Alle Artikel von Stephan Schwammel

Niklas Natt och Dag: 1795

Mit diesem Band geht die dreiteilige Reihe um die sehr unterschiedlichen Ermittler, ein einarmiger Soldat, Jean Michael Cardell, und ein traumatisierter Zwillingsbruder, Emil Winge, zu Ende. Die Romane werden ein Schlaglicht auf eine Vergangenheit Schwedens deren Trauma bis heute noch nachwirkt. Es ist die Zeit als Schweden völlig sowohl wirtschaftlich, politisch und sozial heruntergekommen ist. Ein Paria unter den Europäischen Staaten. Soziopädische Gesellschaften haben die Bevölkerung und den Staat unter Kontrolle. Alkoholismus in der zerstörerichsten Form macht von niemanden halt und lässt familiäre Bindungen nicht zu. All dies wird mit geradezu seziererischen Betrachtungsweise geschildert. Der Autor lässt uns aber auch über seine Protagonisten über diese Zustände philosophieren und nachdenklich zurück. Weiterlesen

Marco Maurer: Meine italienische Reise

 

Meine italienische Reise von Marco Maurer

Wenn im Frühjahr die Reiselust der Menschen überhandnimmt und sie wieder in bella italia einfallen, haben viele den Wunsch einmal eine Reise zu machen wie sie in in diesem Buch beschrieben wird. Ein italienisches Auto zu kaufen, der mezzo Litro, (Fiat 500), ist wohl das italienischste Auto überhaupt, und dann über die “Dörfer“ nach Hause zu fahren. Mit Leuten zu sprechen, Geschichten zu hören, Rezepte zu erfahren und die Landschaft in sich auf zu nehmen. Der Autor hat sich einen 500er „Gardinetta“ gekauft und auch dessen Geschichte erkundet. Von Sizilien bis nach Deutschland in einem Auto für Puristen. Mutig und unvergleichlich. Wer einmal mitgefahren ist weiß von was ich spreche. Die Geschichte und die Wegebeschreibungen sind wunderschön und können als Vorlage für eigene Wegeplanungen dienen. Weiterlesen

Markus Gasser: Verschwörung der Krähen

Ein Zustandsbericht aus dem Jahre 1700 und folgende, der die politischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände in England speziell in London thematisiert. Diese Beschreibungen sind hoch spannend, witzig und sehr detailreich. Daniel de Foe, weltberühmt durch seinen Roman Robinson Crusoe, ist aber auch ein vielschreibender und kritischer Betrachter seiner Zeit. Da er auch ein Herausgeber von verschiedenen Zeitungen ist, deren Artikel den Herrschenden nicht gefällt, befindet er sich ständig auf der Flucht und ist meist zahlungsunfähig. Aber Eulenspiegelhaft windet er sich aus grotesken Situationen heraus und düpiert seine Ankläger. Der Autor, versteht es bestens uns dieses Sittenbild, einer durch und durch korrupten Gesellschaft, zu vermitteln. Viele politische Schachzüge der damaligen Zeit kommen uns heute sehr bekannt vor. Er erzählt uns über Armut, Seuchen und Krieg, den schmalen Grat zwischen Schuld und Unschuld, über die Entstehung des investigativen Journalismus unter dem Druck von Zensur, Fake News, Populismus und Paranoia – und über die Liebe in liebloser Zeit. Weiterlesen

Michael Jensen: Totenreich

Totenreich, ein Buch das sich nicht in eine Schublade stecken lässt. Es ist spannend wie ein Krimi, es schildert die Zustände am Ende und kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs in Deutschland und es ist eine Betrachtung des psychischen Zustands der handelnden Menschen. Nicht nur der Deutschen sondern auch der Amerikaner und Engländer die darüber scheinbar publiziert haben. Ein ehemaliger Kriminalkommissar durchläuft Lebenssituationen die er nicht gewollt aber die er nicht verhindern konnte um nach dem Krieg als Kriegsverbrecher da zu stehen. Es ist detailgenau in diesem Werk geschildert wer seine Haut wie gerettet hat und welche Interessen die Alliierten Mächte hatten. Durch die Profession des Autoren blickt man tief in die Psyche des Kommissars. Ich möchte ungewöhnlicher Weise von diesem Werk auf einen anderen Spionagethriller, Ritchie Girl von Andreas Pflüger verweisen, der diese Zeit auch beleuchtet hat. Dieses Buch kann als selbstständiger Roman gelesen werden obwohl die Werke Totenland (sie Rezensionen im Stadtmagazin) und Totenwelt sehr zu empfehlen sind. Weiterlesen

Felix Francis: Puls

Wenn der Autor Francis heißt, dann hat man die Gewissheit, dass man es mit Pferderennen in England zu tun hat. Umso erstaunter liest am Anfang, dass die Protagonistin eine Notfallärztin unter Magersucht und Essstörungen leidet. Als dann ein bewusstloser Notfallpatient aus der Rennbahn Chaltenham eingeliefert wird, weiß man, dass man richtig ist. Langsam und hoch spannend entwickelt sich der Plot. Francis versteht es die Krankheit Magersucht und ihre Auswirkungen realitätsnah zu vermitteln. Da die Notärztin auch Rennärztin, also Dienst auf der Pferderennbahn tut, bekommen wir mit, was es heißt ein Jockey zu sein und welche Risiken hier eingegangen werden. Auch ohne dass man sich für Pferdesport interessiert, wird hier eine spannende Geschichte mit sehr realen Hintergründen erzählt. Weiterlesen

