Alexis Ragougneau: Opus 77

Sehr geehrte Leserschaft, sind Sie bereit für eine Fahrt auf der emotionalen Achterbahn? Dann nehmen Sie Platz, legen den Sitzgurt an und folgen Sie den Hinweisen des Autors. Alex Ragougneau kann für sein Opus 77 aus dem Vollen schöpfen. Seine Erfahrungen, die er als Schauspieler, Regisseur und Dramatiker gesammelt hat fließen ein, machen die Geschichte um die außergewöhnliche Musikerfamilie Claessens spannend und glaubwürdig. Es ist ein Leben, das der Musik geweiht ist und in dem Glanz und Gloria, aber vor allem der richtige Ton hart erarbeitet sind und der Weg zum Ruhm nicht von jedem Wunderkind zu Ende gegangen wird. In dieser Welt halten sich Licht und Schatten die Waage. Auf stehende Ovationen im Scheinwerferlicht folgt die Einsamkeit. Allein im Hotelzimmer, allein bei den Proben für den nächsten Auftritt, allein mit sich in den Sekunden vor dem Konzertbeginn. Das Timing des Autors ist ausgezeichnet, sein Sinn für Dramatik ausgeprägt. Die Beleuchtung stimmt, wenn er mit Licht und Schatten spielt.

Weiterlesen

Talberg 1935, Trilogie von Max Korn

Das Jahr 1935 war an sich schon ein harte Zeit, doch in dem Dorf Talberg im Bayrischen Wald an der Grenze zu Österreich ist die Zeit viel früher stehen geblieben. Noch lecken sich die Familien die Wunden des Ersten Weltkriegs in dem die meisten einen oder alle ihre Söhne verloren haben. Die Menschen auf den Höfen sind bis zur Erschöpfung abgearbeitet und dennoch haben sie Angst vor dem Hunger in den Wintermonaten. Nur wenigen Bauern geht es finanziell gut, darunter der Waldbauer. Sein Sohn der studierte Dorflehrer, ist seit sechs Jahren verheiratet mit der als Hexe verrufenen einzigen Schönheit der Gegend. Er ist genauso ein Choleriker, wie sein Vater Josef Steiner. Der will unbedingt einen Enkel und Erben und macht seiner Schwiegertochter Elisabeth bittere Vorwürfe. Das Dorf ist durchsetzt von Boshaftigkeit, Geheimnissen und sehr viel Zorn. Als man den Dorfschullehrer eines Nachts tot unterhalb des Aussichtsturms auf dem Berg findet, scheint die jahrelange böse Energie des Dorfes aufzubrechen. In dem ersten Teil der Trilogie nimmt sich Max Korn Zeit, seine Protagonisten richtig vorzustellen. So erfährt der Leser von den meist missglückten Lebenswegen der Menschen in Talberg. Es gruselt einen, denn das Dorf ist dunkel düster und gemein. Doch die Spannung ist zu hoch, um das Buch weglegen zu können. Teil II und Teil III erwarte ich bereits ungeduldig.

Weiterlesen

Michael Jensen: Blutgold, Syndicat Berlin

Der Autor Michael Jensen ist uns durch seine historischen Kriminalromane Totenland und Totenwelt besonders aufgefallen, weil er nicht nur kriminelle Handlungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg schildert, sondern auch die Innenansichten der jeweiligen handelnden Personen. (Siehe auch frühere Rezensionen). Mit der neuen Krimiserie Syndicat Berlin führt er seine Leserschaft durch seine ausgezeichnet recherchierten Romane in das Berlin von 1918. Der Kaiser hat abgedankt, das Volk hungert und die Kriegsgewinnler versuchen aus der Niederlage finanzielle Erfolge zu erzielen. Die Protagonisten in dieser explosiven Zeit sind die Familie Sass, Kleinkriminellen die nach höherem Streben, rechtsnationale industrielle und Kapitalisten sowie unter Waffen stehende Freischärler. Bezeichnend ist auch in diesem Roman der Blick des Autoren hinter die Kulissen, die sich doch erheblich von der in der Schule vermittelten Tatsachen unterscheiden. Weiterlesen

