Für mich ist dieser Roman zum einen eine Darstellung des Lebens innerhalb der ehrgeizigen und leistungsstarken koreanisch-amerikanischen Gemeinschaft in New York City während der 1990er Jahre und zum anderen die Thematisierung der komplexen Liebe, die Einwandererfamilien im Guten wie im Schlechten verbindet. Das Buch ist fesselnd, schwer aus der Hand zu legen, voller Charme und Witz und reich an interessanten Einblicken in die einzelnen Charaktere. Ja, die Art und Weise, wie die Autorin auf die Protagonisten eingeht, ist Romanen des 19. Jahrhunderts nachempfunden. Ein interessanter Kontrast zu dem ansonsten zeitgenössischen Fluss und Stil. Min Jin Lee zeichnet von ihrer Protagonistin Casey Han, eine koreanisch-amerikanische Ivy-League-Absolventin, hin- und hergerissen zwischen den Welten ihrer Einwandererziehung und Weiterlesen
Alle Artikel von Angela Perez
Natasha Pulley: Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit
Natasha Pulley hat hier etwas wirklich Meisterhaftes geschaffen: Technik und Struktur mit viel schillernder, unbeschreiblicher Intimität auf eine Weise ausbalanciert, die es unmöglich macht, sich dem zu entziehen. Das Ergebnis ist ein komplexer und sehr lebendiger Roman, der viel zu erzählen hat über Krieg und Zivilisation, Traumata und Erinnerung, Liebe und Opfer – und die Menschen, die darin herzzerreißend verstrickt sind. Aber das, was Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit wirklich ausmacht, ist die zentrale Liebesgeschichte. Die Charakterentwicklung in diesem Roman muss erlebt werden; der Autorin gelingt es, dass sich die Protagonisten ganz allmählich in das Unterbewusstsein schleichen und an Präsenz gewinnen. Ehe man es bemerkt, Weiterlesen
Hika Harada: 3000 Yen fürs Glück
Hätte ich das kleingedruckte bzw. den Untertitel „Ein Familienroman…“ gelesen, hätte ich mich vermutlich nicht für den Roman von Hika Harada entschieden. Mir stand nicht der Sinn nach düsteren Familiengeheimnissen, die von der Enkel: in-Generation ans Licht gezerrt werden und die Übeltäter, da verstorben, nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Und so freue ich mich, dass meine Neugier obsiegte, denn in Haradas Familiengeschichte geht es um das hier und heute und ein wenig um die Zukunft. Reicht mein Geld und kann ich es mir leisten? Eine zentrale Frage für die japanische Gesellschaft und zwar in jeder Lebensphase und die Autorin stellt eine der größten Ängste ihrer Landsleute in den Mittelpunkt ihres Romans, der mittlerweile als Serie für das Fernsehen verfilmt wurde. Anhand der Frauen der Familie Mikuriya beschreibt Harada die Weiterlesen
Leonardo Padura: Wie Staub im Wind
Es ist meine erste Begegnung mit Leonardo Padura und über Kuba wusste ich auch nur das übliche: Castro, Zigarren, Rum und Rumba. Dieses Buch ändert das, denn die Geschichte des Autors zeigt ein sehr differenziertes, lebendiges Bild von Kuba und die Liebe des Autors zu seiner Heimat ist spürbar. Es ist fesselnd, wie die Geschichte die Gesellschaft und das Leben in Kuba in all seiner Komplexität widerspiegelt; von den verlorenen Illusionen, Widersprüchen, den Vor- und Nachteilen des Lebens auf der Insel erzählt und mit einer kritischen, etwas traurigen Haltung, aber auch Liebe für die Menschen und ihre Bestrebungen, begleitet. Dabei thematisiert Padura stets die kubanische Diaspora. In diesem Roman schildert er das Leben einer Gruppe von Freunden (des Clans) und wie sie, obwohl aus verschiedenen Gründen in alle Winde verstreut, den Weiterlesen
Javier Marías: Tomás Nevinson
Ich benötigte mehr als 2 Wochen und „Zeit und Ruhe“ für Javier Marías letzten Roman. Und auch wenn der Roman im Thriller/Spionage Milieu angesiedelt ist, liest er sich nicht wie ein Blockbuster. Es gibt keine Verfolgungsjagden, wenig bis gar keinen Sex und Gewalt. Die Handlung, so wie sie ist, spielt sich hauptsächlich im Kopf des Erzählers ab. Der Protagonist, Tomás Nevinson hat sein Erwachsenenalter damit verbracht, ein Leben der List und Täuschung zu führen, was die Annahme zahlreicher Decknamen erforderlich machte. Jetzt, in seinen 60ern, blickt er zurück und überlegt, ob sich all dies gelohnt hat. Nevinson ist ein intelligenter Mann; belesen, kulturell vielseitig, introspektiv, nachdenklich, sensibel. Er kann aus dem Gedächtnis – und mehr oder weniger genau – Shakespeare, TS Eliot, Wilfred Owen, WB Yeats und viele mehr zitieren. Was ihn von der ersten bis zur letzten Weiterlesen
