Solothurn blickt in den Abgrund, Christopf Gasser

Bomben in den Briefkästen linker Politikerinnen, ein Brand in einer Frauenrechtsorganisation und die Entführung von Rana Amidi halten Solothurn in Atem. Ausgerechnet die Syrerin Rana ist eine gute Freundin von Pia, der Tochter des Polizeihauptmanns Dornach. Und da Pia sich immer gerne mit ihrem Wagemut in Schwierigkeiten bringt, ist Dornach, die Staatsanwältin Casagrande und sein Team plötzlich mittendrin in den Fällen. Als dann auch noch einer der Kettenhunde der ›Helvetischen Wacht‹, dem Sicherheitsdienst der rechten Fortschrittspartei, ermordet wird, fliegt Dornach ein politisches Donnerwetter um die Ohren. Denn plötzlich geht es um einen skrupellosen arabischen Emir, arabische Diplomaten und deren Killerbrigaden.

Christof Gasser hat aktuell brisante Themen aufgegriffen und zu einem politischen Actionthriller verarbeitet. Denn als Krimi kann ›Solothurn blickt in den Abgrund‹ nicht mehr durchgehen. Neben dem bitteren Sujet der Handlung brilliert Gasser mit liebenswerten Protagonisten, viel Familienwärme und Schweizer Charme. Ein richtig toller Thriller!

Weiterlesen

Nachmittage, Ferdinand von Schirach

Die kurzen Geschichten in dem neuen Band »Nachmittage« von Ferdinand von Schirach sind leise Erzählungen. Auch wenn sie zum Teil von einer tiefen Melancholie geprägt sind, wirken sie weder mutlos noch machen sie den Leser traurig. Es sind Geschichten aus dem Leben, deren Atmosphäre fast greifbar ist und von denen man nicht genug bekommt. So musste ich das Buch, das ich am Abend begann, lesen bis zum Ende und dabei spielte es keine Rolle, dass es tiefe Nacht geworden war.

Es ist sehr tröstlich, dass es noch Autoren gibt, die mit Worten eine gewisse Magie erschaffen können. Und trotz der unglaublichen Beobachtungen, die einen an unserer jetzigen Welt fast verzweifeln lassen, gibt Ferdinand von Schirach Hoffnung mit.

Weiterlesen

Gloria Naylor: Die Frauen von Brewster Place

 

Mit ihrem Debütroman »Die Frauen von Brewster Place« legte Gloria Naylor vor 40 Jahren den Grundstein für ihre äußerst steile Karriere und inspirierte Oprah Winfrey eine erfolgreiche Miniserie basierend auf dem Buch zu produzieren, in dessen Zentrum sieben schwarze Frauen stehen. Jede Geschichte in Die Frauen von Brewster Place für sich genommen ist fesselnd und obwohl jede Geschichte nur tangential mit jeder anderen Geschichte verbunden ist, bietet die Autorin eine Gesamteinheit, die den Roman trägt. Und zwar nicht in herkömmlicher linearer Struktur, sondern unter Verwendung von mehreren Miniplots, die das Leben der einzelnen Protagonistinnen beleuchten und der Autorin ermöglichen, sich auf die Charaktere zu fokussieren. Und es gelingt Naylor ihre Figuren überzeugend zu entwickeln. Jede Frau wird mit ihrer eigenen einzigartigen Persönlichkeit präsentiert, die fein ausgearbeitet ist, so dass sie sowohl einprägsam als auch kraftvoll daherkommt. Weiterlesen

Ralph Knobelsdorf: EIN FREMDER HIER ZU LANDE

Im Band 2 der Reihe „Ein Fall für Wilhelm von der Heyden“ geht es um einen erstmalig in Berlin festgestellten Serienmörder. Diese Feststellung konnte nur getroffen werden da neue Methoden zur Ermittlung von Straftätern eingeführt wurden. Das Werk macht uns außerdem mit der Klassengesellschaft dieser Zeit bekannt. Wahlrecht nach Steueraufkommen, kein Frauenwahlrecht und keine Möglichkeit militärische Straftäter durch bürgerliches Recht zu belangen. Wer heiraten wollte benötigte die Zustimmung der Eltern. Ein Kriminalroman, der eindringlich die gesellschaftlichen Gegebenheiten durchleuchtet. Weiterlesen