Christof Gasser: Wenn die Schatten sterben

Die Protagonistin Becky kommt vom Regen in die Traufe. Nervlich angeschlagen zieht sie nach dem tödlichen Segelunfall ihres Mannes mit ihrem 10jährigen Sohn vom heimischen Kiel ins schweizerische Solothurn auf das alte Familienschloss. Spielen ihre Nerven ihr in der ersten Nacht einen Streich oder ist außer ihr und ihrem Sohn noch jemand in dem großen Haus? Auf jeden Fall finden am nächsten Morgen die Arbeiter, die mit Renovierungsarbeiten im Keller begonnen haben, eine eingemauerte Leiche. Als die Untersuchungen ergeben, dass die Frau vor ca. 60 Jahren erschossen wurde, ist dieser Fall nach Schweizer Recht kein Fall mehr für die Ermittlungsbehörden. Weiterlesen

Wald – Wild – Genuss, Harald Rüssel

Wild – Rezepte, Wald – Geschichten, Genuss – Wissen. Harald Rüssel beginnt sein Buch mit den Worten Zitat Seite7:

Dieses Buch ist eine Hommage an den Wald und die

Natur. Und an den Hunsrück – die Region, in der Rüssels Landhaus beheimatet ist. Und am Anfang steht: Mein Weg zur Jagd und zur Regionalität – über einen hohen Anspruch an Frische, Saisonalität und Tierwohl. Mit Recht schreibt er weiter, dass dieses Buch kein normales Kochbuch ist. Es ist eine Biografie über seinen Werdegang und seine persönliche Entwicklung von der Ausbildung zum Koch, die Wanderjahre bis hin zur Selbständigkeit mit seinem „Rüssels Landhaus St. Urban“ im Hunsrück bei Naurath. Etwas abgelegen inmitten der Natur ist es schon. Aber immer eine kulinarische Reise wert. Diese Lage verbindet einen mit der Regionalität und Saisonalität. Das Obst und Gemüse vom Bauern nebenan. Das Wildbret des Försters oder Jäger frisch erlegt geliefert. Der Kontakt zu den Weidmänner hat ihn verführt selbst zur Jagd zu gehen.

Weiterlesen

Max Oban, Blutroter Wein, Ein Krimi aus Südtirol

Schon auf den ersten Seiten erkennt man sofort, hier ist der Autor ein Genießer von gutem Essen und dazu ein guter Wein. Der Protagonist ist ständig damit beschäftigt, wie beschreibt es der Autor so schön in diesem Roman, dass Landgasthäuser und gute Restaurants ihn ständig vor dem Hungertod bewahren müssen. Weil zu jeder Speise ein Getränk gehört, dann ein richtig gutes Glas Wein. Daran gerochen, probiert, goutiert und beschrieben. Als Leser bekommt man Appetit und bedauert, dass man nicht das gleiche Glas probieren kann.

 

Weiterlesen

Elise Hooper: Fast Girls

Wie kommt man zu den Olympischen Spielen? Trainieren, trainieren, trainieren! Das war 1936 so und hat sich auch im 21. Jahrhundert nicht geändert. Historisch zurückblickend Licht auf die Leben dreier amerikanischer Olympionikinnen von Berlin zu werfen ist eine Sache. Aber es auf eine emotional-hollywoodreife Art zu tun, die mich abholt, mitleiden, mitfreuen, mittriumphieren und auch mitweinen lässt, mich kurzum für die Thematik öffnet, ist eine Fähigkeit, um die man Amerikaner beneiden kann. Als die drei Protagonistinnen Betty, Louise und Helen ihren Kampf mit dem amerikanischen Olympischen Komitee um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin aufnehmen, kämpfen bereits seit fast drei Jahrzehnten weltweit Frauen in der Frauenbewegung u. a. um die Gleichstellung der Geschlechter und die Neubewertung der tradierten Geschlechterrollen, um insbesondere im Geschlechterverhältnis Bevormundung, Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheiten zu beseitigen. Weiterlesen

