Mit „Die letzte Predigt“ beweist Eva Almstädt erneut, dass die Nordsee weit mehr ist als eine eindrucksvolle Kulisse. Das Wattenmeer, der Wind und die weite Landschaft prägen nicht nur die Atmosphäre des Romans, sondern spiegeln auch die Menschen wider, die dort leben. Hinter der oft rauen Schönheit der Küste verbergen sich Tradition, Zusammenhalt, Eifersucht und verschwiegene Geheimnisse. Eva Almstädts Darstellungen der kleinen Dörfer, in diesem Fall Estherwiek und Umgebung, wo jeder jeden kennt und die Erinnerungen dort Jahrzehnte zurückreichen und nie ganz verschwinden. Wer so wie ich auch in so einem kleinen Dorf aufgewachsen ist, kennt das aus eigenen Erlebnissen: die wachen Augen und Ohren der Nachbarn, aber genießt auch die Vorteile des dörflichen Miteinanders. Es gibt Geborgenheit und Verlässlichkeit. Da passen zwei hintereinander auftretende Leichen nicht hinein.
Kategorie: Buchbesprechungen
Tschikago, Alexandra Stahl, Roman

Wenn’s Lischd ned ogehd, mussde an de Stromkasde unn gugge, ob de FI-Schalder nausgefloche is, unn wenner nausgefloche is, mechsden widder nei, do gehd’s Lischd widdero!
Die Ratschläge des Großvaters, als Alexandra ein kleines Mädchen war, klingen in ihr nach, weil der Opa ganz begeistert war von FI-Schaltern und natürlich Tschikago, wo er fast einmal hin ausgewandert wäre. Aber nur fast. Die Großmutter, die regelmäßig die Augen verdreht, wenn er damit anfängt, und von der Seite raunzt: Doch ned widder der Scheiß! Dabei herzt sie ihre Katzen, die immer wieder bei ihr landen, genau wie sie alle tierischen Streuner durchfüttert bei ihren Spaziergängen. Ihre Großeltern bewohnen eine bescheidene, alte Wohnung über den Räumen des Gesangsvereins, mit einem Badezimmerfenster Richtung Radweg am Main, auf dem der Großvater immer raus zum Schrebergarten fuhr. Einfache Menschen und doch so typisch in dem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Eine Oma und ein Opa, Kriegsgeneration, schrullig, liebevoll, deren wahres Inneres, ihre Wünsche, Verluste oder Bedauern im Leben nie wirklich ausgesprochen wurden.
Als Enkelchen genießt man diese bedingungslose Blase voll Liebe, mit der uns solche Großeltern umgeben, und als Teenager und junge Erwachsene vergisst man, Oma und Opa nach den wichtigen Dingen in ihrem Leben zu fragen, weil man so mit sich selbst beschäftigt ist. Bis es eines Tages zu spät ist. Bis Demenz oder der Tod diese geliebten Menschen von einem reißt. Die Autorin beschreibt ihre Großeltern mit Liebe und auch sehr viel Humor, und irgendwie kennt man das auch von der eigenen Familie. Als Ihr Großvater stirbt und sie merkt, wie viel sie eigentlich noch mit ihm besprechen wollte und sich fragt, ob er sich selbst einsam fühlte, fasst sie einen Entschluss. Sie geht mehrmals die Woche in ein Altenheim in Berlin, um bei genau solchen, einsamen Menschen zu sein. Sie will mit ihnen sprechen sie zu Wort kommen lassen, um zu erfahren, wer und was sie waren und wie sie ihr Leben selbst resümieren, wenn sie noch dazu in der Lage sind.
