Schlagwort: Historischer Roman

Matteo Strukul: Die Macht der sieben Familien

Matteo Strukul hat wieder zugeschlagen. Nach der erfolgreichen, vierteiligen Reihe über die berühmte Medici-Dynastie führt der Autor seine Leser:innen erneut in die Renaissance und konfrontiert sie gleich mit sieben Familiendynastien, denen im Kampf um Macht, Reichtum und Gebietserweiterung jedes Mittel recht ist. Sie sind Meister der Verschwörung, Intrigen liegen ihnen im Blut und sie gehen keiner blutigen Auseinandersetzung aus dem Weg. Wer zu einer dieser Familien gehört, braucht keine Feinde mehr. Überleben ist alles! Verhasster Ehefrauen entledigt man sich wie Heinrich VIII.: Rübe runter. Das ist wie Game of Thrones auf Italienisch, nicht weniger zimperlich, aber vordergründig kultivierter. Und der Papst spielt auch immer mit. Wer sich für das Buch entscheidet, begibt sich auf eine rasante, spannende Reise in die Vergangenheit Italiens, auf der er auf eine atmosphärische Dichte und lebendige und überzeugende Charaktere trifft. Weiterlesen

Pierre Lemaitre: Die Farben des Feuers

Pierre Lemaitre würzt die ohnehin an Katastrophen reiche Zwischenkriegszeit, in der er seine figuren- und handlungs-reiche Geschichte ansiedelt. Mit Intrigen, die er um das Erbe der im Mittelpunkt stehenden Bankiers-Familie Péricourt entspinnt und einem Rachefeldzug einer betrogenen Frau, als Antwort für die Neider, die auf das Verderben der Familie hinarbeiten. Er bestätigt erneut, dass er mit Ironie und immer wieder neuen Wendungen einfallsreich Spannung und intelligente Unterhaltung erzeugen kann und die Handlung durch Wechsel zwischen den Nebenhandlungen und Perspektiven flott und plausibel forciert, während im Hintergrund Börsenkrach, Korruption, Steuerbetrug, soziale Spannungen, Machtantritt faschistischer Regime die Weltpolitik bestimmen. Für den Titel hat Lemaitre eine Verszeile aus dem Gedicht „les lilas et les rose“ (1941) von Louis Aragon gewählt und dem Roman ein Zitat von Jakob Wassermann aus „Der Fall Mauritius“ vorangestellt: „Es gab, genau besehen,  nicht Gute und Böse, Ehrliche und Schwindler, Lämmer und Wölfe, es gab nur Bestrafte und Unbestrafte, das war der ganze Unterschied.“ Lemaitres Charaktere sind lebendig und vielschichtig – namentlich Paul und Madeleine. Nicht alle Protagonisten sind charmant oder liebenswert, manche gar abstoßend. Aber auch bedingt dadurch, entsteht ein äußerst lesenswertes, aussagekräftigtes Sozialepos der 1930er Jahre in Frankreich, bei dem vor allem die Oberschicht nicht gut wegkommt. Weiterlesen

Lisa Graf: Dallmayr, Der Traum vom schönen Leben

Bravo! DALLMAYR Der Traum vom schönen Leben ist das, was man heutzutage gern einen „page turner“ nennt: ein fesselnder Roman. Der erste Band und Einstieg in die spannende Familiengeschichte umfasst den Zeitraum von Februar 1897 bis Dezember 1899. Lisa Graf beherrscht die Kunst der Unterhaltung. Es gelingt ihr immer wieder die unterschiedlichen Erzählstränge auf elegante Weise zu verknüpfen und sie dann gekonnt aufzulösen. Die Geschichte um den Feinkostladen Dallmayr ist Dank umfangreicher Recherchen plausibel und spannend. Die richtige Würze tragen die Protagonisten bei. Die Autorin hat die Charaktere fein ausgearbeitet, die Figuren sind lebendig, ausgestattet mit optischen und charakterlichen Vorzügen und Unzulänglichkeiten, was sie authentisch macht. Da wird nichts ausgelassen. Intrigen, Leidenschaft, Lügen, Ungehorsam. Wie im richtigen Leben ist Therese Randlkofer gefordert, seit sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes nicht nur Mutter, sondern Familienoberhaupt und Chefin des Familienunternehmens ist. Sie muss sich gegen den missgünstigen Schwager und die Vorbehalte der männerdominierten Geschäftswelt im München der Jahrhundertwende durchsetzen und nebenbei ihre Kinder Hermann, Elsa und Paul auf den richtigen Weg bringen sowie das Personal ausbilden und fördern. Umsichtig und mit erstaunlicher Weitsicht führt sie das Dallmayr, setzt in jeder Hinsicht auf Qualität – nur die beste Ware kommt ins Geschäft und nur das Beste Personal kümmert sich um die Wünsche der Kundschaft – und sie setzt auf Expansion. Neben den privaten, menschlichen Aspekten thematisiert Lisa Graf auch wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge jener Zeit, sodass ein umfangreiches Gesamtbild entsteht. Die Autorin schreibt flott und bildhaft und die kulinarischen Beschreibungen lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Am Ende gibt es für mich nur eine Frage: Wie geht es weiter? Weiterlesen

