Briefe von morgen, die wir gern gestern schon gelesen hätten, Timur Vermes

Ach, wenn es nur nicht so ein realistisches Orakeln wäre, dass Timur Vermes uns in seinen Briefen von morgen präsentiert. Es ist pure Satire, die beißt und brennt, vor allem, wenn die Zeiten genau in diese Richtung zeigen. Als Erstes wird uns ein Brief an den neuen Bundeskanzler Herrn Merz präsentiert, den er aber erst zur nächsten Wahl lesen soll, wenn Herr Merz schon lange aus dem politischen Geschäft gedrängt wurde und er der AFD die Wege zur Macht geebnet hat. Das ist allerdings so bitter, dass mir der Lacher im Hals stecken blieb. Ganz anders der Brief einer Dame an ihre Versicherung, mit der Bitte die Kosten für einen zerschlagenen Pflegeroboter zu übernehmen. Auf dem Weg zu Vernichtung dieses Teils kann man wirklich in sich hineinkichern. Gut gefallen hat mir auch ein Brief von besorgten Eltern an die Direktorin eines Gymnasiums. Klein Meghan aus der 4b, wird nämlich ständig benachteiligt. Oder man füllt das Formular BBbyDesin aus, um sein Wunschkind schon vor der Geburt zu kreieren.

Ein genialer Querschnitt von KI über Politik, die Unterhaltungsindustrie und auch die Religion bekommt ihr Fett ab. Manchmal bleibt einem die Luft weg, denn einiges ist mehr als vorstellbar. Dennoch nennt man so etwas noch gute Satire. Nur schade, dass kein Brief in die USA verschickt wurde, doch wahrscheinlich kamen dem Autor bei dem Gedanken selbst die Tränen. Sehr lesenswert, wenn Sie den Zeitgeist mit Humor nehmen können.

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SinArty (Satyajit Sinari): Porträt zeichnen – leicht gemacht

Ich bin zu folgenden Erkenntnissen gekommen: Erstens: Der Mut stellt sich die Wege kürzer vor! Soviel ist mir klargeworden, nachdem ich – der Anweisung des Autos folgend, um den „größten Gewinn“ zu erzielen – das Buch durchgeblättert und mich damit vertraut gemacht habe. Und zweitens sollte man sich nicht von dem Porträt (Abb. Seite 4), welches der 7-jährige Künstler Satyajit Sinari von seiner Großmutter zeichnete, entmutigen lassen. Nun, Weiterlesen

Sascha Stemberg, Stemberg Das Kochbuch,Tradition trifft Moderne

Bei uns ist Ramba-Zamba! Das kann Sascha Stemberg mit Stolz und großem Selbstbewusstsein sagen. Ein Landgasthaus mit einem Stern vom
Michelin ausgezeichnet. Gekonnt gekochte traditionelle Gerichte, modern interpretiert, ohne
die Wurzeln des Ursprunggerichtes zu verlassen. Dem Gast zur Freude, weil es einfach schmeckt. Da konnten die Tester von Michelin und Gault Millau gar nicht anders als mindestens einen Stern und 17 Punkte zu vergeben. Sascha Stemberg hat die Auszeichnungen zu Recht erstanden. Nach der Novelle Cuisine, die Neue Deutsche Küche, dann die vielen neuen kreativen jungen Köche, die in den Sternetempeln gelernt haben, hatte man sich plötzlich auf alte Gerichte besonnen. Dann gab es wieder Linsen, Blutwurst und
Kalbsbäckchen. Für mich war das nach der Kreativen-Zeit die Rückbesinnung auf den guten
Geschmack. Leider kam dann aus Spanien die Molekularküche zu uns. Alles wurde
auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Die Medien stürzten sich drauf und
Sternetempel haben es kopiert und Teile beibehalten. Jeder Teller ist heute ein optisches
Kunstwerk. Nur schmeckt man die Minizutaten noch raus? Leider war die Rückbesinnung auf
alte Zutaten nach kurzer Zeit wieder weg. Nicht im Stemberg. Trotz einem Stern, eine Oase,
wo die Tradition mit der Moderne kombiniert wird. Wie hat es Walter Stemberg, der Vater
von Sascha, bezeichnet: „Zwei Küchen an einem Herd!“. Sascha sagt: Das ist keine
Marketingstrategie, das ist unsere DNA. Hier leben zwei unterschiedliche Welten – das
Gasthaus mit Schnitzel oder Blutwurst und einem Gourmetrestaurant mit Carabinero, Trüffel
oder Kaviar – oder auch kombiniert! Sascha Sternbergs kompromissloser Qualitätsanspruch
ergibt die gekonnte Kunst zum guten Geschmack, von alt zu modern auf den Tisch zu bringen. Aber lesen sie selbst. Gönnen sie sich dieses Buch und lesen von der Geschichte der
Sternbergs, die in vierter Generation das Gasthaus führen bis hin zur Auszeichnung als bestes
Gasthaus in NRW, der Huldigung an Walter Stemberg zum Gastronomen des Jahres 2020 und
der Sterneauszeichnung. Und lassen sie sich von den über 80 ausgesuchten Rezepten
verführen. Denn nicht jeder hat die Möglichkeit zu Stembergs zu fahren, zumal das Lokal
über Monate ausgebucht ist. Gut, dass es jetzt dieses Buch gibt.

