Tom Saller: Julius oder die Schönheit des Spiels

Ab der ersten Seite bin ich dank der bildhaften, schönen Sprache im Roman drin und freue mich über das Lesevergnügen. Die Geschichte um den Tennisspieler Julius von Berg erinnert gewollt an das Leben vom Gottfried Freiherr von Cramms. Tom Saller bedient sich dreier Erzählebenen: Julius erzählt im Präsens in der Ich-Form von den ersten zwanzig Lebensjahren. Der einstige Rivale versucht im Jahr 1984 rückblickend die Ereignisse der damaligen Zeit aufzuarbeiten und stellt sich seinen Schuldgefühlen. Ab 1938 erzählt Julius über seine Inhaftierung in Berlin in Tagebuchform. Zum Ende des Romans hin sind die Erinnerungen des einstigen Rivalen an den Umfang der jeweiligen Tagebucheintragung angepasst, so dass der Eindruck eines Ballwechsels im Tennismatch entsteht und die Spannung erhöht.  Durch diese Gegenüberstellung wird einerseits die Allgemeingültigkeit von Werten wie Ehre, Moral, Respekt verdeutlicht und zeigt andererseits, dass Menschen mit fremden kulturellen Hintergründen oder einer Sexualität, die nicht der Norm entspricht, auch einhundert Jahre später immer noch Repressalien ausgesetzt sind.

Tom Saller
Foto: Karin Maigut

Tom Saller, geboren 1967, hat Medizin studiert und arbeitet als Psychotherapeut. 2018 erschien sein Debütroman, Wenn Martha tanzt und wurde umgehend ein Bestseller, Ein neues Blau knüpfte 2019 an den großen Erfolg an. Tom Saller lebt in Wipperfürth, einer kleinen Stadt im Bergischen Land.

Während Julius zusammen mit seinen beiden älteren Schwestern eine unbeschwerte, behütete Kindheit genießt, kämpft der Großteil der Bevölkerung mit den Entbehrungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Zeit nach der Einschulung nimmt er als ein Leben in zwei Welten wahr: vormittags Dorfschule, so wollte es die Mutter, die ebenfalls in der Dorfschule war, nachmittags Englisch, Französisch und der Five o’clock tea mit der Gouvernante, sowie zweimal wöchentlich Latein und Griechisch beim Kaplan. Als Tennis in Mode kommt, wird im Garten ein Tennisplatz angelegt und die ganze Familie begeistert sich für diesen Ballsport, aber Julius „lebt“ Tennis. Er sieht und findet in dem Sport eine eigene, reine Welt, deren Ordnung und Struktur er liebt. Er studiert jeden Aspekt dieses Sports und perfektioniert sein Spiel. Saller beschreibt die Entwicklung leicht verständlich, nachvollziehbar und weckt die Lust, mit Julius auf dem Platz zu stehen. Mit seinem Umzug nach Berlin und der Aufnahme des Jura-Studiums eröffnet sich für Julius eine neue, weite Welt. Er genießt das Berliner Nachtleben der 20iger und 30iger Jahre und legt seinen Fokus immer mehr nur auf das Tennisspielen. Aus dem Mittelrheinischen Lokalmatadoren wird ein internationaler Sportstar, der ins Visier des NS Regimes rückt. Um einer Vereinnahmung zu entkommen, sieht er nur eine Möglichkeit.

Wimbledon, 1937. Das legendäre Daviscup-Match zwischen Deutschland und den USA. Nicht nur die Sportwelt hält den Atem an, als Julius von Berg den Ball vor tausenden von Zuschauern in den blauen Himmel wirft. Aufgewachsen auf einer Burg über dem Rhein, hat er sein Tennistalent im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre zur Reife gebracht; ein internationaler Star, auf dem alle Blicke ruhen. Gebannt verfolgt Julie, seine Ehefrau, das Geschehen auf dem Rasen – ebenso wie die NS-Größen in der Nachbarloge, denn es steht so viel mehr auf dem Spiel als der greifbare Sieg. Selbstbestimmung oder Mitläufertum? Ruhm oder Schande? Unten, auf dem Centre Court, trifft Julius eine folgenschwere Entscheidung.

Tom Saller: Julius oder die Schönheit des Spiels, List Hardcover, Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten, ISBN: 9783471360422, € 22,-

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