Eines haben Erbschaften gemeinsam: ihnen geht der Tod des Erblassers voraus. In JP Delaneys neuestem, fesselnden, verstörenden und schockierenden Psycho-Thriller „Die Erbin“ traf es den auf Mallorca lebenden Spät-Hippie-Künstler-Vater von Jess und Finn Henson. Gemächlich startet die Story, nimmt dann aber Fahrt auf und hält Dank unvorhersehbarer Drehungen und Wendungen bis zum – von mir – nicht vermuteten Ende die Spannung. Und jedes Mal, wenn man denkt, gleich gibt es eine Auflösung, entzieht sich die Wahrheit dem Erkanntwerden. Finn, als Ich-Erzähler, reist von London nach Mallorca, um die vermeintlich heruntergekommene Finca Siquia, auf der er seine Kindheit verbracht hat, Weiterlesen
Alle Artikel von Angela Perez
Claire Lombardo: Genau so, wie es immer war
Erinnern Sie sich? Die 80er Jahre, Talking Head und deren Song „Once in a lifetime“ mit der Zeile „Same as it ever was“, zu Deutsch: Genau so, wie es immer war? Es gibt weitere Gemeinsamkeiten zwischen diesem Song und dem vorliegenden Roman, wie unbewusst zu leben und keinen Kontext zu Ereignissen in seinem Leben herzustellen, den Dingen ihren Lauf zu lassen, statt aktiv und die treibende Kraft seines Lebens zu sein, und dann die lichten Momente, in denen man sich fragt, wie man an einen – diesen – gewissen Punkt kommen konnte und als Reaktion darauf die Dinge sieht, wie sie sind. Aber man sollte sich von dem etwas angestaubten Titel nicht täuschen lassen: dies ist ein großer Roman, der genug bietet, um den ganzen Sommer zu Weiterlesen
Isabelle Lehn: Die Spielerin
Der Verlag hat sich ins Zeug gelegt, den neuen Roman von Isabelle Lehn optisch ansprechend zu präsentieren. Der Ausschnitt aus Cornelius Völkers Gemälde „Handtasche“ ist meiner Meinung nach gut gewählt: Die Frau auf dem Bild spielt – kokett – mit ihren Reizen, mit einer gewissen Unschuld und gleichzeitig verbirgt sie etwas. Der Verlag hat sich auch nichts unversucht gelassen, auf den Inhalt hinzuweisen und aus den Kommentaren der Schriftstellerkollegen Simon Urban und Daniela Dröscher zitiert. Letztendlich aber, wenn Leserin und Leser das Buch aufgeschlagen haben und mit dem Lesen beginnen, muss die Geschichte überzeugen. Isabelle Lehn hat für diese Geschichte eine Form gewählt, wie sie aus dem investigativen Journalismus bekannt ist, oder wie sie in einem Ermittlungsprotokoll Verwendung Weiterlesen
Thilo Wydra: Alma und Alfred Hitchcock
Es ist immer ein besonderer Augenblick ein neues Buch in den Händen zu halten. Und manchmal – noch vor dem Öffnen des Buches – weiß man intuitiv, dass die Erwartungen und die Ansprüche an das Buch erfüllt werden. So in diesem Fall. Thilo Wydras Doppelbiografie ist eine literarische Pastete: es ist alles drin – Biografie, Geschichte, Liebesroman, Sachbuch, Familiengeschichte, Feminismus, Emanzipation und natürlich Kinogeschichte. Dennoch ist Wydra strukturiert und hat seine Biografie klar gegliedert: Teil I, England, Die frühen Jahre (bis 1938), Teil II, Amerika, Golden Age (bis 1970), Teil III, Der Ausklang, Die letzten Jahre und wie es sich beim Film gehört gibt es einen Abspann und für die Statistiker den Anhang mit Zeittafel, Filmographie, Bibliographie usw. Was mich jedoch noch mehr als alles andere begeistert, ist die spürbare Neugier, mit der sich Wydra auf Spurensuche begibt und dieses komplexe Bild von Weiterlesen
Laura Neumann: Haus aus Wind
Als Theaterautorin hat sich Laura Naumann bereits einen Namen gemacht und wird an großen Häusern aufgeführt. Mit „Haus aus Wind“ präsentiert sie ihr Romandebüt und stellt auch als Romanautorin ihr Gespür für ihre Charaktere und ihren Sinn für Dramaturgie unter Beweis. Auch wenn die Geschichte in einem Surfcamp an der Algarve angesiedelt ist, geht es um sehr viel mehr als nur die perfekte Welle oder gar Surferboys. Naumann lässt ihre Protagonistin Johanna ihrem „Gerd“, einem Stofftier-Hamster und engstem Vertrauten seit den Kindergartentagen, alles was sie bewegt, ihr passiert und sich ereignet, erzählen. Und in Johannas fast 30-jährigem Dasein ist viel passiert, mehr als bei vielen Gleichaltrigen: mit 11 Jahren hat sie ihre Synchronsprecherinnenkarriere Weiterlesen
Megan Hunter: Die Harpyie
