Elise Hooper: Fast Girls

Wie kommt man zu den Olympischen Spielen? Trainieren, trainieren, trainieren! Das war 1936 so und hat sich auch im 21. Jahrhundert nicht geändert. Historisch zurückblickend Licht auf die Leben dreier amerikanischer Olympionikinnen von Berlin zu werfen ist eine Sache. Aber es auf eine emotional-hollywoodreife Art zu tun, die mich abholt, mitleiden, mitfreuen, mittriumphieren und auch mitweinen lässt, mich kurzum für die Thematik öffnet, ist eine Fähigkeit, um die man Amerikaner beneiden kann. Als die drei Protagonistinnen Betty, Louise und Helen ihren Kampf mit dem amerikanischen Olympischen Komitee um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin aufnehmen, kämpfen bereits seit fast drei Jahrzehnten weltweit Frauen in der Frauenbewegung u. a. um die Gleichstellung der Geschlechter und die Neubewertung der tradierten Geschlechterrollen, um insbesondere im Geschlechterverhältnis Bevormundung, Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheiten zu beseitigen.

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foto: chris-landry

Elise Hooper schrieb mehrere Jahre fürs Fernsehen, bevor sie an die Uni zurückging, um zu studieren und Literatur und Geschichte zu unterrichten. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Seattle. Ihre Romane drehen sich um jene historischen Frauenfiguren, die von der Geschichtsschreibung oft übersehen werden. Im Ringen dieser Frauen um Anerkennung erkennt Elise Hooper vieles, was uns helfen könnte, auch unsere eigene Zeit besser zu verstehen.  .
Annette Hahn studierte englische Literaturwissenschaft und Literarische Übersetzung in München und lebt heute in Münster. Sie übertrug u.a. Fay Weldon, Graeme Simsion, Anne Fortier und Zoe Fishman ins Deutsche.

Elise Hooper hat die Protagnistinnen zusätzlich zu diesen ganzen Schwierigkeiten noch mit persönlichen Problemen ausgestattet: Helen Stephens kommt aus sehr einfachen Verhältnissen und wünscht sich nichts sehnlicher als die Anerkennung ihres Vaters, einem kleinen Farmer aus Missouri. Louise Stokes aus Boston ist nicht nur ein Frau, sie ist auch dunkelhäutig – Diskriminierung hoch zwei. Rassentrennung gehört bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts für sie zum Alltag. Die Dritte im Bunde, Betty Robinson, Tochter aus wohlhabendem Chicagoer Haus, hat schon sehr jung die Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt. Mit 16 stellt sie einen neuen Weltrekord im 100-m-Lauf bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 auf. Ihr Weg scheint vorgezeichnet. Aber ihr Weg ist kein leichter Weg: erst verunsichern Gerüchte, dass Frauen nicht mehr an Olympischen Spielen teilnehmen sollen – wegen ihrer schwachen Konstitution und dann hat sie einen schweren Unfall, der ihre Karriere laut Meinung der Ärzte beendet. Allen Widerständen zum Trotz kämpft sie sich zurück, kann wieder gehen und dann auch wieder laufen. Die Autorin erzählt bildhaft und fesselnd vom Konkurrenzkampf der Frauen untereinander, aber auch vom Zusammenhalt, wenn es darum geht, ihre Wünsche und Träume zu realisieren. Auch wenn die Sportlerinnen und die gesellschaftspolitischen Strömungen im Mittelpunkt der Geschichte stehen, räumt Elise Hooper auch den weltpolitischen Entwicklungen Platz ein, in dem sie Fakten über Hitlers und Görings Umgang mit den Sportlern einfließen lässt und aufzeigt, wie die politischen Veränderungen in Deutschland von den Amerikanern wahrgenommen wurden. Sie beschreibt, wie die Olympioniken Stellung nehmen und Boykottforderungen im Raum stehen. 86 Jahre später, kurz vor der Olympiade in China, ist der olympische Frieden durch die Politik der Gastgeber wieder einmal in Gefahr. Die Antwort auf die Frage: Was hat Sport mit Politik zu tun, hat Helen Stephens (S. 344) bereits in Berlin 1936 die Antwort gegeben: Die Olympischen Spiele haben nur mit Politik zu tun.

1936 – trotz aller Vorbehalte gegen die Teilnahme von Frauen gelingt es drei jungen Amerikanerinnen, mit dem Olympischen Team nach Berlin zu reisen: Betty Robinson muss sich nach einem schweren Unfall an die Spitze zurückkämpfen. Die burschikose Außenseiterin Helen Stephens träumt davon, sich als Sprinterin zu beweisen. Und die Schwarze Louise Stokes sieht im Laufen ihre Chance, trotz ihrer Hautfarbe endlich Anerkennung zu finden. Doch als die drei in der hochbrisanten Atmosphäre Berlins um den Titel der schnellsten Frau der Welt laufen wollen, müssen sie erfahren, dass Leistung nicht das Einzige ist, was zählt.

Die unglaubliche Geschichte dreier Frauen, die antraten, um die Welt zu verändern.

Elise Hooper: Fast Girls,  – Rütten & Loening Verlag, 464 Seiten Klappenbroschur ISBN 978-3-352-00965-5, €  10,95

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