Alle Artikel von Elke Rossmann

Film: Eine Krankheit wie ein Gedicht, Ein Film von Jelena Ilić, ab 8. Oktober 2026 im Kino

Für ein Thema, in dem es um einen gewalttätigen Vater geht, der an einer drogeninduzierten, chronifizierten schizoaffektiven Psychose des manischen Formenkreises, Typ polytox, kein Morphintyp, erkrankt ist, fällt es regelrecht auf, wie leise der Film ist. Wie weich und zart, die Annäherung der Tochter an den Vater vonstattengeht und wie sehr die Kamera dabei eine Rolle spielt. Denn sie ist sowohl Garant einer Realität, die aufgenommen wird, als auch der notwendige Abstand, der vor allem am Anfang, der wieder aufgenommenen Beziehung, zwischen Jelena und ihrem Vater Detlef steht.

Als Jelenas Mutter Detlef heiratet, ist er bereits psychisch krank, sie weiß das jedoch nicht. Für sie ist es die große Liebe. Als sie ihn das erste Mal in einer  psychiatrischen Klinik besuchen muss, ist sie bereits hochschwanger. Eine sehr schwierige Zeit für die junge Mutter und sie beschreibt es so:

Szenenbilder: ® Copyright EKWEG-©-Made-in-Germany-Filmproduktion-_-mindjazz-pictures-Filmstill

»Er ist der Mann, in den ich mich verliebt habe, aber auch ein Monster. Er ist der gefährlichste Mensch auf der Welt, wenn er psychotisch ist …« Denn Detlef tritt, immer wieder in Phasen, wenn er auf Alkohol ist, Drogen genommen hat und in eine psychotische Episode gleitet, die Tür seiner Ex-Ehefrau ein und bedroht die Familie. Jelena ist beim ersten Mal ein Baby, dann erlebt sie es als Kind und das letzte Mal ist sie sechzehn Jahre alt.

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Zehn Jahre ist Detlef auf Amphetamin, bevor er derart gewalttätig wird, dass er jemanden verletzt und in den Maßregelvollzug kommt. Das damalige Gefühl seiner Tochter wird als Erleichterung beschrieben: Er ist eingesperrt, er kann uns nichts tun!

Schon immer malte der psychisch kranke Mann, besonders in den Kliniken. Später dann zu Hause und immer schienen seine Bilder einem Horrorkabinett entsprungen, wie er es selbst ausdrückt. Tiefe, schwarze Todesfantasien und fast apokalyptische Bilder der Verwirrung, wie sie oft von psychisch Kranken gemalt werden, prägten Jelenas Kindheit und Jugend genauso wie die Gewaltexzesse ihres Vaters.

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Als man ihn dann für fünf Jahre wegsperrte, fühlte die junge Frau endlich eine Art Ruhe, denn sie wusste, wo er war und dass er nicht auftauchen kann. Jedoch ist es auch die Zeit, in der sie wieder Kontakt mit ihm aufnimmt. Sie sprechen am Telefon und schicken sich eine Art Comicbuch hin und her, in das beide zeichnen und ihre Erlebnisse mit sich selbst und gemeinsam festhalten. Bei dem persönlichen Wiedersehen ist es jedoch die Kamera, die beide irgendwie schützt. Die Kamera scheint eine Art Vermittler zwischen den beiden zu sein, ohne die es für mich fragwürdig gewesen wäre, ob ein so vorsichtiges Wiederfinden einer Vater-Beziehung für Jelena überhaupt möglich gewesen wäre.

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Trotz aller Annäherung, ist diese Zeit von Unsicherheit geprägt, denn Jelena wusste nie, wann er aus dem Maßregelvollzug herauskommt. Das wurde Jahr für Jahr neu geprüft und bewertet. Als es dann soweit ist, klingt die Stimme der Filmemacherin unsicher mit einer gewissen Angst im Unterton. Die nächsten fünf Jahre wird Detlef auf Bewährung entlassen und im betreuten Wohnen untergebracht. Dort teilt er sich eine Wohnung mit einem Mitbewohner, der ihm durch die Forensik zugewiesen wurde. Für Jelena ist es ein gewisser Eiertanz, denn die Gefahr, wieder in die Psychose, in die Depression abzudriften, wird bei ihrem Vater nie mehr vergehen. Aber er muss jetzt eigenständig die Warnzeichen erfassen. So weist er sich das erste Mal selbst in eine Klinik ein, als die Depression zu groß wird. Als er zurückkommt, geht es ihm besser und auch die Beziehung zwischen Tochter und Vater scheint stärker zu werden. Doch dann kommt plötzlich ein weiterer Schlag für die beiden: Krebs wird bei Detlef festgestellt.

