Stefan Kuhlmann: Herr Winter taut auf | Interview: Fünf Fragen an den Autor

Was für ein Romandebüt! Gratulation. Flott, witzig, unterhaltsam, mit viel Tiefgang und wundervollen Charakteren. Allen voran Herr Winter, der Protagonist dieser Geschichte. Gerade als Finanzbeamter in Pension gegangen, verliert er seine Frau Sophia auf tragische Weise bei einem Autounfall. Sophia war AVON-Beraterin, der Keller ist voll mit Kosmetikprodukten, Kunden wollen ihre Bestellungen haben, was also tun? Sich weiterhin vor der Welt verkriechen und sich seinem Schmerz hingeben, oder Sophias großen Wunsch erfüllen und für sie den Titel AVON-Beraterin des Jahres holen? Der Mut – und Herr Winter – stellen sich die Wege kürzer vor. Es ist ein weiter Weg bis ihm Begriffe wie Mascara und Foundation leicht über die Weiterlesen

Staatskunst, Henry Kissinger

Henry Kissinger, ein Mann, der wegen der Politik aus seiner Heimat flüchten musste und der mit Mitte vierzig, als Sicherheitsberater und vier Jahre als Außenminister in die Politik ging. Dem man den Friedensnobelpreis verlieh und der dieses Jahr 100 Jahre alt wurde. Dieser Mann kannte die politischen Führer über die er in diesem Buch spricht.

Die Kernaussage ist wohl, dass es kein Erfolgsrezept für die Führung eines Staates gibt. Es kommt auf die Situation an und was gerade benötigt wird. Welcher Charakterzug hilfreich ist in Krisensituationen, um diese zu überwinden. So spricht Henry Kissinger über Konrad Adenauers Führung als die Strategie der Demut, Charles de Gaulle Politik als die des Willens, Nixons Strategie des Gleichgewichts, Anwar el-Sadat Überwindungsstrategie, Lee Kuan Yews Strategie der Spitzenleistung und Margaret Thatchers Strategie der Überzeugung.

Geschichte ist immer anfällig für Verfälschung. Bei einem Zeitzeugen jedoch wird Geschichte aus erster Hand erzählt. Und wenn man sich die Auswahl seiner Staatsführer ansieht, könnte man nur bei Nixon einmal kurz die Stirn in Falten legen, weil Kissinger sein Außenminister war. Mich hat das Buch begeistert, was die Fakten angeht, die ich nicht alle so kannte, der Stil des Autors und seine sehr neutrale, diplomatische und unaufgeregte Art über die Geschichte dieser sechs Staatsführer zu berichten.

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Jo Nesbø: Blutmond (Ein Harry-Hole-Krimi 13)

Wieder einmal lässt der Norweger Jo Nesbø seinen Antihelden Harry Hole in Oslo agieren. Diesmal kommt Harry Hole direkt von einer Theke in Los Angeles auf ein Angebot dass er nicht ablehnen kann nach Norwegen. Ein Multimillionär versetzte ihn in die Lage sein altes Team aus gescheiterten Existenzen Menschen am Rande der Gesellschaft Morde aufzuklären. Diese Morde sind natürlich vom aller Feinsten sprich äußerst ungewöhnlich. Der Autor spielt mit seiner Leserschaft in dem er sie scheinbar erahnen lässt, wer der Mörder ist und aus welchen Gründen er seine zum Teil heftigen Taten machen lässt. Aber wer glaubt schon am Anfang den/die Täter: IN zu kennen, irrt. Bis auf die letzten Seiten kommt man einer Auflösung nicht nahe. Weiterlesen

Franco Supina: Spurlos in Neapel

Es ist meine erste literarische Begegnung mit dem Autor und schon auf der ersten Seite hat er mich sprachlich und stilistisch gepackt. Die Geschichte und die Personen werden DAS Sahnehäubchen sein. Und ich habe mich nicht getäuscht. Supino schreibt flott und spannend, dazu sehr bildhaft. Ich sehe die Gruppen von Männern, die in den Straßen sitzen und sich unterhalten genauso vor mir wie die Stadtteile und Häuser, in die die Suche nach Antonio Esposito, genannt O`Nirone, uns – den Ich-Erzähler und mich – führt. Durch den Ich-Erzähler verstärkt sich der Eindruck, dass dieser neue Roman autobiografische Züge trägt. Bei allem Lokalkolorit sollte man sich nicht täuschen: hier geht es nicht um Mafiafolklore á la Hollywood, sondern der Untergang der Camorrafamilie wird aus Weiterlesen

