diesem Roman eine dominierende Rolle. Ein schwarzer Junge berichtet von seinen Erlebnissen auf einer Zuckerrohrplantage und wird von einem Besitzer für Experimente gebraucht. Mit ihm geht er auch auf Reisen. Dabei trifft er auf die unterschiedlichsten Menschen und macht erstaunliche Erfahrungen. Ein Abenteuerroman, der spannende und tiefe Einblicke in koloniale Denk- und Handlungsweisen ermöglicht. Weiterlesen

Kevin Major: CARIBOU

Caribou ist der Name eines Fährschiffes das von Neufundland 1942 aufbrach und kurz vor seinem Ziel durch ein deutsches U-Boot versenkt wurde. Dabei kamen 137 Menschen ums Leben. Der Autor schildert uns eindringlich die Innenwelten der Menschen, die mit diesem kriegsbedingten Zusammentreffen zu tun haben. Der deutsche U-Boot Kommandant auf der einen Seite und die Besatzung und Passagiere der wäre auf der anderen Seite sind stellvertretend für alle Menschen die in dieser Zeit im Krieg oder vom Krieg betroffen sind. Der Autor vermeidet es ein Freund – Feindbild zu zeichnen sondern macht deutlich, dass wenn es zu einem Krieg kommt es nur Verlierer geben kann. Der zweite Weltkrieg hat über 50 Millionen Tote gekostet. Einen ausführlichen Anhang dieses Buches macht deutlich, dass der Autor umfangreiche Recherchearbeit geleistet hat. Weiterlesen

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen

Da hat der Verlag seinem Verleger zum 90en Geburtstag ein wundervolles Buch auf den Gabentisch gelegt. Fulminant und bildreich schildert die Autorin eine Familie in den Marken in Italien. Das 18. Jahrhundert geht zu Ende und die Not der kleinen Leute wird immer größer. In der Familie ist das Bewusstsein durch den Großvater, einem Anarchisten, geprägt der seine Umgebung zum Widerstand gegen die Verhältnisse anregt. Die Frauen der Familie sind die tragischen Elemente des Romans. Die Mutter gebiert nur tote Kinder, die Tochter geht ins Kloster. Der Roman zieht die Leserschaft sofort in den Bann weil die Befindlichkeiten der Protagonisten klar und eindringlich herausgearbeitet werden. Weiterlesen

Jodi Picoult: Der Funke des Lebens

Ein Roman, der ungeheuer vielschichtig ist. Zunächst einmal geht es oberflächlich um eine Geiselnahme in einer Abtreibungsklinik im Staate Mississippi. Es geht um zwei Väter und zwei Töchter dieser Väter und um die zufällig anwesenden Frauen und dem einen Arzt in dieser Klinik. Vor dieser Klinik haben sich wie immer Abtreibungsgegner positioniert. In der Klinik haben sich Frauen aufgehalten, die entweder vor oder nach einer Abtreibung dort warten. Die Autorin erzählt den Handlungsverlauf rückwärts. Beginnend mit der Geiselnahme und den dramatischen Verläufen bei der Geiselnahme bis hin zu dem morgen am dem sich alle aufmachen um zu dieser Abtreibungsklinik zu gelangen. Dieses Buch spiegelt die innersten Gefühle bei allen Beteiligten wider. Keiner der abtreibungswilligen Frauen hat oder will diese Abtreibung aus leichtfertigen Motiven. Alle sind aus wirtschaftlichen oder anderen sehr wichtigen persönlichen Gründen zu diesen Schritten gezwungen. Das Buch spiegelt aber auch den Rassismus und die dadurch entstandene wirtschaftliche Not in einem eindrucksvollen Kontext. Ein hochaktuelles Werk das brillant geschrieben ist. Weiterlesen