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Das Kinodebüt der Filmemacherin Jelena Ilić ist ein von Gefühlen geprägter Dokumentarfilm. Und die Bandbreite reicht von Wut, Angst und Misstrauen bis zu Wärme, Zärtlichkeit und Liebe. Doch man findet diese Gefühle meistens nur zwischen den Zeilen angedeutet, eher aber beim Spiel der Protagonisten mit der Kamera. Auch die animierten Zeichnungen der beiden sprechen in ihrer ganz eigenen emotionalen Tonlage. Es ist ein sehr persönlicher und intimer Film, der beim Zuschauer ein weiches Gefühl hinterlässt.

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Die Quintessenz, die für mich den Film auf den Punkt bringt, wird am besten durch diesen kurzen Dialog aus dem Film zusammengefasst:

Zitat aus dem Film:

Detlef, der Vater, fragt: »Wie kommst du klar mit so einem Vater?«

Jelena, die Tochter, antwortet: »Mal mehr, mal weniger gut.«

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Alte Pfade, Alexa Henning von Lange

Als Erstes muss ich den Schreibstil des Buches loben. Es ist eine sehr anschauliche Sprache, bei der man den schottischen Hochnebel spürt, den Wind auf den Weiden fühlt und das Schmatzen des Matsches hört. Die Autorin kann wirklich schreiben und ihre Botschaft herüberbringen. Zumal es kein einfaches Thema ist. Eine Familiengeschichte, die durch Nachkriegswehen schon die Eltern emotional schwer belastete und die ihre Sprachlosigkeit mit ihren eigenen Kindern weiterlebten. Vater, Architekt, diszipliniert bis aufs Blut, Mutter, Hausfrau, Aushilfe im Büro ihres Mannes, Kindererzieherin und als Allround-Mädchen völlig überfordert und dann drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge. Die Mutter stirbt früh und das verhärtet das Schweigen des Vaters noch mehr. Als Liliane mittlerweile selbst Mutter und in Scheidung lebend aus ihrem Spanienurlaub zurückkehrt, trifft sie ihren fast neunzigjährigen Vater nicht an. Aber es dauert nicht lange und sie bekommt einen Anruf aus Schottland. Dort hat man ihn gefunden, wie er bei einer Wanderung in den Highlands einen Herzinfarkt erlitt. Sofort fährt sie noch mit Espadrilles an den Füßen und nur einem sauberen T-Shirt hoch nach Inverness. Ihrem Vater wurde ein Stent gesetzt und er braucht dringend eine Dialyse, doch der sture alte Mann verweigert alles und will weiter auf seiner Wanderung. Da er sich durch nichts davon abhalten lässt, folgt Liliane ihm kurzerhand und schlappt frierend durch das Hochland hinter ihm her. Wenigstens konnte sie eine Nachricht an ihren Exmann und ihre Geschwister absetzen, damit man weiß, was los ist.

Es ist kein herzerwärmendes Buch mit Happy End, dennoch ist es eine wunderschöne Geschichte über die Annäherung einer Tochter an den Vater, den sie eigentlich nie richtig kannte. Obwohl gerade Lilly ihm am nächsten war und auch ähnliche Charakterzüge aufweist, die ihre Ehe zerstörte, konnten die beiden sich nie richtig erkennen. Bis zu diesen Tagen in den Highlands. Dem Wetter und der Gefahr des Nierenversagens ausgesetzt, beginnt ein Dialog zwischen Vater und Tochter, der so warm und emotional so tief ist, dass man von der Geschichte einfach nur gefesselt wird. Diese Geschichte hat alles, was gute Literatur haben muss. Weiterlesen

