Geschwister sind einfach nervig, vor allem jüngere, auf die man immer aufpassen muss. Aber Karl hat das Problem mal zehn, ach was, mal hundert. Sein Zwillingsbruder Moritz ist behindert. Bei der Geburt bekam er einfach zu wenig Sauerstoff und jetzt ist es in seinem Kopf anders, als in anderen Köpfen, die Karl sonst kennt. Moritz muss nicht in einem Rollstuhl sitzen, aber dafür ist er laut, stur und einfach unberechenbar. Da die Familie erst in ein Haus aufs Land gezogen ist, muss die Mama der beiden Vollzeit im Krankenhaus arbeiten und Papa hat Projekte im Ausland. Nur so kann alles für Mo bezahlt werden. Darum hat Karl Mo jeden Tag nach der Schule an der Backe. Ausgerechnet jetzt, da er eines der Mädchen in seiner Schule sehr mag und ausgerechnet er hat einen so peinlichen Bruder. Am liebsten würde er Mo auf den Mond wünschen, bis zu dem Moment, als Mo wirklich verschwindet.
Ein großartiges Kinderbuch, bei dem der Autor ungemein gut recherchiert hat, um die Situation eines geistig behinderten Jugendlichen und seiner Angehörigen realistisch wiederzugeben. Das Buch ist eine sehr schöne Geschichte, zum Lachen und Weinen und vor allem wird sie bei Kindern einen sehr positiven Eindruck von geistig behinderten Altersgenossen hinterlassen. Ein Buch, das Empathie schafft.


Das neue Buch von Ferdinand von Schirach besteht aus zwei Teilen. Es ist ein Theatermonolog von knappen 57 Seiten und ein sehr intimes älteres Interview mit der SZ von etwa der gleichen Seitenzahl. Ich musste es zweimal lesen, um die hier und da abschweifenden, doch wie immer ungemein klugen Gedanken zu erfassen. Das Theaterstück ist nicht unbedingt klar strukturiert. Es macht den Eindruck, das der Protagonist angeschlagen, weil, als voreingenommener Schöffe abgelehnt, seinen Gedanken freien Lauf lässt. Bei diesen Gedanken geht es wie immer um die, wie es im Deutschlandfunk genannt wurde, Inbegriffe der Menschlichkeit. Und das Hauptthema ist die Liebe, denn ›Regen‹ hat den Untertitel, ›Eine Liebeserklärung‹. Als bekennender Freund Ferdinand von Schirachs Schriften, seiner Wortgewandtheit und auch der klugen, sanften Provokation mit einem Augenzwinkern, ist auch ›Regen‹ für mich wieder ein Buch, das mich sehr erfreut hat. Wahrscheinlich werde ich es auch ein drittes Mal lesen, bevor ich mir die Lesung auf der Bühne anhöre. Denn die Zwischentöne dieses Autors sind nicht immer beim flüchtigen Überlesen zu sehen oder zu hören.




