Kategorie: Buchbesprechungen

Unverschwunden, Philipp Gurt

Die Geschichte einer grauenvollen Situation, die jedoch so zärtlich und liebevoll geschildert wird, dass man als Leser die ganze Gefühlspalette des Protagonisten miterlebt. Man weint mit ihm, man hofft mit ihm, verzweifelt und wird sehr, sehr nachdenklich. Stellenweise erinnerte mich Unverschwunden an das Buch Die Wand von Marlen Haushöfer. Wobei in Die Wand, die Protagonistin einen Lebenssinn fand, der sie beschäftigte mit dem täglichen Existenzkampf um Lebensmittel und Wärme. Lukas, der Unverschwundene in diesem Roman, hat alles, umsonst. Nur irrt er ungesehen, ungehört unter all den Menschen um ihn herum, ohne sie berühren oder mit ihnen kommunizieren zu können. So ist Luk tagtäglich nur seinen Gedanken- und Gefühlswelt ausgesetzt, ohne Hoffnung, diesen Zustand je wieder ändern zu können.

Oft zucke ich vor solchen Büchern zurück und befürchte sie sind zu dunkel. Doch ich muss sagen trotz des heftigen Themas, ist Unverschwunden ein wunderbares Buch. Es liegt an den so genau definierten Emotionen, den sehnsuchtsweckenden Beschreibungen der Schweizer Bergwelt und an dem wundervollen Schreibstil von Philipp Gurt. Dieses Buch tut man sich nicht an, man tut sich etwas Gutes damit!

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Don Winslow: Bobby Z

Dieses Meisterwerk gilt als Vorläufer einer Trilogie von Don Winslow: Tage der Toten, dass Kartell und Jahre des Jägers. Wer diese Bücher noch nicht kennt sollte sie unbedingt lesen. Aber zunächst zu dem vorliegenden Werk. Es ist unglaublich hart, schnell und actionsreich. Nach einem Satz ist man bereits mitten in der Handlung die einen über die 280 Seiten nicht mehr loslässt. Man merkt dass der Autor tief in diese Materie, der West Coast Drogen Szene eingedrungen ist. Die Verhältnisse der kalifornischen mexikanischen Grenze mit ihrem Menschenhandel und Drogenschmuggel werden unglaublich hautnah an die Leserschaft herangetragen. Manchmal muss man tief durchatmen wenn es um Szenen geht die der Autor in lakonischer Sprache beschreibt, die aber durchaus blutige Hintergründe haben. Das Buch und die oben genannte Trilogie ist ein Muss für jeden Krimileser. Weiterlesen

Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff, Harald Martenstein

Mit flottem Stift und spitzer Zunge ist das neue Buch der optimistischen Kolumnen von Harald Martenstein wieder einmal geschrieben. Die Kurzgeschichten streifen alle Situationen des Lebens und vor allem, was gerade in der Gesellschaft en vogue ist. Es sind Themen aus der Politik, dem Feminismus, der Kindererziehung, der kulturelle Aneignung, von Corona bis zu Verschwörungstheorien. Jeder bekommt sein Fett weg und dabei ist Martenstein sehr mutig. Denn wie erfrischend ist es, wenn einem Autor jeglicher Shitstorm egal ist und er sein Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnimmt, das zwar im Grundgesetz zugesichert, aber nicht unbedingt in den sozialen Medien akzeptiert ist. Es macht den Eindruck, dort sollte bitte schön die Meinung geäußert werden, die dem Zeitgeist entspricht. Darum ist Martenstein so erfrischend ehrlich, selten böse und vor allem witzig.

Mir gefallen die geistreichen Provokationen und sorgen für ein tägliches Schmunzeln.

