Vielen Menschen in unserer Republik sagt der Name Walter Rathenau nicht viel. Dabei ist Rathenau ein Politiker der am 24. Juni 1922 ermordet wurde. Kein Mord hat in dieser Republik je mehr Menschen zum Protest auf die Straßen gebracht als dieser an Walther Rathenau. Er war deutscher Reichskanzler in der Weimarer Republik und hat als weitsichtiger Politiker für Stabilität gesorgt. Von seiner Ausbildung als Unternehmer, als Jude, als Homosexueller und Künstler bot er rechtsradikalen Kreisen immer ein Angriffsziel für politische Hetze. Das vorliegende Buch zeigt deutlich die Zerrissenheit des Ausnahmepolitikers mit sich, seiner Familie und den Ansprüchen, die diese Republik an ihn stellte. Der Autor hat hier meisterlich ein Bild gezeichnet, dass wir in unserer Zeit auch auf dem Wege sind, den Kräften Boden zu überlassen, die dabei sind unsere Republik zu destabilisieren und unter ihre Kontrolle zu bringen. Weiterlesen
Johann Amos Comenius, Hrsg. Jürgen Overhoff: Große Didaktik – Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren
Wer wie ich in einem fast 400 Jahre alten Haus lebt, wundert sich nicht, dass die »Große Didaktik« von Johann Amos Comenius die Jahrhunderte überdauert und unzählige Generationen geprägt hat und offensichtlich kommende Generationen prägen wird – und das weltweit. Denn Comenius war ein Kosmopolit. Nicht, dass er alle ausländischen Einladungen wie zum Beispiel aus Amerika angenommen hätte. Aber er folgte dem Ruf nach Schweden und reformierte dort das Bildungssystem und wirkte unter anderem in England und Ungarn, um nur einige Stationen zu nennen. Im Gegensatz zu einem 400 Jahre alten Haus, das immer wieder Renovierungsarbeiten erforderlich macht, sind die Gedanken von Comenius von einer Allgemeingültigkeit, die beeindruckt: »Der Mensch ist zum Leben in Freiheit und Würde bestimmt: Dieses Plus Ultra wiegt mehr als Gesundheit und materielles Wohl« oder »Die Jugend muss gemeinschaftlich in Schulen gebildet werden« sind nur 2 von 33 Kapiteln. Comenius erlebte den 30-jährigen Krieg, musste flüchten, kannte die Pest und war Exilant. Aber vor allem war er ein hochgebildeter Mann, der erkannt hatte, dass Bildung den Menschen ausmacht. Comenius hat das, was er in seiner Großen Didaktik beschreibt, vorgelebt und ist für seine Überzeugungen fest eingetreten. Weiterlesen
Professor Albert und die Faszinierende Welt der Elektrizität, Sheddad Kaid-Salah Ferrón, Eduard Altarriba, Kindersachbuch ab 8 Jahre
Es ist mittlerweile das dritte Buch aus der Reihe, der Wissenschaft für Kinder, das wir hier besprechen. Man wird esvauch nicht müde, diese wunderbaren Kindersachbücher zu loben, denn sie sind in ihrem Konzept geradezu genial. Dieses Mal geht es um Elektrizität und dem damit eng verbundenen Magnetismus. Jedes Kind weiß, dass wir ohne Elektrizität ziemlich aufgeschmissen wären. Wir kochen damit, erleuchten alles, spielen auf dem Computer, benutzen das Internet und die Smartphones. Aber was ist dieses Ding, Elektrizität, eigentlich?
Wieder geben Sheddad Kaid-Salah Ferrón seines Zeichens Physiker und Pharmazeut und Eduard Altarriba, Grafiker und Illustrator kindgerechte Antworten, die Spaß machen und sehr, sehr lehrreich sind.
