Auch im vorliegenden, elften Roman, den er pünktlich zu seinem 75. Geburtstag veröffentlicht, bleibt Martin Suter seinem Genre treu und führt die Leser: innen wiederholt gekonnt in die Welt der Schönen, Reichen und Mächtigen. Und mit Dr. Peter Stotz hat Suter einen Protagonisten erschaffen, der mit den wunderbaren Charakteren Weynfeldt und von Allmen auf einer Stufe steht. Spannend wird es aber erst durch den Blick hinter die glänzende Fassade. Tom Elmer, gerade dreißig, Jurist mit zwei abgeschlossenen Studiengängen in der Schweiz und in England, ohne Anstellung, denn bis zum überraschenden Suizid des vermeintlich wohlhabenden Vaters, war sein Beruf Sohn, was ihm schmerzlich bewusstwird. Auf sich gestellt und mittellos hat er einige erfolglose Bewerbungen verschickt und befürchtet, dass er sich arbeitslos melden müsste, als er zum Gespräch bei Dr. Weiterlesen
Alle Artikel von Angela Perez
Cecilia Lattari (Text) und Alice Guidi (Illustration): Die geheime Kraft des Waldes
Ich muss sagen, Cecilia Lattari hat sich für ihr Buchprojekt mit Alice Guidi eine ganz besondere Illustratorin ins Boot geholt, die mit viel Liebe und Verständnis für das Thema dieses Buch sehr gelungen gestaltet hat. Die geheime Kraft des Waldes ist ein sehr persönliches Buch in dem die Autorin von ihren Erfahrungen und ihrem Weg zur „grünen Hexe“ erzählt. Was ist eine „grüne Hexe“? Diese Frage stellt und beantwortet Lattari gleich zu Beginn: Jemand, „der die Sprache der Natur und den Kreislauf der Jahreszeiten kennt…“ Womit wir beim Thema sind. Die geheime Kraft des Waldes folgt den Jahreszeiten, vom Winter bis zum Frühling. Vier Kapitel, je eins pro Jahreszeit, Weiterlesen
Karin Erlandsson: Innehalten, Masche halten
Dass Stricken im Norden beheimatet ist, kann man angesichts der schönen, traditionellen Strickmuster aus Skandinavien und Großbritannien vermuten. Dass aber das älteste Fragment eines Stoffes, der gestrickt wirkt, vermutlich 8500 Jahre alt ist und in einer Höhle in Israel gefunden wurde, überrascht mich. Wie so viele andere Informationen in Karin Erlandssons erfrischend persönlichem Sachbuch. Im Plauderton erzählt die Autorin die Geschichte des Strickens, die ganz eng mit der 10.000-jährigen Geschichte der Schafe verknüpft ist. Ja, die Frage, muss ich das alles wissen, nur um einen Schal zu stricken, kann man stellen und man kann auch sagen, das muss man nicht alles wissen, aber: mit dem Wissen aus diesem Weiterlesen
Otto Waalkes: Ganz große Kunst
Mensch Otto, sehr geehrter Herr Waalkes, herzlichen Glückwunsch zu ihrem gelungenen Crossover! Wo hängen die Bilder? Wo kann ich mir die Originale ansehen? Das Buch übertrifft meine Erwartungen um ein Vielfaches. Es ist vom Cover bis zur letzten Seite sehr persönlich und strahlt so viel Positives aus. Ich hätte dem hibbeligen, quirligen Komiker Otto nicht so viel Geduld zugetraut, wie sie der Maler Otto Waalkes an den Tag legt. Schon „Der arme Poet“ auf dem Cover verheißt Gutes und Unterhaltung. Man muss genau hinschauen, um all die versteckten Otto-Details – wie den Leuchtturm in der Ferne oder die Ostfriesen Weiterlesen
Andreas Pflüger: Wie sterben geht
Jahrzehntelang beflügelte der Kalte Krieg die Phantasie von Autoren weltweit und das Genre Spionage stand in voller Blüte. Spannende Konflikte, mutige und unerschrockene Agenten der CIA und des MI5 – allen voran James Bond, retteten die westliche Welt vor den Machthabern im Kreml. Leser: innen, die glauben, alles zu diesem Thema gelesen und gesehen zu haben, sollten erst Andreas Pflügers neuen – heute erscheinenden Thriller Wie sterben geht – vor einer endgültigen Einschätzung lesen. Wie schon in seinen vorangegangenen Thrillern besticht Pflüger mit seiner aufwendigen Recherche und siedelt seinen spannenden, glaubwürdigen Plot in den frühen 1980er Jahren an und setzt ihn in Kontext mit den weltpolitischen Ereignissen dieser Zeit. Pflüger schickt eine Agentin ins Rennen: Nina Winter, jung, ehrgeizig und wagemutig, die die erste Chance, die sich ihr bietet nutzt und den Schreibtischjob gegen den aktiven Dienst – in Moskau – tauscht. Dass sie russisch wie ihre Muttersprache spricht ist selbstverständlich. Dass sie dem russischen KGB-Offizier Rem Kukura durch ihre Stellungnahmen aus ihrer Zeit als Analystin bekannt ist, deutet darauf hin, dass er kein kleines Licht auf der KGB-Torte ist. Pflüger mag seine Protagonistin, man kann es lesen und spüren, auch wenn er ihr nichts schenkt. Weiterlesen