Film: Death of a Ladie’s Man -DVD und Bluray-

Death of a Ladies‘ Man, so hieß auch Leonard Cohens fünftes Studioalbum, ein umstrittenes Werk, sowohl von Cohen selbst als auch von vielen seiner Fans beanstandet. So wird wahrscheinlich auch dieser gleichnamige Nischenfilm gesehen werden. Entweder man ist hellauf begeistert, wie ich es bin oder man schüttelt den Kopf. Denn die Geschichte ist bizarr, melancholisch und was den Tod angeht, von einer fast unheimlichen Leichtigkeit. Grandios umgesetzt durch die enorme schauspielerische Leistungen von Gabriel Byrne, der meines Erachtens im Erscheinungsbild große Ähnlichkeit mit Leonard Cohen hat, aber auch von Jessica Paré, der späten Liebe und Brian Gleeson, der den Vater des trinkfesten College-Professors spielt.

So wird nicht nur die Geschichte des sterbenden Ladies‘ Man Samuel erzählt, sie wird auch besungen, von Cohen selbst, denn die Musik seines gleichnamigen Albums ist wie ein weiteres Mitglied des Filmcast. Großartige, skurrile und in ihrer Gesamtfassung fast geniale Filmkunst.

Weiterlesen

Sonia Purnell, Eine gefährliche Frau, Die Geschichte von Virginia Hall, der meistgesuchten Spionin des zweiten Weltkrieges

Eine Rezension zu schreiben ist immer eine Herausforderung! Mit eigenen Worten das Wichtigste zu formulieren und doch nicht zu viel preiszugeben. Jetzt liegt mir das Buch von Sonia Purnell auf dem Schreibtisch, auf der Rückseite nur ein sehr kurzer Text: Virginia Hall: Eine mutige Frau kämpft allen Widerständen zum Trotz gegen Nazideutschland und für die Freiheit. Darunter: „Herausragend – so spannend wie ein Thriller. Man kann dieses Buch kaum aus der Hand legen“.

New York Times. The Book of the The Year: Amazon – New York Public Library – Seattle Times – Washington Independent Review of Books – Minneapolis Star Tribune – BookBrowse – Spectator – Times of London. Muss man da noch eine Rezension schreiben?

Weiterlesen

Abrechnung in Brodersby, Stephanie Ross

Dieses Mal wird in Brodersby abgerechnet. Und zwar mit einer sehr alten Sache, die den sympathischen Landarzt und ehemaligen Leiter einer Bundeswehrspezialeinheit bis heute verfolgt. Dabei fängt es ganz harmlos an, mitten in der Vorbereitung seiner Hochzeit, treibt sich plötzlich eine rechtsradikale Gruppe in Brodersby rum. Dann bricht jemand in Jörg und Andreas Haus ein. Gleichzeitig meldet sich Jans ehemaliger Chef von der Bundeswehr und möchte ihn für einen Fall gewinnen. Man vermutet kriminelle Subjekte, die mit Diebstahl von Waffen ein Vermögen gemacht haben und definitiv Insider waren. Das wahrscheinlich auch Jans letzter Einsatz, bei dem er seinen Kameraden und besten Freund Michael verlor, mit den miesen Geschäften zu tun hatte, erleichtert Jan die Zusage. Immer noch kämpft er mit posttraumatischen Belastungsstörungen, wegen dieses Einsatzes und wird das Gefühl nicht los, dass sein Team verraten wurde.

Was die Geschichten von Brodersby so toll machen, ist eine Mischung aus knallharter Action und den tiefen Freundschaften von anständigen Menschen. Darum liest man die Abenteuer von Jan Storm so gerne, weil man weiß, das Gute wird siegen. Und ganz nebenbei, der Krimi ist eigentlich immer ein Thriller mit einem James Bond ähnlichen Showdown.

