Kurz vor ihrem 90. Geburtstag hat sich die Großmutter des Autors letztlich dem schmerzvollen Prozess des Erinnerns unterzogen und niedergeschrieben, wie sie – 35-jährig – die Flucht für die Familie und die Bediensteten der beiden Güter in Götzlack und Kukehnen vorbereitete und den Treck drei Monate vor Kriegsende mutig anführte: 84 Personen, 11 vollbeladene Wagen gezogen von insgesamt 38 Pferden. Die 60-seitige „grüne Kladde“ seiner Großmutter Else, in der diese über das Familienleben und ihre Flucht aus Ostpreußen schreibt, bildet die Grundlage für Jochen Buchsteiners neues Sachbuch „Wir Ostpreußen“. Buchsteiner hat es sich nicht leicht gemacht und ist respektvoll und gewissenhaft mit diesem „Schatz“ umgegangen. Zusammen mit seinem Vater und seinem Sohn reiste er in die Heimat seiner Weiterlesen
Vermisst – Der Fall Emily -, Christine Brand

Definitiv merkt man Frau Brand an, dass sie als Gerichtsreporterin gearbeitet hat. Sie kennt sich mit der Arbeit der Polizei, der Justiz aus. Daher ist der Fall Emily aus der Serie ›Vermisst‹ sehr realistisch. An verschiedenen Stellen dachte ich, jetzt geht sie zu weit und damit meinte ich die Privatermittlerin Malou Löwenberg. Ich dachte, es müsse härtere Konsequenzen haben für Malou, doch dann lieferte mir die Autorin immer wieder einen realistischen Grund, warum das nicht der Fall ist. Es ist ein großartiger Kriminalroman, der in Bern, Paris und auch in München spielt. Die Geschichte brilliert durch Wendungen, plötzliche unvorhersehbare neue Spuren und fügt so eigentlich drei unterschiedliche Kriminalfälle am Ende zusammen. Mir hat der Krimi trotz 576 Seiten sehr viel Spaß gemacht und war keinen Satz und kein Wort zu lang. Vielen Dank an Christine Brand, Sie wissen gut zu unterhalten. Weiterlesen
Sophia Herzog: Das Wunder von Essen
Das Wunder von Essen ist nicht nur deshalb Das Wunder von Essen, weil die deutsche Frauenfußball Nationalmannschaft das Spiel gegen die Niederlande gewann, sondern vor allem, weil es überhaupt stattfand. Noch 1 Jahr zuvor, 1955, beschloss der DFB auf seinem Verbandstag, das Fußballspielen mit Damenmannschaften zu verbieten. In der damaligen Begründung hieß es, dass „diese Kampfsportart der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist“, dass „im Kampf um den Ball die weibliche Anmut schwindet und Körper und Seele unweigerlich Schaden erleiden“, und dass die „Zurschaustellung des Körpers Schicklichkeit und Anstand verletzt“. Aber die Frauen, wie unsere Protagonistin Elise, ließen sich nicht mehr ins Korsett schnüren und in die Küche verbannen. Sie haben für ihre Weiterlesen
James Norbury: Die Katze, die nach Weisheit sucht
Man kann dieses Buch in 2 Stunden lesen. Aber warum sollte man und warum will man das? Denn James Norbury verbindet auf sehr elegante Weise Schlichtheit mit profunden philosophischen Einblicken. Die Geschichte lässt sich leicht lesen, bietet aber gleichzeitig eine Tiefe, die lange nachklingt. Für Norbury, als Jemand, der sein Zuhause mit seiner Frau und 7 Katzen teilt, ist es wohl kein Zufall, dass die Protagonistin und Ich-Erzählerin eine Katze ist. Eine namenlose Katze. Aber eine Katze mit einer Mission. Dazu eine weise und gelassene Katze, die die Menschen mit auf eine Reise zur Erleuchtung nimmt und Einblicke in Zen- Weiterlesen
Benjamin Myers: Strandgut