Marco Hasenkopf: Eisflut 1784

Wenn wir uns die Bilder der Überschwemmungskatastrophe im Ahrtal dieses Jahres gegenwärtigen dann haben wir ungefähr eine Vorstellung davon wie es den Menschen im Februar 1784 ergangen ist. Damals hat der Rhein nach einem dreimonatigen strengen Winter eine riesige Eisdecke gebildet. Der der Rhein war fast bis zum Grund froren. Er ist dann in Teilen aufgeplatzt. Die Not der Menschen war groß und diejenigen die nichts hatten verhungerten auf der Straße. Eine Clique von reichen Menschen und Klerikern hat dies nicht gestört. Im Gegenteil, sie machten sich die Not zu Nutze um die Menschen nicht nur materiell sondern auch sexuell auszubeuten. Der Autor hat intensive Forschung betrieben was die Lebensweise in den Städten und unter allen Bevölkerungsschichten ausmachte. Zwei Protagonisten prägen kriminalistische Handlung, ein Amtmann und eine Apothekerswitwe. Zwei Städte zum einen Köln als katholische Hochburg und zum anderen Mülheim am Rhein das protestantisch geprägt war. Es ist fast unbegreiflich, wie widersinnige kirchliche Dogmen klimatische und wissenschaftliche Regeln über die Jahrhunderte geprägt haben. Diese Regeln haben Tausende Menschen in diesem Jahr 1784 das Leben gekostet. Ein spannender Roman der sich intensiv der Klassengesellschaft dieses Jahrhunderts beschäftigt hat. Weiterlesen

Volker Pesch: Der letzte Grund

Es ist immer wieder erstaunlich, dass Kriminalromane ein weites Feld bieten, um Sachverhalte mit Spannung an die Leserschaft zu bringen. In diesem Roman wird anhand eines gesunkenen Traditionsschiffes Geschichte aufgearbeitet und mit der Geschichte des Schiffes auch deren Besitzer. Dabei fällt der Begriff „Kriegsenkel“. Dieser Begriff bezeichnet Personen, die in zweiter Generation noch unter den Folgen des letzten Weltkriegs zu leiden haben. Es ist eigentlich logisch, dass die Traumata der Eltern sich auf die Erziehung der Kinder auswirkt. Deren Regeln Denkmuster und Rituale werden weitergegeben. Das Fachgebiet nennt man Epigenetik. Um dieses Phänomen herum ist dieser Roman aufgebaut. Weiterlesen

Michael Jensen: Blutgold, Syndicat Berlin

Der Autor Michael Jensen ist uns durch seine historischen Kriminalromane Totenland und Totenwelt besonders aufgefallen, weil er nicht nur kriminelle Handlungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg schildert, sondern auch die Innenansichten der jeweiligen handelnden Personen. (Siehe auch frühere Rezensionen). Mit der neuen Krimiserie Syndicat Berlin führt er seine Leserschaft durch seine ausgezeichnet recherchierten Romane in das Berlin von 1918. Der Kaiser hat abgedankt, das Volk hungert und die Kriegsgewinnler versuchen aus der Niederlage finanzielle Erfolge zu erzielen. Die Protagonisten in dieser explosiven Zeit sind die Familie Sass, Kleinkriminellen die nach höherem Streben, rechtsnationale industrielle und Kapitalisten sowie unter Waffen stehende Freischärler. Bezeichnend ist auch in diesem Roman der Blick des Autoren hinter die Kulissen, die sich doch erheblich von der in der Schule vermittelten Tatsachen unterscheiden. Weiterlesen

Frank Goldammer: Im Schatten der Wende, Kriminaldauerdienst Ost-West; Interview mit dem Autoren

Mit seiner neuen Serie von Kriminalromanen setzt der Dresdner Schriftsteller die Schilderung der Verhältnisse in Ostdeutschland, kurz vor und nach der Wende, fort. Es ist schon bemerkenswert, wie dicht der Autor die Gefühlslage eines jungen Polizisten schildert, der bei einer Montagsdemonstration in Leipzig eingesetzt wird und sich einer riesigen Menschenmenge gegenüber sieht. Auch die geschilderten Zustände die sich ergeben, nachdem die DDR zwar noch existiert aber sich die Befehlsstrukturen gänzlich geändert haben werden sehr realistisch widergegeben. Das Misstrauen der Bevölkerung und die Unsicherheit in das eigene Handlungsvermögen bestimmen die Handlung dieses Kriminalromans. Er macht aber auch deutlich, was sich in den letzten 30 Jahren geändert hat und welche Intentionen hinter dem Wunsch nach Reisefreiheit und Freiheit in der Lebensführung zum Umsturz geführt haben. Weiterlesen

Jo Nesbø: Eifersucht

Mit diesem Werk macht der norwegische Autor den Menschen eine Freude die sich nur für kurze Zeit mit Krimis zurückziehen können. Aber diese sieben Kurzgeschichten haben es in sich. Wie seinerzeit Roald Dhal oder Ellery Queen schaffte es seine Leserschaft zunächst auf die falsche Fährte zu locken um dann mit einer Volte ein überraschendes Ende zu präsentieren. Beste Unterhaltung auf höchstem Niveau ist garantiert. Bei der Titelgeschichte, Eifersucht, beschreibt der Autor diesen menschlichen Ausnahmezustand so genau, dass die meisten der Leser diesen Zustand nachvollziehen können weil die meisten von uns in schon einmal erlebt haben. Weiterlesen