Alle Artikel von Angela Perez

Henri Faber: Ausweglos

Wer Harlan Coben und Sebastian Fitzek mag, kommt mit diesem Debütroman von Henri Faber voll auf seine Kosten! Für seinen im Thriller-Genre angesetzten Roman hat sich der Autor eigens ein Pseudonym zugelegt. Unter seinem bürgerlichen Namen Rudolf Ruschel bleibt er „dem Schwarzhumorigen natürlich treu, aber parallel dazu schreibe ich auch „klassische“ Spannungsliteratur“.  Die Umschlaggestaltung ist schlicht, stylish und verrät nicht allzu viel über den Inhalt. Und der hat es in sich. Es ist spannend, man mag das Buch nicht aus der Hand legen, bevor man weiß, wie es ausgeht. Faber wechselt zwischen den Charakteren Noah, Elias, Linda und auch dem Täter hin und her, dadurch entsteht eine enorme Dynamik. Das wird auch durch die kurzen, durchnummerierten Kapitel verstärkt. Weiterlesen

G.D. Abson: Tod in weißen Nächten

Wenn ein Debüt-Autor von seiner Geschichte so überzeugt ist, dass er sie von vorneherein als Mehrteiler anlegt und sein Verlag bereit ist, diesen Weg mitzugehen, wird man neugierig. Um es gleich zu sagen: ich wurde nicht enttäuscht! Aber was kann die Protagonistin Natalja Iwanowa, was andere Ermittler nicht können? Als Frau in einem korrupten System, die ihre Kindheit in Deutschland verbrachte und davon geprägt ist, schaut sie vielleicht genauer hin und hört im Zweifelsfall auch auf ihr Bauchgefühl. Natalja ist keine abgewrackte, desillusionierte und korrupte Kommissarin, die Dienst nach Vorschrift schiebt, sondern – wenn sie es als erforderlich erachtet – gegen die Vorschriften handelt und für die Wahrheit kämpft. Die Protagonistin ist ein Familienmensch, die bewusst auf eigene Kinder verzichtet, sich aber um Anton, den Sohn ihres Mannes Mikhail kümmert und dafür sorgt, dass rechtzeitig die Schmiergelder bezahlt werden, damit es mit der Karriere von Anton voran geht. G.D. Abson führt den Leser in das reale St. Petersburg des 21. Jahrhunderts. Es gelingt ihm, mit seinem Schreibstil eine atmosphärische Dichte aufzubauen, gepaart mit Gespür für das richtige Tempo. Er hält den Spannungsbogen, unterstützt von unerwarteten Wendungen gekonnt bis zum Ende und löst ihn sauber auf. Ich gratuliere G.D. Abson zu seinem gelungenen Debüt und bin gespannt auf den nächsten Fall für Natalja Iwanowa und hoffe, dass er nicht zu lange auf sich warten lässt. Weiterlesen

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Idylle

Mit dem zehnten Band der Reihe um Kommissar Dupin haben der Protagonist und seine Mitarbeiter mitten in der Augusthitze den zehnten Fall auf dem Tisch. Ein Mord an einem reichen Schafzüchter, ausgerechnet auf der Insel Belle-Ìle, die nur mit dem Boot zu erreichen ist.  Allein das eine Herausforderung für den Kommissar. Wie alle anderen Verbrechen zuvor, kommt auch dieses ungelegen: die Vorbereitungen für George Dupins zehnjähriges Dienstjubiläum in der Bretagne sind in vollem Gange. Außerdem soll er sich in einem Test als Bretone erweisen.  Da lässt sich auch der Autor nicht lumpen und lässt es krachen! Bannalec verwöhnt uns einerseits mit stimmungsvollen gleichsam farbenprächtigen Beschreibungen der bretonischen Landschaft, andererseits serviert er kulinarische Highlights, die das Wasser im Mund zusammen laufen lassen, verbunden mit kulturellen, teils keltischen Bräuchen. Gekonnt baut Bannalec den Spannungsbogen auf und hält ihn – dank vieler Verdächtigen und auch dank des Tempos  – bis zum Schluss. Die bekannten Figuren, mittlerweile zu  gern gesehenen Freunden geworden, entwickelte der Autor konsequent weiter und lässt seinen Protagonisten zur Hochform auflaufen. Möge es nicht der letzte Fall für Dupin sein! Weiterlesen