cAlex de Palma
Benjamin Myers zieht mich mit seiner schlanken, fast schnörkellosen Geschichte „Strandgut“, die aus Sicht der beiden Protagonisten Earlon »Bucky« Bronco, einem amerikanischen Soulsänger und der Britin Dinah, einem Soulsuperfan, erzählt wird in seinen Bann. Ganz ohne Pathos und Klimbim und ohne ins Triviale abzurutschen oder in Kitsch zu versinken. Zwei verlorene Seelen, die einen Halt bräuchten, haben sich mit ihrem Leben arrangiert und keine Erwartungen mehr. Earlon »Bucky« Bronco ist ein menschliches Wrack. Obwohl erst 70, dümpelt er nach dem Tod seiner Frau vor sich hin und wartet, vollgepumpt mit opiathaltigen Schmerztabletten gegen seine schmerzenden Knochen, auf den Tod. Nur – so leicht stirbt es sich nicht. Vor allem, wenn plötzlich und unerwartet eine Einladung – samt großzügigem Honorar – zum britischen Scarborough Soul Weekend in sein bescheidenes Weiterlesen
Innerstädtischer Tod, Christoph Peters

Der erste Eindruck:
-Was ich von dem Buch hörte: Von dem Roman wusste ich, dass es Menschen gab, die klagten, weil sie sich in dem Buch wiedererkannten. Eine einstweilige Verfügung sollte das Buch stoppen, doch wurde vom Landgericht Hamburg zurückgewiesen. Die Kunstfreiheit siegte und das Buch war in den Feuilletons der Zeitungen in aller Munde.
-Erster Blick ins Buch: Oh je, da hat ein Autor keine Lust auf Absätze, Paragrafen und die direkte Rede verschwindet in durchgeschriebenen Seiten. So etwas finde ich als Leser anstrengend und verstehe eigentlich nicht, warum man das als Autor macht. Aber, das gehört auch zur künstlerischen Freiheit.
– Und dann habe ich angefangen zu lesen.
Fazit: Ein spektakulär gutes Buch, mutig, amüsant mit einem Augenzwinkern und brutal ehrlich. Die Gedanken sind frei und so lässt der Autor jeden seiner Figuren mit Gedanken und Worten von der Leine und das tut er bravourös. Eine gelungene Persiflage unserer Zeit, die den Finger auf politischen Extremismus, die immerwährende Schickeria der Kunstszene und zerrissene Familienbande legt. Und ganz nebenbei bekommen auch noch andere ihr Fett weg. Dritter Teil eine Trilogie, wobei das Buch definitiv auch als Stand-Alone funktioniert und nebenbei recht brillant ist. Weiterlesen
Swedish Machines, Simon Stålenhag