Das Klimpern der Schlüssel, Briefe an meinen Vater, Anne Goscinny

Eine unglaubliche Sehnsucht und die übergroße Liebe an den unwiederbringlich verloren gegangenen Vater prägen dieses Buch. Der Brief von Anne an ihren vor über dreißig Jahren, viel zu früh verstorbenen Vater ist aber auch von einer schonungslosen Wahrheit, mit der Anne ihr Innerstes der Öffentlichkeit preisgibt. Das Buch an René Goscinny, dem Autor/Texter und  Erfinder von Asterix und Obelix und dem kleinen Nick, treibt einem manchmal die Tränen in die Augen.  Mitunter kann man aber auch die Wut des kleinen Mädchens spüren, die verzweifelt versucht, Tatsachen zu begraben, um nur nicht ihren Vater begraben zu müssen.

Zitat Anfang: »Papa, ich halte es nicht aus, ohne dich aufzuwachsen. Ich halte es nicht aus Mama an ihrem Krebs krepieren zu sehen und zu sehen, wie der Krebs sich darüber freut. Ich halte es nicht aus, dich neu zu erfinden und all meine Energie zu mobilisieren, um dich nicht begraben zu müssen«. Zitat Ende.

Wenn Papillou mit den Worten ›Bis später, mein Kätzchen‹, aus dem Haus geht und nie wiederkommt, ist das etwas, was man mit neun Jahren nicht begreifen kann. Erst als Erwachsene und viel später, als Anne selbst Mutter wird, kann sie ihren Vater wiedersehen – in ihren Kindern. In ihrem Sohn Simon, der sagt, wenn er Renés Comics liest und lacht: »Mein Opa ist tot, aber er ist trotzdem witzig!« Oder in ihrer Tochter Salomé, die ein Grübchen von Annes Papa geerbt hat. In ihrem Lächeln erkennt sie ihren Vater wieder.

Es ist ein bezaubernder, sehr intimer Text. Ein Dank an Anne Goscinny, dass sie ihre tiefen Gefühle so offen teilt. Dieses Buch ist ein Geschenk, wie die Autorin Lorraine Fouchet bereits in einem Interview in Paris sagte. Weiterlesen

Fremde, die Geschichte einer Ehe, Belle Burden

»Fremde«, der Sensationserfolg in den Staaten, besonders in New York, ist für mich als Deutsche oder, sagen wir lieber, Europäerin, sehr befremdlich. Wie eine in Harvard studierte Juristin, aus einem extrem reichen und berühmten Elternhaus in eine solche Situation kommen kann, ist mir unerklärlich. Aber vielleicht muss man das Buch unter dem Aspekt von Serien, wie »Sex and the City« betrachten, einer toperfolgreichen Serie, vor der ich ebenfalls völlig sprachlos stand und die ich nicht verstand. Wie vier interessante, nette junge Frauen ihr Leben nur um ein Ziel herum einrichten, nämlich den Ehemann zu heiraten, der voller Verständnis für ihre Louboutin-Schuh-Sucht, in der gemeinsamen Wohnung einen begehbaren Schuhschrank einbauen lässt, war mir ein Rätsel mit sieben Siegeln. Aber dass ich da eine Verständnislücke habe, zeigte sich, als diese Szene im Kino (in New York) von den fast ausschließlich weiblichen Zuschauern mit einem lauten Stoßseufzer kommentiert wurde. Zu meiner Ehrenrettung: Ich wurde von einer guten Freundin in den Film geschleppt.

Aber zurück zum Buch, denn so ging es mir ganz oft beim Lesen des Buchs »Fremde«. Fesselnd ist die Story schon, aber ich habe mich gefragt, wie die USA ihre Juristen ausbildet, wenn sich eine von ihnen so vom Ehemann ausnehmen lässt. Was Freundschaften im Country- und Tennisclub in den Staaten bedeuten, wenn sie nur an eine nach außen gut funktionierende Ehe gebunden sind? Und um furchtbar sarkastisch zu sein, hatte die Autorin vielleicht auch nur Pech mit ihrem Namen, denn Belle Burden kann man als schöne Belastung übersetzen. Aber bitte, nehmen Sie mein Unverständnis für die Situation von Belles Ehe und Trennung nicht zu ernst. Vielleicht bin ich einfach keine Romantikerin. Gut geschrieben ist das Buch alle Male und vielleicht haben Sie, liebe Leser, einen anderen Zugang zu der Geschichte und dabei hoffe ich sehr, nicht aus Erfahrung. Weiterlesen