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Das ist Glück, Niall Williams

Dies Buch ist wie ein kleiner, gemütlicher und liebenswürdiger Kurzurlaub im letzten Winkel von Irland. Das Dörfchen Faha dürfen wir, wie unsichtbare Voyeure kennenlernen. Es ist Noes Erzählung, die uns Leser mitten in dieses Idyll katapultiert. Noe noch keine zwanzig Jahre alt verbringt einige Zeit in den siebziger Jahren dort bei seinen Großeltern. Der Tod seiner geliebten Mutter hatte ihn nach der Schule ins Priesteramt getrieben. Doch plötzlich ging ihm der Glaube verloren und er muss sich eine Auszeit nehmen, um alles zu überdenken. Obwohl Ganga, der Großvater und Doady, seine Oma, jeden Sonntag wie alle Bewohner Fahas in die Kirche gehen, machen die beiden dem Jungen keinen Druck. Sie setzten eher auf Zeit und das ihr Noe schon die richtige Lösung findet. Außerdem ist es das Jahrzehnt, in dem endlich die Elektrizität auch die letzten Dörfer Irlands erreichen soll. Mit den Masten und Bauarbeitern kommt auch Christy. Ein welterfahrener, älterer Mann, der für das Stromunternehmen arbeitet. Er richtet sich zur Untermiete bei Noes Großeltern ein. Und mit diesem Mann kommt nicht nur eine ganz neue Welt zu Noe, er lernt die Liebe kennen und versteht zum ersten Mal, was Glück bedeutet. Und dass es etwas Magisches ist, das mit Christy ins Dorf kommt, merkt jeder einzelne seiner Dorfbewohner. Denn es hört plötzlich auf zu regnen!

Es ist eine Geschichte die zu Herzen geht, die innere Uhr etwas langsamer ticken lässt und sich voller Humor und Liebenswürdigkeit einem an die Seele schmiegt. Eine Geschichte die nicht viel berichtet, nur das Wichtigste, was man im Leben erfahren kann. Sie sollten dieses Buch nicht verpassen. So verzückt von einem Buch war ich das letzte Mal bei der Bücherdiebin von Markus Zusak. Weiterlesen