Feuerschuh und Windsandale, Kinderbuch ab 6 Jahre

Es ist wunderbar, dass immer mal wieder Kinderbücher aus früheren Zeiten, in diesem Fall den sechziger Jahre, neu aufgelegt werden. Feuerschuh und Windsandale ist solch ein Kinderbuch und erinnerte mich sehr an Erich Kästners berühmte Kinderwerke. Es ist eine wunderschöne Geschichte über eine arme, aber sehr liebevolle Familie. Der kleine Tim ist ein Moppelchen und wird in der Schule gehänselt, denn Mobbing gab es schon immer unter Kindern. Eigentlich möchte er ein ganz anderes Kind sein, reich, schlank und auch beliebt. Da schenkt ihm sein Vater zum Geburtstag rote Wanderschuhe und einen Rucksack. Gemeinsam wollen sie in den Ferien auf die Wanderschaft gehen und bei den Bergbauern arbeiten.

Eine bezaubernde Geschichte über Liebe, Werte und Selbstbewusstsein, das man schon als kleiner Zwerg entwickeln kann, wenn man so einen prima Papa und eine so liebe Mama hat wie Tim. Weiterlesen

Andrew Mikolajski: Gartenwissen Pflanzenschnitt

Gartenwissen Pflanzenschnitt von Andrew Mikolajski ist gerade rechtzeitig erschienen, bevor der Garten aus dem Winterschlaf erwacht und wir uns wieder an die Arbeit machen. Während fast jeder Pflanze eine Pflegeanleitung mit Hinweis auf den bestmöglichen Standort angeheftet ist, schweigt des Sängers Höflichkeit hinsichtlich der Schnittinformationen. Ist man zu zaghaft – warum sonst hat man die Pflanze gehegt und gepflegt, gedüngt und gewässert – wundert man sich im nächsten Jahr, dass die Blütenpracht hinter all den Erwartungen zurück bleibt. Geht man mit der Machete dran, nach dem Motto: viel schneiden hilft viel, hebt sich die Pflanze zumindest in ihrer Mickrigkeit von allen anderen ab. Wieso das so ist, kann einem dann keiner sagen. Der Autor will uns mit seinem Sachbuch mit Standardwerk-Qualitäten vor solchen Fehlschnitten bewahren. Weiterlesen

Der Sucher, Tana French

Die New York Times hat es richtig beschrieben: „Tana French schreibt große Romane in denen auch Verbrechen geschehen.“ Ihr Buch „Der Sucher“ ist eine Sozialstudie eines kleinen irischen Dorfes, in dem eigene Gesetze und Machtgefüge herrschen. Das merkt der ehemalige amerikanische Cop Calvin aus Chicago recht schnell. Doch er wird dort gut aufgenommen und man hilft ihm mit der Renovierung seines kleinen Hauses. Er soll einer von ihnen werden und besonders sein alter, cleverer Nachbar Mart sorgt dafür. Wahrscheinlich wäre das  auch geglückt, wenn nicht ein Jugendlicher, Trey, bei ihm aufgetaucht wäre. Das Kind ist wild und tendiert ins Asoziale, doch es ist auch verletzt, denn sein größerer Bruder ist spurlos verschwunden. Der Instinkt des ehemaligen Cops wird bei Cal geweckt und er will dem Kind helfen. Anscheinend ist das der größte Fehler, den er machen konnte.

Tana French ist die irische Version von Juli Zeh. Sie ist eine Beobachterin und Menschenkennerin par excellence und führt die Leser mit einer unheimlichen Leichtigkeit in menschliche Abgründe. Das nenn ich gute Literatur! Weiterlesen