Ein Drittel des Buches ist unheimlich stark geschrieben, da ist man als Leser bei jedem Wort bei der Autorin. Und sie schreibt wirklich authentisch und lebendig, wenn sie über ihre geliebten Großeltern berichtet. Schon für dieses Drittel, ist es wert, das Buch zu kaufen. Es ist herrlich mitfühlend, anrührend und ausgesprochen witzig. Der zweite Teil des Buches kommt nicht an die Geschichte der Großeltern heran, doch das kann man der Autorin nachsehen. Sie erzählt in dem Buchausschnitt, die zum Teil sehr unvollständigen Geschichten von sehr alten, teilweise verwirrten Menschen, die sie eigentlich nicht kennt. Und das merkt man: Auch wenn sie diesen Senioren im Heim nähersteht, als es manchmal die eigenen Verwandten tun, kennt sie diese alten Menschen nicht wirklich. Dennoch ist Tschikago ein sehr schönes Buch über alte Leute, die selbst einmal blutjung waren und Träumen, der Liebe und dem Glück nachjagten, bis das Leben und vor allem das Alter sie einholte. Es war ein emotionales Vergnügen, dieses kleine Buch zu lesen! Weiterlesen
Lina Bengtsdotter „ Waldnacht“, Kriminalroman
Mit „Waldnacht“ startet Lina Bengtsdotter ihre neue Sakka-Pienni-Serie und entführt die Leser in einen düsteren, atmosphärischen, skandinavischen Krimi. Im Mittelpunkt steht die eigensinnige Ermittlerin Sakka Pienni, die in einem Mordfall im wohlhabenden Stockholmer Vorort Djursholm ermittelt und dabei nicht nur auf ein Netz aus Geheimnissen und Lügen stößt. Nichts scheint so, wie es dargestellt wird. Zumal Sakka Pienni als junge Frau selbst als Au-pair 4 Jahre in Djursholm gelebt hat und somit mit den Eigenheiten dieser sogenannten besseren Gesellschaft bestens auskennt. Lina Bengtsdotter gelingt es, eine spannende Mischung aus Ermittlungsarbeit, psychologischer Tiefe und nordischer Stimmung aufzubauen. Beeindruckend, wie es Lina Bengtsdotter gelungen ist, die vielschichtigen Figuren und die Art, wie sie Sakkas innere Konflikte mit der eigentlichen Handlung verknüpft.
Ein unglücklicher Tod, Peter Grainger,

DC Smith ist einer vom alten Schlag, mal abgesehen davon, dass er auch beträchtlich in die Jahre gekommen ist. Eigentlich würden ihn einige seiner Chefs und Kollegen am liebsten mit vollen Bezügen in Rente schicken. Doch die Ermittlungsarbeit ist sein Leben. So landen momentan eher Routine und Abschlussarbeiten bei dem viel zu cleveren Polizisten. So auch der Unfalltod von Wayne Fletcher. Der Siebzehnjährige ertrank im Fluss, nachdem er dort mit Freunden gefeiert hatte. Als Smith sich die Sache ansieht, entdeckt er erst ein Haar in der Suppe und dann kommt er zu dem Ergebnis: Der Junge wurde getötet! Zusammen mit dem Frischling Chris Waters beißt sich DC Smith an dem Fall fest und sticht in ein Wespennest von Geheimdiensten, Militär, Polizeikorruption und Rache.
In der Tradition von McDermid, Ian Rankin, Anne Cleeves, Elisabeth George und wie all die englischen Thriller- und Krimigenies auch heißen, erschrieb sich Peter Grainger einen Platz ganz vorne unter diesen Autoren. Typisch britische Krimitradition, die solche Fälle irgendwie gemächlich und ruhig angeht, doch so verdammt spannend dabei, dass man das Buch in einem Rutsch einfach durchliest. Ganz prima Urlaubslektüre, doch wenn Sie irgendwo am Strand liegen und den Krimi lesen, schmieren Sie sich gut ein, denn es gibt einen gehörigen Sonnenbrand, wenn Sie erst einmal anfangen und nicht aufhören können.
Ewald Arenz , „FÜNF, SECHS, SIEBEN, ACHT“, Roman
Ewald Arenz’ Bücher erzählen von Liebe, Freundschaft, Familie, Verlust, nicht Verstandenwerden, Alleingelassensein oder älter werden, ohne anklagend nur situationsbedingte, sehr menschliche Gegebenheiten einfühlsam und deutlich, als hätte Ewald Arenz dieses alles selbst erlebt. Man ist als Leser leicht geneigt, den Autor in der Rolle der Protagonisten zu suchen oder zuzusehen. In seinem neusten Buch von Ewald Arenz „FÜNF, SECHS, SIEBEN, ACHT“ geht es um das Älterwerden, den Verlust des Jobs, die Flucht nach der Suche nach einer verlorenen Liebe und die Frage: Kann man das akzeptieren oder muss man kapitulieren? Ich selbst habe schon in viel geringeren Jahren erkennen müssen, dass die Jugend ihre eigenen Ambitionen hat, sich mit ihren Ansichten, und Argumenten durchzusetzen. Ich war tätig in einem großen Medienkonzern. Und von Zeit zu Zeit gab es Produktionssitzungen, bei denen natürlich immer die eine oder andere Nachwuchskraft dazugekommen ist und Ältere durch Positionswechsel oder Verrentung nicht mehr dabei waren. Ich war so an die 40 und ein junger Produktionsassistent hat uns sogenannten Erfahrenen erklärt, wo es langgeht. Ich war ganz perplex und habe nichts dazu gesagt. Zurück mit etwas Abstand habe ich mich gefragt: „War ich auch mal so?“ Ja! Eventuell sogar noch etwas forscher, ich wollte ja zeigen, dass ich es kann. Ewald Arenz hat in diesem Buch die Situation hervorragend dargestellt.