Die Liebe in Zeiten von Mao Zedongs, Liao Yiwu

Der Autor, ist ein Mann, der vier Jahre in Haft vom chinesischen Regime gequält und erniedrigt wurde. Ein Mann, der seinen Hass mit genau der Brutalität aufs Papier gebracht hat, wie er sie durch Misshandlung erlebte. Da dieses Buch seinen Anfang im Gefängnis nahm, wo es im Geheimen geschrieben und herausgeschmuggelt wurde, trägt jede Zeile dieses Erbe. Die Geschichte ist gezeichnet von dem Wahnsinn, der Heranwachsende, der Kinder und jungen Menschen in China in ihrer gottgleichen Verehrung zu Mao Zedong befiel. Die chinesische Kulturrevolution, ein ebenso schwarze Geschichte der Menschheit, wenn es um die Verführung der Jugend geht, wie die Verblendung der Hitler Jugend. Ein Kapitel, das gekennzeichnet war vom Verrat an Eltern, Liebenden und Freunden, bis die eigene Identität nur noch eine leere Hülle wurde, in der Seele und Herz von falsch verstandener Euphorie und Menschenverachtung aufgefressen. Liao Yiwus Protagonist ist Zhuang Zigui, am Anfang ein Jüngling, noch keine Mann, aber schon ein kleiner roter General, der für seinen Führer Mao sterben würde. Ein Mensch, dem die menschlichsten aller Gefühle durch die Revolution abhandengekommen sind. Denn Liebe kann nur ein kontrarevolutionäres Verhalten von Kapitalisten und Royalisten sein, das mit Zähnen und Fäusten aus den Leibern der Feinde gebissen und geschlagen werden muss.

Ein sehr interessantes Buch, über die Verirrung eines Volkes durch politische Propaganda. Aber nicht einfach auszuhalten, denn der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die aller unwürdigsten und zu tiefst verstörenden Handlungen von Mensch an Menschen geht.

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Guy Stern: Wir sind nur noch wenige

Die meisten Leser: innen kennen „Das Tagebuch der Anne Frank“ und wissen um ihr Schicksal. Weniger bekannt hingegen ist, dass etwa 9000 junge Emigranten aus Deutschland und Österreich, meist Juden, die in den USA eine neue Heimat gefunden hatten, während des Zweiten Weltkrieges in einem Ausbildungszentrum der United States Army, genannt Camp Ritchie, von der Feldnachrichtentruppe der US Army, ausgebildet wurden. Unter den sogenannten Ritchie-Boys waren viele bekannte Persönlichkeiten wie Stefan Heym, Hans Habe, Hanus Burger, Georg Kreisler und – Guy Stern. Sehr spät – mit fast einhundert Jahren – erinnert sich Stern und erzählt aus seinem langen, facettenreichen Leben. Er erinnert seine Kindheit in seiner Heimatstadt Hildesheim. Er überlebt als einziger seiner Weiterlesen

Genial Normal, William Sutcliffe – Jugendbuch –

Ein unglaublich witziges Kinder- und Jugendbuch, bei der die Illustration des fünfzehnjährigen Sam auf dem der Einband, einem schon einen Vorgeschmack auf die tolle Geschichte gibt. Denn Sam ist verwirrt, regelrecht genervt, als seine Eltern zu Geld kommen und von einem durchschnittlich normalen Vorort Londons ins elitäre Künstlerviertel nach Hamstead ziehen. Als er, sein älterer Bruder Ethan und die kleine Schwester Freya auch noch auf der Nord-London-Akademie für Begabte und Talentierte angemeldet werden, ist für Sam die Katastrophe eingetreten. Auf dieser Schule sind alle einfach nur bekloppt. Dort wird aus dem früher beliebten Schüler Sam ein Außenseiter und Loser. Komisch nur das Ethan und Freya die neue Schule lieben. Es liegt wahrscheinlich daran, dass Sam weder begabt noch talentiert ist. Sam ist einfach nur stinknormal.