Aurélie Bastian backt
Sympathisch lächelnd ziert Aurélie Bastian das Cover ihres neuen Backbuches. Mit Vorfreude öffne ich das Buch und mir gefällt was ich sehe: das Inhaltsverzeichnis ist originell gestaltet, mit einem jeweiligen kleinen Foto des Kuchens bzw. der Torte in vier Kapitel unterteilt. Die folgenden Begriffserläuterungen unter Basics erscheinen mir willkürlich und zufällig zusammengestellt. Und – die erfahrenen Bäcker und Bäckerinnen, die die aufwendigen und komplizierten Rezepte nachbacken können, fühlen sich – wie auch ich – zu Recht auf den Schlips getreten. Wem die Begriffe nicht geläufig sind, wird feststellen, dass noch ein langer Backweg vor ihm/ihr liegt, bis eines der Rezepte umgesetzt werden kann. Ich fange noch einmal von vorne an. Weiterlesen
Denene Millner: Die Farbe meines Blutes
Nun, das war schwere Kost und viel zu verdauen! Millner präsentiert in ihrem Debütroman nicht nur eine bissige Chronik schwarzer Frauen in den USA, die von großen wie kleinen Belastungen gequält werden, die ihrer Freiheit, ihrer Würde und ihres Selbstwertgefühls beraubt werden. Sie erzählt eine ausladende Mehrgenerationengeschichte anhand von Maw Maw (Großmutter), Grace (Maw Maws Tochter und Mutter von Rae), Delores, (Adoptivmutter von Rae) und – Rae. Die Autorin hat ihre Geschichte chronologisch strukturiert, beginnend 1965 – 1969, dieser Teil, betitelt Das Buch Grace ist der Großmutter Maw Maw gewidmet. Im zweiten Teil, Das Buch Delores, (1967 – 1999) geht es um LoLo, die Adoptivmutter von Maw Maws Enkeltochter Rae und in den Jahren 1999 – 2004, Das Buch Rae, steht Rae und ihr Werdegang im Mittelpunkt. In diesen Teilen wird deutlich, wie Weiterlesen
Yishai Sarid: Schwachstellen
So wie Yishai Sarid seinen Protagonisten Siv Mobiltelefone infiltrieren lässt, infiltriert Sarid seine Leser: innen. Die Geschichte um den Meister-Hacker Siv klingt nicht nur nach, sie beschäftigt während des gesamten Lesens, die durch Spannung, Tempo und durch eine gewisse Kälte getragen wird. Die Frage, ist es Fiktion oder Realität, stellt sich nicht. Es ist wie bei James Bond: wenn er es macht, ist es möglich und wenn Sarid es schreibt, ist es möglich. Während Siv seiner Arbeit nachgeht und nach systemischen Schwachstellen sucht, um das System zwecks Überwachung zu infiltrieren, werden im Verlauf der Geschichte auch die menschlichen Schwachstellen freigelegt und mancher, der von Sarid gut und treffend herausgearbeiteten Charaktere wird entzaubert. Und Weiterlesen
Ellery Lloyd: Der Club
Ellery Lloyd wagt in ihrem neuen Roman einen unerschrockenen Blick auf die Leben und (erstaunlich schlechten) Entscheidungen der Reichen und Schönen, was dazu führt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann, selbst wenn die Egos einen aufstöhnen lassen. Aber bei so vielen Geheimnissen, dunklen Geschäftspraktiken und moralischen Dilemmata, die es aufzudecken gibt, spielen die Charaktere, die alle etwas zu verbergen haben, eine untergeordnete Rolle und das ist absolut fesselnd. Das führt zur Frage: wer tötet, um seine Geheimnisse zu wahren? Vermutlich wirft jeder gern mal einen Blick auf die Leben von Prominenten und Mitgliedern der Gesellschaft und Lloyd hatte offensichtlich viel Spaß beim Schreiben über diese sich Weiterlesen
Eske Hicken: Homeless | Interview: Fünf Fragen an die Autorin
Als Eske Hicken 2017 eine berufliche Auszeit nahm und in Portland, USA für eine Organisation, die für Rechte der Obdachlosen kämpft, arbeitete, dachte sie wahrscheinlich nicht, dass sechs Jahre später im Erscheinungsjahr ihres Romans die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in Deutschland sich so drastisch verändert hätten, dass dieses „homeless-Szenario“ der USA nicht mehr in utopischer Ferne liegt, sondern durchaus vorstellbar ist, dass auch diese „Bewegung“ nach Europa überschwappt. Und auch wenn dieser spannende Roman fiktiver Art ist, sind sicherlich einige der zwölfmonatigen Erfahrungen in die Geschichte eingeflossen. Hicken schreibt klar, sachkundig und verständlich dabei leicht distanziert. Die Protagonisten sind authentisch und gut getroffen: Helen und Richard, beide Journalisten, die dank der großzügigen Weiterlesen