Fisch, ein Koch- und Genußbuch, Sylvain Roucayrol und Delaney Inamine

Als Erstes muss ich erst einmal feststellen, dass man als Fischgourmet und Kochliebhaber dieses Buch einfach besitzen will. Die wunderbaren Fotos aus den sechs Regionen, die Tipps in zehn Adressen und die beschriebenen Gerichte mit unglaublich appetitanregenden Ablichtungen sind alleine schon ihr Geld wert. Wenn es zu den Gerichten kommt, wird es schwierig. Sitzt man wie ich in Frankfurt am Main, weit weg von der Küste, fängt das Problem schon beim Fisch und den Meeresfrüchten an. Bekommt man dann wirklich irgendwo eine Meeresspinne oder Seeigel, sind die Gerichte nicht gerade leicht nachzukochen. Das ist nichts für absolute Laien, man muss einiges an Erfahrung und auch Mut mitbringen, um sich an ein solches Gericht zu wagen. Denn solch teure Zutaten zu verderben, wäre eine große Schande. Außerdem fließen viele japanische Einflüsse in die Rezepte ein. Und die japanische Küche ist auch nicht gerade einfach. Aber wollen Sie sich wirklich mal an eine Seespinne mit Seeigel und Nussbutter wagen, dann liest sich das Rezept auf Seite 58 wie ein Traum. Auch die verschiedenen Meeresfrüchteplatten haben es in sich, sind wahrscheinlich aber vom Geschmackserlebnis ein Sternevergnügen. Ich werde mich erst einmal mit einem Wolfsbarsch im Salzteig mit Beurre blanc und Forellenkaviar versuchen oder den Miesmuscheln in Escabeche (einer Orangenessigmarinade) eine Chance geben. Aber auch Venusmuscheln mit Udon in XO-Bouillon oder der Seeteufel mit Safran und Kartoffeln scheinen noch, auf der etwas einfacheren Kochseite zu stehen.
Es ist aber egal, ob Sie aus dem Buch ›Fisch‹ kochen oder nicht. Es ist einfach ein wunderbares Buch, mit herrlichen Artikeln zu Marseille, Neapel, Lissabon, Barcelona, San Francisco Bay und Tokio, das Lust auf Urlaub und Essen macht. Wie gesagt, man möchte das Buch besitzen oder jemandem Besonderem ein wunderbares Geschenk machen.
Lilly Hess „Tote trinken keinen Riesling“, Kriminalroman
In ihrem ersten Band von Lilly Hess „Mord im Gepäck“ gelingt Lilly Hess mit ihrem Kriminalroman „Tote trinken keinen Riesling“ weit mehr als die klassische Suche nach einem Täter oder einer Täterin. Lilly Hess verbindet Spannung mit einer liebevollen Hommage an die Pfalz und schafft es dabei, eine Atmosphäre, die Leser von der ersten Seite sowohl in die Pfalz mitzunehmen als auch in den Bann eines spannenden Krimis zu entführen. Das Buch zeichnet sich auch besonders aus, durch den lebendigen Schreibstil von Lilly Hess, die ihre Figuren nahbar und glaubwürdig wirken lässt und dabei die jeweiligen Eigenheiten, Stärken und Schwächen betont, was dadurch sehr authentisch herüberkommt. Gerade die kleinen Marotten der einzelnen Protagonisten verleihen dem gesamten Buch Charme und Wärme. Lilly Hess lässt ihre Personen, wie im echten Pfälzer Landleben, sympathisch erscheinen, ohne sie zu idealisieren.
