Alle Artikel von Elke Rossmann

Geiger, Gustav Skördeman

Was passiert, wenn eine Schläferin nach mehr als dreißig Jahren im Alter von knapp siebzig den Anruf erhält, auf den sie immer gewartet hat? Nun, dann passiert es, dass sie ihrem eigenen Ehemann, mit dem sie vierzig Jahre verheiratet ist, Kinder und Enkelkinder hat, einfach eine Pistole an den Kopf setzte und abdrückt. Mit diesem Anruf wird etwas in Gang gesetzt, auf das einige Leute lange gewartet haben und es ist etwas wirklich Großes!

Und etwas wirklich Großes hat Gustav Skördeman auch mit dem ersten Teil seiner Debüt-Trilogie abgeliefert. Eine wirklich außergewöhnliche Idee, die das Thema DDR Spionage in Schweden aufgreift, es aktuell macht und keine zwischenmenschliche Niedertracht auslässt. Und das, obwohl die DDR seit über dreißig Jahren nicht mehr besteht. Der Autor lässt den Kalten Krieg wieder aufleben und scheut sich nicht eine richtig alte Frau als Killer loszuschicken. Es ist hochinteressant, wie die achtziger Jahre wieder aufblühen. Skördeman beschreibt vor allem spannende, kontroverse, Frauengestalten, die einen in Atem halten und erzählt seine Geschichte mit einem nicht abreißenden Spannungsbogen.

Großes Kopfkino und ein wahrer Lesegenuss! Schon jetzt bekenne ich mich als Fan der Geiger Trilogie.

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Über Menschen, Juli Zeh

Ueber Menschen von Juli Zeh

Dora ist Mitte dreißig und Werbetexterin. Während der Coronapandemie, dem Trump Desaster, dem Klimaschutz-Aktivismus und den Erwartungen ans Gutmensch-Sein verliert sie sich selbst. Mit einer Kurzschlussreaktion, die symptomatisch einer Depression ähnelt, bricht Dora mit ihrem Lebenspartner und kauft ein Haus in Bracken. Das alte schwer renovierungsbedürftige Haus in der brandenburgischen Provinz hat es ihr angetan. Ohne Auto, mit einer Matratze, ihrem Fahrrad Gustav, einem Koffer und ihrem Hund landet sie im absoluten Nirgendwo. Ihr gegenüber wohnt der kleine Heini, ein paar Häuser entfernt Tom und Steffen, ein schwules Paar und ihr Nachbar ist Gottfried, genannt Gote. Er stellt sich ihr mit den Worten vor: Ich bin hier der Dorf-Nazi. Gar nicht witzig, vor allem, weil Dora abends hört, wie Gote mit zwei seiner Rechten Schergen das Horst Wessel Lied am Lagerfeuer schmettert. Eigentlich will sie nur noch weg, doch es dauert nicht lange und sie verliert durch die Pandemie ihren Job bei der Werbeagentur. Jetzt kann sie es sich nicht mehr leisten abzuhauen. Und dann passiert etwas, womit Dora nie gerechnet hätte. Sie muss wegen Gote eine Entscheidung treffen, die nur von ihr als Mensch für einen Menschen getroffen werden kann. Wieder einmal ein Juli Zeh Roman, der dem Leser nicht die Chance gibt, sich nur aus der Distanz entertainen zu lassen. Man wird automatisch zu Dora, überdenkt ihre Entscheidungen, ist entsetzt davon, begeistert davon und fragt sich, wie human man selbst eigentlich in ihrer Situation wäre. Wie human man eigentlich selbst ist.

Juli Zeh wird mit jedem Buch besser. Eine scharfsinnige und scharfzüngige Beobachterin unserer Gesellschaft, die mit Menschen Milde walten lassen kann und mit Leuten hart ins Gericht geht. Literatur der Spitzenklasse!

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Wenn ein Stern von Himmel fällt, Mem Fox & Frey Blackwood, Kinderbuch ab 4 Jahren

Selbst unserer Kleinsten müssen sich manchmal sogar in frühen Jahren mit dem Tod beschäftigen. Zum Beispiel wenn eine Uroma oder ein Opa stirbt. In solch einem Fall ist dieses wunderschön illustrierte Kinderbuch genau richtig. Denn es erklärt mit wenigen Worten, das Wunder Leben, zu dem auch der Tod gehört.

Wobei der Mensch als Stern beschrieben wird, der plötzlich einfach vom Himmel fällt und als Baby in die Menschengemeinschaft findet. Dort wächst er auf, wird geliebt, hat Träume und wird älter und immer älter. Bis er wieder ganz verschwunden ist und als Stern erneut vom Himmel leuchtet.

