Benjamin Moser: „Sontag – Die Biographie“

Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte

In seiner fulminanten Biographie bringt uns Benjamin Moser anhand von Tagebuchaufzeichnungen und Aussagen von Freunden und Zeitgenossen das Leben der Essayistin, Publizistin, Romanschriftstellerin und Theaterregisseurin Susan Sontag nahe. Die Jury des renommierten Pulitzerpreises begründete ihre Wahl folgendermaßen: „Ein richtungsweisendes Werk, erzählt mit Pathos und Anmut, die das Genie und die Menschlichkeit der Schriftstellerin mit all ihren Abhängigkeiten, sexuellen Ambiguitäten und volatilen Leidenschaften einfangen“.

 

Ben Moser
Foto by Beowulf Sheehan

Benjamin Moser, geboren 1976 in Houston/Texas, lebt in den Niederlanden, wo er an der Universität Utrecht promovierte. Er verfasst regelmäßig Beiträge für „Harper’s Magazine“ und „The New York Review of Books“, veröffentlichte 2013 eine Biographie von Clarice Lispector und gibt deren Werke neu heraus.

Analog zu ihren Schriften entfaltet der Autor die Lebensgeschichte Sontags: ihre Mutter und Großmutter posieren in einer Filmsequenz über den Mord an den Armeniern in einem der ersten Hollywoodmonumentalfilme. Die bekanntesten Werke Susan Sontags sollten später „Über Photographie“ und ihr letztes Werk „Das Leiden anderer betrachten“ werden. Als Schülerin wurde sie mit Fotos aus den nationalsozialistischen Vernichtungslagern konfrontiert und schildert ihr Entsetzen. Als „Judensau“ beschimpft, rettet sich Susan in die Welt der Bücher, liest Plato, Kant, Hegel, Thomas Mann. Als sie in die Schülervertretung gewählt wurde, sagte ihr eine Mitschülerin, sie habe ihr ihre Stimme gegeben, damit keine Juden in das Gremium gewählt werden – da war aus Susan Rosenblatt bereits Susan Sontag geworden. Schon früh geht sie an kalifornische Universitäten und nach Chicago auch als Flucht aus einem restriktiven Elternhaus und wird mit 17 Jahren Mutter und Frau eines Universitätsdozenten.

Sie verlässt beide, geht nach Harvard und Europa und taucht in die Intellektuellenszene New Yorks ein. Ihren literarischen Durchbruch erzielt sie mit dem Werk „Anmerkungen zu Camp“ von 1965, das ein Spiegel ihrer Zeit der sechziger Jahre reflektiert mit seinen Verwischen von Grenzen hinsichtlich Geschlechtlichkeit, besonders von Homosexuellen, Autoritäten, der Ernsthaftigkeit der Hochkultur. Kritiker bezeichneten den Essay als „Flucht vor dem Leben und seinen realen Verpflichtungen – gefährlich für die Gesellschaft, krank und dekadent“. Ein Jahrzehnt später beschreibt Sontag in „Über Fotografie“ (1977), wie Menschen von Bildern vereinnahmt werden, wie Bild und Repräsentation dem Ding oder der Person vorgezogen werden und sich ein Fotograf, vor die Wahl gestellt, eine Aufnahme zu machen oder sich für das Leben eines anderen einzusetzen, für die Aufnahme entscheidet. Der Gedankenreichtum lag darin, andere anzuregen und neue Ideen zu entwickeln und gilt heute noch als Bibel der Fotografie. Gleichzeitig kann ein Fotograf Spanner und Voyeur sein, sein Werk Konsumkitsch, das Werkzeug zur Überwachung und zur Abtötung des Gewissens. Das Kameraauge verwandelt und verfälscht die Wirklichkeit – für Sontag ein Grund des Misstrauens. Letztlich ist eine Fotografie eine Metapher – eine Sache, die für eine andere steht – und Sontag hat eine Abneigung gegenüber Metaphern und diese Liebe und der Hass als Spannung machen den Reiz des Buches aus. Die komplizierte Beziehung zwischen einer Metapher und der „Sache, die sie repräsentiert, pervertiert, entstellt und erschafft“ wird an hunderten von Beispielen erläutert. 1978 erfolgt „Krankheit als Metapher“, indem Sontag untersucht, wie über Krebs gesprochen und nicht gesprochen wird – ohne auf ihre eigene Krebserkrankung eingehen zu können. Krebs gilt als stigmatisierende Krankheit derjenigen, die alles in sich anhäufen und unterdrücken wie Aggressionen und sexuelle Gefühle. Vor allem die Erkenntnis, dass der Ruf der Krankheit das Leiden der Erkrankten verschlimmerte, empörte Sontag in einem Essay 10 Jahre später. Es seien die Metaphern rund um den Krebs als moralische und psychische Schwächung, die die Leute umbrächten. Es sei eine „ernste Krankheit ohne Bedeutung, nicht eine Mystifikation des Todes“.1989 folgte das Gegenstück „Aids und seine Metaphern“, wo Sontag eine Verbindung herstellte zwischen Interpretationen durch Sprache oder Metaphern und der realen Welt wie Körper, Politik, Medizin, die in wissenschaftlichen und nicht moralischen Kategorien zu behandeln seien in einer Zeit, als Aids einem Todesurteil glich. Metaphern wie der Körper als Festung, die es zu verteidigen galt konnten schnell zu Lügen und Verdunkelung ausarten. Mit diesem Buch setzte sie sich am stärksten mit Homosexuellenrechten auseinander.