Ulrich Hoffmann: Mord in Venedig

Venedig mit seiner wechselvollen Geschichte – seit Jahrhunderten beschrieben, gemalt und besungen, geheimnisvoll, strahlend schön und immer wieder Schauplatz für Verbrechen – hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren und so hat Ulrich Hoffmann die Lagunenstadt zu seinem Tatort auserwählt. Sein flüssiger Schreibstil macht Freude, die Stadt mit den Augen des Autors wieder zu entdecken und Lust auf eine Reise dorthin. Venedig entdecken wollte auch Hoffmanns Protagonistin, Kaitlyn „Cat“ Picard mit ihren Teenager-Zwillingen Leo und Leonie. Leider richten sich Mörder und ihre Opfer nicht nach den Schulferien und so macht Tatortfotografin Kaitlyn was sie immer macht: Multitasking. Auch wenn ich ihr die quality time mit ihren Kindern von Herzen gönne, auf ihre Suche nach dem Täter quer durch Venedig, von prächtigen Palazzi bishin zu den Glasbläsereien von Murano, möchte ich nicht verzichten und eine unerwartete Wendung während der Ermittlungen sorgen für das Salz in der Suppe. Ulrich Hoffmann hat seine Figuren interessant mit Entwicklungspotential nach oben angelegt und thematisiert Kaitlyns Beruf, die Fotografie, angemessen und allgemein verständlich. Von vorneherein europäisch angelegt, dürfen wir gespannt sein, an welchen Hotspot uns der nächste „Mordort“ führt. Weiterlesen

Wolfgang Burger und Hilde Artmeier: Schmutziges Gift

Kurz vor knapp erkennen sie, dass die Fahrt nach Paris keine Kaffeefahrt ist, sondern es nur auf der Überholspur eine Chance gibt, diesen geheimnisvollen Kräften zu entkommen.  Ein dringend benötigter, lukrativer Auftrag bringt Privatdetektiv zurzeit a.D. und als Baumaschinenverkäufer tätigen Marc van Heese, der Zuflucht vor Hamburger Kredithaien im Bayrischen Wald fand, und Linda Wanzl, Inhaberin von Private Eye, die, um Kosten zu sparen, mittlerweile auf dem Hof ihrer Tante lebt, die Tiere versorgt und auch mal Reitunterricht gibt, wieder zusammen und lässt den Silberstreif der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Zeiten am Horizont erscheinen. Aber haben sie sich da nicht zu früh gefreut? Wieso ist dem Auftraggeber ein einziges Foto so viel Geld wert? Das bewährte Autoren-Team Burger und Artmeier lässt seine vier Hauptprotagonisten in abwechselnden Kapiteln die Story erzählen. Durch Überschriften, in denen der jeweilige Erzähler sowie Ort und Zeit angegeben werden, gewinnt die Geschichte an Dynamik und hilft der Orientierung. Die Figuren sind von den Autoren ausgearbeitet und mit Macken und Vorzügen ausgestattet, die sie lebendig machen. Das Autoren(ehe)paar Wolfgang Burger und Hilde Artmeier lebt und schreibt in Karlsruhe und Regensburg. Weiterlesen

Anja Jonuleit: Das letzte Bild

Nur eine Familiengeschichte mit dunklen Geheimnissen kann so spannend und fesselnd sein, wie Anja Jonuleits neuestes Buch „Das letzte Bild“. Dabei gelingt es ihr ausgezeichnet sowohl Realität, einen 50 Jahre zurückliegenden, ungeklärten Mord, wie auch Fiktion, nämlich, ein auf den Mord zugeschnittenes Familiendrama zu einer plausiblen Geschichte zusammenzuführen. Die Autorin übertreibt nicht und stattet ihre Figuren aus drei Generationen mit Neugier, Glaubwürdigkeit und dem Mut, sich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, aus. Und Eva, die Protagonistin dieses Romans, ist nicht die erste, die sich auf die Suche nach Antworten, begeben hat. Wie sich im Verlauf der Geschichte immer mehr herauskristallisiert, handelt es sich bei der Toten um Evas Tante Margarete. Deren Suche nach ihrer Familie, von der sie während des Zweiten Weltkrieges getrennt wurde, bezahlt Margarete mit dem Leben. Ihr Leben verliert Eva zwar nicht, aber nicht alles, was sie über ihre Familie herausfindet, kann ihr gefallen. Weiterlesen

Alex Schulman: Die Überlebenden

Wow! Dieses kleinformatige Buch kommt bescheiden daher, ohne jeglichen Glamour, erweist sich aber als etwas ganz großartiges. Ob Schulman die Landschaft beschreibt oder eine verstörende Szene aus dem Familienleben, seine Sprache entwickelt eine enorme Kraft, ist eindringlich, emotional und faszinierend. Der Autor lässt den mittleren Sohn Benjamin, der es sich zur Aufgabe machte, die Familie zusammen zu halten, aus seiner Sicht auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen erzählen: der Vergangenheit und der Gegenwart, die zeitlich rückwärts erzählt wird. Die Empathie des Autors für diese Figur überträgt sich auf mich. Dagegen tue ich mich mit dem Ältesten, dem desinteressiert-klugen Nils und dem kleinen aufgeregt-aggressiven, vernachlässigten Pierre schwerer. Dies ändert sich im Verlauf der Geschichte, als das Bild einer gutbürgerlichen Familie bröckelt. Weiterlesen

