Dreh- und Angelpunkt der Geschichte von Anne Stern ist die Straße Unter den Linden in Berlin und die Pralinenmanufaktur Sawade sowie deren Prokuristin Elfie Wagner. Es ist August 1936, die Olympiade dient der Politik zu Propagandazwecken. Dass Jesse Owens bereits 2 Goldmedaillen erlaufen konnte, kann dem Regime nicht gefallen. Doch während sich das offizielle Berlin weltoffen gibt, haben die Einwohner Berlins zu kämpfen und ihre Geheimnisse zu bewahren. Oder sie haben keine Chance, wie das Blumenmädchen Rosa, die zum fahrenden Volk gehört und zwecks Familienzusammenführung in Polizeigewahrsam kommt und verschleppt wird. Während es für die einen Tage des Abschieds sind: Spree-Willi, der Leierkastenmann wird beerdigt, Franz Marcus, der jüdische Buchhändler, hat im Gegenzug für ein Max Liebermann Gemälde, das ihm Käthe Kollwitz zur Aufbewahrung gab Weiterlesen
Natalie Livingstone ist akademisch an dieses umfassende Thema herangegangen: akribisch recherchiert und verständlich aufbereitet. Sprachlich und stilistisch bleibt Livingstone sachlich und macht klar: dies ist kein Roman. Davon zeugen schon die ca. 140 Seiten Danksagung, Personenregister, Namen und Begriffe sowie umfangreiche Quellenangaben. Dennoch ist es der Autorin gelungen, ein faszinierendes, zugängliches und fesselndes Buch vorzulegen. Livingstone holt die Rothschild-Frauen aus dem Schatten ihrer illustren Männer und wir lernen beeindruckende Frauen kennen. Um nur eine zu nennen: Gutle Rothschild, geborene Schnapper, aus Frankfurt am Main, heiratet Mayer Amschel Rothschild 1770. Sie ist die Ur-Mutter der Familie. Und sie denkt nicht nur über ihren Tellerrand hinweg – sie denkt international und schickt selbst noch ihren erwachsenen Söhnen Care-Pakete in deren neue Heimaten.
Ja, wie angelt man sich einen Lord? Erstens: man muss zur Ballsaison in der Hauptstadt sein. Zweitens: sollte man nicht das Glück haben in die Londoner Gesellschaft hineingeboren zu sein und dadurch Zugang zu den Bällen und Soireen zu haben, sollte man a) über ein außergewöhnlich gutes Aussehen, Charme, Esprit, Witz, nicht zu vergessen tadelloses Benehmen und b) über Einfallsreichtum und Entschlossenheit verfügen. Des Weiteren ist es äußerst wichtig sich mit den Damen der Gesellschaft bzw. den Müttern geeigneter Kavaliere gut zu stellen. Denn auch wenn man in einer Männerwelt lebt, haben die Frauen das Sagen, wenn es darum geht, welcher Debütantin der eigene Sohn den Hof machen darf. Und man braucht eine einem wohlgesonnene Autorin – in diesem Fall Sophie Irwin, die alle Irrungen und Wirrungen ihres Debütromans im Regency London zu einem guten Ende bringt.
Ich glaube wirklich nicht an Verschwörungstheorien, aber was sonst, als eine Verschwörung könnte hinter diesem Cover stecken? Offen gestanden, im Buchladen wäre ich achtlos an dem Buch vorbeigegangen und das wäre total schade gewesen und hätte mich um einen unterhaltsamen, flott geschriebenen Krimi gebracht, der besonders durch seine verbalen Schlagabtausche der beiden Protagonisten punktet. Als da sind: Anwältin Lizzi, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und meist einen flotten Spruch auf den Lippen hat und der von ihrem Vater für sie engagierte Personenschützer Eric. Besonnen, durchtrainiert und dazu auffallend attraktiv. Die Frage, warum er der Meinung war, Lizzi brauche einen Bodyguard,
Was weiß ich über Korea? Die Hauptstadt ist Seoul. Es gibt Nord- und Südkorea, LG und Samsung. Und dann gibt es noch den K-Pop. Koreanische Pop Musik. Mit ihrer Attraktivität und einer perfekten Performance verzaubern die koreanischen Musiker und stürmen die internationalen Charts. Die Gruppe BTS schaffte es mit ihrem Album »Love yourself: Tear« 2018 an die Spitze der US-amerikanischen Billboard 200 (Albumcharts). Und so fragt man sich zu Recht: ist die Schönheit der Koreaner Gott gegeben oder von Halbgöttern in weißen Kitteln erschaffen? Frances Cha gewährt uns in ihrem Debütroman einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen und auf die koreanische Gesellschaft. Ihre Tochter wünscht sich zum 18. Geburtstag eine Brust-OP? Da kommen sie ja noch verhältnismäßig gut bei weg.