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Ulinka Rublack: Die Geburt der Mode

Wer glaubt, Mode-Influencer wären eine Erfindung des 21. Jahrhunderts, sieht sich getäuscht. Denn: Albrecht Dürer und der Augsburger Matthäus Schwarz machten das schon in der Renaissance. Schwarz ließ sich im zarten Alter von 29 Jahren von dem 19jährigen Narziss Renner nackt von vorne und hinten auf Pergamentpapier abbilden. Im Laufe seines Lebens gab er 137 Aquarelle  – im angezogenen Zustand – in Auftrag. Zwei förmlichere Ölgemälde hängen in der Thyssen-Bornemisza-Sammlung in Madrid und in den Galerien der Nordischen Renaissance im Louvre. Dank dieser Auftragsarbeiten haben wir eine genaue Vorstellung der damaligen Mode. Und wer glaubt, Mode sei überbewertet, wird von Ulinka Rublack eines besseren belehrt. Weiterlesen

111 Weine aus aller Welt, die man getrunken haben muss, Carsten Henn

In den 70er und 80er gab es eine Fernsehsendung, immer nur 5 Minuten lang, dafür sehr aufschluss- und lehrreich, 100 Meisterwerke, die nach dem großen Erfolg, auf 1000 Meisterwerke, aus den Museen dieser Welt vorgestellt wurden. Diese Sendung hat mich an die Kunst herangeführt. Es gab schon öfter Bücher mit der Aussage, die besten Weine oder Weingüter, die man probiert und kennenlernen sollte. Der Nachteil war immer, es wurden nur die besten Weine des jeweiligen Jahrgangs empfohlen. Doch jeder neue Jahrgang ist anders und wenn man sich dafür interessiert hatte, waren sie nach der Veröffentlichung gleich vergriffen. Ich gebe zu, mit dieser Erfahrung, habe ich das Buch von Carsten Sebastian Henn mit etwas Skepsis aufgemacht. Was dann kam, hat mich mehr als positiv überrascht.

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Hrsg. Jürgen Overhoff: John Locke – Einige Gedanken über Erziehung

Um es vorwegzunehmen: Ich bin keine Pädagogin. Ich habe eine Tochter großgezogen und werde hoffentlich in naher Zukunft – drücken Sie die Daumen – Oma. Also Zeit, sich mit dem Thema Erziehung erneut auseinander zu setzen. Man darf sich durchaus fragen, ob es  329 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Lockeschen Gedanken einer weiteren Ausgabe bedarf. Nicht, wenn man nur die letzte Ausgabe neu auflegt, denn bis zur vorliegenden aktuellen Ausgabe basieren alle anderen auf einer Übersetzung aus den 1960er Jahren bzw. davor. Zur Feier des 125-jährigen Jubiläums der Klett-Cotta Gruppe gab der Verlag eine neue Übersetzung in Auftrag. Ich habe mir die Mühe gemacht und Textpassagen verglichen und bin zu dem Schluss gekommen: entweder liest man die Texte von John Locke im original – Shakespeare Englisch – oder in der von Jürgen Overhoff herausgegebenen Ausgabe von 2022. Was ich vor ca. 25 – 30 Jahren zum Thema Erziehung in Ratgebern und anderen Print Medien gelesen habe, beruht augenscheinlich auf den Gedanken John Lockes. Unter den verschiedenen historischen und aktuellen Erziehungsmodellen finde ich die Gedanken von John Locke als richtungsweisende Basis für eine moderne, praktikable Erziehung. Denn: die Gedanken von John Locke begleiten das junge Lebewesen von der Geburt bis zur Adoleszenz. Weiterlesen

Talberg 1977, Teil II der Trilogie von Max Korn

Talberg 1977 von Max Korn

Der zweite Teil der Talberg-Trilogie erstaunte mich erst einmal. Denn dieser Band knüpft erst nicht bei den Charakteren an, bei denen das erste Buch aufhörte. Zwar ist die siebzigjährige Maria eine uneheliche Tochter des Bäckers Georg Leiner und war ebenfalls gleich zweimal mit Männern der Steiner Familie verheiratet, doch sonst scheint sie, augenscheinlich nichts mit Elisabeth Steiner zu tun haben, um die es in Talberg 1935 ging. Die einzige Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen zweier Generationen ist ihre Kräuterkunde, die tiefe Verwurzelung mit dem unheimlichen Wald und das die boshaften Dörfler beide für Hexen hielten.

Sehr erstaunlich, ich hatte beim zweiten Teil etwas anderes erwartet. Dennoch ist es ein sehr spannendes, überraschendes Konzept für eine Trilogie. Und am Ende versteht man, wie Talberg 1935 und 1977 zusammengehört, weil die Familienbande verständlich werden. Hoffentlich müssen wir nicht zu lange auf Talberg 2022 warten.