Auch die reale politische Situation führte zu Engagement und Veröffentlichungen wie der Vietnamkrieg („Die Fahrt nach Hanoi“), der Bosnienkrieg, wo sie Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“ im Bombenhagel von Sarajewo inszeniert

Daneben veröffentlich sie Artikel über Kunst, Literatur u.a. in der „New York Times“ neben Romanen – der bekannteste wird „Der Liebhaber des Vulkans“: eine Dreiecksgeschichte im 18. Jahrhundert zwischen dem englischen Botschafter in Neapel, der Attitüdendarstellerin Emma Hamilton und dem britischen Admiral Horatio Nelson. Zusammenfassend schreibt der Autor Benjamin Moser:

„Sie zeigte, wie man den Errungenschaften der Vergangenheit verbunden sein kann, während man das eigene Jahrhundert freudig begrüßt. Sie legte Zeugnis ab für eine grenzenlose Bewunderung von Kunst und Schönheit – und eine grenzenlose Verachtung von intellektueller und spiritueller Vulgarität. Generationen von Frauen beeindruckte sie als eine Denkerin, die keine Furcht vor Männern kannte. Sie stand für Selbstoptimierung – für die Kunst, mehr aus sich zu machen, als von jemandem erwartet wurde. Sie symbolisierte die Autorin, die sich auf einem weiten Themenfeld betätigte, ohne in Überspezialisierung oder Dilettantismus zu verfallen. Sie repräsentierte die Hoffnung auf ein Amerika der Toleranz und Diversität … Sie stand für die soziale Rolle der Künstler und zeigte, wie Künstler politischer Tyrannei widerstehen können. Und sie hielt die Hoffnung und Fortdauer der Kultur in einer Welt am Leben, die von Gleichgültigkeit und Grausamkeit bedroht ist“.

Das Buch ist mit 805 Seiten „ein Schwergewicht der Literatur“ („New York Times“), wird jedoch nur durch seine Länge der Komplexität, auch der Widersprüchlichkeit dieser faszinierenden Frau gerecht. Nehmen Sie sich die Zeit, diesem Leben zu folgen – es lohnt sich!

Benjamin Moser „Sontag – Die Biographie“, Penguinverlag, 2020, 924 Seiten, ISBN 978-3-328-60159-3, 40 Euro

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