Alle Artikel von Angela Perez

Andrea Weidlich: Wie Du Menschen loswirst, die Dir nicht guttun, ohne sie umzubringen

Stünde im Titel nicht „ohne sie umzubringen“ hätte man die Lösung schnell zur Hand. Wir kennen solche Szenarien aus Krimis: ein schön, aber abseits gelegenes Hotel – eigentlich geschlossen.  Pandemie-bedingt, was auf die Aktualität verweist, in dem eine Gruppe von Menschen zusammen kommt und sich vor eine Aufgabe gestellt sieht. In Andrea Weidlichs neuestem Buch gilt es sich von toxischen Menschen zu befreien. Initiatorin dieses Experimentes ist Charly, eine Freundin von Andrea Weidlich, die nicht nur die Autorin der Geschichte ist, sondern sich selbst auch eine tragende Rolle darin geschrieben hat. Nämlich die der Autorin Andrea Weidlich. Charlys Einladung sind nicht alle gefolgt, aber Adrian, Marie, Isa, Daniel, Andrea und ihr bester Freund Lukas. Begleitet wird das Experiment von Paul, Charlys Therapeuten. Weiterlesen

Susanne Popp: Der Weg der Teehändlerin

Um es vorwegzunehmen: man muss den ersten Teil dieser Familiensaga um die Tee-Dynastie Ronnefeldt nicht gelesen haben, um den letzt erschienenen zweiten Teil zu verstehen. Aber es wäre schade. Zum einen,  weil  der dritte Band für das Frühjahr 2023 angekündigt ist. Zum anderen, weil es sich bei Susanne Popps Geschichte um eine mitreißende, flott geschriebene Geschichte im Frankfurt des 19. Jahrhundert handelt. Und was die Geschichte noch spannender macht ist, dass das Teehaus Ronnefeldt heute noch existiert. Der Autorin ist es wunderbar gelungen, Dichtung und Wahrheit zu einer stimmigen Geschichte zu verweben. Dank der ausführlichen Recherche und den daraus resultierenden Schilderungen gelingt es der Autorin, Weiterlesen

Christian Buder: Der Dachs

Es ist nicht die erste Geschichte von Christian Buder, mit der er seine Leserinnen und Leser in die rauhe, unwirtliche Bretagne führt. Man spürt, er bewegt sich auf bekanntem Terrain, beobachtet Mensch und Natur wenn er zeitweise in der Bretagne lebt, die sich wie der im Meer liegende Leuchtturm vom Buchcover gegen Wind und Wetter behaupten müssen. Den Bretonen scheint die Leichtigkeit der Südfranzosen, die entspannt mit einem Gläschen was-auch-immer auf das ruhige, einladende Mittelmeer schauen, abzugehen. Sie sind geprägt von der Nordsee – rauh und gewaltig – die selbst  erfahrenen Fischern und Seglern, wie Camille, der Frau des Protagonisten Ronan Prad, das Leben kostet. Der Autor hat mit Ronan Prad, Ex-Elitesoldat und mittlerweile Capitaine der Gendarmerie Maritime, einen kantigen, meistens kompromislosen Protagonisten geschaffen, von dem man noch mehr lesen möchte. Weiterlesen

Pascal Engman: Mörderische Witwen

Pascal Engman führt seine Serie um die nicht immer gesetzestreu handelnde und den geisthaltigen Getränken nicht abgeneigte Kommissarin Vanessa Frank und den ehemaligen Elitesoldaten Nicolas Peredes konsequent in Stil und Form fort. Wie schon im ersten Fall müssen sich die Ermittler mit einem sozialkritischen Thema, das Schweden seit Jahrzehnten beschäftigt und spaltet befassen: Flüchtlinge! Am Anfang seiner Geschichte steht ein Prolog, der neugierig macht, wie die Story weitergeht und ob Molly diesen Kuriereinsatz überlebt. Die Struktur des Romans sowie die kurzen Kapitel erhöhen die Spannung. Der Mord am Justizminister zeigt, wie sehr sich die schwedische Gesellschaft und die Art der Kapitalverbrechen seit den ersten Sjöwall/Walhö Krimis verändert hat. Weiterlesen

Vernissage im Kunstverein Familie Montez: Unterwelten | Disavowed Evolution | Baumschule