Ein solch schwieriges Thema wie Geburt, Leben und Tod wurde hier rührend und mit den einfachsten Worten beschrieben. Und die Annahme vor der Geburt und nach dem Tod einfach nur ein Stern am Himmel zu sein, ist nicht nur für unsere Kinder eine hübsche Vorstellung.

So möchte ich dieses bildschön illustrierte Kinderbuch voller Optimismus und Aufmunterung als sehr wertvoll und besonders kindgerecht bezeichnen.

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Denn Familie sind wir trotzdem, Heike Duken

Denn Familie sind wir trotzdem von Heike Duken

Eine wunderschöne, traurige, hoffnungsvolle, bezaubernde und sogar manchmal lustige Familiengeschichte, die 1925 beginnt und 2019 endet.

Ein Roman der sich über drei Generationen zieht und durchweg voller starker Frauengestalten ist. Eine Geschichte, die so einfühlsam erklärt, warum sich Menschen auch für falsche Wege entscheiden und sich irgendwann wieder finden. Heike Duken hat geradezu virtuose Fähigkeiten, sich sprachlich in den unterschiedlichen Charakteren auszudrücken. Der Roman fesselt nicht nur, er hallt auch lange in einem nach und hinterlässt ein kleines Gefühl von Glück. Seit Langem mal wieder eine Geschichte, die auf die Liste der schönsten Bücher kommt, die ich je gelesen haben.

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Die Verlassenen, Matthias Jügler

Die Verlassenen von Matthias Juegler

Zitat: „Je mehr ich über meinen Vater nachdachte, desto überzeugter wurde ich, dass etwas ganz Grundlegendes mit ihm nicht stimmte, als wäre irgendetwas an ihm in Unordnung geraten und nie wieder zurechtgerückt worden.“

Das denkt der dreizehnjährige Johannes, nachdem ihn sein Vater mit den Worten, Mach’s gut, Jung, einfach verlässt. Er bleibt zurück bei der Großmutter, die sich ebenfalls in Schweigen hüllt. Mit fünf verlor das Kind seine Mutter, angeblich durch einen Herzinfarkt und sein Vater zieht ihn überfordert und schweigsam groß. Zum Glück gab es Vaters Freund Wolfgang, der immer etwas Freude in seine Kindheit brachte. Doch auch er verschwindet plötzlich. Ohne Eltern lebt er mit einer gütigen Großmutter, bis auch sie stirbt, kurz bevor Johannes vor dem Abitur steht.

Seine traurige so eigenartige Kindheit hinterlässt tiefe Verletzungen und Probleme in Johannes. Auch als er eine Beziehung eingeht und selbst Vater wird, ist sein Leben ein Drahtseilakt der Gefühle und Verwirrungen. Erst als er einen Brief in den Büchern seines Vaters findet, den Vater kurz vor seinem Verschwinden erhielt, wird ihm das Ausmaß der Tragödie seiner Familie klar.

Ein bewegendes, mit unterschwelliger Wut erzähltes Buch, die man gegen Ende des Buchs versteht. Es geht um Opfer und Täter und ein Kind, das mitten in das irrsinnige politische Konstrukt einer langsam zerfallenden DDR gerät. Sehr zu empfehlen!

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The Cousins, Karen M. McManus

The Cousins von Karen M McManus

Karen M. McManus stand bisher für Jugendromane, bei denen es immer um ein Problemthema von Teenagern ging. Nicht so in diesem Roman, den man als Jugendkrimi bezeichnen kann. Das Buch ist als solches aber ganz nett geschrieben und hat seine Spannungsmomente. Bestimmt trifft es den Nerv des einen oder anderen Teens. Den Roman kann man jedoch nicht mit den Vorgängern von Karen McManus vergleichen. Denn einen tieferen Sinn, von dem man als junger Mensch lernen könnte, fehlt dieses Mal. Dazu kommt, dass die Geschichte wenig glaubwürdig ist. Kann so etwas passieren? Eher nicht.

Dennoch ist es ganz nett zu lesen und daher eine Empfehlung wert.

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Die Welt in meinen Augen, ungesehene Bilder von Steve McCurry – Fotografie-Bildband

Das erste Mal bin ich den Fotografien von Steve McCurry in Florenz begegnet. Eine wunderbare Fotoausstellung in der Villa Bardini 2018, die mich ins Schwärmen, aber vor allem ins Grübeln brachte. Die Intensivität seiner Fotografien kennt keinen Kompromiss. Die Menschen die er ablichtete starren, klagen an, leiden oder existieren einfach nur. Wenn die Gesichter kleiner Kinder erwachsen sind, die heranwachsender Jugendlicher alt und die alter Menschen zerbrochen, dann stimmt etwas nicht mir unserer Welt. Was ist eindrucksvoller als eine Fotografie, wenn es darum geht das NICHT STIMMEN einzufangen, zu zeigen in den Augen von Menschen.