Susanna Partsch: „Wer klaute die Mona Lisa? Die berühmtesten Kunstdiebstähle der Welt“
Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte
Die Krimis in der Kunstgeschichte sind neben den Fälschungen die Kunstdiebstähle. Die Kunsthistorikerin und Autorin Susanna Partsch enthüllt mit akribischem Hintergrundwissen in Fallstudien Geschichten, die viele kennen: vom Raub der Mona Lisa über den Genter Altar, Rembrandt, den Schrei von Edvard Munch, van Gogh, Cezanne und Lucian Freud bis zur Saliera (Salzgefäß) des Benvenuto Cellini, den Gothaer Kunstraub, den Trierer Goldschatz und das Grüne Gewölbe. In dem spannenden Buch geht es um Verlust und Wiederauffindung, um Zerstörung und Angst, ob das Werk noch existiert, um die Täter und die Strippenzieher im Hintergrund. Der Kunstraub kann zum Performanceakt stilisiert werden; in Kunstaktionen werden Kunstdiebstähle in Film und Literatur thematisiert wie in dem Animationsfilm „Ruben Brand collector“, den das Eschborn K zum Tag der Architektur gezeigt hat. Durch den leeren Fleck an der Wand wird das Kunstwerk im Gedächtnis des Betrachters schmerzlich bewusst. Wie in den verpackten Architekturen und Landschaften von Christo und Jeanne Claude weckt das Verborgene oder nicht mehr Vorhandene eine neue „alte“ Erinnerung. Bei den Tätern handelt es sich nur in Ausnahmefällen um Frauen etwa als Mitwisserinnen. Manchmal wird wie in Palermo eine Kopie des gestohlenen Caravaggio durch ein aufwändiges Computer- 3D-Druckverfahren wieder hergestellt mit verblüffender Ähnlichkeit zum Original bis in den haptischen Pinselstrich hinein. Weiterlesen
Christian v. Ditfurth: Tanz mit dem Tod

Tanz mit dem Tod Der erste Fall fuer Karl Raben von Christian Ditfurth
Die Redaktion hat über die Jahre die Kriminalromane des Autoren von Ditfurth kennen und schätzen gelernt. Nunmehr hat er einen fulminanten historischen Kriminalroman vorgelegt, der einen wahrhaft neuen Stil des historischen Kriminalromans darstellt. Der Autor zeigt Leserschaft inneren Beweggründe der einzelnen historischen Personen und deren Beziehungen untereinander. Gleichzeitig stellt er aber auch den historischen Kontext aller Personen in der Geschichte dieser Zeit dar. Die besondere Rolle der SA und der SS untereinander, sowie der KPD und ihre Abhängigkeit von Moskau, werden so, realitätsnah, in Gesprächsform geschildert, dass man sich mitten in der Geschichte fühlt. Mit seinen zwei Protagonisten, dem Kriminalassistent Karl Raben und der Journalistin Lena hat er zwei sympathische Personen geschaffen, denen man die Angst, die in dieser Zeit bei vielen Personen vorherrscht, förmlich spürt. Weiterlesen
Cay Rademacher: Geheimnisvolle Garrigue
Obwohl dies der neunte Fall für Capitaine Roger Blanc und sein Team ist, sind keinerlei Ermüdungserscheinungen erkennbar. Ganz im Gegenteil. Die Geschichte ist spannend und fesselnd bis zur letzten Seite. Und für diese Geschichte verstärkt der Autor das Ermittlerteam mit dem jungen, engagierten Brigadier Yves-Laurent Sylvain. Wie für Sylvain ist es auch mein erster Fall, den ich mit Blanc und seinen Kollegen löse. Auch ohne die vorherigen Krimis dieser Reihe von Cay Rademacher zu kennen, finde ich mich gut zurecht und kann das Lesevergnügen, wie auch die anschaulichen Landschaftsbeschreibungen der Provence genießen. Allerdings frage ich mich, warum ich nicht schon eher die Bekanntschaft dieses Ermittlerteams gesucht habe! Capitaine Blanc ist ein Ermittler wie man sich ihn wünscht: Polizist mit Leib und Seele, respektvoll im Umgang mit den Kollegen, schätzt nicht nur – wie könnte es in Frankreich anders sein – gutes Essen und Wein, sondern hat auch ein bewegtes Liebesleben hinter sich. Seine unaufgeregte Art macht ihn sehr sympathisch. Schlüssig bettet der Autor die Geschichte um die zwei verschwundenen jungen Frauen in die Pandemie ein. Verdächtige gibt es so viele, wie Lavendel in der Provence. Sowohl für den aktuellen Fall als auch für einen 23 Jahre alten „Cold case“. Beide Fälle weisen Gemeinsamkeiten auf. Handelt es sich um einen Täter, der wieder aktiv wird oder um einen Trittbrettfahrer? Weiterlesen
Ein Lied vom Ende der Welt, Erica Ferencik mit Interview der Autorin

Valerie ist eine auf nordische Sprachen spezialisierte Linguistin, die jedoch nie reist, weil sie von einer lähmenden Angst beherrscht wird. Ausgerechnet der ehemalige Mentor ihres verstorbenen Bruders, ein Polarforscher, wendet sich plötzlich an sie. Er behauptet ein kleines Inuitmädchen im Eis entdeckt zu haben, das keine bekannte Sprache oder Dialekt spricht. Er braucht Valeries Hilfe, um mit dem Mädchen zu kommunizieren. Obwohl sie nicht wirklich weiß, warum sie sich darauf einlässt, reist sie zu der Forschungsstation am Polarkreis. Ausgerechnet an den Ort, an dem ihre Bruder Andy auf mysteriöse Weise im Eis starb. Die Kälte, die Einsamkeit und die stetige Erinnerung an Andy erträgt Val nur mit Beruhigungsmitteln und Alkohol. Dabei hat sie noch keine Ahnung, wie furchtbar es mit dem Geheimnis um das kleine Inuitmädchen Naaja bestellt ist.