Die Dialoge sind witzig und so treffend für pubertierende Teenager, dass einem sofort klar wird, der Autor kennt sich mit heranwachsenden Kindern bestens aus. Ein tolles Kinder- und Jugendbuch mit viel Tiefgang, was soziale Klischees betrifft.

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Max La Manna, You can cook this!

Alles verwenden, nichts verschwenden! Der Untertitel hat mich gereizt zu diesem Buch zu greifen. Als ausgebildeter Koch und für die Wirtschaftlichkeit einiger Betriebe verantwortlich, bin ich schon vorgebildet im Umgang mit der besten Verwertung der Produkte und der sogenannten Resteverwertung. Doch wird der Begriff Resteverwertung meist falsch verstanden. Es geht in diesem Buch nicht um die Reste, die nach einem Essen übriggeblieben sind und zu neuen Gerichten verwertet werden. Es geht um die ganzheitliche Verarbeitung der Lebensmittel, vom Stiel, über die Schale, den Blättern bis hin zur Blüte, alles zu verwenden und in köstliche Gerichte zu verwandeln. Nichts verschwenden oder einfach im Biomüll entsorgen! Man kann fast alles verwenden. Max La Manna hat sich daran gemacht, uns mit diesem Buch den Weg dazu zubereiten. Und das Beste an seinen Gerichten hat er selbst in seinem Titel gesagt „You Can Cook This!“ Du kannst es einfach nachkochen! Stimmt!

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Film: Perfect Addiction, für junge Erwachsene und Teenager, DVD und Blu-Ray

Perfect Addiction ist definitiv ein Film für junge Leute, Teenager und altersmäßig etwas darüber. In dem Alter hätte es mir der Film auch angetan, genau wie die Twilight Saga oder Dirty Dancing, um mal einen alten Film dieses Genres zu nennen. Es geht um die erste gefühlt große Liebe, den ersten Betrug, Rache und die Einsicht, dass man immer erst sich selbst verwirklichen sollte, bevor man sich auf einen Partner konzentrieren kann. Diese Dreiecks-Geschichte ist im Milieu der Marshall Art, des Ultimate Fighting Championship aber auch den verbotenen Fight Clubs angesiedelt. Eine harte Sportart, die wenn sie undercover geht, tödlich enden kann. Dort wird meist ohne Limits gekämpft. Erstaunlicherweise spielt Sienna, eine sehr sportliche junge Frau, die Trainerin eines dieser Champions. Ein junger Mann, der durch einen Motorradunfall fast nicht mehr auf die Beine kommt. Sienna gibt ihm sein Selbstbewusstsein zurück und durch Disziplin auch seine Fitness. Mittlerweile sind sie auch ein Liebespaar und leben zusammen. Wieder auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Fight Champion angekommen, dankt er es Sienna, indem er mit ihrer kleinen Schwester Sex hat. Sienna schwört Rache und trainiert ab dem Moment seinen größten Konkurrenten.

Ein netter Film, bei dem mir gefallen hat, dass die Hauptdarstellerin eine gestandene und selbstbewusste junge Frau ist. Sie lässt die beiden harten Kerle ganz schön schwitzen, nicht nur beim Sport, denn auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Ein netter Film und gute Unterhaltung für einen kurzweiligen Abend.

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Fran Littlewood: Die unglaubliche Grace Adams

Seitdem die ersten Autorinnen und Filmemacherinnen das tabuisierte Thema Menopause erfolgreich behandelt haben, ist der Damm gebrochen und der Weg zu einer Auseinandersetzung freigemacht. Das Thema ist – ich wage es zu sagen – heiß. So heiß, dass der Verlag HarperCollins letztes Jahr verkündete, sie würden proaktiv nach Geschichten suchen, die weibliche Erfahrungen reflektieren und Frauen in der Menopause als smarte, witzige, starke, emanzipierte Charaktere, die hocherhobenen Hauptes gehen und kämpfen, porträtieren. Und ja Grace, du bist ganz sicher eine Kämpferin, witzig, unvergesslich und ziemlich unglaublich, wie vermutlich auch deine geistige Mutter, Fran Littlewood, die mich mit ihrem Debütroman völlig überzeugt. Weiterlesen