Ein großartiger wunderschöner und nachdenklicher Bildband mit ungesehenen Bildern eines Kameravirtuosen.

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Der buddhistische Mönch, John Burdett

Der dritte Teil der Bangkok Krimi-Serie, um den Ermittler Sonchai Jitpleecheep. Der Roman lässt bestimmt den einen oder anderen Leser, ohne Thailand Erfahrung mit einem erstaunten und entsetzten Zucken zurück. Doch John Burdett weiß einfach, wovon er schreibt. Meine eigenen vier Jahre in Bangkok wurden wieder heraufbeschworen, wenn er von den Straßen, den Hotels und den sogenannten Vergnügungsvierteln erzählt. Doch am faszinierendsten ist, wie der Autor die Thais erkennt und wiedergibt. So erzählt dieser Roman eine harte und brutale Geschichte über die Pornoindustrie, die Ausbeutung der Ärmsten der Armen, dem Geisterglauben und die magische Koexistenz all dessen mit dem thailändischen Buddhismus. Und so grausam die Geschichte manchmal anmutet, sie wird relativiert durch den Fatalismus und die Gelassenheit von Sonchai. Auch wenn er in dem Fall ziemlich an seine Grenzen stößt.

Eine großartige, spannende Serie, die John Burdett mit der gleichen Leichtigkeit erzählt, wie in Thailand schwierige Situationen ertragen werden. Eine absolute Leseempfehlung für Thailandkenner und diejenigen, die der Mentalität Thailands etwas näher kommen wollen.

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Falsches Spiel in Brodersby, Stefanie Ross

Teil vier bei dem Landarzt in Brodersby. Moment, das ist ja nicht ganz richtig! Denn Jan Storm ist zwar ein Landarzt, aber er war vor allem, ein Mitglied einer Bundeswehrspezialeinheit. Außerdem fährt er eine Ninja und zieht das Verbrechen und auch gleich gesinnte Abenteurer an. So kann man eher von einem Ethan Hunt aus Mission Impossible reden, als von einem Landarzt, der Ibuprofen verordnet.

Auch im vierten Teil wird es verdammt laut, wenn Handgranaten explodieren, Kinder mit weißem Phosphor an den Stränden der Ostsee verätzt werden und sogar ein Mann stirbt. Was geht mal wieder vor in Brodersby? Es hat auf jeden Fall mit Munition und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun, die irgendwo an der Ostseeküste versanken. Eigentlich wollte sich Jan auf seine Rolle als Vater und die Geburt vorbereiten und das geruhsam. Doch die perfiden Machenschaften eines Mannes, den Jan seit Jahrzenten nicht mehr gesehen hat, lassen ihm diese Ruhe nicht. Sein eigener Vater.

Mal wieder Irre. Da passieren eine Geiselnahme, die Rettung eines schwer Verletzten und eine Geburt so ziemlich zeitgleich. Von wegen Ruhe. Die Autorin lässt es wieder ordentlich scheppern und knallen! Großartig, wer hat schon Mission Impossible an der Ostsee!

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Gruß aus der Küche, Texte zu fünfzig Jahren Frauenstimmrecht in der Schweiz

Am 7. Februar 1971, also heute vor fünfzig Jahren, wurde in der Schweiz als fast letztes Land das Frauenwahlrecht eingeführt. Die Schweiz kein Drittland, kein Entwicklungsland, warum dauerte es so viel länger? Weil das Frauenstimm- und -wahlrecht eine Verfassungsänderung verlangte und diese konnte zwingend nur durch ein Volksabstimmung erreicht werden. Einer Volksabstimmung bei der nur Männer abstimmen konnten!

Am Ende, in der Moderne angekommen, war das Ignorieren streikenden Frauen von Seite der männlichen Mehrheit nicht mehr möglich. Wobei einige Kantone wie Appenzell Innerrohden entgegen dem Mehrheitsentscheid der Männer, beim Frauenstimmrecht erst am 29. April 1990 gezwungenermaßen angeglichen wurden.

1990 das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und vor Entsetzten den Kopf schütteln. Nicht nur als Frau!

Und so haben die zwei Autorinnen Texte von ausschließlich Frauen zum Frauenstimmrecht gesammelt. Texte von jungen Frauen, von alten und uralten Frauen! Texte der Freude, Texte des Forderns und Texte der Erinnerungen. Für jede emanzipierte Frau ein wunderbares Buch in Gedenken an ein großes Datum!

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