Ein gutes Debüt über eine sehr fiktive Geschichte aus dem ewigen Eis, das seine Geheimnisse manchmal eben doch wieder preisgibt.
Der böse Hirte, Jeffery Deaver – Colter Shaw Reihe –

Jeffery Deavers Thriller sind Bücher eines Experten im Geschichten erzählten. Ein Autor, der über vierzig Romane geschrieben hat, die teilweise verfilmt und weltweite Millionenbestseller wurden, weiß einfach, was er tut. Seine neue Reihe um Colter Shaw den Prämien-Privatermittler führt zu einer Gruppe, die als Selbsthilfeorganisation getarnt, eher eine lebensgefährliche Sekte ist. Undercover ermittelt er dort als Neuzugang und muss schnell feststellen, dass Mord und Selbstmord ein Teil ihrer perfiden Philosophie darstellt.
Spannend und interessant, wenn auch sehr amerikanisch, was das Ambiente und die Mentalität der Protagonisten angeht. Dennoch wird man bestimmt die anderen Bücher der Reihe lesen wollen, denn es geht auch um einen zweiten Fall, dem Familiengeheimnis von Colter Shaw, der unterschwellig mitläuft.
Michael Jensen: Blutige Stille
Das vorliegende Werk, sticht unter den historischen Romanen besonders hervor. Der Autor versteht es den fiktionalen Teil mit den historischen Gegebenheiten so zu verweben, dass ein flüssiges und authentisches Gesamtbild der Weimarer Republik in den Anfang Zwanzigerjahre entsteht. Er bringt die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten in einen nachvollziehbaren Kontext, sodass ein Gesamtbild erscheint, das die darauf folgenden Jahre in ihrer politischen Auswirkung logisch sind. Mit der Gangsterfamilie Sass hat er Protagonisten geschaffen, die zwar so hätten sein können aber ist nie so waren. Glitzert und Glamour in Berlin der Zwanzigerjahre gemischt mit Not und Elend ergeben ein Bild, dass der Autor in hervorragender Weise zeichnet. Weiterlesen
Himmel oder Hölle, Mel Wallis de Vries, Jugendbuch

Mel Wallis de Vries ist spezialisiert auf Jugendbuchkrimis und Thriller. Immer in der Sprache der jungen Leute zwischen vierzehn und zwanzig kann sie sich in die Sorgen und Nöte der Heranwachsenden hineindenken. Auch in Himmel oder Hölle beschäftigt sie sich wieder mit den Unsicherheiten einer jungen Frau, die sich für zu dick, für zu uninteressant und langweilig hält. Dabei ist es gerade Danielle, die dem attraktiven Medizinstudenten Dante im Skiurlaub auffällt. In Amsterdam erscheint es ein Zufall, dass sie sich wiedersehen. Während beide eine Beziehung hinter dem Rücken ihrer Freundinnen anfangen, wird Dante immer undurchsichtiger. Bis Danielle sein schlimmes Geheimnis erfährt und dann ist es für sie schon fast zu spät. Weiterlesen