Ab der ersten Seite bin ich dank der bildhaften, schönen Sprache im Roman drin und freue mich über das Lesevergnügen. Die Geschichte um den Tennisspieler Julius von Berg erinnert gewollt an das Leben vom Gottfried Freiherr von Cramms. Tom Saller bedient sich dreier Erzählebenen: Julius erzählt im Präsens in der Ich-Form von den ersten zwanzig Lebensjahren. Der einstige Rivale versucht im Jahr 1984 rückblickend die Ereignisse der damaligen Zeit aufzuarbeiten und stellt sich seinen Schuldgefühlen. Ab 1938 erzählt Julius über seine Inhaftierung in Berlin in Tagebuchform. Zum Ende des Romans hin sind die Erinnerungen des einstigen Rivalen an den Umfang der jeweiligen Tagebucheintragung angepasst, so dass der Eindruck eines Ballwechsels im Tennismatch entsteht und die Spannung erhöht. Durch diese Gegenüberstellung wird einerseits die Allgemeingültigkeit von Werten wie Ehre, Moral, Respekt verdeutlicht und zeigt andererseits, dass Menschen mit fremden kulturellen Hintergründen oder einer Sexualität, die nicht der Norm entspricht, auch einhundert Jahre später immer noch Repressalien ausgesetzt sind. Weiterlesen
Uwe M. Schneedes: „Paula Modersohn-Becker. Die Malerin, die in die Moderne aufbrach“
Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte
In seiner umfassenden Monografie über Paula Modersohn-Becker legt der Kunsthistoriker Uwe Schneede sein Gewicht auf ihre Stellung als Überwinderin des Impressionismus und Vorhut der expressionistischen Avantgarde. Zusammenfassend beschreibt Schneede Paula Modersohn-Becker als „Einzelgängerin und zugleich als Teil des Pariser Aufbruchs in die Moderne, die beharrlich ihren Weg ging, sich nicht um ein mögliches Publikum scherte.“ Sie suchte „formale inhaltliche Möglichkeiten für eine eigengesetzliche, stets figurative Malerei, erprobte stilistisch die malerischen Mittel ihrer Zeit und bildete eine eigene Ikonographie heraus“ und brach damit eigensinnig in die Moderne auf. Die gut lesbare Monographie verquickt geschickt Paula Modersohn-Beckers Leben und Werk mit ihrer Zeit und den künstlerischen Strömungen. Äußerst lesenswert und eine gute Ergänzung zur Ausstellung über Paula Modersohn-Becker in der Frankfurter Schirn, deren Katalog hier leider nicht mit berücksichtigt werden konnte. Weiterlesen
Film: The Investigation, Der Mord an Kim Wall, Sechsteiler

Es geht nicht darum, was sie wissen, es geht darum, was sie beweisen können. Es ist ein wahrer Mordfall, geschehen 2017 in Dänemark. Eine junge Reporterin verschwindet während einer Testfahrt mit einem U-Boot des Konstrukteurs Peter Madsen. Das U-Boot sinkt, Madsen wir von einem Boot gerettet, doch Kim Wall ist verschwunden. Liegt sie im U-Boot? Madsen verwickelt sich schnell in Widersprüche, doch es dauert mehr als zwei Wochen bis Kims Torso bei Amager angespült wird. Eigentlich gibt es keinen Zweifel, wer der Täter ist, doch es ihm zu beweisen, ist das Problem. Der zähe Prozess, diese Beweise zu finden, nicht nachzulassen und immer wieder jedes noch so kleine Indiz zu drehen und zu wenden, bis das Puzzle zusammenpasst, darum geht es in diesem Sechsteiler. Es ist ein leiser, unspektakulärer Film, der durch seine starken Schauspieler lebt. Fast könnte man es für eine Dokumentation halten. Denn es gibt keine Effekthascherei, noch nicht einmal der Angeklagte wird gezeigt. Nüchtern und erschreckend real, trifft der Film den Zuschauer mitten in den Kopf. Was an furchtbaren Bildern des Todes von Kim Wall nicht gezeigt wird, setzt sich als Kopfkino fort.
