Alle Artikel von Elke Rossmann

Als Deutschland sich neu erfand – Die Nachkriegszeit 1945-1949, SPIEGEL-Buch

Als Deutschland sich neu erfand

Dieses Buch entstand aus der Reihe SPIEGEL GESCHICHTE, dem Heft (01/2018) „Die Nachkriegszeit, Als Deutschland sich neu erfand“. Daher ist jedes der Schicksale mit Zeitzeugenberichten versetzt, was die Betrachtung der noch jüngsten Vergangenheit umso einprägender und schonungsloser zeigt. Ob es um das Thema der Nachkriegsvergewaltigungen, des Verhungerns oder der verzweifelten Heimkehrer, die ihre Familie nicht finden können, geht oder um die Schicksale deutscher Flüchtlinge, die plötzlich Fremde im eigenen Land sind, die Briefe, Aussagen und Tagebucheintragungen erfassen die Fakten so gnadenlos, wie sie waren.

Würde jeder Mensch sich dieses Buch durchlesen und sich in die leidgeprüften Erlebnisberichte der Überlebenden hineinversetzten können, müssten wir nie wieder Angst vor Krieg haben.

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Golden Twenties, Film Rezension von Lutz Reigber

Die Biographie der heutigen Jugend

Sophie Kluges Langfilmdebüt handelt von der 25jährigen Ava, die nach erfolgreichem Abschluss ihres Studiums nicht recht weiß, wie es weiter gehen soll. Erst mal zieht sie zu ihrer beschäftigten Mutter. Ihr Kinderzimmer ist zur Abstellkammer degradiert und sie muss sich nun den Raum mit dem nicht benutzten dominanten Crosstrainer teilen.  Die Mutter kommt erst nach Tagen wieder mit ihrer neusten Errungenschaft, ein Lover, der vom Alter her eher zu Ava passen würde. Die Jobsuche zeigt sich wenig erfolgversprechend. Ohne Praktikum keine Stelle. Und zur Krönung der Ironie: Kommen sie doch wieder, wenn sie mehr Erfahrung gesammelt haben. Zusätzlich muss sich Ava mit den Problemen der ehemals besten Freundin abgeben, obwohl sie selbst sich noch nicht gefunden hat. Gott sei Dank bekommt sie eine Hospitanten-Stelle am Theater. Erträgt stoisch die Marotten von Regisseur, Assistentin und Schauspieler. Gleichzeitig erfreut sie sich an dem Interesse des jungen Schauspieler.

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Die Berufung – Ihr Kampf um Gerechtigkeit

Nach einer wahren Begebenheit

In den Fünfzigern als Jurastudentin nach Harvard zu kommen, ist etwas sehr Besonderes für eine Frau. Doch die geniale Ruth Ginsburg schafft es, trotz eines Babys und eines kranken Mannes. Nach ihrem Abschluss sucht sie in New York eine Anstellung, doch muss feststellen, dass Frauen in dem Beruf immer noch nicht gefragt sind. Selbst als sie in den 70iger Jahren als Professorin unterrichtet, ist die Diskriminierung allgegenwärtig. Sie will das mit allen Mitteln ändern und sieht ihre große Chance, das Gesetzbuch endlich von der Unterdrückung der Frau zu befreien, indem sie den Fall eines diskriminierten Mannes annimmt. Der alleinstehende Sohn pflegt seine demente Mutter und hatte steuerlich eine zusätzliche Pflegekraft eingestellt. Doch das wurde ihm nicht zugestanden, da er ein Mann ist. So beginnt Ruth ihren Kampf gegen das Patriarchat der Richter, Staatsanwälte und ihrer Kollegen.

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Friedhof der Kuscheltiere

Stephen King steht für Horror, Horror vor dreißig Jahren. So ist die Neuverfilmung vom Friedhof der Kuscheltiere seiner Zeit angepasst. Für Kinoliebhaber der jüngeren Generation, die weder den 1983 frisch erschienenen Roman, noch die erste Verfilmung gesehen haben, ist der Film ganz prima. Spannend mit dem Hände-vor-die-Augen-Effekt, weil man die schlimmsten Szenen nur durch die Fingerritzen schauen kann. Ein typischer Abendfüller, den man mit der besten Freundin oder mit mehreren ansieht. Definitiv sehenswert. Weiterlesen

Ein richtig falsches Leben, Jakob Bodan

Ein bisschen durchgeknallt ist die Geschichte schon, doch gerade deshalb kann man das Buch einfach nicht zur Seite legen.

Die dritte Generation, die für das Attentat auf Alfred Herrhausen und andere verantwortlich war, wollte damals das Ende der DDR rächen. Die Mörder gingen in den Untergrund und sind es zwanzig Jahre später immer noch. Sie leben ein Leben der Anonymität, des Schweigens und der Frustration. Frederic, der in Südfrankreich mit MC eine Scheinehe und eine kleine Marmeladenmanufaktur führt, ist am Ende. Er will endlich raus, denn er hasst MC, seine ehemalige Kampfgenossin, genauso, wie sie ihn verachtet. Doch so einfach kann man als ehemaliges RAF-Mitglied nicht in die Gesellschaft zurück. Ergibt man sich, wird man zu Verräter, taucht man auf eigene Faust unter, so hat man plötzlich nicht nur die Exekutive auf den Fersen, auch die eigene Leute. Es ist aussichtlos, doch als Frederic Constanze kennenlernt, scheint es lohnenswert, noch einmal ein richtiges Leben zu beginnen. Ein Traum könnte wahr werden, wäre da nicht ein Problem. Constanzes Vater wurde damals von der RAF hingerichtet, sie selbst ist ein Opfer von Frederics früherer Gesinnung.