Simon Stålenhag ist für mich ein Künstler und Autor, den man entweder total liebt oder mit dem man nicht viel anfangen kann. Ich bin ein bekennender Fan seiner illustrierten Romane und habe nicht nur jeden einzelnen seiner Romane gelesen, sondern habe mir auch seine Illustrationen als wunderbare Metalldrucke angeschafft. Diese zieren meine Wände und ich kann mich einfach nicht sattsehen an den Motiven.
Swedish Machines ist nun der fünfte Band seiner Dystropien, die in Schweden spielen. Skrupellose Waffentests haben einen Teil der Insel Åkerö zum Sperrgebiet erklärt. Natürlich ist das Gebiet Svartlöten ein magischer Anziehungspunkt für Teenager, auch wenn viele Menschen krank wurden nach der Umweltkatastrophe. Die beiden Kindheitsfreunde Valter und Linus haben sich schon immer für das Gebiet interessiert, vor allem weil Valters Vater durch das Phänomen in Svartlöten verrückt wurde. So beschließen die beiden Freunde, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und tief ins Sperrgebiet zu fahren.
Wie immer geht es in der Geschichte nur zweitrangig um die Dystropie. Nie werden in den Büchern die Geheimnisse der Maschinen und der Sperrgebiete bis ins Kleinste gelöst. Denn im Vordergrund stehen bei Simon Stålenhag Menschen, die in diesen zerstörten Landschaften aufwachsen und leben. Und bei ihnen geht es um Themen, die es schon immer gab. Die Entdeckung der Sexualität, der Liebe und des Erwachsenwerdens. Es sind großartige Geschichten mit noch besseren Illustrationen. Ein moderner H.P.Lovecraft, dessen „kosmischer Horror“ bei Simon Stålenhag zum „menschlichen, ganz normalen Horror“ werden. Was Banksy unter den Streetart- Künstlern ist, ist Stålenhag unter den Illustratoren und Autoren seines Genres. Weiterlesen
Kathrin Hartmann: Die Welt gewinnen
„Die Welt gewinnen“ ist ein interessantes, lesenswertes und vor allem sehr persönliches Buch der Autorin Kathrin Hartmann. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Hartmann die Ich-Erzähler- Rolle übernimmt und der Eindruck entsteht, dass ich in ihrem Tagebuch lese. Man spürt, dass ihr das Thema, das sie seit vielen Jahren begleitet, am Herzen liegt. Anders als in ihren vorangegangenen Veröffentlichungen legt sie im aktuellen Buch weniger den Finger in die Wunde, sondern zeigt auf, wie erfolgreich Privatinitiativen sein können. Es wird denjenigen eine Stimme verliehen, die nicht dank ihrer Prominenz, ihres Wohlstandes oder ihrer Macht sich leicht Gehör verschaffen können. Es geht um Menschen, die Weiterlesen
Tilmann Lahme: Thomas Mann – Ein Leben
592 Seiten oder laut meiner Digitalwaage 911 g Geschichte. Die Geschichte eines Mannes, einer Familie, die sehr eng mit der deutschen Vor- und Nachkriegsgeschichte verbunden ist, denn obschon Literaturnobel-Preisträger und davon gibt es immerhin nur 10 deutsche Schriftsteller: innen, musste Thomas Mann 1933 die Gelegenheit während einer Vortragsreise nutzen und ins Schweizer Exil gehen, galt er als einer der schärfsten Kritiker Hitlers. Von dort wanderte die Familie 1938 in die USA aus. Der New York Times sagte Mann am 22. Februar 1938: „Es [das Exil] ist schwer zu ertragen. Aber was es leichter macht, ist die Vergegenwärtigung der vergifteten Atmosphäre, die in Deutschland herrscht. Das macht es leichter, weil man in Wirklichkeit nichts verliert. Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir. Ich lebe im Kontakt mit der Welt und ich betrachte mich selbst nicht als gefallenen Menschen.“ Weiterlesen
Mord und Gelächter, Tony Hillerman, Serie Navajo-Police, Leaphorn und Chee ermitteln

Lieutenant Leaphorn und Officer Jimmy Chee ermitteln gemeinsam an mehreren Fällen. Ein Lehrer und richtig guter Mensch wurde in seinem Werkraum erschlagen und ein Teenager, der vierzehnjährige Delmar, halb Navajo, halb Tano wird vermisst. Außerdem ein tödlichen Unfall mit Fahrerflucht, dessen Aufklärung Chee seine Sergeantstreifen ermöglichen soll. Da Leaphorn jedoch in ein paar Tagen mit seiner neuen Flamme Louisa nach China fliegen will, bleibt wohl alles an Jimmy hängen. Man hat nur zwei Hände denkt Chee und konzentriert er sich auf den verschwundenen Jungen. Die einflussreiche Großmutter ist ein Mitglied des Stammesrates und sie will den Jungen unbedingt finden. So fährt Chee erst einmal nach Tano, wo Delmars Mutter lebt und weil dort gerade die Festlichkeiten des Kachina-Tanzes gefeiert werden. Etwas, das Chee sehr gerne der jungen hübschen Anwältin Janet zeigen möchte. Immerhin kann er dabei nach dem Tano-Jungen Ausschau halten. Während der Zeremonie, erblickt er Delmar, doch dann kommt es zu Irritationen beim Publikum und plötzlich ist einer der heiligen Clowntänzer, ein Koshare, ebenfalls tot.
Wer etwas für die Kultur der amerikanischen Indianer übrig hat, sich für ihren Glauben und ihre Lebensweisen in den Reservaten interessiert, ist bei der Serie nicht nur richtig. Man fühlt sich als Leser regelrecht wohl in den Geschichten. Gerne begleitet man Joe Leaphorn auf seinen endlosen Fahrten, durch die weite Black-Mesa und für die Länge einer dieser Romane, kann man die Welt vielleicht als Navajo-Indianer begreifen. Großartige Bücher einer fantastischen Serie mit noch besseren Geschichten.