Alle Artikel von Elke Rossmann

Ingenium, das erste Rätsel, Danielle Trussoni

Es war 2010, als ich meine erste Rezension verfasste, für das Buch Angelus von Danielle Trussoni. Ich war damals angetan von der Fantasie-Autorin. Jetzt 2023 hat Danielle Trussoni wieder einen mystischen Thriller herausgebracht und ich konnte natürlich nicht an diesem Buch vorbeigehen. Ingenium ist definitiv ein schneller, atemloser Thriller, der ungemein gut recherchiert wurde und es mit dem Da Vinci Code aufnehmen kann. Sie baut nicht nur das Savant-Syndrom, eine Inselbegabung, in diesem Fall, die Fähigkeit Muster und Rätsel zu erkennen in ihren Roman ein. Es geht vor allem um den jüdischen Glauben und die Legende von Rabbi Löw, der um 1580 in Prag eine von ihm gefertigte Tonfigur, einen Golem, für kurze Zeit mit Leben erfüllt hat. Die alten Mythen, jede Menge Rätsel, habgierige Milliardäre, die nach ewigen Leben trachten und eine unschuldige junge Frau, die im Gefängnis sitzt für einen Mord, den sie nicht begangen hat, halten den Leser in Atem!

Das ist dann der Stoff, aus dem die Bücher geschrieben sind, die man in einem Rutsch liest, weil man sie einfach nicht aus der Hand legen kann. Ich bin auf jeden Fall dabei, wenn nächstes Jahr der nächste Teil kommt.

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Blinde Tunnel, Tove Alsterdal

Tove Alsterdal bekannt durch ihre Trilogie um die Kriminalromane der Ermittlerin Eira Sjödin legt den ersten Standalone in Deutschland nach. Der Roman aus dem Jahr 2019 ist sehr wahrscheinlich vor ihrem Durchbruch mit der Trilogie entstanden. Es nennt sich zwar ein Kriminalroman, doch ist eher eine Erzählung, die sich im Heute abspielt und auf Verbrechen der Vergangenheit zurückblickt. Verbrechen, die begangen wurden von den Nazis an den damaligen Sudetendeutschen jüdischer Abstammung. Wer von den Opfern nach Kriegsende die Deportation überlebte und nicht schnell genug aussiedeln konnte, wurde anschließend wieder zum Opfer, weil er als Deutscher angesehen wurde und dieses Mal als Kriegsverbrecher bestraft wurde. Im Grunde genommen ist es die Erzählung einer Ungerechtigkeit, die einem die Haare zu Berge stehen lässt, die jedoch erst einmal ganz harmlos anfängt: Mit dem Kauf eines Weingutes in Tschechien.

Tove Alsterdal ist eine brillante Erzählerin, das merkt man schon an diesem Buch und sie hat sich in ihrer Trilogie um Eira Sjödin noch gesteigert. Ihr starkes Auge für zwischenmenschliche Beziehungen tragen ihre Kriminalfälle.

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Film: Verlorene Illusionen nach einem Roman von Honoré de Balzac, DVD und Blu-Ray

Verlorene Illusionen hat berechtigt seine Awards bei der César Verleihung 2022 erhalten, denn bei dem Film stimmt einfach alles. Die Geschichte, die Schauspieler und die dramaturgische Umsetzung von Xavier Giannoli. Auch wenn Honoré de Balzacs Roman, nach dem der Film adaptiert wurde, um 1821 spielt, ist er heutzutage aktueller denn je. Das mag daran liegen, dass zweihundert Jahre später, jeder dem es gerade einfällt, sich in den sozialen Netzwerken zum Kritiker aufschwingt. Leider entartet es oft zum schieren Dampf ablassen und das gezielt unter der Gürtellinie. Es liegt daran, dass es viel einfacher ist zu kritisieren, als zu kreieren.