Jo Lendle: Eine Art Familie; Interview mit Jo Lendle

Eine Art Familie von Jo Lendle

Acht lange Jahre hat Jo Lendle seine Leserschaft auf ein neues Buch von sich warten lassen, aber es hat keine 2 Seiten gebraucht und ich bin abgetaucht in die die Geschichte „Eine Art Familie“. Nicht nur, weil sie spannender als mancher Krimi ist, sondern weil der Auto mit seiner elegant-schlanken Sprache eine atmosphärische Dichte erzeugt, die man nur genießen kann. Jo Lendle trifft scheinbar mühelos mit dezenten sprachlichen Mitteln den Ton der frühen Jahre des letzten Jahrhunderts, ohne dabei antiquiert, bemüht oder verstaubt zu wirken. Der Autor, selbst Teil der Familie seiner Romanfiguren, wahrt dennoch zu ihnen die gebotene schriftstellerische Distanz. Er urteilt nicht. Er rechnet nicht ab. Trotz des „Sicherheitsabstandes“ spürt man die Sympathie für seine Protagonisten, besonders für Alma, die eigentlich gar keine Verwandte ist, aber ihren Platz in dieser „Eine Art Familie“ hat. Es entsteht ein kulturell-humanistisch geprägtes Portrait des Bildungsbürgertums des letzten Jahrhunderts. Weiterlesen

Tom Saller: Julius oder die Schönheit des Spiels

Ab der ersten Seite bin ich dank der bildhaften, schönen Sprache im Roman drin und freue mich über das Lesevergnügen. Die Geschichte um den Tennisspieler Julius von Berg erinnert gewollt an das Leben vom Gottfried Freiherr von Cramms. Tom Saller bedient sich dreier Erzählebenen: Julius erzählt im Präsens in der Ich-Form von den ersten zwanzig Lebensjahren. Der einstige Rivale versucht im Jahr 1984 rückblickend die Ereignisse der damaligen Zeit aufzuarbeiten und stellt sich seinen Schuldgefühlen. Ab 1938 erzählt Julius über seine Inhaftierung in Berlin in Tagebuchform. Zum Ende des Romans hin sind die Erinnerungen des einstigen Rivalen an den Umfang der jeweiligen Tagebucheintragung angepasst, so dass der Eindruck eines Ballwechsels im Tennismatch entsteht und die Spannung erhöht.  Durch diese Gegenüberstellung wird einerseits die Allgemeingültigkeit von Werten wie Ehre, Moral, Respekt verdeutlicht und zeigt andererseits, dass Menschen mit fremden kulturellen Hintergründen oder einer Sexualität, die nicht der Norm entspricht, auch einhundert Jahre später immer noch Repressalien ausgesetzt sind. Weiterlesen

Ta-Nehisi Coates: The Beautiful Struggle – Der Sound der Strasse

The Beautiful Struggle von Ta-Nehisi Coates

THE BEAUTIFUL STRUGGLE ist eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte über die Herausforderungen der gesellschaftlichen Realität, in die wir hineingeboren werden, und über die Liebe, die uns davor beschützt. Die Einblicke, die Ta-Nehisi Coates mir in seine von Rassismuserfahrungen, Gewalt, Drogen und Bandenkriminalität geprägte Kindheit und Jugend gewährt, haben mich teilweise erschüttert, aber auch berührt. Das Baltimore dieses Heranwachsenden ist nichts für schwache Nerven und weist keine Gemeinsamkeiten mit dem Baltimore auf, dass ich in den 80igern kennenlernte. Überhaupt erscheint mir die Geschichte weit weg, hallt aber enorm in mir nach und lenkt gleichzeitig den Blick auf die Situation im eigenen Land, legt die Parallelen frei und bekommt dadurch Allgemeingültigkeit. Dank des sehr ausführlichen Namen- und Begriffsglossars von Julian Brimmer kenne ich jetzt Wörter, nach denen ich mich bislang nicht getraut habe zu fragen. Dass der Weg des Autors nicht in die Kriminalität führte, sondern er es bis nach Harvard schafft, ist an sich schon eine Lebensleistung. Weiterlesen