»Mutti komma ans Fenster!«, eine Arbeiterkindheit im Ruhrgebiet, Ulrich Schneider

Ulrich Schneider und ich sind fast der gleiche Jahrgang. Er geboren und aufgewachsen in Oberhausen, ich in der anderen Wiege des Ruhrpotts, Castrop-Rauxel, etwa dreißig Kilometer entfernt, dazwischen nur Herne, Wanne-Eickel und Gelsenkirchen. »Datt isset getz auch nich, datt läufse auf ’ner halben Backe ab«, hätte mein Oppa gesacht!

Daher muss ich zugeben, war das Buch ›Mutti, komm ans Fenster‹ eine liebenswerte Reise durch meine eigene Jugend. Denn so unterschiedlich sind Ulrich Schneider und ich nicht aufgewachsen. Aber nicht nur als Ruhri verliebt man sich in das Buch. Es ist so herzenswarm und solidarisch geschrieben, dass einem das Herz einfach aufgehen muss. Dabei ist die erzählte Arbeiterkindheit aus dem Ruhrgebiet auch sehr politisch. Denn die damalige sehr arme Gemeinschaft der Kollegen aus dem Pütt war eine Arbeitergemeinschaft und die meisten hatten ein Parteibuch der SPD, so auch mein Vater. Auch er ging mit meinem Opa und meinem Onkel so lange in die Zeche, wie es ging, danach zu Perlite.

Und genau diese Gemeinschaft, der tiefe Zusammenhalt von Familie und Verwandten, prägte das Leben im Ruhrgebiet. Kinderferien von der Kirche organisiert, Familienurlaub im Sauerland und an Karneval wurde bei der Verwandtschaft in Köln aufgeschlagen, denn die hatte Fenster zum Zuch raus. Als Kinder spielte man auf der Straße in Gruppen von bis zu fünfzehn Kindern. Da war der Željko, der jugoslawische Nachbarjunge, von dem mein Papa Pate war genauso mit dabei, wie die Zwillinge der Zizewitz und die Nichte von Frau Kupschick, die den Kaufladen hatte. Eines der zwölf Kinder aus der sozial schwachen Familie in der Nebenstraße, mit den Kaninchenställen im Garten war auch immer mit dabei. Wir Kinder waren sonntagsmorgens mit unseren Oppas beim Frühshoppen in der Kneipe und bekamen eine Limo und Nüsse aus dem Automaten in zu Schalen gebogenen Bierdeckeln. Sie sehen, auch ich hätte den ersten Teil des Buches schreiben können, so sehr ähneln sich unsere Kindheiten.

Aber und jetzt kommt das Wichtigste: Was solch eine Kindheit mit einem gemacht hat, das vermochte nur Ulrich Schneider richtig zu analysieren. Denn er hat seine Kindheit nie, wie ich im Übrigen auch nicht, als eine Kindheit in Armut gesehen. Wir alle hatten wenig Geld, aber das war normal. Man half sich und man darf nicht vergessen: 1963, ging es nur sehr, sehr wenigen arbeitenden Menschen bereits gut. Alle knabberten noch an den Nachkriegsjahren und das Wirtschaftswunder stand allen noch bevor. Es gab noch keine Konsumindustrie, die sich um Abibälle, Kindergeburtstage und Valentinstage etabliert hatte. Klassenfahrten endeten an der Mosel, im Hunsrück und das natürlich in Jugendherbergen, deren Küchen recht mager und die Toiletten dafür recht deftig stanken. Skifreizeiten in Ischgl mussten noch nicht finanziert werden für Achtklässler. Man war sich seiner Klasse bewusst, man wusste, wo man als Arbeiter hingehörte, man half sich gegenseitig und war stolz auf das Anpacken. Im Gegenteil, es wurden Witze über Sesselfurzer  und Bürohengste gemacht, weil die gar nicht wussten, was harte Arbeit bedeute. Vielleicht erinnern Sie sich: Damals war der Beruf des LKW-Fahrers ein sehr angesehener Beruf, man war stolz darauf, herumzukommen, auch in andere Länder. Das Ruhrgebiet war eine Hochburg der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie.

