Kategorie: Buchbesprechungen

Gabrielle Blair: Verantwortungsvoll ejakulieren

Für seine Reihe „Wie wir leben wollen“ hat der Ullstein Verlag das Buch „Verantwortungsvoll ejakulieren“ von der Amerikanerin Gabrielle Blair, Mormonin und 6-fache Mutter, in sein Programm aufgenommen. Das Buchprojekt beruht auf einem Twitter Post im Jahre 2018. Nun, ein Twitter oder Blog Post ist eine Sache. Selbst wenn er viral geht, ist er nicht für die Ewigkeit gemacht und unterliegt der Schnelllebigkeit. Ein Buch ist eine andere Dimension, muss einem anderen Anspruch genügen. Und so hätte ein einordnendes Vorwort sehr zur Seriosität des Inhaltes beitragen können, denn vieles trifft in Deutschland nicht zu. Ein Hoch auf den Sozialstaat. In Deutschland trifft es nicht zu, das zum Beispiel eine schwangere Frau im Fall einer ungewollten Schwangerschaft allein mit den Kosten für die Geburt etc. dasteht. Dafür gibt es Krankenkassen. Zudem finanziert Weiterlesen

Dunkle Winde, Tony Hillermann – Serie Navajo-Police –

Gerade wurde Tony Hillerman in den USA wiederentdeckt, weil seine Bücher als Serie von Robert Redford und dem „Game of Throns“ – Autor George R.R. Martin neu verfilmt wurden. Da ich sehnlichst auf die DVD warte, um mir diese Serie anzusehen, hatte ich beschlossen, erst einmal das Buch „The dark wind“ zu lesen. Es hat mich umgehauen und ich bin völlig begeistert von Jim Chee dem Navajo Polizisten und der Geschichte aus dem Hopi Reservat. Tony Hillerman versteht es sich in die Gedankenwelt der Navajo und Hopi zu versetzen und liefert dadurch einen überaus authentischen und spannenden Krimi im Gebiet der Black Mesa ab. Es ist ein so anderer Krimi, da die Handlungen und die Art der Navajo zu denken, sich essenziell von unserer Welt abgrenzt. Dementsprechend ermittelt Jim Chee viel ruhiger, unspektakulärer aber dennoch effizienter als es je ein anderer in der Wildnis des Apache-Navajo Counties in Arizona tun könnte.

Es ist kein Wunder, das Tony Hillerman den Special Friend of the Diné Award, eines Clans der Navajo erhalten hat. Denn er lässt Jim Chee in seinen Büchern real werden. Bestimmt nicht mein letztes Buch über den Navajo Polizisten, eher der Anfang einer langen Reihe!

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Belladonna, Die Berührung des Todes, Adalyn Grace

Ein gutes Märchen beginnt fast immer mit einem armen Mädchen, das sich in einen unerreichbaren Prinzen verliebt. Und am Ende bekommen sie sich doch. Das ist auch heute in der Teenagerliteratur nicht anders. Ob es Bella, ein Mensch ist, die sich in einen Vampir oder einen Werwolf verliebt, ist egal, so lange sie sich nach dramatischen Ereignissen dann doch bekommen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Alles wird gut!

Ein Erfolgsrezept für Bücher, besonders in der Jugendliteratur, wenn die große Liebe noch ein großer Mythos ist. So geht es in Belladonna um eine ganz ähnliche Geschichte. Die Waise Signa sehnt sich nach Reichtum, Bällen, schönen Kleidern, endlich in der gehobenen Gesellschaft debütieren zu dürfen und natürlich nach der Liebe. Denn obwohl sie schäbig bei ihren Vormunden lebt, wird sie mit neunzehn ein großes Erbe antreten. Doch ihr Verschleiß an Tanten, Onkels und anderen Pflegefamilien ist groß, früher oder später stirbt jeder einzelne von ihnen. Signa kann nicht nur den Tod als Erscheinung sehen, sie schein auch immun gegen ihn zu sein. Ob es ihr helfen wird, in ihrem neuen Zuhause dem Anwesen Thorn Grove gegen einen Mörder und rachsüchtige Geister zu bestehen, wird sich zeigen

Definitiv ein spannendes Buch für Mädchen und Jungen, deren Herz für die erste Liebe schlägt und romantische veranlagte Teenager. Denn in diesem hübsch gestalteten Buch wird nicht mit den Werwölfen geheult und mit den Vampiren gebissen, hier wird mit dem Tod gestorben!

