Pierre Lemaitre würzt die ohnehin an Katastrophen reiche Zwischenkriegszeit, in der er seine figuren- und handlungs-reiche Geschichte ansiedelt. Mit Intrigen, die er um das Erbe der im Mittelpunkt stehenden Bankiers-Familie Péricourt entspinnt und einem Rachefeldzug einer betrogenen Frau, als Antwort für die Neider, die auf das Verderben der Familie hinarbeiten. Er bestätigt erneut, dass er mit Ironie und immer wieder neuen Wendungen einfallsreich Spannung und intelligente Unterhaltung erzeugen kann und die Handlung durch Wechsel zwischen den Nebenhandlungen und Perspektiven flott und plausibel forciert, während im Hintergrund Börsenkrach, Korruption, Steuerbetrug, soziale Spannungen, Machtantritt faschistischer Regime die Weltpolitik bestimmen. Für den Titel hat Lemaitre eine Verszeile aus dem Gedicht „les lilas et les rose“ (1941) von Louis Aragon gewählt und dem Roman ein Zitat von Jakob Wassermann aus „Der Fall Mauritius“ vorangestellt: „Es gab, genau besehen, nicht Gute und Böse, Ehrliche und Schwindler, Lämmer und Wölfe, es gab nur Bestrafte und Unbestrafte, das war der ganze Unterschied.“ Lemaitres Charaktere sind lebendig und vielschichtig – namentlich Paul und Madeleine. Nicht alle Protagonisten sind charmant oder liebenswert, manche gar abstoßend. Aber auch bedingt dadurch, entsteht ein äußerst lesenswertes, aussagekräftigtes Sozialepos der 1930er Jahre in Frankreich, bei dem vor allem die Oberschicht nicht gut wegkommt. Weiterlesen
Alle Artikel von Angela Perez
Zarah Philips: Munteres Morden
Wenn man schon mordet, kann man es auch fröhlichen Herzen tun. Dann kommt es auch nicht auf die eine oder andere Leiche an. Wenn der Schauplatz für den Auftragsmord allerdings Hamburg ist, werden die Karten neu gemischt. Denn: Elli Gint und ihre Oma Frieda Gint halten den Kiez sauber. Und wie schon im ersten Band dieser Krimikomödien-Reihe, gelingt der Autorin eine spannende und bis zuletzt undurchsichtige Handlung. Wie dicht Hamburg an England liegt, zeigt sich, wenn der durchaus schwarze Humor aufblitzt. Also: wer auf Authentizität zugunsten schräger Gestalten am Rand der Glaubwürdigkeit verzichten kann, sagt ja zu diesem Roman. Wer darauf verzichten kann, dass das Blut beim Öffnen des Buches entgegen geflossen kommt, sagt ja zu Munteres Morden. Wer nichts gegen ein bisschen Amore im Krimi einzuwenden hat, sagt ja zu diesem Krimi. Für wen jedoch nur ein ≪ ernsthafter Krimi≫ ein richtiger Krimi ist, lässt besser die Finger davon. Allen anderen steht bestes Lese-Vergnügen ins Haus. Weiterlesen
Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin
Oyinkan Braithwaites Erstlingswerk um die männermordende, nigerianische Schönheit Ayoola und ihre gluckenhafte, ältere Schwester Korede, der die Erzählerrolle zugedacht wurde, hauptberuflich Krankenschwester und die sozusagen auf Abruf als Tatortreinigerin für ihre kleine Schwester tätig ist und dafür sorgt, dass ihre kleine Schwester nicht den Kopf verliert. Dieses Buch einfach nur Krimi zu nennen, würde diesem Genre-Mischmasch aus Liebesroman, Krimi, Satire und Familiensaga nicht gerecht werden. Die Autorin, britisch geprägt und in ihrer Heimat Nigeria verwurzelt, serviert mit ihrer Geschichte einen rasanten literarisch-kulturellen Crossover.