Graphic Novel: Thomas Mann 1949

Am 6. Juni 2025 würde Thomas Mann 150 Jahre alt werden. Er war einer der größten deutschen Autoren des Zwanzigsten Jahrhunderts und erhielt 1929 für sein Werk ›Die Buddenbrooks‹ den Literaturnobelpreis. Aber bereits 1933 nach Machtergreifung der Nationalsozialisten musste er während einer Reise emigrieren. Nach verschiedenen Zwischenstationen kam Thomas Mann mit seiner Familie, noch bevor die Nazis ihn in Schutzhaft nehmen konnten in die USA. 1949 kehrt Thomas Mann für eine Reise und um den Goethe Preis entgegen zu nehmen, ins zerbombte Nachkriegsdeutschland zurück. Diese Reise durch Deutschland und nicht durch Zonen, wie Thomas Mann es nannte, ist in dieser Graphic Novel sehr beeindruckend beschrieben. Denn die Illustrationen sowie der Text erfassen den richtigen Ton, wie auch die Stimmung. Denn man weiß aus Manns Tagebucheinträgen und den Reiseberichten, dass es für ihn und seine Frau Katia keine einfache Reise war. Ich habe mich gefragt, was würde Thomas Mann wohl über das heutige Deutschland aber auch über die heutige USA denken?

Die Graphic Novel ist sehr gelungen, sowohl die künstlerische Gestaltung als auch die Texte. Und zum 150 Geburtstag eine Ehrung an den großen deutschen Schriftsteller als auch eine Mahnung die dunkelsten Jahre Deutschlands nie wieder heraufzubeschwören.

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Martin Mosebach: Die Richtige

Es scheint gerade so, als hätte die deutschsprachige Kritikerelite auf Martin Mosebachs neuen Roman „Die Richtige“ gewartet und feiert ihn begeistert und gebührend. Aber auch die Juroren diverser Preise haben reagiert und „Die Richtige“ zum Beispiel auf die Shortlist für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse gesetzt.

Nun, Maler und Modell haben schon immer die Fantasie der schreibenden Zunft beflügelt, später waren sie auch Inspiration für Filmschaffende und so ist es nicht nur der bildhaften Sprache des Autors zu verdanken, dass man schon gleich auf der ersten Seite eine eigene Vorstellung vom Atelier des Malers Louis Creutz hat. Martin Mosebach ist im Wort-Zirkus der Wort-Akrobat, der Wort-Jongleur, der Bändiger der Worte, balanciert sie auf dem Drahtseil, wirft die Wörter in die Höhe, fängt sie geschickt und geradezu elegant wieder auf, dreht Pirouetten und – reiht die Worte zu einer wunderbaren Sprache aneinander. Nach Weiterlesen

Klaus Bädekerl: Die letzte Favoritin

Klaus Bädekerl, ein erfahrener Geschichtenerzähler und Drehbuchautor mit Oscar-Nominierung, hat sicherlich nicht zufällig die Form und den Stil seiner Erzählung gewählt, die an die Fernsehspiele der 60iger und 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert. Es ist ein reizvoller Kontrast. Auf der einen Seite ein Mann in den Achtzigern, der sich mit einem Gutachter auseinandersetzt, um die von seiner Tochter Melanie beantragte Entmündigung abzuwehren und auf der anderen Seite dieser alte Mann, der sich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz und virtueller Realität seine Traumfrau erschafft. Das Treffen mit dieser Traumfrau hätte ihm fast das Leben gekostet, dennoch will er sie wiedertreffen, was seine Tochter notfalls mit der Entmündigung verhindern will. Der alte Mann hat sich gut auf den Termin mit dem Gutachter vorbereitet. Er ist zynisch, sarkastisch, Weiterlesen

Elissavet Patrikiou: Meine griechische Dorfküche

Zweifelsohne ist „Meine griechische Dorfküche“ eine Hommage der Autorin an ihre zweite Heimat Griechenland und insbesondere an das Heimatdorf ihrer Mutter. Optisch und grafisch nimmt Elissavet Patrikiou die Lesenden in ihrem neuen Kochbuch direkt mit ins 20. Jahrhundert. Dieser Eindruck wird durch die schwarzweißen Aufnahmen noch verstärkt. Dörfliche Szenen, ältere Frauen in Kittelschürzen, dazu die persönlichen Erinnerungen der Patrikious. Im Norden Deutschlands gab es bereits in den frühen 1970iger Jahren griechische Lokale. Einige der Gerichte kommen mir bekannt vor, vermutlich, weil auch die Küche der ersten griechischen Lokale in Deutschland auf Familienrezepten basierte. Mit den vorliegenden Weiterlesen

