Haben Sie den Horrorfilm ›Der Ring‹ gesehen? Er wurde im Jahr 2002 mit Naomi Watts verfilmt, doch das Original stammt aus Japan und basiert auf einem Roman des Autors Kōji Suzuki. Und damit nicht genug: Er soll aufgrund wahrer Ereignisse zur Legende aus dem vierzehnten Jahrhundert geworden sein. Und genauso ist das in Japan: viel Mystik, Aberglaube und eine gewisse Spiritualität, die nicht mehr unbedingt auf religiöser Frömmigkeit basiert. So handeln die sogenannten Kaidans, Gruselgeschichten auch heute noch von Totengeistern, Dämonen und Kobolden. Und jetzt kommt der eklatante Unterschied japanischer Horrorgeschichten zu denen, die wir im Westen und vor allem aus dem US-amerikanischen Kino kennen. Es benötigt keines Blutbades und Gemetzels, um den Leser das Grauen zu lehren. So spielt auch der Schrein mit dem unausgesprochenen, allgegenwärtigen Grusel, dem sich die Protagonisten nicht entziehen können. Es passieren kleine unerklärliche Dinge, doch erst einmal gibt es keinen Toten. Es schleicht sich etwas ein in dieses Buch, diese Geschichte, sodass der Leser sich bald fühlt wie Minami, die Protagonistin im ›Schrein‹. Der wahre Grusel spielt sich im Kopf ab und das Unheimliche, das Böse schleicht sich in den Alltag, das Leben und die Seele der Charaktere. Dadurch, dass in Japan so viele unausgesprochene Regeln gelten und man nie mit der Tür ins Haus fällt, werden solche Gefühle auch nicht rege ausgetauscht, und so muss jeder der Protagonisten selbst entscheiden, ob er verrückt wird oder wirklich Geister hinter ihm her sind. Nicht jedermanns Sache, ich liebe diese japanischen Gruselgeschichten und auch Thriller und Krimis, gerade wegen der kulturellen Unterschiede.
Daher bin ich der Meinung, solche Geschichten sind die wahren Horrorerzählungen, die mit den unvorstellbaren Wahnvorstellungen der Psyche spielen und dennoch offenlassen, ob es nicht doch real ist. Mir läuft bei solcher Lektüre ein Schauer über den Rücken und ich prüfe, bevor ich ins Bett gehe, noch einmal, ob alle Fenster und Türen verschlossen sind. Lassen Sie sich vom ›Schrein‹ einfach mal das Gruseln beibringen.
Autorinnenfoto: Copyright ® Tomoko Tominaga
Nanami Kamon wurde in Tokio geboren und studierte an der Tama Art University. Nachdem sie als Museumskuratorin gearbeitet hatte, begann sie in den 90er Jahren mit dem Schreiben. Ihre Werke beziehen oft ihr Wissen über japanische Folklore, Mythologie, Fengshui und das Übernatürliche mit ein. Mehrere ihrer Werke wurden bereits verfilmt, zuletzt Room 203 und Onmyoji Zero.
Werbetext Knaur:
Ein abgelegener Ort in den japanischen Bergen wird einer Gruppe von Besuchern zum Verhängnis – wer kann dem Iwaiyama entkommen? Die Autorin Minami steht in Tokio unter enormem Druck: Die Deadline für ihren neuen Horrorroman rückt näher – doch die richtigen Worte wollen ihr nicht mehr einfallen. Da meldet sich plötzlich Asako, eine frühere Freundin, und bittet Minami um Hilfe. Asako erzählt von einem Ausflug auf einen abgelegenen Berg, von einer düsteren Ruine, und von einem Schrein, den man besser nicht betreten hätte. Vier Menschen waren dort – und keiner von ihnen ist unverändert zurückgekehrt. Seitdem geschehen Dinge, die sich jeder Erklärung entziehen. Je mehr Minamo hört, je mehr sie die verstörenden Fotografien des Ortes betrachtet, desto stärker gerät sie selbst in den Bann der Geschichte. Was als Recherche beginnt, dringt bald in ihr eigenes Leben ein. Geräusche, Schatten, Erinnerungen – und eine Angst, die sie nicht mehr abschütteln kann. Fasziniert und zunehmend beunruhigt beginnt Minami zu recherchieren und stößt auf beängstigende alte Legenden über den Berg. Als die Situation eskaliert, muss Minami erkennen, dass sie nicht länger nur Beobachterin ist. Was in den Bergen begann, hat Tokio längst erreicht – und fordert seinen Preis.
Der preisgekrönte Horror-Thriller, der Japan im Stum erobert hat, endlich auf Deutsch!
Der Schrein, Nanami Kamona, Knaur Taschenbuch, Seiten 208, ISBN 978-3-426-56780-7, Euro 12,99, als E-Book Euro 9,99, erschienen April 2026, übersetzt von Bernd Sambale.