Terror – Das Recht braucht eine Bühne, Bernd Schmidt (Hrsg.)

Terror – Das Recht braucht eine Buehne von

Terror, das Bühnenstück von Ferdinand von Schirach hat sich zu einem der erfolgreichsten neuen deutschen Theaterstücke entwickelt. Denn es versucht den Menschen Denkanstöße zu geben, ob die Moral über das Recht gestellt werden kann und welche Auswirkungen das haben könnte.

Ein viel diskutiertes Stück bei Kritikern, Theaterwissenschaftlern, Politikern, der Bundeswehr, Philosophen, Juristen, Lehrern und vor allem dem Publikum. Sogar in Schulen wird das Theaterstück aufgegriffen, um bei den jungen Menschen einen Diskurs über das Recht und das Rechtsempfinden der Menschen anzuregen. In diesem Arbeitsbuch wurden Hintergründe, Essays, Analysen und auch Ferdinand von Schirachs Festrede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 abgedruckt.

Für Schirach Kenner ist diese Zusammenstellung ein zusätzliches Bonbon mit höchst interessanten Debatten und Ansichten. Man sollte jedoch das Theaterstück wenigsten gelesen haben, um die Diskussionen in dem Buch verfolgen zu können. Sehr geeignet auch für Lehrer, die Terror in ihren Klassen durchnehmen möchten.

Bernd Schmidt wurde 1958 in Bochum geboren. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Anglistik an der Freien Universität Berlin. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs und lebt in Berlin.

Stellt man das Gesetzesrecht über das sogenannte Rechtsempfinden, auch wenn es sich gut anfühlt, führt das über kurz oder lang zu Anarchie. Unser Rechtsstaat würde sich auflösen und jeder könnte plötzlich alles tun, solange die Rechtfertigung unter der Prämisse steht, einen Terrorakt zu verhindern.

So auch der Kampfpilot in von Schirachs Theaterstück. Er schießt gegen seinen Befehl eine Passagiermaschine der Lufthansa kurz vor München ab, weil sie von Terroristen übernommen wurden. Deren Ziel war die mit 70.000 Fußballfans besuchte Allianz Arena. Dort wollten die Terroristen den Flieger zum Absturz bringen. Eine Aufrechnung von Leben, ein paar Hundert gegen siebzigtausend Menschen. Fühlt sich erst einmal richtig an, ist es rechtlich aber nicht. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Mann ist schuldig nach unserem Gesetz. Doch das Theaterstück schreibt kein Urteil vor, im Gegenteil, das Publikum urteilt als Schöffen nach der Anhörung aller Fakten. Das geschah auf vielen deutschen Bühnen und dann im Fernsehen. Das Resultat in den Theatern war in etwas 60:40 für einen Freispruch des Kampfpiloten. Die Abstimmung, die dann nach dem Fernsehfilm gemacht wurde, zeigte einen 87%igen Freispruch. Diese 87% sind immerhin gemäß Einschaltquoten ein absolut 20%iger Anteil aller Bürger Deutschlands. Zwanzig Prozent aller Bürger würden ein moralisches Urteil fällen, obwohl es nach unserem Gesetz eindeutig ein Mord an Hunderten von Menschen war.So fragt man sich, ob wir damit unseren Rechtsstaat und das Grundgesetz gefährden, wenn wir dem Volk die Entscheidung überlassen?

So resümiert auch der Autor in seiner Rede zu den Salzburger Festspielen 2017: „Noch nie ist ein Kunstwerk demokratisch entstanden, noch nie beruhte ein bedeutendes Buch auf Kompromissen und Prozesse werden nicht dadurch gewonnen, dass alle einer Ansicht sind. Voltaire wusste, dass es eben nicht nur eine Schwarmintelligenz gibt, sondern auch eine Schwarmdummheit, eine Schwarmbösartigkeit und eine Schwarmgemeinheit.“ Dennoch glauben die Bürger, sie können es besser als ihre gewählten Politiker. Für Rousseau stand fest, dass der Volkswille stets die richtige Entscheidung trifft. „Und nach Rousseau können ja Trump, Putin, Erdoğan oder der Brexit gar nicht falsch sein – eben weil die Menschen so entschieden haben.“

Ansicht der Rezensentin: In Ferdinand von Schirachs Rede wird schnell klar, warum ein Theaterstück wie Terror so wichtig ist. Jeder von uns muss in der schnelllebigen Zeit ab und zu innehalten und vor allem denken. Auch wenn denken, wie es mir scheint, aus der Mode gekommen ist. Jedoch nur liken, disliken und fühlen, das reicht nicht für einen verantwortungsbewussten Bürger einer Demokratie.

So haben dann auch Experten auf ihren Gebieten Stellung genommen zu diesem Theaterstück. Interessante Einblicke einer Kampfpilotin, von Philosophen, Politikern, Juristen und Theaterwissenschaftlern. Viel Zustimmung aber auch Kritik!

Jedes dieser Essays, Analysen und Hintergründe ist es wert, gelesen zu werden. Leider erscheint die Vita der Autorinnen und Autoren erst am Ende des Buches. Es wäre schön gewesen, diese kurz vor ihren Texten aufzuführen, damit man weiß, aus welchem Fachgebiet der Experte kommt. Denn ich gebe zu, ich kannte nur einen Teil der Autoren.

Ein Buch das sehr zu empfehlen ist, wenn man sich gerne mit den Werken von Ferdinand von Schirach auseinandersetzt. Ein großartiges Arbeitsbuch für Schulen. Es gebe noch viel von diesem interessanten Buch zu berichten, doch ich kann ihnen nur anraten, es zu lesen.

Terror – Das Recht braucht eine Bühne, Bernd Schmidt (Hrsg.), btb, Taschenbuch, Seiten 191 ISBN: 978-3-442-71959-4, Euro 12,00.

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