Wo man im Meer nicht mehr stehen kann, Fabio Genovesi

Einer der entzückendsten Familiengeschichten, die ich je gelesen habe. Man muss den sechsjährigen Fabio einfach lieb gewinnen, genau wie seine zehn schrulligen Großväter, bei denen der Fluch der Manchinis bereits zugeschlagen hat. Denn jedes männliche Mitglied der Familie, das bis zum vierzigsten Geburtstag nicht heiratet, wird irgendwie verrückt. Doch der kleine Fabio profitiert von der Verrücktheit seiner Opas und lernt dadurch Dinge, die ein normaler Junge sonst nie lernen würde.

Die Geschichte ist wunderbar elegant und gleichzeitig mit einer kindlichen, liebevollen Naivität geschrieben, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Man lacht mit Fabio, vergießt ein paar Tränen und nimmt ein gehöriges Stück Lebensweisheit mit.

Fabio Genovesi, 1974 in der Toskana geboren und am berühmten Badeort Forte dei Marmi aufgewachsen, hat als Bademeister, Radsporttrainer, Kellner und Übersetzer gearbeitet, bevor er sich höchst erfolgreich dem Schreiben widmete. Seit vielen Jahren gehört er zu den wichtigsten und beliebtesten Autoren Italiens. Für sein neuestes Buch wurde er mit dem renommierten „Premio Viareggio“ ausgezeichnet.

Fotocopyright: Claudio Sforza

 

Eigentlich hatte Fabio nie gemerkt, dass er anders ist. Erst als er in die Schule kommt, stellt er fest, dass man auch mit gleichaltrigen Kindern spielen könnte. Seine Abenteuer erlebte er bisher mit seinen skurrilen, berühmten und berüchtigten Opas, von denen er zehn an der Zahl hat. Eigentlich sind es seine Großonkel und nur die unverheirateten Brüder seines wirklichen Opas. Auch sein wortkarger, sanftmütiger Papa ist besonders und tut alles für seinen kleinen Fabio.

Als ausgerechnet Weihnachten Fabios Vater durch einen Unfall ins Koma fällt und nicht mehr erwacht, hat der Junge nur noch ein Ziel: Er muss dafür sorgen, dass sein Papa wieder aufwacht. So beginnt Fabio seinem Vater täglich vorzulesen, aus den Bücherschätzen die er bei Signora Stella auf dem Markt ersteht. Jede Woche ein Buch und so lernt Fabio etwas über die Regenwurmzucht, über Aale, das Ausstopfen von Tieren und dem Heiligen Franz von Assisi kennen. Großgeworden mit den so bodenständigen und nonkonformen Lebensweisheiten seiner Opas, wird Fabio selbst schnell zum Außenseiter. Doch das macht nichts, sagt sich der Junge, denn auch Franz von Assisis hielt man für einen Verrückten.

Eines Tages wacht sein geliebter Papa langsam aus dem Koma auf und scheint nicht nur Fabio, auch die einfachsten Dinge vergessen zu haben. Darum schreibt der mittlerweile elfjährige Junge selbst ein Lehrbuch und liest es Kapitel für Kapitel seinem Vater vor. Es handelt von einfachen Sachen, die Papa wieder lernen muss, wie Essen und die Benutzung von Besteck. Aber auch von der Notwendigkeit sich anzukleiden und warum das so wichtig ist. Doch das bedeutungsvollste Kapitel, das seinen Vater immer mehr ins Leben zurückbringt, ist das, über die Geschichte und Liebe der Familie Machini.

Mit einem Seufzen schlägt man dieses herrliche Buch zu und weiß in dem Moment genau, dass man es irgendwann wieder einmal lesen wird. Denn der Autor schafft es mit seinem Roman die Leser glücklich, fröhlich, traurig und zum guten Schluss, einfach nur tief zufrieden zu stimmen. Es ist ein Buch für alle Generationen. Lassen Sie sich dieses kleine Kunstwerk nicht entgehen.

Wo man im Meer nicht mehr stehen kann, Fabio Genovesi, C. Bertelsmann, gebundenes Buch, Seiten 416, ISBN 978-3-5701-0349-4, Euro 22,00.

 

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