Heike Stöhr: Der Pesthändler

Pest allein reicht nicht. Aber wenn man wie Heike Stöhr gründlich recherchiert, es einem nicht auf die eine oder andere Leiche ankommt, die nicht der Pest zum Opfer fällt, das Ganze mit einer Amour Fou würzt, den Leser miträtseln lässt und überrascht, hat man das, was dieser Rezension zugrunde liegt: einen überaus spannenden  Kriminalroman, der im Mittelalter angesiedelt ist. Die Handlung ist fesselnd und gut durchdacht und hält den Leser bei der Stange. Mir gefällt die Sprache. Zusammen mit den historischen Begebenheiten und Orten, den Beschreibungen des Lebens zu Zeiten der Pest oder etwa der Alltag einer Witwe oder das harte Leben der Bergleute, ergibt es ein rundes, authentisches Bild jener Zeit. Alles von der Autorin sehr gut recherchiert, man spürt, dass die Autorin Pirna sehr gut kennt und u.a. Geschichte studiert hat. Wer darüber hinaus mehr über die Pest, die Medizin und den Bergbau im 16. Jahrhundert erfahren möchte, dem empfehle ich das Nachwort. Die Charaktere sind lebendig und die Weiterentwicklung des Protagonisten Valentin, der auf der Suche nach der Wahrheit ist und seinen Bruder vor dem Henker retten will und der Protagonistin Magdalena, der jungen Witwe, die zu einer mutigen, starken Frau reift, gibt der Geschichte einen besonderen Dreh und erhöht die Kurzweiligkeit. Ich habe mich gut unterhalten gefühlt, einiges lernen können und Lust bekommen die Altstadt von Pirna zu entdecken. Weiterlesen

Laura Noll: Der Tod des Henkers; Interview mit der Autorin

Wer das Buch in die Hand nimmt, und sich ein wenig in der deutschen Geschichte auskennt, wird allein schon vom Umschlagsfoto erkennen, um welche Geschichte es sich handelt: Das Attentat 1942 im Mai auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Die Autorin versteht es, diese Tat in Romanform einer griechischen Tragödie zu erzählen. Zwei Herrscher, Hitler und der damalige tschechische Exil Ministerpräsidenten Beneš wollen ihre Politik durchsetzen. Beneš lässt Heydrich ermorden. Was dann folgt, ist ein Tiefpunkt in der deutschen Geschichte die auch nach 1945 vielen zehntausende Menschen das Leben kostete. Die Autorin hat intensiv recherchiert und eine Vielzahl der noch vorhandenen Unterlagen in ihrem Buch eingearbeitet. Die fiktiven Gestalten und ihre Handlungen erhöhen die Spannung und machen das Buch besonders lesenswert. Weiterlesen

Robert Harris: Vergeltung

Der Autor beginnt seine Geschichte im November 1944. Damals schossen deutschen massenhaft Raketen, V2, in Richtung London. Wie es zu der Entwicklung der Raketen kam und wer die Männer und Frauen waren an diesem Traum gearbeitet haben, wird in diesem Buch geschildert. Der Traum war es Raketen bauen um damit zum Mond zu fliegen. Wie immer steht hinter einem solchen Projekt ein besonderer Mensch, diesmal war es Wernher von Braun. Er sammelte Enthusiasten um sich und begann mit einfachsten Mitteln Raketen zu bauen. Die Entwicklungsgeschichte bis hin zur V2 wird in dem Buch eindringlich geschildert. Auch der innere Zwiespalt, diese Raketen als Waffe zu nutzen wird ausgiebig beleuchtet. Wie immer hat Robert Harris intensiv recherchiert damit es wieder ein Bestseller wird. Es ist gelungen und macht deutlich dass der Krieg destruktiv ist und die Menschen im Krieg immer belogen werden. Weiterlesen