Weiterlesen

Warsan Shire: Haus Feuer Körper

Für Beyoncé Fans ist Warsan Shire keine Unbekannte, arbeiteten doch beide an den Projekten Lemonade und Black is King zusammen. Alle anderen – so wie ich – haben mit dem vorliegenden, zweisprachigen Gedichtband (englisch und deutsch) Gelegenheit, die Dichterin kennenzulernen. Immerhin gilt Warsan Shire als aufregendste und etablierteste, zeitgenössische Stimme der Poesie. Zugegeben, ich war neugierig und unvorbelastet. Die Poetin thematisiert in ihren Gedichten die Metaphorik der Weiblichkeit, Familie, Vergewaltigung und Auswanderung. Obwohl Shire über schmerzhafte Themen schreibt, ist ihre Sprache geschliffen, ihr poetischer Stil und der Inhalt eher statisch bis zum Ende. Hier verstrich die Chance, eine diverse und dynamische Geschichte zu erzählen, ungenutzt. Shires Botschaft der Belastbarkeit innerhalb der Zuwanderungserfahrung geht in der Monotonie der Dichtung verloren. Dafür verlangt sie ihren Lesern Selbstorientierung ab. Ich wünschte mir einen »roten Faden«, der mich durch diese tief erschütternden Gedichte führen kann. Selbstverständlich ist es nicht die Aufgabe der Dichterin dafür Sorge zu tragen, dass ich mich behaglich fühle. Um allerdings den Gedichten den verdienten Respekt zu zollen, fehlt mir etwas. Vielleicht sind es die Erfahrungen der Dichterin, die ich nicht gemacht habe. Schließlich sind die Gedichte zutiefst persönlich und in einer komplexen Familiengeschichte verwurzelt. Mit einer solchen Fülle an Emotionen, die die Gedichte in mir hervorriefen, habe ich nicht gerechnet. Sie trafen mich »volle Breitseite«. Weiterlesen

Annabel Abbs, Miss Elizas englische Küche, „Wie das erste, moderne Kochbuch entstand“

Eine wahre Geschichte über eine besondere Freundschaft. Verwundert und etwas sprachlos habe ich den Titel gelesen. Im Volksmund spöttisch bekannt: „Die gute englische Küche!“ gemeint ist genau das Gegenteil. (pers. Anmerkung: das hat sich extrem geändert. Zurzeit kommen die besten neuen Küchenideen und Innovationen, mit sehr hoher Qualität, aus Great Britain). Und nun soll eine junge Dame, um 1830, das erste wirklich brauchbare Kochbuch geschrieben und zusätzlich die Küche revolutioniert haben? (pers. Anm.: was ist in der Zwischenzeit passiert? Wo ist die Küche abhandengekommen?)

Weiterlesen

Marianne Cronin: Die hundert Jahre von Lenni und Margot

Ich finde Geschichten über unwahrscheinliche Freundschaften spannend, jedoch so etwas Berührendes, wie diese emotional aufgeladene Geschichte über den Teenager Lenni und die achtzigjährige Margot sucht ihresgleichen. Mit 17 bzw. 83 (eine kombinierte Lebenszeit von 100 Jahren) sollten sie wenig gemeinsam haben. Schließlich wurden sie  in verschiedene Welten, verschiedene Epochen hineingeboren. Margot kann auf ein langes und reiches Leben blicken, während Lennis zu Ende geht, bevor es kaum begonnen hat. Und doch verbindet diese beiden Frauen mehr als der gemeinsame Aufenthalt auf einer Palliativstation: Die Feier des Lebens. Und so ist die Geschichte der beiden Frauen angefüllt mit Licht und Farbe, Weisheit und Witz, Anmut, Humor und Hoffnung. Es ist kaum zu glauben, dass es Marianne Cronins Romandebüt ist. Eine starke Leistung. Die Geschichte lebt von den beiden liebenswerten Charakteren. Lenni: lebhaft, respektlos, mutig und sterbend, eine alte Seele mit fragilen, jungen Schultern. Margot: eine Überlebende mit lebenslangem Bedauern und einem speziellen Sinn für Humor. Die beiden sind verwandte Seelen und fühlen sich zueinander hingezogen. Durch ihre Freundschaft und die Stunden, die sie für ihr gemeinsames Krankenhauskunstprojekt verbringen, kann Margot ihr Leben noch einmal erleben und neu bewerten, während Lenni mittelbar ein Leben führen kann, eine Erfahrung, die sie nie besitzen wird. Die Symbiose ist einfach, dennoch schmerzhaft schön. »Wir können ebenso wenig nicht wissen, warum du stirbst, wie wir wissen können, warum du lebst. Das Leben und das Sterben sind große Geheimnisse, und man kann beides nicht verstehen, solange man es nicht selbst erlebt hat.« Weiterlesen