Es dauerte, bis die Wohlstands- und Leistungsgesellschaft anfing, auf die Ärmsten herabzuschauen und diese im besten Falle zu verwalten, anstatt sie aus der Armut zu befreien. Und in diesem Sinne ging es weiter, unter Schröder und allem, was danach folgt, denn den ärmsten der Armen wurde ab einem gewissen Punkt der humanitäre Anspruch auf Hilfe aberkannt. Denn die Diffamierung der Ärmsten war der Schritt, der für alles, was folgte, wie Hartz IV, die Voraussetzung. Und eine Frau von der Leyen hat dieses Konzept dann bis in die EU getragen. Leider denken heute noch viele Menschen, dass ein bedingungsloses Einkommen ein Einfallstor für die Faulheit ist, dabei wäre es eine Lösung aus der Armut. Denn die meisten Menschen wollen ihr Geld bekommen für die Arbeit, die sie leisten. Die meisten Menschen haben ihren Stolz und freuen sich nach getaner Arbeit nicht nur über ihren Lohn, sondern auch über das, was sie geschaffen haben. Doch wenn man in der modernen Zeit den Arbeitern alles nimmt, was sie stolz macht, wie soll dann eine solidarische Demokratie funktionieren? Nicht mit den zwanzig Prozent, die immer wieder die Sahne abschöpfen und manches Mal gar nicht wissen, wohin sie mit dem Geld sollen. So viel verdienen sie.

In seinem letzten Kapitel, ›Die große Krise und das soziale Versagen einer Republik‹, fasst Ulrich Schneider die Misere zusammen. Denn wir leben in einen modernen Staat, in Deutschland! In dem mehr als 14 Millionen arme Menschen leben, öffentliche Speisungen wie nach dem Krieg, kehrte in Form der Tafel zurück. Und das, während die Reichen immer zahlreicher und immer reicher wurden. Und wenn man fünfundzwanzig Jahre als Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes gearbeitete hat, weiß man, wovon man spricht, wenn es um Armut geht.

Ein großartiges eher liebevolles als wütendes Buch, das mich tief berührt hat.

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Der kleine Wassermann, Aufregung am Mühlenweiher, Otfried Preußler, Regine Stigloher, Daniel Napp, Kinderbuch ab 4 Jahre aus der Reihe Der kleine Wassermann

 

Otfried Preußler ist mit seinen Kinderbüchern, wie »Die kleine Hexe« oder »Räuber Hotzenplotz«, aber auch Jugendbüchern wie »Krabat« ganz vielen Lesern ein Begriff. Und auch die Geschichten über den kleinen Wassermann sind entzückende Kindergeschichten, die sich bereits 3 Millionen Mal verkauft haben. Zum Jubiläum, denn die Veröffentlichung des ersten kleinen Wassermann-Buchs ist siebzig Jahre her, hat Otfried Preußlers Tochter Regine Stigloher nach den Ideen ihres Vaters neue Geschichten geschrieben. Zusammen mit dem Illustrator Daniel Napp entstand wieder eine entzückende Geschichte über den Mühlenweiher für Kinder ab 4 Jahren.

Der kleine Wassermann erfährt von seinen vier Freunden, den Fröschen, dass plötzlich ein großer, roter Bagger beim Müller am Mühlenweiher steht. Aus einem Versteck heraus, beobachten die fünf, dass bereits Absperrzäune an der alten Mühle stehen und der Müller mit dem Arbeiter spricht. Bello, der Hofhund des Müllers, ist natürlich der einzige, der den kleinen Wassermann bemerkt, und der ruft ihm gehässig zu, dass der ganze Mühlenweiher von dem Bagger zugeschüttet werden soll. Das ist natürlich eine schreckliche Neuigkeit. Wo sollen denn der kleine Wassermann und Mama und Papa dann leben, ihr Haus ist doch auf dem Grund des Weihers. Und all die Fische, die Muscheln und der Biber? Als der kleine Wassermann mit seinem Papa und Mama Wassermann beim Frühstück darüber spricht, kommt auch Herr Moormann dazu. Er hat von den Irrlichtern erfahren, dass sogar das Moor trockengelegt werden soll. All das, hat ihnen Bello, der Hofhund des Müllers, erzählt. Jetzt ist die Not aber wirklich groß. Darum machen sich der kleine Wassermann, Papa Wassermann und Herr Moormann auf den Weg, um den weisen Brunnenmann im Wasserschloss zu besuchen. Der Brunnenmann ist der älteste von ihnen und damit sehr, sehr alt, er hat bestimmt einen guten Rat. Und mit den Rucksäcken voller Proviant und guten Mutes ziehen die drei bei Anbeginn der Nacht los. Ob der Brunnenmann ihnen wohl helfen kann?

