Alle Artikel von Angela Perez

Jewgeni Wodolaskin: Luftgänger

Wodolaskin schildert mit viel Feingefühl: Die Stimme schwebte mühelos übers Wasser, begleitet von den Lichtern des Gutshauses, ich zitterte vor nächtlicher Kälte und von den neuen Gefühlen, die mich überschwemmten und scheut sich nicht, andererseits deutlich die Misshandlungsmethoden und Leiden der Lagerhäftlinge zu beschreiben. Dagegen steht wirkungsvoll der Realismus des Arztes und der Frau des Helden, beide Kinder einer anderen Generation. Es gefällt mir, wie der Roman modern daher kommt, umgeben von der Melancholie der russischen Seele, die mich berührt.  „Überhaupt glaube ich, einen Menschen richtig zu beschreiben kann man nicht ohne Liebe“ lässt der Autor Jewgeni Wodolaskin seinen Helden dieses sagen und beherzigt selbst im Umgang mit Innokenti Platonow diese Worte. Einfühlsam beobachtet er die Entwicklung seines Helden vom Mann ohne Gedächtnis, der so alt wie das Jahrhundert ist, nämlich 99 Jahre, aber äußerlich keinerlei Anzeichen eines solch hohen Alters aufweist hin zum Zeitgenossen. Weiterlesen

Anne Mette Hancock: Narbenherz

Hat Anne Mette Hancock mit ihrem Erstlingsroman überrascht und für Furore gesorgt, legt sie mit der Fortsetzung Narbenherz nach und festigt ihren Ruf, zu den besten Crime-Autor*innen Dänemarks zu gehören. Der Thriller kommt echt skandinavisch daher: schlicht ohne Schnörkel, elegant, nachhaltig. Die Autorin verzichtet darauf, große Stimmungsbilder als Einstieg in die Geschichte zu geben, sondern lässt den Leser auf Seite 3 Zeuge eines Verbrechens werden. Die kurzen Kapitel geben der Geschichte eine eigene Dynamik und steigern die Spannung. Der ideenreiche Plot ist raffiniert gestrickt und wirkt zu keinem Zeitpunkt konstruiert. Anne Mette Hancock legt falsche Fährten und führt den Leser aufs Glatteis, führt aber am Ende alle Erzählstrenge plausibel zusammen und überrascht mit dem Schluss: Wie in Agatha Christies „Orientexpress“ steckt in jedem Täter ein Opfer. Weiterlesen

Matt Rees: China Strike

Ein bizarrer internationaler Zwischenfall initiiert eine Jagd auf gefährliche und schwer zu fassende Cyber-Kriminelle. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Und auch wenn man erahnen kann, wie es endet, so gibt es doch unverhoffte Wendungen, die die Spannung vom Anfang bis zum Ende hochhalten und zu einem actionreichen Hacker-Thriller mit Realitätsbezug machen. Auch wenn Rees flott, in nahezu halsbrecherischer Geschwindigkeit, seine irre Story über Massen-Cyberangriffe in KFZ-Software erzählt, hat er die Handlung klug aufgebaut und zu einem realistischen Ende geführt. Sympathische, aus dem Leben gegriffene Personen begleiten den Protagonisten Verrazzona ebenso wie zum Teil extreme Figuren oder die nervige FBI Agentin Gina Jahn. Weiterlesen

Lilli Gruber: Der Verrat

Mit „Der Verrat“ von Lilli Gruber liegt der letzte Teil der Südtiroler Familientrilogie vor. Vorausgegangen waren „Das Erbe“, in dem die über die Grenzen Italiens hinaus bekannte Autorin und ehemalige Abgeordnete im Europäischen Parlament den Spuren ihrer Familie folgt, während „Der Sturm“, die Kriegsjahre ihrer Familie und Südtirols beleuchtet und die Zerrissenheit zwischen Separatismus und Zusammenhalt aufzeigt. In „Der Verrat“ stehen die 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts im Fokus. Man merkt, hier ist eine Zeitzeugin und überzeugte Europäerin am Werk, die von ihrer Verwurzelung in der Heimat angetrieben, aufzeigt, wie in einem europäischen Land die entscheidenden Weichen gestellt werden für eine friedliche gemeinsame Zukunft. Weiterlesen