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Markus Gasser: Lil

Ich kann nur staunen, was Markus Gasser alles in rund 240 Seiten zu packen vermag. Ein wahrer Künstler des Komprimierens. Es wimmelt nur so von Figuren und Nebenfiguren, Gedanken, Ideen, Geschichten und Nebengeschichten, dass ich mich zeitweise wie auf der Achterbahn fühle. Innerhalb von drei Seiten weiß ich, dass die Ich-Erzählerin Sarah aufgrund einer Krebs-OP und der damit einhergehenden Strahlentherapie von ihrem Job als Journalistin des Wall Street Journals beurlaubt wurde und sie die Ur-ur-ur-urgroßenkelin der Titelgebenden Protagonistin Lil (Lilian Cutting) ist. Gasser erzählt seine Geschichte nicht chronologisch, sondern springt munter von einer Zeitebene in die andere – vom Krankenbett im hier und heute ins New York Weiterlesen

Margaret Meyer: Die Hexen von Cleftwater

Wer bei Hexen an charmante, liebenswerte Wesen, Romantik und Fantasy denkt, muss nicht weiterlesen. Margaret Meyer geht es in ihrem Debütroman um knallharte Hexenverfolgung, für die sich Inspiration bei den Hexenjagden in East Anglia, England – Mitte des 17. Jahrhunderts – holte. Es ist der unverklärte Blick auf die Ereignisse jener Zeit. Und es ist ein bemerkenswertes Debüt: aufwendig recherchiert, ausgezeichnet geschrieben, atmosphärisch überzeugend. Meyer befleißigt sich einer schnörkellosen Sprache, die die Geschichte gelegentlich wie einen Tatsachenbericht wirken lässt und dadurch sehr eindringlich wird. So zum Beispiel, wenn sie vom Tod eines Kindes, von Missbrauch, Folter oder dem Tod eines Kindes erzählt. Die Autorin beschreibt glaubhaft die Situation der Frauen, das Klima der Angst, erzählt von den Denunzierungen, um selbst den Schergen des Weiterlesen

Twelve Secrets, Robert Gold

Twelve Secrets von Robert Gold

Twelve Secrets ist ein über vierhundert Seiten starkes Debüt. Und für ein Debüt ist es wirklich stark. Doch eigentlich kein Wunder, denn der Autor kommt aus dem Journalismus und arbeitete jetzt für einen Verlag. Ein Mann, der schreiben kann und ein enormes Gefühl für Spannung und Pausen besitzt. Der Thriller selbst ist eine raffiniert aufgebaute Geschichte, die mit allen Abgründen des menschlichen Daseins spielt. Macht, Lust, Kontrolle und Reichtum führen zu einer Verkettung von Umständen, die gebrochene Herzen und Familien mit sich ziehen. Nur langsam löst sich der verschlungene Knoten. Obwohl Robert Gold immer wieder falsche Fährten legt, kann man fast am Ende eine Ahnung bekommen, wer hinter allem steckt. Doch das WARUM ist eine große Überraschung.

Robert Gold ist ein neues Thrillertalent, von dem wir hoffentlich noch viel hören werden.

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Vierich/Vilgos, Aroma Gemüse,Der Weg zum perfekten Geschmack

