Alle Artikel von Elke Rossmann

Richter morden besser, Thorsten Schleif

Siggi Buckmann seines Zeichens Richter beim Amtsgericht, hat seinen Idealismus, die Welt zu verbessern, bereits seit einiger Zeit vor dem Gerichtssaal abgelegt. Bürokratie und Berufungsverfahren, die seine Urteile aufheben sind an der Tagesordnung. Die üblen Kerle kommen immer wieder davon. Als jedoch der heroinabhängige Obdachlose Fredi an einer tödlichen Mischung stirbt, werden Siggis juristische Lebensgeister noch einmal geweckt. Denn Fredi hat einmal etwas für den Richter getan, dass der ihm niemals vergessen wird. So startet er mit einem befreundeten sehr fähigen Drogenfahnder, einem Oberstaatsanwalt und seinem türkischstämmigen Referendar ein fast aussichtsloses Unterfangen. Er will den Clan-Chef der örtlichen Drogenmafia drankriegen. Wer kann schon ahnen, dass er damit das Leben seiner Freunde und auch seiner eigenen Familie gefährdet. Doch aufgeben ist nicht, zur Not greift man zum letzten Mittel, denn wenn ein Richter nicht weiß, wie man mordet, wer dann?

Das Buch ist nicht nur spannend mit einem sehr präsenten und ernst-traurigen Hintergrund, es schafft den Balanceakt, dabei auch noch triefend ironisch und witzig zu sein. Thorsten Schleif kann schreiben und die Leichtigkeit seiner Geschichte verliert nie die Brisanz, wenn es um das teils marode deutsche Rechtssystem und die Macht von kriminellen Clans geht. Ein großartiger neuer Romanautor betritt die deutsche Krimiszene!

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Stiller als der Tod, Dario Correnti

Eher ein unaufgeregter Krimi als ein Thriller und das passt auch so viel besser zu den beiden Protagonisten. Denn Marco Besana und Ilaria Piatti, die beiden Kriminaljournalisten sind eher die typischen Antihelden. Besana ist bereits in Rente und nur noch als freier Journalist unterwegs und Ilaria hängt mehr oder weniger ohne Vertrag und Anstellung in der Luft. Doch beide sind scharfe Hunde, wenn es um Mord geht. So ist der Tod eines betuchten Italieners in der Schweiz, ein gefundenes Fressen für sie. Denn die beiden glaube keine Sekunde, dass er ein Fressen für den Bären wurde, dem man diesen Tod anlastet. Vielmehr scheint er zu einer weiteren Reihe von Giftmorden zu gehören, denen die beiden Journalisten immer näherkommen. Leider auch privat!

Gute und spannende Unterhaltung, ohne viel Schnickschnack und Aktion. Ein echt solider und lesenswerter Krimi.

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Am Ende der Unschuld, Silke Ziegler

Es ist definitiv ein Krimi, auch wenn es wie ein Thriller anfängt. Wer es aber eher sanft liebt und zwischendurch mal tief Luft holen will und seufzen mag, weil die Liebe ja so schön ist, der ist hier genau richtig. Milla ist eine mäßig erfolgreiche Journalistin bei einem kleinen Käseblatt in Frankfurt. Außerdem ist sie gerade im Begriff, sich von ihrem untreuen Ehemann scheiden zu lassen. Als Millas Chefredakteur ihr anbietet den Vergewaltiger und Mörder Robert Hoffmann im Pariser Gefängnis zu interviewen, sagt sie sofort zu. Der ehemalige deutsche Star am Journalistenhimmel wurde zu einer lebenslangen Haft wegen Mordes an seiner Verlobten, der Schauspielerin Simone Dubois verurteilt. Obwohl er gegenüber der Presse immer geschwiegen hat, will er jetzt nur mit Milla reden.

Krimiunterhaltung, die einem das Herz nicht schneller schlagen lässt, es sei denn, man fährt auf knisternde Gefühle und in der Luft liegende Erotik ab. Gute Unterhaltung für einen oder zwei verregnete Urlaubstage. Und dann lassen Sie sich mal überraschen, ob man das Buch dann wirklich auch mit einem weiteren Seufzen zuschlägt.

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Henry, Florina Gottschick

Henry ist nicht die übliche Zwölfjährige. Sie ist anstrengend, witzig, voller Fantasie und leider sehr selbstständig. Zwar hat sie ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater, doch mit der Mutter hapert es. Sie beiden verstehen sich nicht. Als Marion ihren neuen BMW mit schlafender Tochter auf der Rücksitzbank nur einen Moment vor der Haustür stehen lässt, wird das Auto geklaut, denn die Schlüssel lagen noch im Wagen. Das Kind ist weg! Eine Entführung!