Susanne Abel: Stay away from Gretchen

Der Kölner Nachrichtenmoderator Tom Monderath macht sich Sorgen um seine 84-jährige Mutter Greta, die mehr und mehr vergisst. Als die Diagnose Demenz im Raum steht, ist Tom entsetzt. Bis die Krankheit seiner Mutter zu einem Geschenk wird: Erstmals in ihrem Leben erzählt Greta von sich – von ihrer Kindheit in Preussisch Eylau mit den geliebten Großeltern, Der Flucht vor den russischen Soldaten im eisigen Winter, ihrer Begegnung mit dem GI Robert Cooper in Heidelberg. Ist das der Schlüssel, um Gretas Traurigkeit zu verstehen, die auch Toms Kindheit überschattet hat? Als Tom auf Briefe und Bilder aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stößt, kommt er einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur. Wer ist das kleine Mädchen auf dem Foto, das Greta wie einen Schatz hütet? Mehr und mehr erkennt Tom, dass auch sein Lebensglück mit der Vergangenheit seiner Mutter verknüpft ist … Weiterlesen

Viet Than Nguyen: Die Idealisten

Die Idealisten von Viet Thanh Nguyen

Die wunderbare, bildhafte Sprache lässt Bilder in einer Geschwindigkeit entstehen, die atemlos macht, wodurch „Die Idealisten“ als Einschlaflektüre ausfallen. Es empfiehlt sich das Buch aufmerksam zu lesen und nicht der Versuchung zu erliegen, die Seiten schneller umzuschlagen. Einzig bei den Beschreibungen der Gewalttaten nimmt der Erzähler Tempo raus. So wie dem Ich-Erzähler wird auch dem Leser alles abverlangt, wenn der Erzähler sich mal als Ich, Du und dann als Wir vorstellt. Und so verwundert es auch nicht, dass ein Mann, der sich als Mann mit zwei Gesichtern sieht, immer wieder unvermittelt in Tränen ausbricht, weil er für alle Seiten – Kommunisten, Kapitalisten – Kolonialisten – Sympathien aufbringt und darüber sinniert: „Die Jahre als Spion, Schläfer und Maulwurf hatten mich einem so großen Stress ausgesetzt, dass das Gewinde meiner Schraube jetzt ausgeleiert war. Solange sie fest angezogen gewesen war, hatten meine zwei Seelen einigermaßen gut zusammengearbeitet. Jetzt drehte meine Schraube durch – der allgemeine Zustand der Menschheit – und saß nicht mehr fest.“ Weiterlesen

Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Yassin Musharbashs soeben erschienene dritte Thriller, Russische Botschaften, ist auf Augenhöhe mit seinen – von den Kritikern hochgelobten – Vorgängern und bestätigt, der Autor hat vom Besten des Genres gelernt, dem er auch diesen Thriller widmet: John le Carré. Musharbash sucht für seinen Plot nicht in den Sternen, sondern bemüht das Hier und Jetzt. Seine Protagonisten:innen springen nicht aus Flugzeugen, kämpfen nicht mit dem Gegner auf dem Dach eines fahrenden Zuges und müssen auch nicht die ganze Welt retten: nur die Wahrheit. Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf, ohne zu langweilen und gibt mir die Gelegenheit meinen Platz in dem Team von Investigativjournalisten zu finden. Ich verstehe, wie sie arbeiten, akribisch, vorsichtig und umsichtig, auf höchste Sicherheit bedacht, bemüht keine Spuren zu hinterlassen, denn es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass der Feind auch in den eigenen Reihen zu finden ist. Mir gefällt, wie mit Fortschreiten der Geschichte, der Autor seine Protagonistin Merle Schwalb an der Geschichte wachsen lässt. Sie, ihre Schüchternheit, die ihr in der Vergangenheit im Wege stand, eine ganz große unter den Besten zu werden, überwindet und die Führungsrolle übernimmt. Weiterlesen