Stefanie Flamm: Neulich im Beet

Wer noch nicht mit einer Gartenkolumne von Stefanie Flamm in Berührung gekommen ist, kann sich auf ein ausgesprochenes Lesevergnügen freuen. Die Autorin schreibt ihre Gartengeschichten mit Witz, Selbstironie und im Garten erarbeitetem Wissen. Und das sehr persönlich. Sie nimmt uns nicht nur in den eigenen, sondern auch in den elterlichen Garten mit und erzählt frisch von der Leber weg von ihren Erfolgen, Erfahrungen und Vorlieben, aber auch von Misserfolgen: »Alles dauert ewig, und die Hälfte misslingt. Aber es gibt nichts Schöneres als Gärtnern.« Jedes der 25 Kapitel ist einem Thema gewidmet, trägt eine entsprechende Überschrift und am Ende des Kapitels gibt es den Was-jetzt-dran-ist-Hinweis. Die Malerin Monika Dietrich-Bartkiewicz hat die Aufgabe übernommen, die in den Kapiteln beschriebenen Naturmotive großflächig, farbig zu illustrieren. Stefanie Flamms Sachbuch eignet sich ausgezeichnet als Oster-Geschenk, das man zuallererst sich selbst machen sollte. Weiterlesen
Lisa Graf: Dallmayr, Der Traum vom schönen Leben
Bravo! DALLMAYR Der Traum vom schönen Leben ist das, was man heutzutage gern einen „page turner“ nennt: ein fesselnder Roman. Der erste Band und Einstieg in die spannende Familiengeschichte umfasst den Zeitraum von Februar 1897 bis Dezember 1899. Lisa Graf beherrscht die Kunst der Unterhaltung. Es gelingt ihr immer wieder die unterschiedlichen Erzählstränge auf elegante Weise zu verknüpfen und sie dann gekonnt aufzulösen. Die Geschichte um den Feinkostladen Dallmayr ist Dank umfangreicher Recherchen plausibel und spannend. Die richtige Würze tragen die Protagonisten bei. Die Autorin hat die Charaktere fein ausgearbeitet, die Figuren sind lebendig, ausgestattet mit optischen und charakterlichen Vorzügen und Unzulänglichkeiten, was sie authentisch macht. Da wird nichts ausgelassen. Intrigen, Leidenschaft, Lügen, Ungehorsam. Wie im richtigen Leben ist Therese Randlkofer gefordert, seit sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes nicht nur Mutter, sondern Familienoberhaupt und Chefin des Familienunternehmens ist. Sie muss sich gegen den missgünstigen Schwager und die Vorbehalte der männerdominierten Geschäftswelt im München der Jahrhundertwende durchsetzen und nebenbei ihre Kinder Hermann, Elsa und Paul auf den richtigen Weg bringen sowie das Personal ausbilden und fördern. Umsichtig und mit erstaunlicher Weitsicht führt sie das Dallmayr, setzt in jeder Hinsicht auf Qualität – nur die beste Ware kommt ins Geschäft und nur das Beste Personal kümmert sich um die Wünsche der Kundschaft – und sie setzt auf Expansion. Neben den privaten, menschlichen Aspekten thematisiert Lisa Graf auch wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenhänge jener Zeit, sodass ein umfangreiches Gesamtbild entsteht. Die Autorin schreibt flott und bildhaft und die kulinarischen Beschreibungen lassen einem das Wasser im Munde zusammenlaufen. Am Ende gibt es für mich nur eine Frage: Wie geht es weiter? Weiterlesen
Kathrin Lange und Susanne Thiele: Probe 12
Ein vielschichtiger Thriller, der mich durch ein spannungsgeladenes Handlungsgerüst führte und am Ende war ich froh, dass es nur ein Thriller war. Spätestens seit der Coronavirus samt Mutationen die Weltbevölkerung im Würgegriff hat, können wir uns vorstellen, dass es da draußen Viren gibt, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Und eine Geschichte muss nicht im Jahre 2050 angesiedelt werden, damit wir sie nicht von vorneherein als Humbug abtun. Wir sind voll im Thema. Man merkt den Autorinnen Katrin Lange und Susanne Thiele ihre Metiers an. Die eine Jugendbuchautorin, die andere Mikrobiologin. Einerseits sorgt diese Kombination für einen gut verständlichen wissenschaftlichen Hintergrund, andererseits spricht das Buch aufgrund des leichten Schreibstils und einer positiven Grundstimmung sicher auch junge Leserinnen und Leser an. Und so setzen die Autorinnen einen wissenschaftlichen Schwerpunkt. Weiterlesen
Alexis Ragougneau: Opus 77
Sehr geehrte Leserschaft, sind Sie bereit für eine Fahrt auf der emotionalen Achterbahn? Dann nehmen Sie Platz, legen den Sitzgurt an und folgen Sie den Hinweisen des Autors. Alex Ragougneau kann für sein Opus 77 aus dem Vollen schöpfen. Seine Erfahrungen, die er als Schauspieler, Regisseur und Dramatiker gesammelt hat fließen ein, machen die Geschichte um die außergewöhnliche Musikerfamilie Claessens spannend und glaubwürdig. Es ist ein Leben, das der Musik geweiht ist und in dem Glanz und Gloria, aber vor allem der richtige Ton hart erarbeitet sind und der Weg zum Ruhm nicht von jedem Wunderkind zu Ende gegangen wird. In dieser Welt halten sich Licht und Schatten die Waage. Auf stehende Ovationen im Scheinwerferlicht folgt die Einsamkeit. Allein im Hotelzimmer, allein bei den Proben für den nächsten Auftritt, allein mit sich in den Sekunden vor dem Konzertbeginn. Das Timing des Autors ist ausgezeichnet, sein Sinn für Dramatik ausgeprägt. Die Beleuchtung stimmt, wenn er mit Licht und Schatten spielt.