Mit ihrem Debütroman »Die Frauen von Brewster Place« legte Gloria Naylor vor 40 Jahren den Grundstein für ihre äußerst steile Karriere und inspirierte Oprah Winfrey eine erfolgreiche Miniserie basierend auf dem Buch zu produzieren, in dessen Zentrum sieben schwarze Frauen stehen. Jede Geschichte in Die Frauen von Brewster Place für sich genommen ist fesselnd und obwohl jede Geschichte nur tangential mit jeder anderen Geschichte verbunden ist, bietet die Autorin eine Gesamteinheit, die den Roman trägt. Und zwar nicht in herkömmlicher linearer Struktur, sondern unter Verwendung von mehreren Miniplots, die das Leben der einzelnen Protagonistinnen beleuchten und der Autorin ermöglichen, sich auf die Charaktere zu fokussieren. Und es gelingt Naylor ihre Figuren überzeugend zu entwickeln. Jede Frau wird mit ihrer eigenen einzigartigen Persönlichkeit präsentiert, die fein ausgearbeitet ist, so dass sie sowohl einprägsam als auch kraftvoll daherkommt.
Für Beyoncé Fans ist Warsan Shire keine Unbekannte, arbeiteten doch beide an den Projekten Lemonade und Black is King zusammen. Alle anderen – so wie ich – haben mit dem vorliegenden, zweisprachigen Gedichtband (englisch und deutsch) Gelegenheit, die Dichterin kennenzulernen. Immerhin gilt Warsan Shire als aufregendste und etablierteste, zeitgenössische Stimme der Poesie. Zugegeben, ich war neugierig und unvorbelastet. Die Poetin thematisiert in ihren Gedichten die Metaphorik der Weiblichkeit, Familie, Vergewaltigung und Auswanderung. Obwohl Shire über schmerzhafte Themen schreibt, ist ihre Sprache geschliffen, ihr poetischer Stil und der Inhalt eher statisch bis zum Ende. Hier verstrich die Chance, eine diverse und dynamische Geschichte zu erzählen, ungenutzt. Shires Botschaft der Belastbarkeit innerhalb der Zuwanderungserfahrung geht in der Monotonie der Dichtung verloren. Dafür verlangt sie ihren Lesern Selbstorientierung ab. Ich wünschte mir einen »roten Faden«, der mich durch diese tief erschütternden Gedichte führen kann. Selbstverständlich ist es nicht die Aufgabe der Dichterin dafür Sorge zu tragen, dass ich mich behaglich fühle. Um allerdings den Gedichten den verdienten Respekt zu zollen, fehlt mir etwas. Vielleicht sind es die Erfahrungen der Dichterin, die ich nicht gemacht habe. Schließlich sind die Gedichte zutiefst persönlich und in einer komplexen Familiengeschichte verwurzelt. Mit einer solchen Fülle an Emotionen, die die Gedichte in mir hervorriefen, habe ich nicht gerechnet. Sie trafen mich »volle Breitseite«.