Man kann jedoch daraus auch ein perfides, skrupelloses Spiel machen, wie der Film ›Verlorenen Illusionen‹ uns lehrt. Jedes Statement, jeder Roman, jede Handlung kann in sich verkehrt werden. Wie heißt es in dem Film so schön, ist ein Roman romantisch, ist er naiv und ist er klar, nimmt er alles vorweg. So wurde im Paris des neunzehnten Jahrhunderts mit spitzer Feder, beißendem Spott und viel Wortgewandtheit über Werke geurteilt, die der sogenannte kritische Journalist noch nicht einmal gelesen hatte. Hauptsache die Kasse, die Bestechung und Gegenbestechung stimmte. Der am meisten Zahlende gewann. Leider sind die Aufschreie, die Wellen der Empörung in den heutigen Medien nicht halbwegs so intelligent oder auch mal amüsant, wie bei Balzac verfilmter Geschichte im Jahr 1821 beschrieben.

So muss, um zu überleben, der junge Lucien de Rubempré vom Romantiker zum Kritiker aufsteigen, mit den Wölfen heulen, reich und verhasst werden, um am Ende sowohl vom Pariser Adel, als auch von den Kritikerwölfen wieder in die Gosse ausgespuckt zu werden. Eine großartige Verfilmung, die gerade wegen der aufwendigen Gestaltung der Kostüme und des historischen Pariser Ambientes dem Zuschauer etwas Luft lässt. Denn man kann sich so der Empfindung erwehren, dass diese Art vernichtender, schamloser Fake-Berichterstattung ausschließlich in die Vergangenheit verbannt wurde. Definitiv ein Film, den man sich ansehen sollte, in vieler Hinsicht!

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Sieben Tage Mo, Oliver Scherz, Kinderbuch ab 11 Jahre

Geschwister sind einfach nervig, vor allem jüngere, auf die man immer aufpassen muss. Aber Karl hat das Problem mal zehn, ach was, mal hundert. Sein Zwillingsbruder Moritz ist behindert. Bei der Geburt bekam er einfach zu wenig Sauerstoff und jetzt ist es in seinem Kopf anders, als in anderen Köpfen, die Karl sonst kennt. Moritz muss nicht in einem Rollstuhl sitzen, aber dafür ist er laut, stur und einfach unberechenbar. Da die Familie erst in ein Haus aufs Land gezogen ist, muss die Mama der beiden Vollzeit im Krankenhaus arbeiten und Papa hat Projekte im Ausland. Nur so kann alles für Mo bezahlt werden. Darum hat Karl Mo jeden Tag nach der Schule an der Backe. Ausgerechnet jetzt, da er eines der Mädchen in seiner Schule sehr mag und ausgerechnet er hat einen so peinlichen Bruder. Am liebsten würde er Mo auf den Mond wünschen, bis zu dem Moment, als Mo wirklich verschwindet.

Ein großartiges Kinderbuch, bei dem der Autor ungemein gut recherchiert hat, um die Situation eines geistig behinderten Jugendlichen und seiner Angehörigen realistisch wiederzugeben. Das Buch ist eine sehr schöne Geschichte, zum Lachen und Weinen und vor allem wird sie bei Kindern einen sehr positiven Eindruck von geistig behinderten Altersgenossen hinterlassen. Ein Buch, das Empathie schafft.

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Mord auf der Insel Gokumo, Seishi Yokomizo, Band II Kosuke Kindaichi ermittelt

Es ist immer wieder faszinierend, wie sehr mich diese Kriminalreihe von Seishi Yokomizo an die Bestseller von Agatha Christie erinnert. Die Kriminalstory ist geschrieben im Stil der ehemaligen großen englischen Krimiautoren, gespickt mit japanischem Lokalkolorit und asiatischer Kultur. Der Privatermittler Kosuke Kindaichi ist mit seinem Stottern, wenn er nervös wird oder einer Frau gegenübertritt und der Angewohnheit sich beim Denken übermäßig am Kopf zu kratzen, eigentlich ein Antiheld. Ein furchtbar kluger Antiheld, aber war das Hercule Poirot nicht auch irgendwie? Diese Krimireihe macht einfach nur sehr, sehr viel Spaß. Sie führt mich in alte Zeiten zurück, in denen ich zum ersten Mal die Miss Marple Krimis verschlungen habe oder mich beim Hund von Baskerville gruselte.

