Philipp Gurt: Helvetia 1949

Das Buch zeigt eine Schweiz die sich völlig von der jetzigen unterscheidet. 1947 ist die Schweiz, auch gebeutelt durch den 2. Weltkrieg, ein Land das technisch relativ rückständig ist. Es gibt in der Schweiz eine halbe Million Telefone und Autos sind eine seltenheit. Die Rückständigkeut zeigt sich bei diesem Kriminalroman durch die Ermittlungstechnik. Man kennt zwar neuerdings die Fingerabdrucktechnik aber sie ist nicht unumstritten. Sehr gut beschreibt der Autor die Ermittler. Neben dem bodenständigen Landjäger Caminada, der von Rechtschreibschwäche gequält ist, hat er einen pfiffigen jungen technisch versierten Erkennungsbeamten gestellt. Es ist schon nett zu lesen wenn sich die Beiden mit Ihren Velotöfflis die Berge hochquälen, weil keine Motorräder aus Geldnot beschafft werden können. Die schweizerischen Begriffe sind lustig zu lesen. Weiterlesen

Film: Master Cheng in Ponhjanjoki ab heute auf DVD und Blu-Ray

Wie schön, dass es noch anspruchsvolle Filme gibt, die dennoch glücklich machen. Man bekommt bei dem Film Lust auf Natur, Stille, Romantik und unbedingt auf chinesisches Essen! Eine wunderbar geglückte Mischung aus cleverer finnischen, Gleichmut, Lebensfreude und Toleranz gemischt mit chinesischer Tradition, Tiefgründigkeit und Weisheit.

Man muss die beiden einfach lieben. Master Cheng, der in Pohjanjoki strandet auf der Suche nach einem Freund und Sirkka, die sich seiner erst einmal annimmt. Doch schnell wandelt sich das Blatt und Master Cheng hervorragende Kochkünste machen aus Sirkkas Schnellrestaurant eine von Touristen und Einheimischen geliebten chinesischen Gourmettempel. Und das am Ende der Welt, irgendwo im Nirgendwo von Finnland.

Nicht umsonst wurde der Film mit dem Publikumspreis der Nordischen Filmtage 2019 ausgezeichnet. Wenn Sie sich eineinhalb Stunden wirkliche Ausgeglichenheit, Romantik, Hoffnung, Natur, wunderbare Menschen und auch ein Glückstränchen gönnen wollen, ist dies der absolut richtige Film. Aber vorsichtig, danach haben Sie einen unbändigen Hunger auf chinesisches Essen.

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Jakobs Schweigen, Anja Goerz

Michael Ahlendorf, ein für sein Engagement für Schwule und Lesben bekannter Rechtsanwalt, wird erschossen in seinem Büro aufgefunden. Hat jemand aus der rechten Szene zugeschlagen? Genug Drohbriefe gab es, denn Ahlendorf war selbst mit einem Mann, Daniel seit achtzehn Jahren verpaart. Zusammen ziehen sie ihren Sohn Jakob auf, der Michaels leibliches Kind war und von einer Leihmutter in den USA ausgetragen wurde. Dass eine Zeugin Jakob am Tag des Mordes im Büro seines Vaters gesehen hat, kommt wie ein Schock. Trotz seines jungen Alters sind die Indizien so erdrückend, dass Jakob in Untersuchungshaft genommen wird.

Er schweigt zu allem. Anscheinend ist seine Großmutter die einzige, die ihn für unschuldig hält. Selbst sein Dad Daniel hat seine Zweifel. Oder ist bei ihm auch alles nur Show und es ist Daniel, der Michael auf dem Gewissen hat.

Ein sehr spannender und solider deutscher Thriller mit vielen Wendungen.

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Madeleine und Florian Ankner: Apfelküche

Zitat vom Vorwort: Der Anblick eines Apfels weckt unsere schönsten Kindheitserinnerungen: Auf Bäume klettern, in saftige Früchte beißen und das Leben genießen. Meine Version: durch das Dorf streunen, schauen wo es schon reife Früchte gibt und sich daran laben.