Kochen ist Wissenschaft – Wissen schafft Kochen. Nach Aroma „Die Kunst des Würzens“ nun mehr als zeitgemäß für unsere zukünftige Ernährung – Vegan, das Buch „Aroma Gemüse – Der Weg zum perfekten Geschmack“. Vorweg, auch wenn die Bücher, die „Kunst des Würzen“ und „Aroma Gemüse“ von den beiden Autoren Vierich und Vilgos sehr wissenschaftlich aufgemacht sind, sind sie keineswegs überfordernd oder mühsam. Diese beiden Bücher sind spannend, informativ und aufklärend. Meiner Meinung nach zwei außerordentliche Bücher. Sie gehören als muss zur gastronomischen Ausbildung und für jeden Hobbykoch und Genießer eine Freude. Sie schaffen, die Zusammenhänge zu verstehen. Ich bedaure, dass es zu der Zeit meiner Ausbildung solche Bücher nicht gab. Geschweige denn, die Kenntnisse überhaupt vorhanden waren.  Man hatte in der Richtung noch gar nicht geforscht. Man brachte uns die Techniken des Kochens bei, vom Braten, Schmoren, Dünsten, Blanchieren, Marinieren, Einlegen etc. Aber was dabei passiert, was welche Aktion bewirkt, darüber hat keiner etwas gesagt. Dank an Ferran Adria, der spanische kreativ Koch, der uns in seinem Restaurant elBulli von 1984 bis 2011 die Molekularküche eröffnet hat. Die biochemischen und physikalischen chemischen Prozesse bei der Zubereitung und beim Genuss im Gaumen von Speisen und Getränken. Diese Erkenntnisse leben heute in unseren Küchen. Und nun für jedermann zugänglich, dank der beiden Autoren Vierich und Vilgos „Aroma Gemüse – Der Weg zum perfekten Geschmack“.

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Cash – I see a darkness, Reinhardt Kleist, Graphic Novel

September 2023, auf der Rückfahrt von einem entspannten Urlaub höre ich den Radio Postcast ›Talk mit Thees‹. Der Gast: Reinhardt Kleist. Ein Mann der Graphic Novels herausbringt und durch sein Buch Cash – I see a darkness, welches das Leben des Country- und Protestsängers Johnny Cash erzählt, berühmt wurde. Bis dato kannte ich Reinhardt Kleist nicht. Doch das Interview mit ihm ist so spannend, dass ich den Graphiker/Illustrator und sein Werk kennenlernen musste. So fing ich mit Cash – I see a darkness an. Man muss kein Fan von Graphic Novels sein, um sofort in den Bann dieses Buchs gezogen zu werden. Auch wenn es düster gemalt ist, wie das Leben von Cash nun einmal war, so außerordentlich sind die Zeichnungen und die Emotionen, die mit ihnen rübergebracht werden. Zwischendrin hört man Cash regelrecht singen, wenn Reinhard Kleist selbst die Lieder als Zeichnungen wiedergibt.

Das ist ein ›muss ich unbedingt lesen, sehen und fühlen‹ Buch von einem hochbegabten Zeichner und Graphic Novel Künstler. Als Nächstes habe ich Starman auf meiner Liste, in dem Reinhard Kleist die Ziggy Stardust Jahre von David Bowie verarbeitet.

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John Ironmonger, Der Wal und das Ende der Welt,

Abenteuerlich, beunruhigend, ergreifend, der Kollaps unserer Zivilisation

Reichen drei nicht erhaltene Mahlzeiten aus, um eine Revolution zu erhalten? Reichen drei nicht erhaltene Mahlzeiten aus, um in die Anarchie zu verfallen? Was passiert, wenn auf der Welt ein kleines Rädchen nicht mehr funktioniert und die Lieferketten zusammenbrechen? Wie schnell beginnt der Kampf ums Überleben, um Lebensmittel, Essen, Öl, Benzin, Wasser? Ist es Überlebensnot oder Egoismus jeder gegen jeden? Keinem kann man mehr vertrauen, denn der könnte dich besiegen, im schlimmsten Fall töten. Oder wirst du selbst zum Anarchisten? In diesem Buch von John Ironmonger „Der Wal und das Ende der Welt“ begibt sich der Autor in ein Szenario, wo so etwas passieren könnte. Hervorragend konzipiert über Thomas Hobbes „Leviathan“ angelehnt an das biblisch-mythologische Seeungeheuer Leviathan, in dem Hobbes, der jedem Menschen den Charakter und den von Natur aus gegebenem Erhaltungstrieb zusagt, um zu überleben. Sozusagen der Selbsterhaltungstrieb ist fähig zum äußersten zu gehen. Zusätzlich klärt John Ironmomger uns auf über den schändlichen Handel der Banken mit Leerverkäufen. Das Setzen der Aktien auf den Niedergang einer Firma in Kauf nehmend die Arbeitsplatzverluste mit ihren Schicksalen, die Insolvenzen, um daraus für sich Gewinne zu generieren. Damit nicht genug, gepaart mit einer Diskussion eines jungen Bänkers und einem sturen Pfarrer, die das ganze Geschehen aus weltlicher und kirchlicher Sicht betrachten. Zusammengeführt in einem wunderbaren Roman, dramatisch, mitfühlend um einen jungen Analysten und einem vergessenen Fischerdorf am Rande der Welt von Cornwall.