Kennen Sie die Ausstellungsräume des Kunstverein Familie Montez in der Honsellstrasse 7 im Frankfurter Osten? Wenn nicht, haben Sie zwei gute Gründe dort hinzugehen. Kurator Mirek Macke, der auch die Ausstellung eröffnete, bewies ein gutes Gespür als er sich für 3 ganz unterschiedliche Künstler und deren Werke entschied und eine interessante, sehenswerte Ausstellung entstand: während der Frankfurter Fotograf Peter Seidel und der in Frankfurt lebende Aktionskünstler Bernhard Zich ihr Debut in den heiligen Brückenhallen feierten, ist Kai Teichert mit seinen monumentalen Werken immer wieder zu Gast bei Familie Montez. Weiterlesen

Franzpeter Messmer: Tanz auf der Brücke Rezension und Interview mit dem Autor

Franzpeter Messmer hat sich dafür entschieden, seinen Protagonisten Mehmet Aziz, einen jungen Syrer, erzählen zu lassen. Letztendlich ist es seine, Mehmets, Geschichte. Wer könnte sie besser erzählen, als Mehmet. Und mit einem Mal hat ein syrischer Flüchtling, der die Reise über das Mittelmeer auf sich genommen hat, um den Islamistischen Kämpfern zu entkommen, die sein Klavier zertrümmerten und seinen kleinen linken Finger abschnitten, einen Namen. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise weg von seinen Wurzeln, über das vermeintlich gelobte Land: Deutschland, dem Land der Dichter, Denker und große Komponisten, zurück zu sich selbst und seinen Wurzeln nach Damaskus. Dazwischen liegen eine lebensgefährliche Flucht im Schlauchboot über das Mittelmeer, entwürdigende Aufenthalte in Flüchtlingsunterkünften, Weiterlesen

Nigel Kennedy: Mein rebellisches Leben

Ich habe Nigel Kennedy zweimal auf der Bühne erlebt. Davon ist mir das Konzert in der Alten Oper Frankfurt besonders in Erinnerung und so war ich sehr gespannt auf seine Memoiren. Aber es sind seine Erinnerungen. Ungefiltert, sprachlich kraftvoll bis derb, in seinen Worten erzählt und allgemein verständlich. Kein Lektor, der Kennedys Sprache glattbügelte. Vielen Dank dafür. Denn der Autor hat seine Fans in allen Gesellschafts- und Bildungsschichten. Es war ihm von Beginn an seiner Karriere ein Anliegen, die klassische Musik zu allen Menschen zu bringen, verzichtete bewusst und als Erster auf den Frack. Zwar Rebell in vielen Bereichen, kommen seine Erinnerungen sehr strukturiert daher. Einem übersichtlich gegliederten Inhaltsverzeichnis folgt eine nicht ganz ernst gemeinte Warnung an seine Leser: »…Leser sollten sich meines politisch nicht ganz korrekten Schreibstils und meiner offenen Worte über die BBC, Plattenfirmen, die bayrische Polizei und andere selbsternannte Hüter der Macht bewusst sein«. Sein Stil ist die Basis für wahrlich originelle und unterhaltsame Memoiren, spielerisch, unkonventionell und sorgfältig ausgeführt wie seine Musik. Und welcher Künstler sonst widmet seinen Begegnungen mit der Polizei ein ganzes Kapitel mit dem Thema »Top 10…« oder spielt »Küchen-Golf« mit Gary Lineker? Überhaupt, Fußball und Boxen bezeichnet er als seine wichtigsten Interessen außerhalb der Musik. Über Aston Villa sagt er: »ein wahrer Segen für mich, von normalen, ehrlichen, hart arbeitenden Menschen, die eine „ordentliche Arbeit“ haben, umgeben zu sein«. »Ich habe mein Leben lang Barrieren zwischen Menschen einzureichen versucht und denke, das vorliegende Buch ist dafür Beweis genug« schreibt Kennedy in seiner Warnung. Es ist das Statement über eine Mission, ausgeführt mit Gelassenheit. Weiterlesen