Starkes, sehenswert anderes und vor allem Nordisches Kino, wie man es von Wallander, Die Brücke und 100 Codes gewöhnt ist. Weiterlesen
Heiko Nieder: The Restaurant
Das ist schwer! Nicht nur das Buch in seinen Ausmaßen, sondern auch sein Gewicht. Aber beides bringt mich nicht in die Verzweiflung. Was bewerte ich jetzt, das Buch „The Restaurant“ , was an sich schon ein tolles Meisterwerk ist. Oder vergehe ich mich in einer Lobeshymne vom legendären „The Dolder Grand“ in Zürich/Schweiz oder dem Autor und Kochkünstler „Heiko Nieder“. Weiterlesen
José Eduardo Agualusa: Barroco Tropical
Immer wenn sich die Redaktion aufmacht exotische Schriftstellerinnen und Schriftsteller kennen zu lernen, trifft man auf Bücher des Unionsverlag. So ja auch das vorliegende Werk „Barroco Tropical“. Angola, ist zunächst für uns Mitteleuropäer ein unbekanntes Terrain. Hier schließt der Autor uns ein Tor auf und lässt uns in das Herz des schwarzen Afrika blicken. Durch die Augen, der Autor schildert aus vielerlei Perspektiven das Leben, die Liebe, die Korruption und die Menschen in diesem Teil der Welt. Es ist bunt, geradezu grell, chaotisch, spiritistisch und manchmal unbegreiflich was in diesem Teil der Welt vorgeht. Sinnbildlich dafür steht der Ausspruch eines alten Einwohner Angolas: Ihr Europäer beschreibt wie Regen fallen kann, wir Angolaner reden mit dem Regen. Weiterlesen
Alex Beer: Der letzte Tod, Ein Fall für August Emmerich
Wir schauen durch diesen Raman direkt in das Wien von 1922. Eine wirtschaftlich zerstörte Stadt die am Anfang einer galoppierenden Inflation steht und deren Einwohner in Löchern wohnen die man nicht Wohnungen nennen kann. Die Polizei ist schlecht ausgerüstet und in bürokratischen Denkmustern gefesselt. Der Protagonist, August Emmerich kann sich dem nur entziehen weil er brillante Ergebnisse erzieht. Sein persönlicher muffeliger Umgangston macht ihn unbeliebt. Deshalb hat er auch Feinde die ihm tödlich nahe kommen. Die Mordinspektion „Leib und Leben“ arbeitet wieder auf Hochtouren und wir, die Leser fiebern mit.
Tanja Dusy. Matrjoschka, Kochen wie in Osteuropa

Von Russland bis nach Aserbaidschan: Die 70 besten Rezepte für Eintöpfe, Grillgerichte, Teigspezialitäten, Teegebäck und mehr!
„Matrjoschka“ das sind die allseits bekannten russischen Holzpuppen, wenn man sie öffnet, steckt zur Überraschung immer eine kleinere darin, bis es nicht mehr geht. Soll der Titel Matrjoschka ein Synonym dafür sein, dass, wenn man dieses Buch öffnet auf jeder Seite eine Überraschung ist. Mir kam es fast so vor. Sie wird aber nicht kleiner. Kochen wie in Osteuropa! Und die erste Überraschung, die uns die Autorin Tanja Dusy offenbart, sie zeigt uns die Verwandtschaft der Gerichte aus den Ländern, die sich hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang, dem ehemaligen Ostblock, durch die Abgrenzung erhalten und entwickelt haben. Im Estland im Norden bis Mazedonien im Süden, von Tschechien im Westen bis nach tief nach Russland im Osten.

Tanja-Dusy
Foto: Klaus-Maria-Einwanger
Tanja Dusy, zwar in Goirle Niederlande am 1. Februar 1964 geboren, ist eine deutsche Kochbuchautorin und Journalistin. Nach ihrem Studium in Germanistik, Kunstgeschichte, Theater, Film und Fernsehwissenschaften mit dem Abschluss Master of Arts in Köln, arbeite sie zuerst als Autorin bei Endomol und später als Redakteurin und Aufnahmeleiterin für die Vox-Sendung Kochduell. Seit 2001 ist sie bei Gräfe und Unser als Kochbuchautorin. Ihre Spezialgebiete sind die modernisierte Alltagsküche und Länderküchen Indiens, Frankreichs und dieses Mal Matrjoschka – Osteuropa.
Dieses Buch ist wirklich eine Matrjoschka. Jedes Rezept eine Überraschung, zum Teil bekannt, zum Teil neu. Herrlich, das erste Rezept eine Erinnerung an meine schon lange verstorbene Großmutter. Zu Silvester gab es immer den Russischen Heringssalat mit Roter Bete und Kartoffeln. Hier als Schichtsalat oder Hering unterm Pelzmantel genannt. Weitere Gerichte sind die Russischen Eier, die Pirogi aus Polen, Pelmeni, Bigos, Blini, es fehlt auch nicht das russische Stroganoff oder das tschechische Biergulasch, sowie die herzhaft eingelegten Gemüse mit den für mich gewöhnungsbedürftigen Salzgurken. Eine kulinarische Entdeckungsreise durch Osteuropa. Alle Gerichte zum einfachen Nachkochen. Darauf kann man sich bei Tanja Dusy verlassen. Sehr gut gelungen ist die Einführung zu diesen Gerichten beginnend mit der Länderkarte, den Menschen von Festen und Feiern, den typisch osteuropäischen Produkten und Zutaten.
