Alexis Ragougneau: Opus 77

Sehr geehrte Leserschaft, sind Sie bereit für eine Fahrt auf der emotionalen Achterbahn? Dann nehmen Sie Platz, legen den Sitzgurt an und folgen Sie den Hinweisen des Autors. Alex Ragougneau kann für sein Opus 77 aus dem Vollen schöpfen. Seine Erfahrungen, die er als Schauspieler, Regisseur und Dramatiker gesammelt hat fließen ein, machen die Geschichte um die außergewöhnliche Musikerfamilie Claessens spannend und glaubwürdig. Es ist ein Leben, das der Musik geweiht ist und in dem Glanz und Gloria, aber vor allem der richtige Ton hart erarbeitet sind und der Weg zum Ruhm nicht von jedem Wunderkind zu Ende gegangen wird. In dieser Welt halten sich Licht und Schatten die Waage. Auf stehende Ovationen im Scheinwerferlicht folgt die Einsamkeit. Allein im Hotelzimmer, allein bei den Proben für den nächsten Auftritt, allein mit sich in den Sekunden vor dem Konzertbeginn. Das Timing des Autors ist ausgezeichnet, sein Sinn für Dramatik ausgeprägt. Die Beleuchtung stimmt, wenn er mit Licht und Schatten spielt.

Alexis Ragougneau Foto: Antoine Rozes

Alexis Ragougneau, geboren 1973, studierte zunächst Betriebswirtschaftslehre, bevor er sich dem Theater zuwandte und eine Schauspielausbildung absolvierte. Bis 2013 war er als Schauspieler, Regisseur und vor allem als Dramatiker tätig, seine Theaterstücke wurden in Frankreich, Belgien und der Schweiz aufgeführt. 2014 gab er sein Romandebüt. Für seinen Roman Opus 77 wurde er mit dem Prix Libraires en Seine und dem Prix de l’Union Interalliée ausgezeichnet und stand u.a. auf der Shortlist des Prix Femina und des Prix Concourt.

Die Charaktere sind lebendig, authentisch. Vielleicht liegt es daran, dass seinen Figuren lebende sowie auch bereits verstorbene Musiker Pate gestanden haben mögen. Mir kommen Karajan, Anne Sophie Mutter, die Geschwister Sergey, Geiger, und Lusine Khachatryan, Pianistin, in den Sinn. Aber so übermächtig der Vater, der große Dirigent, ist, so überaus begabt der Sohn, ein Geiger, auch sein mag und so erfolgreich die Tochter als Pianistin ihren Weg geht, am Ende geht es nicht nur darum, sein Leben der Musik zu weihen, sondern sich der Musik zu unterwerfen.

Auf der Beerdigung ihres Vaters hält Ariane am Flügel inne, die gefeierte Konzertpianistin, belauert von der Trauergesellschaft. Eine dröhnende Pause, ein langes Atemholen, und Ariane setzt an – zu Schostakowitschs »Opus 77« und zu der Geschichte ihrer Familie.Ihr Vater, der große Dirigent, der Maestro, übermächtig in Orchester und Familie. Ihr Bruder, Geigenvirtuose, das blasse Gesicht verborgen hinter schwarzen Locken. Ihre Mutter, ehemals leuchtend, nur noch ein schwacher Schatten. Und sie selbst, verdeckt von der perfekten Inszenierung der unnahbaren Pianistin.Vom einsamen Gesang steigert sich Arianes Opus zu einem dämonischen Tanz, der die Ruhe zerreißt und die Missklänge der Vergangenheit aufwirbelt.

Brigitte Große, geboten 1957, übersetzt aus dem Französischen, u.a. Werke von Amélie Nothomb, Fatou Diome und Georges-Arthur Goldschmidt. Sie wurde mit dem Hamburger Förderpreis , dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung und dem Hieronymusring ausgezeichnet.

Unions Verlag  –  gebunden – 218 Seiten –  € 22,00

ISBN 978-3-293-00580-8

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