Ulinka Rublack: Die Geburt der Mode

Wer glaubt, Mode-Influencer wären eine Erfindung des 21. Jahrhunderts, sieht sich getäuscht. Denn: Albrecht Dürer und der Augsburger Matthäus Schwarz machten das schon in der Renaissance. Schwarz ließ sich im zarten Alter von 29 Jahren von dem 19jährigen Narziss Renner nackt von vorne und hinten auf Pergamentpapier abbilden. Im Laufe seines Lebens gab er 137 Aquarelle  – im angezogenen Zustand – in Auftrag. Zwei förmlichere Ölgemälde hängen in der Thyssen-Bornemisza-Sammlung in Madrid und in den Galerien der Nordischen Renaissance im Louvre. Dank dieser Auftragsarbeiten haben wir eine genaue Vorstellung der damaligen Mode. Und wer glaubt, Mode sei überbewertet, wird von Ulinka Rublack eines besseren belehrt. Weiterlesen

Hrsg. Jürgen Overhoff: John Locke – Einige Gedanken über Erziehung

Um es vorwegzunehmen: Ich bin keine Pädagogin. Ich habe eine Tochter großgezogen und werde hoffentlich in naher Zukunft – drücken Sie die Daumen – Oma. Also Zeit, sich mit dem Thema Erziehung erneut auseinander zu setzen. Man darf sich durchaus fragen, ob es  329 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Lockeschen Gedanken einer weiteren Ausgabe bedarf. Nicht, wenn man nur die letzte Ausgabe neu auflegt, denn bis zur vorliegenden aktuellen Ausgabe basieren alle anderen auf einer Übersetzung aus den 1960er Jahren bzw. davor. Zur Feier des 125-jährigen Jubiläums der Klett-Cotta Gruppe gab der Verlag eine neue Übersetzung in Auftrag. Ich habe mir die Mühe gemacht und Textpassagen verglichen und bin zu dem Schluss gekommen: entweder liest man die Texte von John Locke im original – Shakespeare Englisch – oder in der von Jürgen Overhoff herausgegebenen Ausgabe von 2022. Was ich vor ca. 25 – 30 Jahren zum Thema Erziehung in Ratgebern und anderen Print Medien gelesen habe, beruht augenscheinlich auf den Gedanken John Lockes. Unter den verschiedenen historischen und aktuellen Erziehungsmodellen finde ich die Gedanken von John Locke als richtungsweisende Basis für eine moderne, praktikable Erziehung. Denn: die Gedanken von John Locke begleiten das junge Lebewesen von der Geburt bis zur Adoleszenz. Weiterlesen

Kerstin Cantz: Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund

Fräulein Zeisig ist ein Paradebeispiel dafür, dass man ein Buch weder nach Aufmachung noch nach Titel beurteilen sollte. Denn: Fräulein Zeisig ist eine absolute Bereicherung für die deutsche Krimi-Landschaft! Und es ist bei weitem mehr als ein spannender Krimi mit einer glaubwürdigen Geschichte, einem schönen, durchgängigen Spannungsbogen und verschiedenen Erzählsträngen, die am Ende glaubhaft aufgelöst werden. Dank erkennbar umfangreicher Recherchen zeichnet die Autorin ein dichtes gesellschaftspolitisches Bild Münchens Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mit all seinen Strömungen. Kerstin Cantz scheut sich weder den allgegenwärtigen Rassismus noch Homosexualität, damals noch strafbar, zu thematisieren. In diesem zweiten Kriminalroman um Fräulein Zeisig, durchaus verständlich, auch wenn man den ersten Band nicht gelesen hat, lässt die Autorin ihre Kommissarin in der Welt der amerikanischen Soldaten-Frauen ermitteln. Elke Zeisig tut dies mit so viel Fingerspitzengefühl, Empathie und kriminalistischem Gespür, dass selbst der amerikanische Ermittler von ihr beeindruckt ist. Kerstin Cantz hat mit Fräulein Zeisig eine junge Kommissarin geschaffen, die sich wohltuend von anderen Ermittlern abhebt. Ein Kriegskind, dem eben nicht Schule und Bildung offen stand, das sich gegen den mütterlichen Widerstand durchsetzen musste, um das Berufsziel zu erreichen und dem dann immer noch nicht die Möglichkeiten offen stehen, wie den männlichen Kollegen. In Hauptkommissar Manschreck und Hauptkommissarin Sailer findet Elke Zeisig Förderer und man darf gespannt sein, wie es für Fräulein Zeisig weitergeht. Weiterlesen