Kohle, Stahl und Mord, Das 13. Opfer, Elin Akay und Jana Fäller ermitteln

Ich glaube nicht, dass man wie ich aus dem Pott sein muss, um diese, Krimi zu lieben. Klar hilft es aus Castrop-Rauxel zu kommen, wo mein Oppa nach dem Krieg noch auf Zeche Viktor Kumpel war. Wo ich als Sechsjährige morgens sauber und adrett zu Frau Kuptschicks Laden ging und gegen Mittag dreckig war vom Ruß ausse Schlote. Klar, wenn man das kennt, ist man in dem Roman Kohle, Stahl und Mord vom ersten Satz an zu Hause, auch wenn ich mehr als fünfzig Jahre von Zuhause fort bin.

Dennoch liebe Leser lassen Sie sich fangen in einer Atmosphäre aus Kohle, Staub und Freundschaft. Es geht um die Grube, um Kumpels, um Ruhrpott Kneipen, um die Vergangenheit und den Zusammenhalt der Kumpels im Berg vor vierunddreißig Jahren. Es geht um ein Unglück, bei dem zwölf Männer der Zeche Ludwig in Essen ihr Leben verloren aber nie gefunden wurden. Das wandernde Dutzend genannt. Als der alte Steiger Werner wieder auf Ludwig einfährt, geht es nur um eine Überprüfung der Elektrik, damit das zukünftige Bergbaumuseum auf Sohle sieben in tausend Meter Tiefe endlich gebaut werden kann. Der junge Mann an seiner Seite ist ein Frischling und weiß nicht, dass Werner einer der Überlebenden des damaligen Unglücks ist. Kaum sind sie unten, bebt der Berg. Wassereinbruch und das Leben hängt am seidenen Faden. Der Berg ist gnädig zu den beiden, doch spült Leichen auf die Sohle sieben. Die Knochen des wandernden Dutzends wurden endlich freigegeben, doch der Schädel, der vor Werner liegt, ist Nummer dreizehn und hat ein Einschussloch.

Eine tolle Story, mit viel Hintergrund über die Zechen, die Kumpel und den Kohleabbau. Woran ich mich als Kind erinnere, ist alles haargenau getroffen, als wäre es gestern passiert. Dazu kommt eine spannende Ermittlung, die sowohl in der Gegenwart spielt als auch ergreifende Rückblicke auf die jungen Bergmänner und ihre Familien preisgibt. Gelungen, spannend, aktuell und mit Protagonisten, die man einfach lieben muss. Das nenne ich einen richtig guten Regio-Krimi! Weiterlesen

Leon Morell: Der sixtinische Himmel

Als die Erstausgabe von Leon Morells „Der sixtinische Himmel“ 2013 erschien, feierten die Fresken, die im Mittelpunkt des Historienromans stehen ihren 500. Geburtstag. Ob Zufall oder Kalkül – wer will das wissen. Bemerkenswert hingegen, dass die italienische Renaissance die Menschen immer noch fasziniert, begeistert und dazu inspiriert, sich mit dieser Zeit und ihren Künstlern auseinander zu setzen und 4 Jahre des eigenen Lebens mit der Recherche und dem Schreiben einer Geschichte über diese Zeit zu verbringen. 4 Jahre, so lange hat Michelangelo benötigt, um die Fresken der Sixtinischen Kapelle fertigzustellen. Nun, Morell hat die Zeit gut genutzt und zeichnet ein stimmiges, vielschichtiges Bild des Italiens des 16. Jahrhunderts sowie ein lebendiges Bild des Vatikans zu dieser Zeit. Dabei thematisiert Weiterlesen