Zum 40. Jahrestag der Erstveröffentlichung hat der Ecco Verlag die Geschichte der Alleinseglerin neu aufgelegt. Für mich eine Entdeckung, die in all den Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat, sprachlich begeistert und überraschend modern ist. Als der Roman von Christine Wolters 1982 beim Aufbau Verlag, Ost-Berlin, veröffentlicht wurde, kam dem Buch und der Autorin nicht die Aufmerksamkeit zu, die beide verdient hätten. Selbst die Verfilmung der Romanvorlage durch die DEFA einige Jahre später änderte nichts daran. Aber die Autorin hatte etwas geschafft, was dem System unheimlich sein musste: sie hatte sich eine legale Umsiedlung nach Mailand erkämpft, um den Mann, den sie liebte, zu heiraten. Sie behielt ihren Pass, konnte in die DDR reisen und nach wie vor beim Aufbau Verlag veröffentlichen. Weiterlesen
Rabenkinder, Grit Poppe
Rabenkinder ist ein Krimi, wird sogar als ein Wende-Krimi bezeichnet. Damit spielt er um die Zeit des Mauerfalls und der Wiedervereinigung von BRD und DDR zu Deutschland. Die bedrückenden Erzählungen des zum Teil brutalen Jugendhof-Systems in der ehemaligen DDR sind wirklich schockierend. Denn wer als Jugendlicher oder sogar als Kind nicht anpassungsfähig war, wurde auf das Kollektiv eingeschworen, auch wenn dafür brutale Gefängnismethoden angewandt wurden. Mir persönlich hätte es besser gefallen, wenn Grit Poppe ein Jugendbuch aus der Thematik gemacht hätte oder einfach nur eine Erzählung. Denn die Idee ist sehr gut und spannend zu lesen, doch was den Krimi angeht, fehlen mir ein paar eklatante Dinge, die einen wirklich mitreißenden Krimi ausmachen. Auch hapert es ein wenig an authentischen Protagonisten.
Dennoch ist Rabenkinder gut zu lesen und hat seine Spannungsmomente, doch zum Krimi des Monats, würde ich ihn nicht wählen.
Ewald Arenz „Die Liebe an miesen Tagen“
In der Ankündigung steht: „Der neue große Roman von Spiegel-Bestseller-Autor Ewald Arenz“. Bis vor kurzen noch ein unbekannter Autor. Doch mit seinem Erstlingswerk, sensibel, einfühlsam und Lebensweise (Bayrischer Rundfunk über Alte Sorten) ist ein neuer Stern aufgegangen. Auch für mich, wenn ich nicht durch Zufall „Alte Sorten“ in die Hand bekommen hätte und ich von der Sprache und dem Schreibstil so begeistert gewesen bin, dass ich bei der Ankündigung dieses neuen Werkes von Ewald Arenz sofort die Bestellung aufgegeben habe. Und ich bin nicht enttäuscht worden. Ich kann mich nur den Worten von Dora Heldt anschließen: „Was da so ans Herz geht, und zwar mitten rein trifft, das ist die Sprache“.
Sabine Hofmann: Toten Winter, Historischer Kriminalroman
Authentizität, selbst erlebt oder auch von Erzählern übermittelt, machen Bücher bei der Leserschaft besonders eingängig. Das vorliegende Buch ist dafür ein Paradebeispiel. Der Kriminalfall spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Der sogenannte „Totenwinter“ 1947 im Ruhrgebiet spielt die Hauptrolle,in der es für die Menschen um das blanke Überleben ging. In dieser Nachkriegszeit kam praktisch alles zum Stillstand. Wie festgefroren waren Menschen und das wirtschaftliche Leben. Es war geprägt von der Beschaffung von Nahrung und Heizmaterial. Schwarzmarkt und Kohleklau waren angesagt und ging durch die gesamte Gesellschaft. Wir, die nach Kriegsgeneration, können dies aus schwacher eigener Erinnerung nachvollziehen. Das Buch macht uns aber bewusst wie es ist in einer solchen Situation zu sein. Dabei gehen meine Gedanken zu den Menschen im Winter, der jetzt in der Ukraine herrscht. Der Kriminalfall dreht sich um Schwarzmarktgeschäfte und um Regelungen der Produktionsmittel in der Stahlwirtschaft. Ein Buch, das unter die Haut geht. Weiterlesen
Xiaolu Guo: Eine Sprache der Liebe
Ich bin beeindruckt, wie die beiden Protagonisten eine gemeinsame Sprache – und nicht nur für die Liebe – finden und damit das Fundament für ein gemeinsames Leben legen. Sie, gleichzeitig die Ich-Erzählerin: eine junge Chinesin, ausgestattet mit einem 3-Jahres-Stipendium für ihre Doktorarbeit für das King’s College in London. Ihre Eltern starben kurz vor ihrer Abreise aus China. Sie will alles hinter sich lassen und es wird ein weiter Weg für sie in ein neues Leben. Er: Deutsch-Australier, Landschaftsgärtner mit Fernweh. Die Autorin, die sich als schonungslose Beobachterin zeigt, zeichnet ein lebendiges, nicht sonderlich schmeichelhaftes Bild ihrer neuen Umgebung und erzählt ihre Geschichte über Liebe, Multikulti, Immigration und Feminismus mit Charme und Poesie, schlicht und reduziert. In leicht bissigen Sätzen beschreibt sie die Hochs und Tiefs der Beziehung ohne jegliche Sentimentalität. Was die Geschichte vorantreibt, ist zum Teil die Spannung, die über der aufkeimenden Beziehung liegt: hat unsere Heldin einen riesigen Fehler begangen, indem sie sich mit einem Bootsliebhaber mit Fernweh einlässt? Aber da ist auch etwas fesselndes an dem Ausmaß der Welt, die die Erzählerin bewohnt. Das Buch bewegt sich flott von den Nordlondoner Kanälen nach Schottland, Australien, Deutschland und China. Auf diesem Weg gelingt es Guo, Momente tiefster Dunkelheit zu berühren und dabei beißend, witzig und – letztendlich – lebensbejahend zu sein. Die Autorin lässt ihren Charakteren Raum zu leben und zu leiden, was dem Buch eine schwer erkämpfte Qualität verleiht, die Gewicht trägt.