Der Titel von Megan Hunters Roman „Die Harpyie“ führt uns in die Welt der Mythologie. Soviel war mir klar, doch sicherheitshalber habe ich gegoogelt: „Eine Harpyie ([deutsch ‚reißender Sturm‘) ist ein geflügeltes Mischwesen der griechischen Mythologie in Vogelgestalt mit Frauenkopf.“ Das kann nichts Gutes verheißen. Zumal Hunter ein künstlerisches Ende für ihre Geschichte wählt und es der Interpretation der Lesenden überlässt, zu deren eigenen Schluss zu kommen. Ein Anruf, ein Satz – ihr Mann betrügt sie mit meiner Frau – verändert das Leben zweier Ehepaare, das beschauliche Familienleben in einem englischen Mittelschicht-Vorort, reißt sorgfältig aufgebaute Schutzmauern ein und lässt die Bestie, vielmehr die Harpyie, in Lucy von der Leine. Mit drei Bestrafungen, die sich Lucy aussuchen darf und dafür aus der Mythologie schöpft, soll das Weiterlesen
Marion Griffith-Karger: Tod am Aegi
Ich bin sozusagen Späteinsteiger, denn obwohl Marion Griffiths-Karger den ersten Niedersachsen-Krimi „Tod am Maschteich“ bereits 2010 veröffentlichte, bin ich erst jetzt auf die Autorin aufmerksam geworden. Dieses Jahr erschien der von den Fans herbeigesehnte siebte Band dieser Reihe – der siebte Fall für Erste Hauptkommissarin Charlotte Wiegand. Liegt es an der „sieben“, der verflixten sieben, dass die Protagonistin Wiegand unter erschwerten Bedingungen ermitteln muss? Ihr Lebensgefährte Bergheim und bester Mann in ihrem Team hat kurz entschlossen ein Sabbatical genommen, um das von seinem Onkel ererbte Haus in Amelinghausen bei Lüneburg wieder in Schuss zu bringen. Und schon befinden wir uns mitten im zweiten Erzählstrang. Aber der Reihe nach. Gerade noch freute sich Weiterlesen
Claire Douglas: Girls Night
Atmosphärisch dicht, mit Spannung, interessanten Charakteren und Lokalkolorit geht Autorin Claire Douglas der zentralen Frage dieses Thrillers auf den Grund: wie können drei junge Mädchen sich in Luft auflösen? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, muss die Mauer des Schweigens eines ganzen Dorfes Stück für Stück durchbrochen werden, was nicht ungefährlich ist, wie Jenna, eine Journalistin, feststellen muss. Denn es wird offensichtlich, wie quälend der vor 20 Jahren eingetretene Verlust immer noch für die Bewohner ist, und dass sie etwas zu verbergen haben. Für meinen Geschmack manchmal etwas zu blauäugig, gerät Jenna immer wieder in brenzlige Situationen, während sie versucht, Licht ins Dunkel zu Weiterlesen
Cecilia Rabess: Alles gut
Kann Liebe alles überwinden? Sind es die Gegensätze, die sich anziehen? Kann man trotz kontroverser politischer Ansichten zusammen glücklich werden? Und – ist wirklich „alles gut“? Cecilia Rabess begleitet in ihrem faszinierenden, komplizierten Debütroman ihre Protagonisten Jess, schwarz und Demokratin und Josh, weiß und Republikaner durch die Zeit der Wahl von Trump zum Präsidenten. Beide kennen sich von der Uni und treffen bei Goldman Sachs wieder. Schlagfertig und wortgewandt diskutieren und streiten sie über kritische Betrachtungen weißer Privilegien, Klassenbewusstsein und darüber, ob es besser im Leben ist glücklich zu sein oder recht zu haben. Trotzdem bleibt vieles ungesagt, wird für später aufgehoben und unter den Teppich Weiterlesen
Magdalena Ahrer: Limettensommer
Magdalena Ahrer legt mit „Limettensommer“ ein beachtenswertes, gelungenes Romandebüt vor. Für fast noch einen Teenager ist sie früh gereift, mit einer ausgezeichneten Beobachtungsgabe gesegnet und kann ihre Eindrücke geschickt in Worte fassen. Sie formuliert präzise, schwafelt nicht rum, sondern kommt auf den Punkt. Ihre Charaktere – die jungen, wie die alten – sind glaubwürdig und lebendig, allen voran Ophelia, die 15-jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin. Ophelia ist ein Scheidungskind und aufgrund der angespannten finanziellen Situation ihrer Mutter dazu verdammt, die Schulferien zu Hause zu verbringen. Dass es die Ferien ihres Lebens werden und sie einen riesengroßen Schritt in Richtung Erwachsenwerden macht, kann sie nicht einmal ahnen. Dank der Autorin und ihrer Fantasie werden es spannende, interessante, ganz besondere Tage, in denen Ophelia viel über das Leben, die Liebe, die Beziehung zu anderen und letztlich über sich selbst lernt. Weiterlesen