Schwarze Schwäne, Gaito Gasdanow -Erzählungen-

Nie hatte ich von Gaito Gasdanow gehört, bis ich die wunderschöne Rezension von Bettina Hartz in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung las. Und so versank ich ebenfalls in den wehmutsvollen brillant erzählten Band Schwarze Schwäne. Es sind Kurzgeschichten eines jungen Mannes, der heimatlos gestrandet war im Paris der zwanziger Jahre. Und heimatlos war Gaito Gasdanow, denn das Russland seiner Heimat war mit der Oktoberrevolution für immer verloren. Es gab kein Zurück mehr. Das merkt man seinen Geschichten an, die von endgültigen Verlusten sprechen, jedoch nie jammervoll, nie anklagend wirken. Der Autor ist eher ein Augenzeuge seiner Texte, berichtet, wird urplötzlich Protagonist und erlebt eine Fiktion. Eine Fiktion, die Bettina Hartz als absurde Märchen betitelt.

Wunderschöne Erzählungen mit einem Nachwort der Übersetzerin Rosemarie Tietze, dass sie unbedingt als Erstes lesen sollten. Denn dann werden die einzelnen Erzählungen aus Sicht des Autors noch eine Tick besser! Richtig gute, großartige Prosa.

Autorenfoto: ® Fotocopyright Gaito Gasdanow in den 20er Jahren in Paris / Hanserverlag

Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der „russische Camus“ bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Hanser Verlag erschienen die Romane Das Phantom des Alexander Wolf (2012), Ein Abend bei Claire (2014), Die Rückkehr des Buddha (2016), Nächtliche Wege (2018) und zuletzt die Erzählungen Schwarze Schwäne (2021).  

Eigentlich kann man zu den Kurzgeschichten nicht viel mehr sagen, als ich das am Anfang meiner Rezension getan habe. Sie müssen jede lesen und genießen. Es sind trotz der mitschwingenden Trauer immer schöne und erzählerische perfekte Geschichten, die das existenziell harte Leben eines jungen Schriftstellers erahnen lassen. Gaito Gasdanow kämpfte ums Überlegen zum Teil als Obdachloser, doch auch sein verletztes Seelenleben nährt die Texte. Es sind Träumereien eines nicht zu ändernden Lebensdramas. Doch anstatt aufzugeben, schreibt der Autor und das mit einer Leichtigkeit, dass es regelrecht ein Vergnügen ist, seinem dahinplätschernden, bizarren Erzählungen zu folgen.

Eine großartige Neuentdeckung eines literarischen Talents, das zum Schluss für sich selbst sprechen sollte.

Zitat aus der Kurzgeschichte Seelenmesse:

… „Dann brach die Februardämmerung an, dann versank Paris in seine zu dieser Zeit übliche eisige Finsternis, und diese Nacht überdeckte alles, was sich gerade ereignet hatte. Und nachdem noch einige Zeit vergangen war, kam es mir allmählich vor, als wäre nichts dergleichen gewesen, als wäre es eine Vision gewesen, ein kurzzeitiger Einbruch der Ewigkeit in jene zufällig historische Wirklichkeit, in der wir lebten, fremde Wörter in einer fremden Sprache benutzten, nicht wussten, wohin wir gingen, und vergessen hatten, woher wir kamen.“

Schwarze Schwäne, Gaito Gasdanow, Hanser Verlag, gebundenes Buch, 271 Seiten, ISBN: 978-3-446-26751-0, Euro 24,00.

 

 

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