Auch ich hatte das Glück auf dem Land in einem ganz kleinen Ort aufzuwachsen. Als Kinder spielten wir Sommer, wie Winter nur draußen. Fernseher kamen gerade erst auf. Wir gehörten zum Ort und alle Gärten standen uns offen. Wir konnten es kaum erwarten die ersten Kirschen zu Stibitzen, die ersten Mirabellen, dass sie reif wurden, die Pflaumen und Zwetschgen. Und dann ab August der erste Augustapfel. Wir Kinder kannten ihn nur als Augustapfel. Heute weiß ich, dass er Klarapfel heißt. Den musste man immer frisch vom Baum essen, wurde er zu alt, war er mehlig. Weiter in den Herbst hinein von Cox Orange, Gravensteiner bis hin zum Boskoop. Mein Großvater kannte alle Apfelsorten. Irgendwann war es Schluss mit dem Pflücken am Baum. Der Rest wurde eingelagert und unsere Mutter hat uns bis ins Frühjahr hinein die verschrumpelten Äpfel geschält Weiterlesen

Film: Play, DVD und Blu-Ray, Constantin Film

Unverfälschter kann ein gemeinsames Leben gar nicht dargestellt werden, als wenn es mit einer Kamera aufgenommen wurde. Mit dreizehn im Jahr 1993 bekommt Max seine erste Kamera. Für die nächsten fünfundzwanzig Jahre wird sie ihm ein ständiger Begleiter. Vor allem, um seine drei besten Freunde, allen voran Emma, aufzunehmen. Von der ersten Party, über den Verlust des Vater bis hin zur ersten Liebe. Doch selbst als Erwachsener, bei der Geburt seiner Tochter Lou, ist die Kamera immer dabei. So auch im größten Moment in seinem Leben, hält er ihn auf Film fest. Er sagt Emma endlich, was er seit seiner Kindheit schon immer sagen wollte.

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Terror – Das Recht braucht eine Bühne, Bernd Schmidt (Hrsg.)

Terror – Das Recht braucht eine Buehne von

Terror, das Bühnenstück von Ferdinand von Schirach hat sich zu einem der erfolgreichsten neuen deutschen Theaterstücke entwickelt. Denn es versucht den Menschen Denkanstöße zu geben, ob die Moral über das Recht gestellt werden kann und welche Auswirkungen das haben könnte.

Ein viel diskutiertes Stück bei Kritikern, Theaterwissenschaftlern, Politikern, der Bundeswehr, Philosophen, Juristen, Lehrern und vor allem dem Publikum. Sogar in Schulen wird das Theaterstück aufgegriffen, um bei den jungen Menschen einen Diskurs über das Recht und das Rechtsempfinden der Menschen anzuregen. In diesem Arbeitsbuch wurden Hintergründe, Essays, Analysen und auch Ferdinand von Schirachs Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 abgedruckt.

Für Schirach Kenner ist diese Zusammenstellung ein zusätzliches Bonbon mit höchst interessanten Debatten und Ansichten. Man sollte jedoch das Theaterstück wenigsten gelesen haben, um die Diskussionen in dem Buch verfolgen zu können. Sehr geeignet auch für Lehrer, die Terror in ihren Klassen durchnehmen möchten.

