Unverschwunden, Philipp Gurt

Die Geschichte einer grauenvollen Situation, die jedoch so zärtlich und liebevoll geschildert wird, dass man als Leser die ganze Gefühlspalette des Protagonisten miterlebt. Man weint mit ihm, man hofft mit ihm, verzweifelt und wird sehr, sehr nachdenklich. Stellenweise erinnerte mich Unverschwunden an das Buch Die Wand von Marlen Haushöfer. Wobei in Die Wand, die Protagonistin einen Lebenssinn fand, der sie beschäftigte mit dem täglichen Existenzkampf um Lebensmittel und Wärme. Lukas, der Unverschwundene in diesem Roman, hat alles, umsonst. Nur irrt er ungesehen, ungehört unter all den Menschen um ihn herum, ohne sie berühren oder mit ihnen kommunizieren zu können. So ist Luk tagtäglich nur seinen Gedanken- und Gefühlswelt ausgesetzt, ohne Hoffnung, diesen Zustand je wieder ändern zu können.

Oft zucke ich vor solchen Büchern zurück und befürchte sie sind zu dunkel. Doch ich muss sagen trotz des heftigen Themas, ist Unverschwunden ein wunderbares Buch. Es liegt an den so genau definierten Emotionen, den sehnsuchtsweckenden Beschreibungen der Schweizer Bergwelt und an dem wundervollen Schreibstil von Philipp Gurt. Dieses Buch tut man sich nicht an, man tut sich etwas Gutes damit!

Autorenfoto: Copyright ® Privat

Philipp Gurt wurde 1968 als siebtes von acht Kindern in eine Bergbauernfamilie in Graubünden geboren. Er wuchs in verschiedenen Kinderheimen auf. Früh begann er mit dem Schreiben. Etliche seiner Bücher wurden zu Schweiz-Bestsellern. 2017 erhielt er den Schweizer Autorenpreis. Er lebt in Chur im Kanton Graubünden.

 

Lukas ist ein erfolgreicher Autor und seine Bücher kennt man in der ganzen Schweiz. Dennoch ist sein Vater nie darüber weggekommen, dass Lukas den Hof nicht übernehmen wollte. Das steht zwischen Vater und Sohn, wurde nie bereinigt, und jetzt da die Diagnose Demenz über dem Bergbauern hängt, ist ein klärendes Gespräch umso wichtiger. Ausgerechnet jetzt erwacht Lukas eines Morgens und ist aus der Welt verschwunden. Die Polizei wird eingeschaltet und alle die ihn lieben, sorgen sich sehr. Dabei steht er neben ihnen, kann alles hören und sehen. Nur ihn nimmt niemand mehr wahr. Völlig verzweifelt zieht er sich nach ein paar Wochen dieses Elendslebens in die einsame Bergwelt zurück. Nur dort ist das Gefühl allein zu sein, nicht ganz so schlimm. Doch muss er irgendwann im Winter zurück in eine Wohnung, ein Hotel. Das ist alles auch kein Problem, er kann sich alles nehmen, essen, was ihm gefällt, schlafen, wo er will und niemand bemerkt ihn. Doch das Grübeln, den Verlust von Nähe und schlussendlich der Verlust des Vaters, wird irgendwann für ihn zu viel. Er beschließt, sich zu erschießen. Just in dem Moment treibt ein junger Hund in einem Bergfluss und Lukas springt hinein, um ihn zu retten. Zu seiner Überraschung kann er das Tier anfassen, das Hundebaby reagiert auf ihn, auch wenn es blind ist. So nennt er ihn Hope, Hoffnung und versucht jetzt zu zweit dieses Leben zu meistern. Doch bald gibt es eine weitere Überraschung.

Schwere Kost, die leicht und einfach zu lesen ist. Dabei können einem schon Sätze einfallen, wie im Buch beschrieben:

„Verdammt noch mal, hatte das Leben denn kein Gewissen? Keine Hemmungen und Mitgefühl?“

Oder

„Das Leben war ein gemeiner Dieb, der manchen Kindern die Unbeschwertheit stahl und dafür Frühlingstage schenkte, die nur so ein Kind lebendig intensiv leben konnte.“

Unverschwunden wird bestimmt nicht das letzte Buch von Philipp Gurt sein, das ich mir gönnen werde.

Unverschwunden, Philipp Gurt, Emons Verlag, gebundenes Buch, Seiten 304, ISBN: 978-3-7408-1122-8, Euro 22,00, erschienen 18.05.2021.

 

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