Alle Artikel von Angela Perez

Tillie Olsen: Ich steh hier und bügle

Es heißt, das Werk von Tillie Olsen enthält biographische Züge. Tatsächlich steckt von ihr und ihrer eigenen Lebensgeschichte zuviel in diesen Erzählungen, als dass man Werk und Vita der Autorin getrennt sehen könnte. Olsen wäre dieses Jahr 110 Jahre alt geworden. Sie war 1957, als ihr erstes Buch »Ich steh hier und bügle« erschien 45 Jahre alt. Und ich habe diese Autorin erst jetzt entdeckt!  Aber wie sagt man: lieber spät als nie. 65 Jahre später sind die Geschichten so aktuell, wie bei ihrer Erstveröffentlichung. Die Belastungen für berufstätige, alleinerziehende und unterdrückte Frauen – wie für die Mutter, Protagonistin in Olsens Geschichte sind nicht einfach zu bewältigen. Olsen schafft etwas sehr Bemerkenswertes: sie reduziert zwei Leben auf eine 11 seitige Kurzgeschichte. Sie arbeitet die Charaktere von Mutter und Tochter Emily fein heraus und offenbart deren Sorgen und Weiterlesen

Gina Mayer: Ballet School

Was für mich Hanni und Nanni und Goldköpfchen waren, könnte für junge und jung gebliebene Leserinnen Ballet School, die neue Trilogie von Gina Mayer sein. Und Fans von »Find me in Paris« werden es lieben. Der erste Eindruck begeistert mich: zarte Pastelltöne in rosa-grün, metallisch glänzend, eine stilisierte Tänzerin in einem Blütenkleid und die Schrifttypen stehen einerseits für Tradition und andererseits für das hier und heute. Ein wirklich schön aufgemachtes Buch, dass die Erwartung schürt und – nicht enttäuscht. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, was sage ich, ich habe es verschlungen und freue mich auf die nächsten Bände. Das Ballett nimmt einen großen Raum ein, aber es geht um sehr viel mehr. Es ist eine Geschichte über Verlust, Trauer, aber vor allem über Freundschaft und die Kraft der Freundschaft. Es ist die Geschichte von besten Freundinnen im besten, positiven Sinne. April, Weiterlesen

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

Eine Weile nachdem ich »Stay away from Gretchen« gelesen und an dieser Stelle vorgestellt hatte, traf ich eine Frau, deren Vater ein GI in Deutschland war und der von seiner Einheit zurück in die USA geschickt wurde, als herauskam, dass er sich eben nicht von deutschen Mädchen ferngehalten hatte. Dieser Frau gelang es, ihren Vater ausfindig zu machen. Sie glaubte nicht, dass die US-Armee so gehandelt hatte. Ich erzählte ihr von dem Buch, und dass sie offensichtlich nicht das einzige Opfer dieser Politik war. Um diesen Punkt zwischen ihrem Vater und sich aus der Welt zu räumen war es leider zu spät, aber immerhin hat sie ihren Frieden gefunden. Und nun die Fortsetzung, die sich ebenfalls mit schweren, unbequemen Themen wie alltäglichem Rassismus im Deutschland der 50er Jahre, Flucht und Vertreibung, Demenz, Zweiter Weltkrieg und der Suche nach einem verlorenen Kind Weiterlesen

Gisela Hopfmüller | Franz Hlavac: 111 Ideen für einen besonderen Garten

Kennen Sie die Reihe 111… aus dem Verlagshaus emons? Wenn nicht, ist das vorliegende Buch »111 Ideen für einen besonderen Garten« ein guter Einstieg. Wie, ein Gartenbuch jetzt im Winter? Nach der Gartensaison ist vor der Gartensaison! Und somit genau die richtige Zeit sich in der Theorie mit dem Garten zu beschäftigen. Die Eindrücke des fast beendeten Gartenjahres sind noch frisch und die Einschätzung darüber, was sich bewährt hat und was Platz für Neues machen sollte, noch überlegenswert. Ein Garten ist ja nicht statisch und er verändert sich mit uns. Die Anforderungen ändern sich. Da, wo vielleicht einmal die Schaukel stand, könnte ein schöner Sitzplatz entstehen. Jedem der 111 Themen sind 2 Seiten gewidmet: 1 Seite Text, klar, verständlich und flott geschrieben, gespickt mit Fachwissen, Bezugsquellen und allerlei nützlichen Infos, dazu 1 Seite Foto(s). Mein Lieblingskapitel ist die Nr. 106 – Vom Genießen. Weiterlesen

Catalin Dorian Florescu: Der Feuerturm

Der rumänisch-stämmige Schweizer Autor Catalin Dorian Florescu erzählt vordergründig eine Familiengeschichte über 5 Generationen, in der die männlichen Erstgeborenen der Stoica-Dynastie zur Feuerwehr gehen und somit der Feuerturm, einst Bukarest‘ höchstes Gebäude, eine zentrale Stelle im Roman einnimmt. Aber es ist auch der Roman der Stadt Bukarest und des Lebens in dieser von ständiger Fremdherrschaft gebeutelten Stadt. Den politischen Strömungen und Entwicklungen wird genauso viel Platz eingeräumt wie Freundschaft und Liebe. Vor allem aber ist es die Annäherung des Autors an seine Wurzeln. Was sich für mich darin zeigt, dass die Geschichte zögerlich beginnt und im Verlauf immer mehr an Fahrt aufnimmt. Florescu hat für seinen Roman die Hausaufgaben gemacht. Gut recherchiert und aus der Position des Weiterlesen