Jeden Tag Gemüse, Kochbuch, Stefanie Hiekmann,
Ach nee, schon wieder ein Vegetarier-Kochbuch? Nein, ganz im Gegenteil, die vegetarische Küche wird immer wichtiger und viele der jungen Leute machen es uns bereit richtig vor. Auch bei meiner Generation hat sich mit dem Fleischkonsum einiges verändert. Einmal die Woche geht auch, ist gut für den Körper und schonend für Tiere und Umwelt. Die notorischen Dinosaurier am Fleischgrill kommen auch noch dahinter. Bei Frau Hiekmann geht es darum, das Beste aus Gemüse herauszuholen und vor allem keine Langeweile aufkommen zu lassen. Mit Pairing-Tabellen, die Saisongemüse mit Früchten, Kräutern, Gewürzen und jeweils einem raffinierten Trick zusammenbringen, hat man schon mal ein wunderbares Grundgerüst. Nun wird in Zubereitungsarten unterteilt: aus der Pfanne, dem Ofen, dem Topf, aus der Schüssel, auf die Hand und am Ende was Süßes. Was will man mehr? Die Rezepte sehen und hören sich lecker an und am wichtigsten für viele Küchenmeister: Es sollte nicht zu kompliziert werden. Sowohl Zutaten, als auch die Basics bekommt man in allen Läden und muss gar nicht erst in spezielle Asia- oder Biomärkte. Die ideale Sache für dieses Kochbuch ist wohl ein wöchentlicher Gemüsekasten direkt vom Bauern. Denn egal, was Saison hat, ein Rezept lässt sich in diesem Kochbuch finden. Und bei fast jedem der Gerichte wird Ersatzgemüse vorgeschlagen, wenn mal gerade keine Jahreszeit für Spitzkohl und Co. ist.
Mir hat das Kochbuch sehr zugesagt, ich werde mich an allem versuchen und freue mich zusätzlich auf selbstgemachte Mayonnaisen und Dips. Es ist auch ein wunderbares Geschenk für die vegetarisch lebende Freundin oder den Freund.
Schatteneis, Anne Nørdby, Grönlandthriller
Schatteneis ist nicht nur ein Thriller. Der Roman verbindet die traurige Geschichte der Inuit, nachdem die Dänen sie ähnlich strikt zur Kultur bekehren wollten, wie damals die Ureinwohner in Kanada und Alaska, mit gruseligen Serienmorden in Kopenhagen. Marit Rauch Iversen, selbst ein adoptiertes Inuit-Kind, arbeitet für die Polizei als Super-Recognizerin und hätte niemals gedacht, dass gerade ihre Adoptiveltern mit diesen Untaten zu tun hatte. Und anscheinend hat es ein Serienmörder genau auf die alten Geheimbunde, die aus Ärzten, Politikern und Polizisten bestand abgesehen. Noch bevor sie ihren Stiefvater fragen kann, wird er auf grausame Weise ermordet. Stück für Stück deckt Marit die Staatsgeheimnisse auf und stolpert über eine noch schlimmere Angelegenheit. Dem Absturz eines amerikanischen Militärflugzeugs in den Achtzigern in der Arktis, welches mit Atomsprengköpfen bestückt war. Bis auf eine dieser gefährlichen Bomben wurden damals alle gefunden und hier kam ihre leibliche Mutter ins Spiel. Denn wer sollte im ewigen Eis wohl besser eine Bombe suchen als eine Inuit. Aus dem Thriller, der mit rituellen Serienmorden beginnt, wir immer mehr eine Spionagestory, die sowohl den Osten mit der damaligen DDR, als auch die CIA nicht außen vorlässt.
Eine tolle, bis zum Schluss spannende Geschichte, die viel Historisches verarbeitet, aber so geschickt eingebunden, dass man sich als Leser nie belehrt fühlt. Super Sommer-Ferien-Unterhaltung, die bei den momentanen wüstenähnlichen Temperaturen über frostiges Schatteneis erzählt.
Maurizio Oster, Elissavet Patrikiou „Die Große Freiheit“, Simple Gerichte – Geiler Geschmack
Endlich hält ein Sternekoch mal sein Wort und hält sich an seinen Titel und an seine Rezepte. Dieser sehr feinfühlige Koch, Maurizio Oster, mit der etwas burschikosen Art, zeigt mit „Die große Freiheit“ eine sehr menschliche und sympathische Seite seiner Person und Küche. Fern von kulinarischer Eitelkeit, nah am Alltag und voller Respekt für gute Zutaten. Gerade darin liegt die große Stärke dieses Buches. Maurizio Oster kocht nicht, um zu beeindrucken, sondern um Menschen an einen Tisch zu bringen. Seine Gerichte wirken unkompliziert, fast bescheiden, und doch spürt man in jeder Idee die Erfahrung eines Kochs, der weiß, dass echter Geschmack nicht aus Übertreibung entsteht, sondern aus Klarheit, Sorgfalt und dem Vertrauen in das Produkt. Leider ist für mich das Layout nicht einladend. Nur in Schwarz-Weiß mit orangefarbener Schrift. Wer Maurizio Oster nicht kennt, läuft wahrscheinlich im ersten Moment an diesem Buch vorbei. Ich hoffe trotzdem, dass dieses Buch „Die Große Freiheit“ ein voller Erfolg wird, denn Maurizio Oster hat es verdient, bei diesen simplen Gerichten mit dem geilen Geschmack.