Ganz in der Tradition ihres Vaters, Otfried Preußler, hat Regine Stigloher ihre Geschichte erzählt. Und wie immer ist es nicht nur ein wunderschönes Kinderbuch, das zum Träumen und Spielen anregt, es geht auch um Freundschaft, Mut  und Zusammenhalt. Mit den Kinderbüchern von Herrn Preußler und auch jetzt von seiner Tochter, kann man jedes Kind begeistern. Selbst mir zaubert es noch ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich die Geschichten von Hörbe mit dem großen Hut oder dem kleinen Wassermann lese. Wertvolle und lehrreiche Kinderliteratur für ein Alter von 4 bis 7 Jahren.

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Das Buch der gefallenen Blätter, A.S. Tamaki, Fantasie-Epos Band I, Herbst des Imeriums

Man muss sich bei diesem ersten Teil einer neuen pseudo-japanischen Fantasiereihe stets vor Augen halten, dass es Mister Tamakis erster Roman ist. Ich vermute, er war Drehbuchautor in Hollywood, denn für ein Debüt ist der erste Teil seiner Fantasie-Trilogie wirklich ausgezeichnet. Es erinnerte mich an die Romane des Otori-Clans von Lian Hearn, die wirklich genial waren. Auch wenn der Autor sich mit den vielen japanischen Namen, Bezeichnungen und auch den Beschreibungen der Ländereien manchmal über den Horizont des Lesers hinauswagt – da helfen auch kein Namensglossar am Ende und keine Karte am Anfang –, so kommt man Seite für Seite tiefer in diese Welt der Fantasie hinein. Die Protagonisten, vor allem die Guten unter ihnen, sind sorgfältig gewählt und zeichnen sich am Anfang der Geschichte fast alle durch Unsicherheit aus. Ein wunderbarer Auftakt für eine große Trilogie, denn wir kennen das von Epen wie ›Der Herr der Ringe‹ oder auch ›Game of Thrones‹, dass die wahren Helden erst nach langem Ringen, ihre wahre Kraft und mutig ihr Schicksal finden.

Und das weiß auch A. S. Tamaki, denn sein Held Sen, steht irgendwie zwischen allen Stühlen und weiß eigentlich nicht, wie ihm geschieht, als er allein durch seine Abstammung in einen Konflikt des Kaiserhauses und seiner Vasallen hineingezogen wird. Seine einzige Freundin und das schon seit Kindertagen, als man seine Eltern niedermetzelte, ist Rui, ein Bauernmädchen. Doch auch Rui ist so viel mehr, als man von ihr glaubt. Denn sie scheint von den Göttern erwählt zu sein, wird zu ihrem Spielball und muss sich den Dämonen der anderen Seite stellen. Auch wenn die Lehren des Krähenmönch Jobo, Sens Meister, meistens sehr verworren sind, sowohl für Sen als auch für die Leser, finden wir dennoch langsam einen Zugang zu den Fehden des Gensei- und des Keishi-Clans, und verstehen, wie das Haus des Ten’in-Kaisers von seinem Großkanzler Seikiyo, aber auch vom Kaiservater Goshira zum Spielball der Politik gemacht wird. Schnell ist klar, wie die anständigen Menschen unter dem Vasallen einen Krieg verhindern wollen, der jedoch nicht mehr zu stoppen ist. Und das ist der Stoff, für große Geschichten, denn nur so kann der eigentlich unbedeutende Nachkomme von Verrätern, Sen Hoshiakari seinen Weg finden und gemeinsam mit Rui einer No’in, einer von niedriger Geburt, zu den wichtigsten Figuren im Kampf  um die Macht zwischen den Clans, aber auch der Götter und Dämonen werden.

