Dieses Kochbuch war für mich eine echte Herausforderung, und die bestand darin, es überhaupt erst aufzuschlagen. Hat man den ersten Schritt jedoch gemacht, ist man im Traumland des Genusses. Die Rezepte sind allein nur beim Lesen eine Freude und man möchte alles unbedingt probieren. Man versteht sofort, was der Koch meint, wenn er sagt: Genuss ist, wenn man sich selbst nicht mehr hört. Wenn man plötzlich mal kurz weg ist, sich verliert und verändert wiederkommt. Und beim Lesen und Betrachten der Rezepte schlemmt man schon mal auf platonischer Ebene. In dieser Hinsicht gebe ich diesem Kochbuch zehn von zehn Sternen und drei Sonderfunkel. Aber – und natürlich kommt ein Aber, wenn man meinen ersten Satz liest: Ich frage mich nämlich, warum man ein solch fantastisches Kochbuch schmälert mit so zum Teil abstoßenden Fotos. Warum inszeniert sich Max Strohe auf dem Cover wie ein völlig in der Midlife-Crisis steckender Mitvierziger mit pubertären Anwandlungen? Er empfängt die Leser mit einem Mittelfinger rechts, einer Kippe in der linken Hand und einem T-Shirt mit der Message: No one is thinking about you! Ich finde so etwas als Leser nicht cool noch hip, sondern reichlich abtörnend. Das gilt auch für einige Fotos seines jungen Teams. Ist denn Provokation die Lösung, um auch junge Menschen auf einen sinnlichen Umgang mit Essensgenuss zu bringen? Nein, das glaube ich nicht. Denn so sinnlich die Rezepte in diesem Kochbuch sind, so feinsinnig ist auch die Fotografie der Resultate: ansprechend, einladend und irgendwie verführend. Leider ist das Cover zu vergleichen mit einem Löffel Kartoffelpüree, das auf einen angeschlagenen, dreckigen Teller geklatscht wurde, da hilft es dann auch nicht, wenn Sommertrüffel drin sind.
Aber, wie gesagt, der Inhalt ist nichtsdestotrotz im Gegensatz zum Cover erste Sahne! Ich werde mir wahrscheinlich einen richtig hübschen Buchumschlag nehmen und diese Perle von einem sehr besonderen Kochbuch darin einwickeln. Dann passt es und ist seinen Preis allemal wert!
Das Konzept Dirty Bistro, Street-Food, schnelles Essen für zwischendurch ist für jeden, der gerne kocht und isst, interessant. Wenn das Ganze jedoch auf eine klare, geschmacklich abgehobene, aber ehrliche Linie gebracht wird, kann aus einer Lobster Roll, einer Pizza Tonno oder einem Sandwich mit Schweinekotelett, Senf und Sauerkraut ein sinnliches Erlebnis am Gaumen werden. Allein die beiden Rezepte der gratinierten Austern mit Époisses oder ‚Nduja sind zum Hinknien. Oder stellen Sie sich gefüllte Eier mit Gelbschwanzmakrelentatar vor, darauf eine Tonnato-Mayonnaise (ohne Vitello) und das Ganze mit einem Dillöl verfeinert. Das nenne ich eine ganz klare Linie, einen Happen, doch große Kochkunst! Denn so etwas sieht einfach aus, ist jedoch längst nicht so schnell gemacht, und von den hochwertigen Inhalten will ich gar nicht erst schwärmen.
Natürlich ist es interessant, wenn in einem solchen Kochbuch über Perfektion und Imperfektion von Gerichten philosophiert wird. Vom perfekten Chaos in der Küche, das mit Jazz oder David Bowies Soundtrack, den er im Chaos finden konnte, verglichen wird. Auch versteht jeder, der schon einmal den perfekten Geschmack auf der Zunge hatte, dass auf Tellern in der Sterneküche oft ein Brimborium veranstaltet wird, das jegliche klare Linie verloren hat. Ich gebe Ihnen in all dem recht, Herr Strohe. Doch Provokation auf Teufel komm raus hat auch nicht immer den gewünschten Effekt. Ein anderes Cover mit einem erwachsenen, eher nachdenklichen Koch, weniger Popeyes und nackte Oberkörper-Tattoos vom Team, und dieses Kochbuch-Debüt wäre einem Signature Dish gleichgekommen, das durch Einzigartigkeit, Qualität und Wiedererkennungswert besticht.
Werbetext des DK-Verlags: Das Debüt-Kochbuch von Max Strohe – Querkopf der Spitzengastronomie. Mit vielen Rezepten, von rebellisch bis raffiniert
Dirty Bistro, Max Strohe, DK-Verlag, 240 Seiten mit Fotos, gebundenes Buch, ISBN 978-3-8310-5295-0, erschienen März 2026, Euro 35.