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Ravna, Arktische Rache

RAVNA – Arktische Rache von Elisabeth Herrmann

Die Krimis mit der samischen Polizeistudentin Ravna und Lensman Rune Thor sind immer eine kleine Sensation. Auch der dritte Teil hat es wieder in sich, da es um Ravnas Eltern und ihre eigene Vergangenheit geht. Endlich wird sie verstehen, warum ihre Mutter Hedda so eine harte Frau geworden ist. Was aber dem dritten Teil ein wenig den Reiz nimmt, ist, dass es zu achtzig Prozent in Oslo, der Hauptstadt Norwegens spielt. Mich haben die ersten zwei Teile magisch in den Bann gezogen, weil sie in der Heimat der Samen spielen. Draußen in der arktischen Kälte bei den eigentlichen Ureinwohnern des hohen Nordens.

Dennoch ist ›Arktische Rache‹ spannend, flott und mitreißend geschrieben. Denn wenn immer Ravna mit ihrer Selbstkontrolle, ihrer eher unsicheren Art und Rune Thor, der ohne Rücksicht auf Verluste, wie ein Taifun über Menschen hinwegfegt, zusammentreffen, ist das nächste Verbrechen nicht mehr weit. Hoffentlich dürfen wir noch viel von Ravna lesen und dann hoffentlich wieder bei den Samen hoch oben im Fjell!

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Regen, Ferdinand von Schirach

Das neue Buch von Ferdinand von Schirach besteht aus zwei Teilen. Es ist ein Theatermonolog von knappen 57 Seiten und ein sehr intimes älteres Interview mit der SZ von etwa der gleichen Seitenzahl. Ich musste es zweimal lesen, um die hier und da abschweifenden, doch wie immer ungemein klugen Gedanken zu erfassen. Das Theaterstück ist nicht unbedingt klar strukturiert. Es macht den Eindruck, das der Protagonist angeschlagen, weil, als voreingenommener Schöffe abgelehnt, seinen Gedanken freien Lauf lässt. Bei diesen Gedanken geht es wie immer um die, wie es im Deutschlandfunk genannt wurde, Inbegriffe der Menschlichkeit. Und das Hauptthema ist die Liebe, denn ›Regen‹ hat den Untertitel, ›Eine Liebeserklärung‹. Als bekennender Freund Ferdinand von Schirachs Schriften, seiner Wortgewandtheit und auch der klugen, sanften Provokation mit einem Augenzwinkern, ist auch ›Regen‹ für mich wieder ein Buch, das mich sehr erfreut hat. Wahrscheinlich werde ich es auch ein drittes Mal lesen, bevor ich mir die Lesung auf der Bühne anhöre. Denn die Zwischentöne dieses Autors sind nicht immer beim flüchtigen Überlesen zu sehen oder zu hören.

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Tag der Asche, Jean-Christophe Grangé

Zwar ist dieser Grangé schon ein Jahr alt, doch er kam jetzt als Taschenbuch auf den Markt. Jean-Christophe ist der französische Fitzek oder Baldacci. Seine ersten Bücher wie Die purpurnen Flüsse oder Der Flug der Störche waren unübertroffen und zwischendrin hatte er mal eine sehr brutale Phase, in der ich Schwierigkeiten hatten diesen Autor zu lesen. Doch mit seiner Serie um Commandant Niémans und seine Assistentin Ivana hat Grangé zu seinem alten Stil zurückgefunden. Er führt Niémans und die Leser ins Elsass, der alten Heimat von Niémans und dort zu einer Sekte. Denn in einer alten unscheinbaren Kapelle starb einer der sogenannten Gesandten bei Restaurationsarbeiten. Dass es Mord war, findet der Commandant schnell raus, während Ivana undercover als Lesehelferin auf dem Weingut der Sekte arbeitet. Und das ist auch das Problem, der Wein! Es geht um einen Gewürztraminer, für den die Trauben in wenigen Tagen gelesen werden müssen. Und alle in der Umgebung respektieren die Sekte und ihr Erzeugnis, sodass der Pariser Polizist erst einmal auf eine Wand von Widerstand stößt. Doch bei Grangés Polizisten ist eine Wand kein Hindernis und selten bleibt eine Leiche allein.