Das Buch der gefallenen Blätter hat wirklich etwas! Auch wenn ich mich immer schwer tue mit zu vielen Clans, Namen, Bezeichnungen und dann noch auf Japanisch. In der Hinsicht habe ich bei den Büchern von Game of Thrones ebenfalls gestöhnt. Und wie Sie erkennen, ziehe ich hier den Vergleich mit der Crème de la Crème der Fantasie-Epen. Wenn Band zwei hält, was ›Das Buch der gefallenen Blätter, mit Herbst des Imperiums I‹ verspricht, könnte das eine ganz große Geschichte werden. Als Fantasie-Fan war ich hellauf begeistert.

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Die Klippe, S.K. Tremayne, Thriller

Als ich den für mich ersten Tremayne gelesen habe, zog ich den Vergleich zu Rebbeca, von Daphne du Maurier. Er war irgendwie gruselig, spannend, aber alles war sehr real erklärbar. Mit der Klippe ging mir der Autor doch zu sehr in die Geisterwelt, und anstatt sie so stehen zu lassen und seine Psychothriller in Psycho-Grusel-Thriller umzubenennen, erklärt er die Geistererscheinungen mit pseudopsychologischen Ansätzen, über die wohl jeder Schulmediziner grinsen muss. Nun gut, es ist, wie es ist, leider, weil nämlich der reale, sehr drastische Thriller, bei dem es um ein Familiendrama geht, eigentlich sehr gut ist. Das hätte man auch ohne Geistergrusel und Erscheinungen hinkriegen können. Aber liebe Leser, verstehen Sie mich nicht falsch. Das Buch ist dennoch spannend und eine nette Urlaubslektüre. Und vielleicht, gibt sich Herr Tremayne beim nächsten Thriller wieder etwas mehr Mühe, und bleibt bei den Lebenden, wenn es um die wahren Verbrecher geht. Denn dort haben wir, und das weiß jeder, genug schlimme Exemplare. Dennoch haben mir die Figur der forensischen Psychologin Karenza Bray, ihr kornisches Umfeld, die weise Oma Betty Spargo, ihr Chamäleon Otto und der neurotische Kater El Grüffelo, der mich immer an das Kinderbuch ›Der Grüffelo‹ erinnert hat, sehr gefallen. Da kann man auch mal über eine Folie à deux (induzierte wahnhafte Störung) oder eine transgenerationale Traumatisierung (vererbtes Trauma durch Gene) hinwegsehen.

Alles in allem ein spannender Thriller, mit geisterhaften Erscheinungen und Geräuschen aus dem kalten, feuchten Keller, der am Ende eine echt dramatische Aufklärung hat. Beste Urlaubslektüre!

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Wirf einen Schatten, Elena Fischer, Roman

Es ist kein Wunder, dass diese Autorin gleich mit ihrem Debüt für so viele Auszeichnungen vorgeschlagen wurde. Sie ist Ende dreißig und schreibt, als hätte sie die Lebenserfahrung von viel mehr Jahrzehnten. Es ist unglaublich, wie sie sich in den Bauern Joseph hineinversetzen kann und mit welcher Authentizität sie durch seine Augen auf die Welt sieht. Elena Fischer ist ein großes Talent!

Dezember 1963: Joseph, ein Kleinbauer, am Rande des Dorfes, am Rande der Wälder und Berge, wird ohne Erklärungen von seiner Ehefrau Liz und seinem kleinen Sohn Samuel verlassen. Es fallen nicht viele Worte, weil Joseph meistens sprachlos ist und Liz dazu neigt, über alles wütend zu werden. Sie hält es in der Einsamkeit mit diesem zutiefst verunsicherten, stillen Mann nicht mehr aus und er würde in der Unruhe der Stadt ganz zugrunde gehen. Obwohl es ihn nicht wundert, dass sie gegangen ist, denn die Schuld, die Joseph tief in sich trägt, kann ihm gar nicht erlauben, glücklich zu sein, ist sein Lebensrhythmus seither gestört. Er kann sich nicht mehr konzentrieren, kann nicht mehr schlafen und fällt in eine tiefe Depression. Schon mit dem alten Jagdgewehr am Kopf und dem Finger am Abzug, wird er gestört. Es klingelt und vor der Tür steht eine junge Frau, die in seinen Armen zusammenbricht. Gibt das Leben Joseph mit dem unerwarteten Gast noch eine Schonfrist? Oder liegt es daran, dass Birdie, wie sie sich nennt, den Bauern irgendwie versteht? Birdie sieht Joseph, wie er wirklich ist, und ahnt sehr schnell, dass seine Liebe eigentlich nicht Liz gehört, sondern ihrer Schwester Ada.

