Der rote Apfel, Mi-Ae Seo

Der rote Apfel von Mi-Ae Seo

Es stimmt schon, wenn die Pressestimmen von der koreanischen Antwort auf Das Schweigen der Lämmer sprechen. Vieles erinnert bei der Befragung des Serienmörders Lee Byongdo an die Filmszenen. Jedoch geht es in dem Buch viel mehr um die spannende Frage, warum wurde der Mann zum Serienmörder? Was kann einem Kind passieren, dass es anfängt zu töten? Eine gruselige Vorstellung, denn die Kriminalpsychologin Sonkyong versucht nicht nur dem im Todestrakt sitzenden Mörder seine Geheimnisse zu entlocken. Viel mehr versucht sie die Tochter aus der ersten Ehe ihres Mannes zu verstehen. Das elfjährige Mädchen ist verstört durch den Tod ihrer Mutter und den plötzlichen Tod ihrer Großeltern. Jetzt muss die junge Kriminalpsychologin auch noch eine Mutter für das eigenartige Kind, Hayong, werden. Das Grausame an diesem Thriller ist, wie die Psychologin anfängt den Serienmörder zu verstehen und dabei immer mehr Parallelen zu ihrer Stieftochter ziehen muss.

Ein guter Thriller, der für Europäer bestimmt am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Denn im Schreibstil sowie in den Beschreibungen ist sehr viel Koreanisches. Und das ist auch gut so, das gibt diesem Thriller erst den Kick!

Fotocopyright: STudio Sillok

Mi-Ae Seo wurde in Korea geboren und lebt in Seoul. Ihre Thriller sind in Korea regelmäßig auf der Bestsellerliste, sie ist außerdem erfolgreiche Drehbuchautorin. „Der rote Apfel“ wurde in mehrere Länder verkauft, eine Verfilmung ist bereits in Planung.

 

Ein kleines Mädchen im Nachthemd entflieht einem Feuer, in dem ihre Großeltern umkommen. Sie drückt einem Polizeibeamten eine Visitenkarte in die Hand und sagt: Rufen Sie meinen Vater an.

Hanyongs Vater ist Chirurg und seit einem Jahr wieder verheiratet. Seine Frau Kriminalpsychologin wurde gerade erst von dem Serienmörder Lee Byongdo angefordert. Der Mann, der im Todestrakt immer schwieg, will sich ihr offenbaren. Beim ersten Treffen scheint er mit ihr zu spielen, doch bereits nach zehn Minuten bricht er das Interview an. Er bittet sie einen saftigen großen Apfel für das nächste Mal mitzubringen. Sonkyong spürt intuitiv, dass der brutale Frauenmörder in seiner Kindheit Schreckliches erleiden musste. Sie ist bereit ihn weiter zu treffen. Obwohl sie eigentlich ihre ganzen Kräfte auf ihre Arbeit fokussieren muss, hat sie ein elfjähriges Mädchen im Haus. Und ihr Ehemann ist nicht gerade eine große Hilfe, wenn es um seine Tochter geht. Während er sich in die Arbeit flüchtet, bleibt alles an seiner Frau hängen. Denn die Kleine ist nicht nur verstört, sie ist trotzig und aggressiv. Durch die Interviews mit dem Serienmörder versteht Sonkyong plötzlich, dass nicht Strafe die Lösung für ihre Stieftochter ist, sondern Liebe. Die Strategie scheint auch aufzugehen, bis die Schule ihrer neuen Tochter sie einbestellt. Angeblich hat Hayong eine Katze mit einem Messer quälen wollen und dabei einen Mitschüler verletzt.

Als Leser sieht man die schwarze Welle auf Sonkyong zurollen doch nicht wirklich einen Ausweg. So bleibt der Thriller bis zum letzten Satz spannend. Vor allem weil die Autorin mit Perspektivenwechsel arbeitet. Alle kommen bei der Geschichte zu Wort, der Serienmörder, die Kriminalpsychologin und ganz zum Schluss auch das kleine Mädchen. Und so ist die Überraschung am Ende nicht voraussehen.

Anfänglich musste ich mich in die ausschweifenden Beschreibungen und den ungewohnten Umgang der Protagonisten miteinander gewöhnen. Doch schnell ist man in der Geschichte, die trotz aller Moderne, doch von der koreanischen Kultur geprägt ist. Das macht das Buch so interessant. Es ist nicht nur ein sehr solider Thriller, es ist ein Blick in die Abgründe eines anderen Kulturkreises.

Der rote Apfel, Mi-Ae Seo, Heyne Verlag, Taschenbuch Klappen broschiert, gebunden, Seiten 349, ISBN: 978-3-453-42335-0, Euro 12,99.

 

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