Ich finde Geschichten über unwahrscheinliche Freundschaften spannend, jedoch so etwas Berührendes, wie diese emotional aufgeladene Geschichte über den Teenager Lenni und die achtzigjährige Margot sucht ihresgleichen. Mit 17 bzw. 83 (eine kombinierte Lebenszeit von 100 Jahren) sollten sie wenig gemeinsam haben. Schließlich wurden sie in verschiedene Welten, verschiedene Epochen hineingeboren. Margot kann auf ein langes und reiches Leben blicken, während Lennis zu Ende geht, bevor es kaum begonnen hat. Und doch verbindet diese beiden Frauen mehr als der gemeinsame Aufenthalt auf einer Palliativstation: Die Feier des Lebens. Und so ist die Geschichte der beiden Frauen angefüllt mit Licht und Farbe, Weisheit und Witz, Anmut, Humor und Hoffnung. Es ist kaum zu glauben, dass es Marianne Cronins Romandebüt ist. Eine starke Leistung. Die Geschichte lebt von den beiden liebenswerten Charakteren. Lenni: lebhaft, respektlos, mutig und sterbend, eine alte Seele mit fragilen, jungen Schultern. Margot: eine Überlebende mit lebenslangem Bedauern und einem speziellen Sinn für Humor. Die beiden sind verwandte Seelen und fühlen sich zueinander hingezogen. Durch ihre Freundschaft und die Stunden, die sie für ihr gemeinsames Krankenhauskunstprojekt verbringen, kann Margot ihr Leben noch einmal erleben und neu bewerten, während Lenni mittelbar ein Leben führen kann, eine Erfahrung, die sie nie besitzen wird. Die Symbiose ist einfach, dennoch schmerzhaft schön. »Wir können ebenso wenig nicht wissen, warum du stirbst, wie wir wissen können, warum du lebst. Das Leben und das Sterben sind große Geheimnisse, und man kann beides nicht verstehen, solange man es nicht selbst erlebt hat.«
Dank Marion Lagoda und ihrem gelungenen Debütroman »Ein Garten über der Elbe« müssen wir nicht mehr neidvoll Richtung England und seine berühmten Gärtnerinnen schauen. Auch wir haben eine Gertrude Jekyll namens Else Hoffa. Lange unbekannt und wäre nicht das 100-jährige Jubiläum des Gartens über der Elbe 2013 gefeiert worden, würde die Protagonistin, im Roman Hedda Herzog, wohl immer noch auf ihre Entdeckung warten. Nun aber hat sie ihren verdienten Platz in der Reihe großer Pionierinnen als erste Obergärtnerin Deutschlands. Als würde der Beruf ihr nicht schon genug abverlangen, stellt der Nationalsozialismus die Halbjüdin wie Ihre jüdischen Arbeitgeber vor eine schwierige Herausforderung. Während die Bankiersfamilie nach Amerika auswandert, entscheidet sich Hedda für England.
Wer wie ich in einem fast 400 Jahre alten Haus lebt, wundert sich nicht, dass die »Große Didaktik« von Johann Amos Comenius die Jahrhunderte überdauert und unzählige Generationen geprägt hat und offensichtlich kommende Generationen prägen wird – und das weltweit. Denn Comenius war ein Kosmopolit. Nicht, dass er alle ausländischen Einladungen wie zum Beispiel aus Amerika angenommen hätte. Aber er folgte dem Ruf nach Schweden und reformierte dort das Bildungssystem und wirkte unter anderem in England und Ungarn, um nur einige Stationen zu nennen. Im Gegensatz zu einem 400 Jahre alten Haus, das immer wieder Renovierungsarbeiten erforderlich macht, sind die Gedanken von Comenius von einer Allgemeingültigkeit, die beeindruckt: »Der Mensch ist zum Leben in Freiheit und Würde bestimmt: Dieses Plus Ultra wiegt mehr als Gesundheit und materielles Wohl« oder »Die Jugend muss gemeinschaftlich in Schulen gebildet werden« sind nur 2 von 33 Kapiteln. Comenius erlebte den 30-jährigen Krieg, musste flüchten, kannte die Pest und war Exilant. Aber vor allem war er ein hochgebildeter Mann, der erkannt hatte, dass Bildung den Menschen ausmacht. Comenius hat das, was er in seiner Großen Didaktik beschreibt, vorgelebt und ist für seine Überzeugungen fest eingetreten.