Wenn der Eiserne Vorhang etwas Positives gebracht hat, dann, dass die Küche im Ostblock über Jahrzehnte ihre aromatische – traditionelle – authentische Küche erhalten geblieben ist. Für uns eine Wiederentdeckung. Genießen sie den Ausflug in die osteuropäische Küche.
Fotografie von Schwestern Britta Welzer und Svenja Mattner-Shahi. Beide sind Weltenbummlerinnen mit gemeinsamer Passion fremde Länder kennenzulernen. Zusammen haben sie den Instagramm-Account@Klara_and_ida sowie den dazugehörigen Blog www.klaraida.de. Als Bloggerinnen teilen sie ihr Wissen über Food-Fotografie rund ums Essen und Kochen.
Tanja Dusy, Matrjoschka, EMF, ISBN: 978-96093-862-0. Hardcover, Seiten 160, € 22,00
Ta-Nehisi Coates: The Beautiful Struggle – Der Sound der Strasse
THE BEAUTIFUL STRUGGLE ist eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte über die Herausforderungen der gesellschaftlichen Realität, in die wir hineingeboren werden, und über die Liebe, die uns davor beschützt. Die Einblicke, die Ta-Nehisi Coates mir in seine von Rassismuserfahrungen, Gewalt, Drogen und Bandenkriminalität geprägte Kindheit und Jugend gewährt, haben mich teilweise erschüttert, aber auch berührt. Das Baltimore dieses Heranwachsenden ist nichts für schwache Nerven und weist keine Gemeinsamkeiten mit dem Baltimore auf, dass ich in den 80igern kennenlernte. Überhaupt erscheint mir die Geschichte weit weg, hallt aber enorm in mir nach und lenkt gleichzeitig den Blick auf die Situation im eigenen Land, legt die Parallelen frei und bekommt dadurch Allgemeingültigkeit. Dank des sehr ausführlichen Namen- und Begriffsglossars von Julian Brimmer kenne ich jetzt Wörter, nach denen ich mich bislang nicht getraut habe zu fragen. Dass der Weg des Autors nicht in die Kriminalität führte, sondern er es bis nach Harvard schafft, ist an sich schon eine Lebensleistung. Weiterlesen
Carsten Sebastian Henn: RUM ODER EHRE
Wenn die Zeit Rum ist….dieser Satz steht als Aufmacher hinten auf dem Klappentext. Mit solchen Wortspielen ist der ganze Kriminalroman von Carsten Sebastian Henn gespickt. Ich muss gestehen „Rum oder Ehre“ ist mein erster Roman von Carsten Sebastian Henn. Mit meiner Begeisterung über die Schreibweise und den köstlichen Wortwitz habe ich mir sofort das Vorgängerbuch „Gin des Lebens“ und den „Buchspazierer“ besorgt und werde darüber sicherlich auch eine Rezension schreiben. Wie man mit so viel Humor einen spannenden Krimi schreiben kann und dabei zusätzlich gut recherchiertes Fachwissen, in diesem Fall über „Rum“ Geschichte, Herstellung und Unterschiede rüberbringen kann, macht einfach Freude. Weiterlesen
Jewgeni Wodolaskin: Luftgänger
Wodolaskin schildert mit viel Feingefühl: Die Stimme schwebte mühelos übers Wasser, begleitet von den Lichtern des Gutshauses, ich zitterte vor nächtlicher Kälte und von den neuen Gefühlen, die mich überschwemmten und scheut sich nicht, andererseits deutlich die Misshandlungsmethoden und Leiden der Lagerhäftlinge zu beschreiben. Dagegen steht wirkungsvoll der Realismus des Arztes und der Frau des Helden, beide Kinder einer anderen Generation. Es gefällt mir, wie der Roman modern daher kommt, umgeben von der Melancholie der russischen Seele, die mich berührt. „Überhaupt glaube ich, einen Menschen richtig zu beschreiben kann man nicht ohne Liebe“ lässt der Autor Jewgeni Wodolaskin seinen Helden dieses sagen und beherzigt selbst im Umgang mit Innokenti Platonow diese Worte. Einfühlsam beobachtet er die Entwicklung seines Helden vom Mann ohne Gedächtnis, der so alt wie das Jahrhundert ist, nämlich 99 Jahre, aber äußerlich keinerlei Anzeichen eines solch hohen Alters aufweist hin zum Zeitgenossen. Weiterlesen