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Blutacker, Lorenz Stassen

Es ist vielleicht ein Jahr her, das wir den ersten Band der Reihe, Angstmörder vorstellten. Und damit Nicolas Meller und seine Freundin Nina Vonhoegen. Dem notorisch erfolglosen Strafverteidiger, der mehr schlecht als recht um die Runden kommt, aber immer auf der Seite der Guten agiert, egal mit welchen Mitteln.

Nun, das ist vorbei, seit er einen psychopathischen Mörder stoppte. Mittlerweile eine Berühmtheit hat Nicolas seine Kanzlei vergrößert, ist im Süden von Köln mit Nina in eine schicke Wohnung gezogen und fährt einen Aston Martin Vantage S. Auch wenn Nicolas Probleme hat er selbst zu bleiben, öffnen sich die Türen in die Welt der Superreichen und des Adels. Dass es jedoch unter deren Dächer manchmal mehr stinkt als bei den gewöhnlichen Kriminellen, muss Nicolas auf die harte Weise lernen!

Wieder eine Superunterhaltung und ich gebe Nina recht: Der neue Schickimicki-Meller gefällt mir genauso wenig wie ihr. Gut das er sich eines Besseren belehren lässt.

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Der Turm der toten Seelen, Christoffer Carlsson

Band eins der vierteiligen Thrillerserie um den melancholischen jungen Polizisten Leo Junker in Stockholm. Wir hatten bereits im Januar den vierten und letzten Band besprochen und waren begeistert. Daher jetzt Band eins und es werden auch Band drei und vier folgen.

Hier beginnt also die Geschichte des Polizisten, der aus dem sozialen Brennpunkt Salem in Stockholm stammte. Die Erzählung ist eine Mischung aus einem aktuellen Mordfall, in den der suspendierte Leo Junker gerät und den Rückblicken in seine Jugend in der Hochhaussiedlung. Es ist ein knallharter Thriller, die Geschichte einer tragischen Freundschaft, einer furchtbar endenden ersten Liebe und von Rache, die mehr Kummer sät als Erleichterung schafft. Großartiges schwedisches Thriller-Kopfkino mit einer Nuance von Roman Noir.

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Willkommen in Marwen

Basierend auf einer wahren Begebenheit

Die berührende Geschichte eines Mannes, der fast zu Tode geprügelt wurde und nur ganz langsam und auf unglaubliche Weise zurück ins Leben findet. Die Animationstechnik in dem Film ist etwas gewohnheitsbedürftig, da ein Großteil der Geschichte von einer Art Barbiepuppen dargestellt wird. Dennoch verfehlt es die Wirkung nicht, weil man nach kurzer Zeit, genauso mit den Puppen fühlt, wie mit Mark Hogancamp, der sich nur durch seine Miniaturwelt dem schlimmen Trauma seines Lebens stellen kann. Ein Film der die Gefühle bewegt!

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Die Lüge, Mattias Edvardsson

Die Luege von Mattias Edvardsson

Wie viele Familien heutzutage sind die Eltern von Stella in einer hilflosen Situation. Zwar ist sie jetzt bereits neunzehn, doch schon im zarten Alter von vierzehn Jahren war es ein Albtraum sie zu erziehen. Stella ist und war gewalttätig durch Impulskontrollverlust, trinkt, nahm Drogen und fand früh zu den Jungs. Das, obwohl ihr Vater Pfarrer ist und sich eigentlich immer nur liebevoll um sie kümmerte. Die Mutter ist erfolgreiche Rechtsanwältin und ihrer Tochter genauso zugewandt. Doch Stella fühlt sich im Gefängnis, kontrolliert und missverstanden.

Doch dann wird ein sehr reicher, dreiunddreißigjähriger Mann auf einem Spielplatz erstochen. Er verblutet und alle Indizien zeigen auf Stella. Sie landet in der Untersuchungshaft. Ab dem Zeitpunkt wird dann das Familienleben von drei Perspektiven erzählt und wird mit jeder Seite spannender. Nehmen Sie mich wörtlich, erst mit dem allerletzten Satz, erfährt man, wer der Mörder ist.

Ein Thriller, eine Sozialstudie unserer Zeit und ein fast ganz normales Familienleben.

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Wo man im Meer nicht mehr stehen kann, Fabio Genovesi

Einer der entzückendsten Familiengeschichten, die ich je gelesen habe. Man muss den sechsjährigen Fabio einfach lieb gewinnen, genau wie seine zehn schrulligen Großväter, bei denen der Fluch der Manchinis bereits zugeschlagen hat. Denn jedes männliche Mitglied der Familie, das bis zum vierzigsten Geburtstag nicht heiratet, wird irgendwie verrückt. Doch der kleine Fabio profitiert von der Verrücktheit seiner Opas und lernt dadurch Dinge, die ein normaler Junge sonst nie lernen würde.

Die Geschichte ist wunderbar elegant und gleichzeitig mit einer kindlichen, liebevollen Naivität geschrieben, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Man lacht mit Fabio, vergießt ein paar Tränen und nimmt ein gehöriges Stück Lebensweisheit mit.

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