Foto: Getty Images
Xiaolu Guo wuchs in einer kleinen Stadt in Südchina auf und ist eine der interessantesten chinesischen Künstlerinnen ihrer Generation. Sowohl in China als auch international machte sie sich als Filmemacherin und Autorin einen Namen. 2013 gelang ihr der Sprung auf die „Granta’s list of Best Young British Novelists“. Ihre Romane wurden vielfach nominiert und ausgezeichnet, „Eine Sprache der Liebe“ stand auf der Shortlist für den Goldsmith-Preis. Xiaolu Guo lebt mit ihrer Familie in London und Berlin.
Eine junge Chinesin kommt nach London. Sie lässt alles hinter sich, will ein neues Leben beginnen. Doch in der fremden Kultur und der fremden Sprache fühlt sie sich zunächst nur einsam und verloren. Bis sie sich in einen australischen Landschaftsarchitekten mit britisch-deutschen Wurzeln verliebt. Eine vorsichtige Annäherung beginnt. Voller Neugier auf die Fremdheit des Anderen, aber auch voller kultureller Missverständnisse. Beide versuchen, eine tragfähige Sprache als Fundament ihrer Liebe zu finden. Kann diese Liebe für beide zu einer neuen Heimat werden? Authentisch, offen, aber auch mit viel Selbstironie beschreibt Xiaolu Guo die vielfältigen Verwirrungen zwischen West und Ost und erzählt eindrücklich von einer ungewöhnlichen Liebe.
Penguin Verlag – gebunden – 304 Seiten – 24 € – ISBN 978-328-60215-6
Olia Hercules, Mamusia, Familienrezepte aus der Ukraine
Mamusia – Mama ist die Neuauflage des 2015 erschienen Buches „Mamuschka“. So nannte Olia Hercules und ihre Geschwister ihre Mutter. Die Neuauflage mit dem Titel Mamusia soll die innige Beziehung zu ihrer Mutter und der Küche ihrer Kindheit noch besser dokumentieren, da ihre Mutter im jetzigen Kriegsgebiet in der Ukraine lebt. Olia Hercules schreibt selbst, wie wertvoll und wichtig die heimische Küche war. Das hat sie erst mit der Ausbildung zur Köchin und im Ausland erkannt. Mit dem Beginn des Krieges 2014 hatte sie nur noch einen Wunsch, möglichst viele Rezepte ihrer Kindheit aufzuschreiben, um sie vor dem Krieg zu schützen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Vorweg möchte ich erwähnen, dass ein Teil der Einnahmen vom Verkaufserlös gehen an ein Hilfsprojekt der Autorin in die Ukraine. Auch ich habe die Kosten und mehr für dieses Rezensionsexemplar dem Projekt gestiftet.