Gloria Naylor: Linden Hills

 

Nach ihrem fulminanten Debütroman Die Frauen von Brewster Place ließ Gloria Naylor fünf Jahre später den fiktiven Roman» Linden Hills« folgen. Was es ihr und ob es ihr etwas bedeutet hätte, dass die beiden Bücher neuaufgelegt in deutscher Sprache erschienen sind, werden wir nicht erfahren und müssen uns mit Mutmaßungen begnügen. Wahrscheinlich wäre sie stolz und zufrieden. Zieht man in Betracht wie sie sich zeitlebens mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandergesetzt hat und Literatur und Kreatives Schreiben an diversen amerikanischen Universitäten unterrichtet hat, würde sie sich vielleicht fragen, ob aus dem derzeitigen Hype um schwarze Literatur ein dauerhaftes Interesse an dieser bleibt. Thema ihres zweiten Romans ist der amerikanische Traum. Naylor schreibt darüber leidenschaftlich, scharf und schnörkellos und gewährt dem Leser einen anspruchsvollen Einblick in die moderne Klassenhierarchie, eingebettet in die schwarze Kultur. Weiterlesen

Kate Saunders: Die Intrigen am King’s Theatre

Seit Jane Austen die Leser mit ihren bezaubernden Geschichten über mutige, eigenwillige, junge Damen und galante Herren entzückte, hat das viktorianische England nichts von seinem Reiz für Autoren und Leser verloren. Im Gegenteil, in einer Zeit, in der es gesellschaftlich akzeptiert ist, in Jogginghose in ein Restaurant zu gehen, haben Geschichten mit ihren anspruchsvollen Umgangsformen, die im 19. Jahrhundert spielen, Konjunktur. Kate Saunders unterhaltsamer dritter Laetitia-Rodd-Krimi spielt im Jahr 1853. Da die beiden vorangegangenen Fälle in sich abgeschlossen sind, benötigt man keine Vorkenntnisse um „Die Intrigen am King’s Theatre“ zu lesen. Der Autorin gelingt der Spagat zwischen historischer Authentizität und modernen Formulierungen. Durch diesen gekonnten Mittelweg kommt Saunders Geschichte um die vornehme Londoner Weiterlesen

Anne Stern: Drei Tage im August

 

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte von Anne Stern ist die Straße Unter den Linden in Berlin und die Pralinenmanufaktur Sawade sowie deren Prokuristin Elfie Wagner. Es ist August 1936, die Olympiade dient der Politik zu Propagandazwecken. Dass Jesse Owens bereits 2 Goldmedaillen erlaufen konnte, kann dem Regime nicht gefallen. Doch während sich das offizielle Berlin weltoffen gibt, haben die Einwohner Berlins zu kämpfen und ihre Geheimnisse zu bewahren. Oder sie haben keine Chance, wie das Blumenmädchen Rosa, die zum fahrenden Volk gehört und zwecks Familienzusammenführung in Polizeigewahrsam kommt und verschleppt wird. Während es für die einen Tage des Abschieds sind: Spree-Willi, der Leierkastenmann wird beerdigt, Franz Marcus, der jüdische Buchhändler, hat im Gegenzug für ein Max Liebermann Gemälde, das ihm Käthe Kollwitz zur Aufbewahrung gab Weiterlesen

Natalie Livingstone: Die Frauen der Rothschilds

Natalie Livingstone ist akademisch an dieses umfassende Thema herangegangen: akribisch recherchiert und verständlich aufbereitet. Sprachlich und stilistisch bleibt Livingstone sachlich und macht klar: dies ist kein Roman. Davon zeugen schon die ca. 140 Seiten Danksagung, Personenregister, Namen und Begriffe sowie umfangreiche Quellenangaben. Dennoch ist es der Autorin gelungen, ein faszinierendes, zugängliches und fesselndes Buch vorzulegen. Livingstone holt die Rothschild-Frauen aus dem Schatten ihrer illustren Männer und wir lernen beeindruckende Frauen kennen. Um nur eine zu nennen: Gutle Rothschild, geborene Schnapper, aus Frankfurt am Main, heiratet Mayer Amschel Rothschild 1770. Sie ist die Ur-Mutter der Familie. Und sie denkt nicht nur über ihren Tellerrand hinweg –  sie denkt international und schickt selbst noch ihren erwachsenen Söhnen Care-Pakete in deren neue Heimaten. Weiterlesen

Sophie Irwin: Wie man sich einen Lord angelt

Ja, wie angelt man sich einen Lord? Erstens: man muss zur Ballsaison in der Hauptstadt sein. Zweitens: sollte man nicht das Glück haben in die Londoner Gesellschaft hineingeboren zu sein und dadurch Zugang zu den Bällen und Soireen zu haben, sollte man a) über ein außergewöhnlich gutes Aussehen, Charme, Esprit, Witz, nicht zu vergessen tadelloses Benehmen und b) über Einfallsreichtum und Entschlossenheit verfügen. Des Weiteren ist es äußerst wichtig sich mit den Damen der Gesellschaft bzw. den Müttern geeigneter Kavaliere gut zu stellen. Denn auch wenn man in einer Männerwelt lebt, haben die Frauen das Sagen, wenn es darum geht, welcher Debütantin der eigene Sohn den Hof machen darf. Und man braucht eine einem wohlgesonnene Autorin – in diesem Fall Sophie Irwin, die alle Irrungen und Wirrungen ihres Debütromans im Regency London zu einem guten Ende bringt. Weiterlesen