Christof Gasser: Wenn die Schatten sterben

Die Protagonistin Becky kommt vom Regen in die Traufe. Nervlich angeschlagen zieht sie nach dem tödlichen Segelunfall ihres Mannes mit ihrem 10jährigen Sohn vom heimischen Kiel ins schweizerische Solothurn auf das alte Familienschloss. Spielen ihre Nerven ihr in der ersten Nacht einen Streich oder ist außer ihr und ihrem Sohn noch jemand in dem großen Haus? Auf jeden Fall finden am nächsten Morgen die Arbeiter, die mit Renovierungsarbeiten im Keller begonnen haben, eine eingemauerte Leiche. Als die Untersuchungen ergeben, dass die Frau vor ca. 60 Jahren erschossen wurde, ist dieser Fall nach Schweizer Recht kein Fall mehr für die Ermittlungsbehörden. Weiterlesen
Elise Hooper: Fast Girls
Wie kommt man zu den Olympischen Spielen? Trainieren, trainieren, trainieren! Das war 1936 so und hat sich auch im 21. Jahrhundert nicht geändert. Historisch zurückblickend Licht auf die Leben dreier amerikanischer Olympionikinnen von Berlin zu werfen ist eine Sache. Aber es auf eine emotional-hollywoodreife Art zu tun, die mich abholt, mitleiden, mitfreuen, mittriumphieren und auch mitweinen lässt, mich kurzum für die Thematik öffnet, ist eine Fähigkeit, um die man Amerikaner beneiden kann. Als die drei Protagonistinnen Betty, Louise und Helen ihren Kampf mit dem amerikanischen Olympischen Komitee um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin aufnehmen, kämpfen bereits seit fast drei Jahrzehnten weltweit Frauen in der Frauenbewegung u. a. um die Gleichstellung der Geschlechter und die Neubewertung der tradierten Geschlechterrollen, um insbesondere im Geschlechterverhältnis Bevormundung, Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheiten zu beseitigen. Weiterlesen
Andrew Mikolajski: Gartenwissen Pflanzenschnitt
Gartenwissen Pflanzenschnitt von Andrew Mikolajski ist gerade rechtzeitig erschienen, bevor der Garten aus dem Winterschlaf erwacht und wir uns wieder an die Arbeit machen. Während fast jeder Pflanze eine Pflegeanleitung mit Hinweis auf den bestmöglichen Standort angeheftet ist, schweigt des Sängers Höflichkeit hinsichtlich der Schnittinformationen. Ist man zu zaghaft – warum sonst hat man die Pflanze gehegt und gepflegt, gedüngt und gewässert – wundert man sich im nächsten Jahr, dass die Blütenpracht hinter all den Erwartungen zurück bleibt. Geht man mit der Machete dran, nach dem Motto: viel schneiden hilft viel, hebt sich die Pflanze zumindest in ihrer Mickrigkeit von allen anderen ab. Wieso das so ist, kann einem dann keiner sagen. Der Autor will uns mit seinem Sachbuch mit Standardwerk-Qualitäten vor solchen Fehlschnitten bewahren. Weiterlesen