Elena Fischer fesselt den Leser regelrecht an Joseph und gemeinsam, Kapitel für Kapitel, gehen wir mit dem jungen Bauern zurück in seinem Leben. Nur langsam verstehen wir, wie aus dem Jungen Joseph, der seine Großmutter über alles liebte, ein zutiefst verunsicherter, fast autistischer Erwachsener wurde. Wir erfahren, wen er schon alles beerdigen musste und warum die Schuld auf seinen Schultern schwerer wiegt, das Gefühl, einen kleinen Anspruch auf Glück zu haben.

Wunderschöne Literatur, eine einmalige Geschichte und vor allem eine brillant gezeichnete Persönlichkeitsstruktur. Ein Buch das ans Herz geht!

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Felix Bloom, Der Schatten von Berlin, Zweiter Teil der Serie von 2023, Alex Beer

Immer mal wieder stellen wir auch ein etwas älteres Buch vor. Dieses Mal ist es einer der mittlerweile doch sehr bekannten Krimis von Alex Beer aus der Reihe um die Detektei von Mathilde Voss und Felix Blom. Die beiden sind gebrannte Kinder, die im kalten Winter 1879 kaum das Holz zum Heizen haben. Felix Bloom, der Schatten von Berlin, war ein Meisterdieb und lebte in sehr gehobenen Verhältnissen, bis er drei Jahre in Moabit absitzen musste. Mathilde Voss fand den Absprung aus einem der beliebtesten Bordelle in Berlin. Doch ihre Detektei läuft nicht, denn das Büro liegt in einem der ärmsten Viertel. Hunger und Kälte zwingen Sie nun, aktiv auf ihre Kunden zuzugehen. Daher schleichen Sie sich gut gekleidet auf eine noble Hochzeit ein und tatsächlich können sie einen Auftrag ergattern. Auf dem Berliner Friedhof wurde in eine Gruft eingebrochen, ein Sarg geschändet, aber nichts gestohlen. Man ist bereit, gut zu zahlen, wenn die Frage des Warums für die schockierte Witwe geklärt werden kann.

Hätte Felix gewusst, dass er damit seinem alten Boss, der Nummer eins in der Berliner Unterwelt, Arthus Lugowski, wiederbegegnet und auch noch über zwei Ritualmorde stolpert, dann hätte er wohl lieber gefroren. Außerdem ist ein neuer Kommissar in der Stadt, der es gemeinsam mit seinem Assistenten Bruno auf Blom abgesehen hat. Aber zusammen mit Mathilde, die oft mehr Widerstand und Durchsetzungsvermögen beweist als Felix, kommen sie sowohl dem Mörder als auch dem Einbruch auf dem Friedhof näher. Klar, das hängt auch alles zusammen, genau wie ein Château Haut-Brion Premier Cru Classé, ein seltenes Bild von Dürer und der Kaiser. Na, da sind Felix und Mathilde ja in guter Gesellschaft. Nur gut, dass die beiden mehr Verstand haben, als alle Gauner und Polizisten Berlins zusammen.

Tolle Unterhaltung, spannender Krimi und nebenbei erbauliche geschichtliche Ausflüge in die Zeit Bismarcks und der Verfolgung der Sozialisten nach der gescheiterten Revolution 1948/49. Die Protagonisten Mathilde und Felix sind ebenbürtige Partner, die sich respektieren und sowohl mit Eleganz als auch mit hartem Berliner Hinterhofjargon punkten können. Eine Reihe, die man lesen sollte, wenn man auch die Romane von Volker Kutscher über Gereon Rath liebt, die Pate standen für die Verfilmung von Berlin/Babylon.

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