Tom Lin: Die tausend Verbrechen des Ming Tsu
Ein Western Roman der in jeder Hinsicht etwas Besonderes ist. In der Regel sind in Western Romanen die Helden gradlinige rechtschaffene Menschen die ihre Colts schneller ziehen können als andere. Im Roman kann dies der Held auch, aber es erscheint dass er eine besondere Lust am Töten hat. Der Held ist asiatischer Abstammung und rächt seine Artgenossen die beim Bau der Eisenbahn verheizt werden. Auf seiner Reise durch den Westen trifft er auf die verschiedensten Menschen mit denen er zum Teil hochphilosophische Dialog geführt. Auch die Landschaften die der Held mit einer Schausteller Truppe durchquert sind nicht derart weichgespült wie man es sonst in Western lesen kann. Ungewöhnlich aber bestens unterhaltende Literatur. Weiterlesen
Anja Marschall: Der Henker von Hamburg

In einer weltoffenen Stadt wie Hamburg ging es doch sehr provinziell zu, wenn es sich um das Geschlechterverhältnis ging. Gesellschaftlichen Klassen waren strikt getrennt und das Verhältnis zwischen Männern und Frauen beruhte darauf, dass die Männer zur Arbeit gingen und die Frauen sich an die 3K, Kinder, Küche, Kirche zu halten hatten. Da verwundert es nicht, wenn selbstständige Frauen aus diesem System ausbrechen oder versuchen dieses zu umgehen. Die Frau des Kommissar Hauke Sötjes kommt über eine gefeierte Sängerin in die höheren Kreise der Hansestadt und auch mit den Geheimnissen dieser Frau in Kontakt. Neben der spannenden Handlung sind besonders gesellschaftlichen Unterschiede bemerkenswert gut beschrieben. Weiterlesen
Naomi Alderman, The Future

The Future von Naomi Alderman
Ist das, das Ende der Zivilisation – Die Zukunft ist hier! Ist es relevant zu wissen, wie alt das Universum ist? Man hat errechnet 14,5 Milliarden Jahre. Ist es relevant zu wissen, wie alt die Erde ist? Man hat errechnet 4,5 Milliarden Jahre. Wenn man diese unfassbaren Zahlen liest, kommen die Zahlen der Entwicklung der Menschheit klein vor. Der Ursprung des Menschen soll vor ca. 200.000 Jahren gewesen sein. Vor Zehntausend Jahren soll der Mensch sich vom Sammler und Jäger zum sesshaften Bewohner entwickelt haben, mit Pflanzenanbau und Viehzucht. Das sind im Vergleich zu den Milliarden nur kurze Zeitabstände. Doch wir, ja wir, sind noch viel schneller. Im 19. Jahrhundert begann die Industrialisierung. Das heißt mit der Industrialisierung begann der Raubbau an der Erde mit Kohle, Gas und Erdöl. Das hat uns zwar den Fortschritt und unsere wirtschaftliche und industrielle Entwicklung ermöglicht, von der Dampfmaschine zum Computer zur KI. Die Pharmazie hat die Geburtenrate gesenkt. Die Ernährung wird gesteuert. Eine Überbevölkerung ist vorhanden. Doch was sind die Folgen. Noch nicht mal 200 Jahre sind vergangen, eine wirklich kurze Zeit und wir Menschen stehen vor dem Kollaps unseres Planeten. Der Klimawandel ist er noch zu stoppen? Nur in den letzten 20 Jahren haben sich die drei größten inhabergeführten Konzerne gebildet. Mit einem Reichtum der unvorstellbar ist. Ein Reichtum aufgebaut auf Raubbau an unseren Ressourcen. Die Gier nach Wirtschaftlichkeit. Nur zu erreichen mit einer immer größeren Population und das Ausspionieren über das Internet. Welche Bedürfnisse jeder hat, gibt diesem Wissen Macht! Können sie uns mit der KI beeinflussen? Können sie uns mit der KI beherrschen? Können sie mit der KI die Zukunft vorhersagen? Können sie mit ihrer KI erkennen, wann der Zenit übersprungen ist und es besser wäre sich abzusetzen? Wollen sie überhaupt ihr Tun und Handeln stoppen und anstatt ihren Reichtum zum Erhalt der Erde widmen?
Wir zwei – Unsere ersten Abenteuer, Limitierter Sammelband mit drei Geschichten, Michel Engler und Joëlle Tourlonias, Kinderbuch ab 4 Jahre
Die Sonderedition der „Wir zwei“ Geschichten, der Abenteuer von dem wuschelig weichen Hasen und dem witzigen stachligen Igel, beinhaltet gleich drei Geschichten und ein paar Überraschungen. Das Kinderbuch ab vier Jahre ist bezaubernd illustriert und berührt jedes Kinder- und Erwachsenenherz. Die Geschichten sind lehrreich und sofort bekommt man Bilder in den Kopf, wie zwei unterschiedliche Kinder dicke Freunde werden. Wie ihre Freundschaft auf die Probe gestellt wird, wie man traurig wird, wegen der besten Freundin, des besten Freundes und das mit ein bisschen Verständnis für den anderen, alles wieder gut wird. Ein niedliches Häschen und ein putziger Igel sind die Paten für diese Kinderfreundschaft und das macht die Geschichten umso verständlicher.
Das tolle Kinderbuch ab 4 Jahre ist zum Vorlesen, zum Lesen und auch nur zum Anschauen. Eine kleine Überraschung am Ende des Buchs wird jeden kleinen Fan von Igel und Hase sehr freuen. Als Kinderbuch erhält dieses sehr kindgerechte Buch von mir das Prädikat wertvoll.