Geschichte des Sohnes, Marie-Hélène Lalon

Die Geschichte des Sohnes ist keine ungewöhnliche Erzählung aus der Zeit zweier Weltkriege. So oder ähnlich erging es wahrscheinlich vielen Familien. Der früher Tod eines Kleinkindes, gefallene Ehemänner, Brüder, Väter und ungewollte Schwangerschaften, uneheliche Söhne, die nur durch den Familienzusammenhalt zu guten Menschen heranwachsen.

Was dieses Buch so besonders macht, ist Marie-Hélène Lafons Schreibstil, ihre virtuose Kunst eine banale, fast einfache Geschichte so zu erzählen, dass einem die Tränen kommen, dass man weiterlesen muss. Am Ende der Erzählung, die mit der dritten Generation endet, schlägt man das Buch zu und ist glücklich. Glücklich darüber, an der Geschichte der Familie Léoty und Lachalme als Beobachter teilgenommen zu haben.

Foto: Copyright Philippe Matsas

Marie-Hélène Lafon, geb. 1962, gehört zu den interessantesten literarischen Stimmen im heutigen Frankreich. Die meisten ihrer rund fünfzehn Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt vorliegen, spielen im Cantal in der Auvergne, in der abgeschiedenen, von Landwirtschaft geprägten Bergwelt, wo Lafon aufgewachsen ist. Seit vielen Jahren lebt und schreibt sie in Paris. 2016 erhielt sie den Prix Goncourt de la nouvelle.

Das Schicksal der Familie Lachalme beginnt an einem Apriltag 1908, an dem der fünfjährige Armand bei einem Unfall tödlich verletzt wird. Sein Zwillingsbruder Paul wächst ohne ihn auf und man hat von Anfang an das Gefühl es hat den liebenswerteren, guten Zwillingssohn erwischt, Paul entwickelt sich zu einem klugen Nichtsnutz. Einen jungen Mann, der weder Moral noch Skrupel kennt, und im Leben immer nur aus dem Vollen schöpft. So beginnt er noch auf dem Gymnasium ein Verhältnis mit der sechszehn Jahre älteren Krankenschwester Gabrielle Léoty. Als er zum Studium nach Paris geht, folgt Gaby ihm. Sie ist jedoch nur sein kleines, gut gehütetes und etwas schmutziges Geheimnis. Bis Gaby mit fast vierzig feststellt, dass sie schwanger ist. Sie sagt Paul nichts davon und sieht ihn nie wieder. Ihr Kind bringt sie zu ihrer geliebten Schwester Hélène, die den kleinen André zusammen mit ihren drei Kindern, wie einen Sohn großziehen. André ist glücklich bei ihnen und wird erwachsen, ohne etwas zu missen. Erst als er selbst verheiratet ist und ein Kind bekommt, versucht er den Mann zu finden, der sein Vater ist. Denn Gaby, die schicke Pariserin, die nur Weihnachten und im Sommer für ein paar Tage als Mutter auftaucht, sprach nur einmal über ihn. Am Tag der Hochzeit gestand sie ihrer Schwiegertochter den Namen und legte somit die Verantwortung in die Arme der jungen Frau.

Die Autorin erzählt diese Familiengeschichte unaufgeregt. Sie modelliert die Charaktere regelrecht vor den Augen des Lesers. Doch man ist und bleibt wie die Autorin nur ein Beobachter, wird nicht Teil der Familie und auch nicht Teil der unergründlichen, geheimen Gedanken ihrer Gestalten. Dennoch schlägt einen jeder Satz, jedes Wort, sogar jeder Buchstabe in seinen Bann, den man erst lösen kann, wenn man das Buch zuschlägt.

Zitat: … „André, der in dem kahlen Schlafzimmer auf der Bettkante saß, fühlte sich plötzlich sehr müde, als würde er von einem Gewicht aus Schweigen und Geheimnis, das sein Schicksal als Sohn war, niedergedrückt; Vater unbekannt und Mutter mit doppeltem Boden. …“

Geschichte des Sohnes, Marie-Hélène Lafon, Rotpunkt Verlag, gebunden, Seiten 152, ISBN: 978-3-85869-940-4, Euro 22,00.

 

 

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