Ken Folett: Kingsbridge

Wer den Begriff Schmöker kennt dem sei gesagt, hier liegt einer vom Großmeister des Historienromans vor. Die 1024 Seiten sind voll von Spannung, historischen Details über eine Zeit in dem das Recht des Stärkeren gnadenlos herrschte. Wie immer bringt Folett den Kampf Gut gegen Böse, List gegen Offenheit in eindrucksvoller Weise zu Papier und weis sein Lesepublikum zu fesseln. Der Autor beleuchtet die Zeit vor seinen Bestsellern, Säulen der Erde und den anderen Büchern die insgesamt 38 millionenfach verkauft wurden. Die Jahrtausendwende war keine lustige Zeit. Wer auf der falschen Seite der Insel geboren wurde war leicht ein Sklavendasein beschieden und wer seine Pacht nicht zahlen konnte fand sich in Lohnsklaverei wieder. Natürlich kommt bei Folett die Liebe nicht zu kurz. Ein rundherum gelungenes Werk. Weiterlesen

Dirk Stermann: Der Hammer, Historienroman

Wie kommt das an, wenn ein Deutscher in Österreich zwar beliebt als Satiriker und Moderator, also unser Lanz in Österreich, sich eine österreichische Person aus dem 19. Jahrhundert heraussucht, einen Historienroman schreibt und den Protagonisten zum Antihelden macht. Einige Kritiken waren da schon zu hören.

Worum geht es? Stermann hat sich die Person Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall ausgesucht und seinen Werdegang von der Entwicklung eines armen Beamtensohnes, der mit viel Fleiß und Ehrgeiz zum besten Sprachschüler der Monarchie wird. Alles mit einem Ziel, um als Übersetzer und Diplomat in den Orient geschickt zu werden. Leider überschätzt er seine Person. Trotz der Anerkennung von Lehrern und Schülern werden die Adelsgeborenen vorgezogen. Hammer wird immer abgeschoben. Mit der Ungerechtigkeit behaftet, er ist doch der bessere Übersetzer, fällt er auf durch, ständiges Beschwerden über Vorgesetzte und ohne ein diplomatisches Verhalten in der Politik, so dass er immer weiter abgeschoben wird. Weiterlesen

Rebecca Gablé: Hiobs Brüder

Der Verlag hat sich entschlossen, das vorliegende Buch als Taschenbuch herauszugeben. Wieder ist es der Autorin gelungen die Zeit um 1150 n.Chr. lebendig werden zu lassen. Diesmal hat sich die Autorin mit der Zeit vor der Krönung Henry Plantagenet als englischer König, beschäftigt. Deutlich wird hier in dem Roman die Furcht vor dem Anderssein herausgearbeitet. Menschen mit Behinderungen werden gnadenlos weggesperrt und dem Hungertod preisgegeben. Auch das Verhältnis zwischen Juden und Christen ist ein wichtiger Punkt in diesem Roman. Im Roman vergisst natürlich die Autorin nicht, rechtschaffene Helden ins Feld zu führen und so ein wundervolles stimmiges Werk zu schaffen. Weiterlesen

Ulf Schiewe: Der Attentäter

Kann ein Buch spannend sein, an dem Ende feststeht, wie es ausgeht. Ja, das gibt es. Das vorliegende Buch schildert die Ereignisse kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Wir wissen alle wie es ausgegangen ist, kennen aber nicht die Einzelheiten. Der Autor hält sich sehr an die vorhandenen Fakten ohne das romanhafte aus zu blenden. Interessant ist auch zu sehen, in wie weit die österreichische Ministerialbürokratie sich an diesem Attentat schuldig gemacht hat. Auch der Blickwinkel auf die serbischen Separatisten ist intensiv. Die Verhältnisse auf dem Balkan sind damals sehr verwirrend und auch heute noch sehr schwer nachzuvollziehen. Weiterlesen