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Kerstin Cantz: Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund

Fräulein Zeisig ist ein Paradebeispiel dafür, dass man ein Buch weder nach Aufmachung noch nach Titel beurteilen sollte. Denn: Fräulein Zeisig ist eine absolute Bereicherung für die deutsche Krimi-Landschaft! Und es ist bei weitem mehr als ein spannender Krimi mit einer glaubwürdigen Geschichte, einem schönen, durchgängigen Spannungsbogen und verschiedenen Erzählsträngen, die am Ende glaubhaft aufgelöst werden. Dank erkennbar umfangreicher Recherchen zeichnet die Autorin ein dichtes gesellschaftspolitisches Bild Münchens Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts mit all seinen Strömungen. Kerstin Cantz scheut sich weder den allgegenwärtigen Rassismus noch Homosexualität, damals noch strafbar, zu thematisieren. In diesem zweiten Kriminalroman um Fräulein Zeisig, durchaus verständlich, auch wenn man den ersten Band nicht gelesen hat, lässt die Autorin ihre Kommissarin in der Welt der amerikanischen Soldaten-Frauen ermitteln. Elke Zeisig tut dies mit so viel Fingerspitzengefühl, Empathie und kriminalistischem Gespür, dass selbst der amerikanische Ermittler von ihr beeindruckt ist. Kerstin Cantz hat mit Fräulein Zeisig eine junge Kommissarin geschaffen, die sich wohltuend von anderen Ermittlern abhebt. Ein Kriegskind, dem eben nicht Schule und Bildung offen stand, das sich gegen den mütterlichen Widerstand durchsetzen musste, um das Berufsziel zu erreichen und dem dann immer noch nicht die Möglichkeiten offen stehen, wie den männlichen Kollegen. In Hauptkommissar Manschreck und Hauptkommissarin Sailer findet Elke Zeisig Förderer und man darf gespannt sein, wie es für Fräulein Zeisig weitergeht. Weiterlesen

Ravna, Die Tote in den Nachtbergen, Elisabeth Herrmann

Den großen Reiz, den dieser Krimi auf den Leser ausübt, ist, dass er in einem Sommerlager der Samen spielt. Vor zehn Jahren verschwand dort eine junge Frau, die Tochter des norwegischen Veterinärs. Er war mit ihr zu Mittsommer hergeflogen, um sich um die Rentierkälber zu kümmern. In der Nacht verschwand Linnéa und tauchte nie mehr auf. Zehn Jahre später kehrt die Polizeistudentin Ravna aus Oslo zurück zu ihrer Familie, um bei der Kälbermarkierung zu helfen, denn auch sie ist eine Sami. Es ist mehr ein Zufall, dass sie beim Einfangen von streunenden Rens abstürzt und in eine Höhle fällt. Beim Versuch sich zu befreien, stößt sie auf ein Skelett und anhand der Kleidungsreste weiß Ravna sofort, es ist Linnéa. Sie war damals neun Jahre, aber hatte dieses wunderschöne Mädchen kennengelernt.                                                                                                            Eine Mischung aus spannenden Kriminalfall, ursprünglicher Sami Magie und Tradition, sowie dem ewigen Überlebenskampf der Naturvölker in der heutigen Zeit. Elisabeth Herrmann hat sich richtig in die Mentalität der Samen gekniet und rausgekommen ist ein fantastischer glaubwürdiger Thriller, bei dem man als Leser das Gefühl hat, immer direkt dabei zu sein. Erste Sahne!

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Kerstin Ehmer: der blonde Hund

Der Kriminalroman führt uns in das Berlin der zwanziger Jahre. Es ist deutlich abzusehen wie sich die Nationalsozialisten lieb Kind mit den bürgerlichen Gesellschaftsschichten. Diese meinen das ungehobelte Pack schon in den Griff zu bekommen und fördern die braune Schlägertruppe. Im Roman wird sehr schön geschildert, wie in den zwanziger Jahren der Okkultismus und die Sterndeuterrei Platz greift. Da der Berliner Kommissar die Möglichkeit hat in der jungen Republik herum zu reisen, bekommt er die politischen Strömungen auch in der Provinzen mit. Die völkische Bewegung, die zur Zeit auch in unserer Republik ihre Unterstützer findet, ist der Bodensatz aus dem sich die faschistische Partei in Deutschland ihre Gläubigen Mitglieder zieht. Wird deutlich, welche Parallelen es zur deutschen Gegenwart gibt. Weiterlesen