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Anne Jacobs: Der Dorfladen

Anne Jacobs erzählt ihren neuen Mehrteiler über den Dorfladen des fiktiven Dorfes Dingelbach am Fuße des Taunus zwar routiniert, aber mit Herzblut. Und das aus gutem Grund: es ist unter anderem auch die Geschichte ihrer Mutter Frieda, der zweiten Tochter von Marthe Heller, ihres Zeichens verwitwete Dorfladenbesitzerin und Mutter von insgesamt drei Töchtern. Herta, die Vernünftige, Besonnene, die immer etwas zu tun haben muss, Frieda (17), die Verträumte, die schon als Kind Geschichten und Theaterstücke schreibt und für das jährliche Krippenspiel verantwortlich ist, aber Schauspielerin werden möchte und die Jüngste, Ida (13) schlau, wissbegierig, die Beste der Schule und völlig unterfordert.Jacobs beginnt ihre Saga im Oktober 1923, 5 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges. Viele Männer sind im Krieg gefallen die Witwen kämpfen ums Überleben, die Hyperinflation steuert auf ihren Höhepunkt zu. Man merkt, diesem Buch liegen neben Erzählungen aus dem persönlichen Umfeld auch gründliche Rechercheergebnisse zugrunde.

Innerhalb weniger Seiten bin ich in die Romanwelt eingetaucht. Neugier treibt mich voran. Denn: die einzelnen Erzählstränge sind spannend, atmosphärisch dicht, flott geschrieben und ich möchte wissen, wie es den Protagonisten im weiteren Verlauf ergeht (neben den Damen Haller treffe ich auf die resolute Ilse Küpper, die sich um die Stockschirmfabrik und die dazugehörige Villa der Familie kümmert. Ich erfahre, wie sehr die von allen Mädchen des Dorfes beneidete Jungbäuerin Helga unter ihrer Schwiegermutter und unter ihrem Mann, Bauer und Bürgermeister von Dingelbach zu leiden hat). Können sie ihre Träume und Wünsche realisieren, sich gegen Widersacher behaupten und schlussendlich ihr Glück finden?

Foto: Fotostudio Marlies GbR

Anne Jacobs veröffentlichte unter anderem Namen bereits historische Romane und exotische Sagas. Mit »Die Tuchvilla« gestaltete sie ein Familienschicksal vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte und stürmte damit die Bestsellerliste. Nach ihrer ebenfalls sehr erfolgreichen Trilogie um »Das Gutshaus«, die von einem alten herrschaftlichen Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern und vom Schicksal seiner Bewohner in bewegten Zeiten erzählt, legt Anne Jacobs nun fünften Band der »Tuchvilla«-Saga vor.

Der kleine Dorfladen von Marthe Haller ist das Herz des Örtchens Dingelbach am Fuße des Taunus. Hier kauft man ein, erfährt die neuesten Nachrichten und findet Unterstützung in allen Lebenslagen. Marthes Töchter greifen ihrer Mutter unter die Arme, wo es nur geht. Doch Frieda, die Mittlere der drei, hat große Träume: Sie hat sich in den Kopf gesetzt, Schauspielerin zu werden – zum Entsetzen ihrer Mutter. Zwischen dörflicher Tradition und Zusammenhalt, harter Arbeit und den Verlockungen der großen Stadt Frankfurt, muss Frieda noch einige Steine aus ihrem Weg räumen …

Blanvalet Verlag – broschiert – 576 Seiten – 18,00 € – ISBN 978-3-7645-0843-2