Spannender Thriller, der zwar auch wieder so seine blutigen Stellen hat, aber nicht mehr so exzessive Brutalitäten wie in den Vorgängerromanen. Weiterlesen

Nebelblau, Tove Alsterdal, III. Teil der Krimitrilogie um Eira Sjödin

Eine Trilogie sollte eigentlich nach dem dritten Buch aufhören, doch wenn man sich mal mit der Polizeiermittlerin, Eira Sjödin, bekannt gemacht hat, liebt man ihre Geschichte einfach. So bleibt vielleicht eine vage Hoffnung, dass nach dem großen Erfolg dieser drei Bücher, vielleicht doch der eine oder andere Krimi mit Eira noch erscheinen wird.

So ist es aber vorerst der Krimi Nebelblau, der einen echten Höhepunkt der drei Roman darstellt. Denn Tove Alsterdal geht ein geschichtlich sehr brisantes Thema an. Den Vietnamkrieg und Schwedens Unabhängigkeit von den USA. Denn Schweden war eines der wenigen Länder, die Deserteure, fahnenflüchtige US Soldaten aufnahm. Brisant vor allen jetzt, da Schweden um den Beitritt zur NATO kämpft und seine Bündnisfreiheit aufgeben möchte. Nebelblau ist zum Teil ein spannender Rückblick auf die Verhältnisse in Schweden im Jahr 1968. Wie immer verwebt die Autorin den Kriminalfall eng mit der Familiengeschichte der Ermittlerin. Die zusätzlichen Ängste und Geheimnisse, die dadurch geweckt werden, treiben Eira in einen stetigen Zwiespalt, der dem Krimi erst die richtige Würze gibt.

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Staatskunst, Henry Kissinger

Henry Kissinger, ein Mann, der wegen der Politik aus seiner Heimat flüchten musste und der mit Mitte vierzig, als Sicherheitsberater und vier Jahre als Außenminister in die Politik ging. Dem man den Friedensnobelpreis verlieh und der dieses Jahr 100 Jahre alt wurde. Dieser Mann kannte die politischen Führer über die er in diesem Buch spricht.

Die Kernaussage ist wohl, dass es kein Erfolgsrezept für die Führung eines Staates gibt. Es kommt auf die Situation an und was gerade benötigt wird. Welcher Charakterzug hilfreich ist in Krisensituationen, um diese zu überwinden. So spricht Henry Kissinger über Konrad Adenauers Führung als die Strategie der Demut, Charles de Gaulle Politik als die des Willens, Nixons Strategie des Gleichgewichts, Anwar el-Sadat Überwindungsstrategie, Lee Kuan Yews Strategie der Spitzenleistung und Margaret Thatchers Strategie der Überzeugung.

Geschichte ist immer anfällig für Verfälschung. Bei einem Zeitzeugen jedoch wird Geschichte aus erster Hand erzählt. Und wenn man sich die Auswahl seiner Staatsführer ansieht, könnte man nur bei Nixon einmal kurz die Stirn in Falten legen, weil Kissinger sein Außenminister war. Mich hat das Buch begeistert, was die Fakten angeht, die ich nicht alle so kannte, der Stil des Autors und seine sehr neutrale, diplomatische und unaufgeregte Art über die Geschichte dieser sechs Staatsführer zu berichten.

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