Pernille Hughes: Zehn Jahre du und ich
Wenn man der Liebe wegen die Heimat verlässt und in der Fremde sein Glück findet, lässt man sich auch für seine Liebesgeschichte und deren Charaktere etwas Besonderes einfallen – wie Pernille Hughes. Ihrer sterbenden Protagonistin Ally wird die Rolle der Kupplerin zuteil, damit die zwei Menschen, die sie am meisten liebt: Charlie, ihren Mann und Becca, ihre beste Freundin, zueinander finden können. Eine hoch emotionale Geschichte, deren Traurigkeit, Freude und Wut sehr spürbar sind. Mit gefällt, wie sich die Figuren von Charlie und Becca im Verlauf der Geschichte entwickeln, besonders der von Becca, die zum Schluss meine Freundin sein könnte. Und das spricht für die Autorin und deren Fähigkeit Personen zu entwickeln, Weiterlesen
Birgit Happel: Auf Kosten der Mütter
Zu lange haben wir uns an den Spruch „über Geld spricht man nicht“ gehalten und zu lange auf den Spruch „alles wird gut“ vertraut. Und so, wie es unseren Großmüttern und teils auch noch unseren Müttern ging, die in einer Ehe gefangen waren, weil sie sich eine Trennung aus wirtschaftlichen Erwägungen nicht leisten wollten oder konnten, wird es uns nie ergehen… Wirklich? Eine aussagekräftige Antwort, ob die eigenen, getroffenen Vorkehrungen ausreichen werden, erhalten Interessierte nachdem sie sich durch das Buch gearbeitet haben. Und wer sich mit diesem Thema noch nicht auseinandergesetzt hat, bekommt jetzt vielleicht eine Vorstellung davon, was zu tun ist, um finanziell selbstbestimmt Weiterlesen
Kathleen Glasgow: Girl in Pieces
Kathleen Glasgow zeichnet in ihrer Geschichte ein tief bewegendes Portrait einer jungen Frau, die mit 17 Jahren schon mehr erlebt hat, als andere in ihrem ganzen Leben. Es ist ein intensiver Blick auf das Leben von Charlotte, genannt Charlie, auf ihr selbstverletzendes Verhalten, ihren Weg zur Heilung und auf die Menschen, die ihr auf diesem Weg begegnen. Und so, wie der Protagonistin nichts geschenkt wird, ergeht es auch den Leser: innen, denn es geht um physischen Missbrauch und Gewalt, Drogenmissbrauch, Alkoholismus, Selbstverletzung, Selbstmord, Obdachlosigkeit und Homosexualität. Im Gegensatz zu dieser schonungslosen Thematik steht der bisweilen poetische Schreibstiel der Autorin. Und so ist Charlie für mich ein äußerst liebenswerter Charakter, auf den sich die meisten Leser einlassen Weiterlesen
Emily Winston: Der Mordclub von Shaftesbury
Vorne weg gesagt: all diejenigen, die skandinavische Krimis zu ihrer Lieblingslektüre zählen, kommen bei diesem Krimi nicht auf ihre Kosten. Kein Blut, das aus den Seiten fließt, keine Nackenhaare, die sich vor Spannung aufstellen. Stattdessen britischer Humor, viel Lokalkolorit, eine stimmige Geschichte und liebenswerte, skurrile, schön ausgearbeitete Charaktere, von denen mir Lilly, die 8-jährige Tochter des Tierarztes Sam besonders gefällt. Sie ist keine vorlaute Göre, gibt nichts von sich, was einer 12-jährigen zur Ehre gereichen würde, sondern führt altersgerechte Dialoge und ist eine echte Bereicherung für die Geschichte. Und den, der die britische, ländliche Lebensart schätzt und es sich zum Lesen gerne gemütlich auf der Couch macht, erwarten 319 Seiten unterhaltsame Lektüre über eine vermeintliche, Weiterlesen
Jennie Fields: DIe Unteilbarkeit der Liebe
Dieser historische Spionageroman von Jennie Fields hat alles was man in diesem Genre erwartet: Spannung, Liebe, Verrat und Hochverrat, Helden, Bösewichte, schöne Frauen und schicke Männer. Und er hat Tiefgang, denn es geht um gewaltige moralische Entscheidungen und darum, wie 3 Menschen, die im 2. Weltkrieg geistig und körperlich tief verletzt wurden und um die Ursachen, die dazu geführt haben, dass sie sich gegenseitig heilen. Das Ganze spielt im Chicago der 1950er Jahre vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und man weiß: egal hinter welchem Geheimnis der Feind – Russland – her ist, jedes Mittel wird ihm recht sein, das Objekt der Begierde zu bekommen. Die Autorin verwebt gekonnt die unterschiedlichen Weiterlesen