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Elke Nansen: Tödliches Wattenmeer, Ostfrieslandkrimi

Der Herbst ist da, die Abende werden immer länger. Und wer hat macht sich den Kamin an. Da passt es genau, dass der 9. Band von Elke Nansen erschienen ist. Aber auch schon sehnsüchtig erwartet. „Tödliches Wattenmeer. Wie alle Krimis von Elke Nansen lassen sich diese sehr gut lesen. Sie sind voller Spannung, Irrungen und Wendungen. Man fiebert mit den Personen mit und ist doch überrascht von der nicht zu erwarteten Lösung. Frau Nansen muss Ostfriesland lieben, denn die detailgenauen Beschreibungen lässt einen an den Orten mitleben. Weiterlesen

Serie: White Gold Staffel I und II, DVD und Blu-Ray, BBC/Polyband

Typisch Achtziger, typisch englischer Humor und die Originalmusik dieses Jahrzehnts. Die DVD wirbt mit: Sex, Drugs und Doppelverglasung. Da haben sie sehr recht. Sexistisch, mit Macho-Allüren und immer ein bisschen kriminell verkauft Vincent Swan 1985 Fenster, denn das Jahrzehnt der PVC-Fenster hat selbst in Essex Einzug gehalten. Dabei verkauft er seine tote Oma, bietet erotische Dienste an und macht vor nichts Halt, um einen Verkaufsabschluss zu tätigen!

Ich musste als Frau hier und da richtig schlucken und fragte mich, war die Zeit so? Sie war es und eigentlich ist es angenehmer über die sogenannten Gags der DVDs zu lachen, als sich an die Zeiten zu erinnern. Denn damals wurden wirklich solche und andere erfolgreiche Geschäfte im Puff gefeiert. Vertreter waren wesentlich penetranter, man an die Unmengen von Drückerkolonnen denkt, die Zeitschriften-Abos verkaufen wollten. Diskotheken waren in der Regel ein Fleischmarkt und das Frausein noch sehr eingeschränkt. Das spiegelt White Gold ganz richtig. Es wird natürlich maßlos übertrieben und das lässt einen unter anderem Schmunzeln. Außerdem spielt Ed Westwick den Verkaufs-Dandy so authentisch, dass man die Hände vor den Kopf schlägt. Vor allem, wenn im Hintergrund Another One Bits the Dust läuft.

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Benjamin Moser: „Sontag – Die Biographie“

Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte

In seiner fulminanten Biographie bringt uns Benjamin Moser anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Aussagen von Freunden und Zeitgenossen das Leben der Essayistin, Publizistin, Romanschriftstellerin und Theaterregisseurin Susan Sontag nahe. Die Jury des renommierten Pulitzerpreises begründete ihre Wahl folgendermaßen: „Ein richtungsweisendes Werk, erzählt mit Pathos und Anmut, die das Genie und die Menschlichkeit der Schriftstellerin mit all ihren Abhängigkeiten, sexuellen Ambiguitäten und volatilen Leidenschaften einfangen“. Weiterlesen

Der rote Apfel, Mi-Ae Seo

Der rote Apfel von Mi-Ae Seo

Es stimmt schon, wenn die Pressestimmen von der koreanischen Antwort auf Das Schweigen der Lämmer sprechen. Vieles erinnert bei der Befragung des Serienmörders Lee Byongdo an die Filmszenen. Jedoch geht es in dem Buch viel mehr um die spannende Frage, warum wurde der Mann zum Serienmörder? Was kann einem Kind passieren, dass es anfängt zu töten? Eine gruselige Vorstellung, denn die Kriminalpsychologin Sonkyong versucht nicht nur dem im Todestrakt sitzenden Mörder seine Geheimnisse zu entlocken. Viel mehr versucht sie die Tochter aus der ersten Ehe ihres Mannes zu verstehen. Das elfjährige Mädchen ist verstört durch den Tod ihrer Mutter und den plötzlichen Tod ihrer Großeltern. Jetzt muss die junge Kriminalpsychologin auch noch eine Mutter für das eigenartige Kind, Hayong, werden. Das Grausame an diesem Thriller ist, wie die Psychologin anfängt den Serienmörder zu verstehen und dabei immer mehr Parallelen zu ihrer Stieftochter ziehen muss.

Ein guter Thriller, der für Europäer bestimmt am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Denn im Schreibstil sowie in den Beschreibungen ist sehr viel Koreanisches. Und das ist auch gut so, das gibt diesem Thriller erst den Kick!

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