Wer so dusselig ist und so einen scharfen BMW mit Schlüssel stehen lässt, verdient es nicht anders, denkt Sven. Nur als die Kleine hinten aufwacht und ihn an der Tankstelle aussperrt, wird es kritisch. Sie flieht nicht, sondern will mit ihm kommen, ein Abenteuer erleben. Und so fängt das Roadmovie, würde man beim Film sagen, an. Witzige, erfrischende und sehr liebenswerte Story über drei junge Menschen, die eine außergewöhnliche Zeit miteinander verbringen. Hat mich in seiner Dynamik hier und da an tschick von Wolfgang Herrndorf erinnert.

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Unsere anarchistischen Herzen, Lisa Krusche

Die verlorenen Jahre in der Zeit des Erwachsenwerdens sind sowieso schon kaum auszuhalten, doch mit dem falschen Elternhaus, wird selbst Rebellion zu einer zähen Sache. Charles hat sich ihr Leben mit ihren irren Hippie-Eltern in Berlin eingerichtet. Ab und zu muss sie mal ihren Vater hinterher, wenn er als Flitzer durch die Straßen rast und das für Kunst hält, aber bitte, es gibt Schlimmeres. Nämlich, dass ihre völlig verkorkste Mutter plötzlich mit Sack und Pack und leider auch der gesamten Familie in eine Kommune aufs Land zieht. Charles ist am Nullpunkt angekommen, ohne Berlin kann sie sich den Schuss geben. Gwenn lebt in der Schickimickisiedlung mit ihren reichen Eltern und ihrem fast immer zugekifften Bruder. Sie lebt ein Doppelleben. Zu Hause die elitären Freunde der Eltern, wobei männlichen Freunde keinen Versuch unterlassen, dem heranwachsenden Mädchen mal an den Hintern zu packen. Dann die asozialen Ecken von Hildesheim, wo sie dreckigen Sex hat und sich Streetfights liefert. Alles schreit danach, das Gwenn und Charles sich endlich treffen. Und das hat dann auch einen Knalleffekt vor allem für die Eltern, aber endlich Linderung für die Mädchen.

Witzige Sprache am Zahn der Zeit und erschreckende Einsichten in das alltägliche Leben von Teenagern. Pubertät ist nun mal alles andere als einfach! Erstaunlich wie viel man vergessen hat von den verwirrenden Zeiten, hier kann man sich erinnern!

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Upper World, ein Hauch von Zukunft, Femi Fadugba

Wenn man als farbiger Teenager im elendsten Teil Londons ohne Vater aufwächst, ist es schwer, die Füße auf dem Boden zu bekommen. Vor allem wenn man an eine Schule geht, die mehr oder weniger von zwei Streetgangs beherrscht wird. Clevere Schüler ducken sich weg und halten Abstand. Esso ist zwar nicht dumm, doch hat den Hang dämliche Dinge zu tun. So gerät er mitten in einen Bandenkrieg, bei dem es bald um mehr als nur Schlägereien geht. Als er auf dem Schulweg einem kleinen Jungen das Leben rettet, indem er sich vor ein Auto schmeißt, passiert etwas Merkwürdiges. Während einer Ohnmacht sieht er plötzlich Szenen aus seiner Zukunft und die sind alles andere als angenehm. Wenn das kein Traum war, dann werden bald eine Menge Freunde sterben, inklusive er selbst.

Richtig gute Jugendliteratur, die sich auf sehr verständliche Weise mit Einsteins Relativitätstheorie und Zeitreisen beschäftigt. Und am Ende hat das Buch eine Überraschung parat. Quod erat demonstrandum.

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Geschichte des Sohnes, Marie-Hélène Lalon

Die Geschichte des Sohnes ist keine ungewöhnliche Erzählung aus der Zeit zweier Weltkriege. So oder ähnlich erging es wahrscheinlich vielen Familien. Der früher Tod eines Kleinkindes, gefallene Ehemänner, Brüder, Väter und ungewollte Schwangerschaften, uneheliche Söhne, die nur durch den Familienzusammenhalt zu guten Menschen heranwachsen.

Was dieses Buch so besonders macht, ist Marie-Hélène Lafons Schreibstil, ihre virtuose Kunst eine banale, fast einfache Geschichte so zu erzählen, dass einem die Tränen kommen, dass man weiterlesen muss. Am Ende der Erzählung, die mit der dritten Generation endet, schlägt man das Buch zu und ist glücklich. Glücklich darüber, an der Geschichte der Familie Léoty und Lachalme als Beobachter teilgenommen zu haben.

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Die dunkle Stille des Waldes, Nalini Singh

Aufgewachsen im modernen Neuseeland, aber in einer Art reicher Enklave von Indern, Asiaten und Multimillionären, war Aaravs Kindheit nicht einfach. Vor allem aber begleiten die bitteren Streits zwischen seinem eiskalten Vater und seiner zu schönen, aufreizenden Mutter den Jungen während seiner Kindheit. Bis zu dem Abend, als er den Schrei hörte, ihren Jaguar wegfahren sieht und seine Mutter nie wiederkommt. Da eine Viertelmillion in Vaters Safe fehlen unterstellt dieser, dass die Schlampe, wie er seine Frau nennt, sich abgesetzt hat. Zehn Jahre später ist aus dem Jungen ein Mann und dazu erfolgreicher Schriftsteller geworden. Ein böser Autounfall zwingt ihn wieder in sein Elternhaus in die Cul-de-Sac zu ziehen, umgeben von Jugenderinnerungen und den Menschen, die seine Mutter Nina alle kannten. Dann steht die Polizei vor der Tür. Man fand Ninas Jaguar im Busch, keine fünf Kilometer vom Haus entfernt und ihre Leiche auf dem Beifahrersitz.

Aarav glaubt fest an einen Mord und will den Mörder finden. Denn es war keine Gelegenheitstat und es scheint, nicht nur sein Vater hatte genug Motive Nina zu töten. Doch Aaravs Kopfverletzung trübt seine Wahrnehmung immer mehr. Kann es wirklich sein, dass er selbst seine Mutter tötete? Weiterlesen

Du bist der Sturm, du bist das Licht, Val Emmich, Jugendbuch

Das Jugendbuchdebüt von Val Emmich ist eine sehr schöne Geschichte, über zwei Teenager, die eine Nacht in einem Museum verbringen, weil ein Schneesturm sie überrascht. Aber eigentlich ist es nicht das Wetter, das beide dort hin flüchten lässt. Tegan hat von Geburt eine missgebildete linke Hand und fühlt sich wie ein Loser auf ihrer Schule. Mac Durant ist das Abziehbild eines erfolgreichen Sportchampions, der von allen geliebt wird. Doch, dass diese Bilder auf die beiden ganz und gar nicht zutreffen, zeigt sich ihnen in dieser Nacht. Endlich können sie einmal ehrlich sein, mit sich selbst und miteinander, auch wenn es schmerzhaft und unglaublich schön ist.

Val Emmich hat eine typische Jugendgeschichte aufgegriffen und sie ein wenig wie den Breakfast Club inszeniert. Es ist eine zarte Erzählung, die das verwirrende Gefühl der Pubertät sehr gut wiedergibt. Das Buch macht aber auch Mut, damit junge Menschen einfach besser mit ihren imaginären und wirklichen Defiziten umgeben. Eine Daumenhoch-Empfehlung für junge Leseratten. Weiterlesen

Unverschwunden, Philipp Gurt

Die Geschichte einer grauenvollen Situation, die jedoch so zärtlich und liebevoll geschildert wird, dass man als Leser die ganze Gefühlspalette des Protagonisten miterlebt. Man weint mit ihm, man hofft mit ihm, verzweifelt und wird sehr, sehr nachdenklich. Stellenweise erinnerte mich Unverschwunden an das Buch Die Wand von Marlen Haushöfer. Wobei in Die Wand, die Protagonistin einen Lebenssinn fand, der sie beschäftigte mit dem täglichen Existenzkampf um Lebensmittel und Wärme. Lukas, der Unverschwundene in diesem Roman, hat alles, umsonst. Nur irrt er ungesehen, ungehört unter all den Menschen um ihn herum, ohne sie berühren oder mit ihnen kommunizieren zu können. So ist Luk tagtäglich nur seinen Gedanken- und Gefühlswelt ausgesetzt, ohne Hoffnung, diesen Zustand je wieder ändern zu können.

Oft zucke ich vor solchen Büchern zurück und befürchte sie sind zu dunkel. Doch ich muss sagen trotz des heftigen Themas, ist Unverschwunden ein wunderbares Buch. Es liegt an den so genau definierten Emotionen, den sehnsuchtsweckenden Beschreibungen der Schweizer Bergwelt und an dem wundervollen Schreibstil von Philipp Gurt. Dieses Buch tut man sich nicht an, man tut sich etwas Gutes damit!

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