Alle Artikel von Elke Rossmann

Denn Familie sind wir trotzdem, Heike Duken

Denn Familie sind wir trotzdem von Heike Duken

Eine wunderschöne, traurige, hoffnungsvolle, bezaubernde und sogar manchmal lustige Familiengeschichte, die 1925 beginnt und 2019 endet.

Ein Roman der sich über drei Generationen zieht und durchweg voller starker Frauengestalten ist. Eine Geschichte, die so einfühlsam erklärt, warum sich Menschen auch für falsche Wege entscheiden und sich irgendwann wieder finden. Heike Duken hat geradezu virtuose Fähigkeiten, sich sprachlich in den unterschiedlichen Charakteren auszudrücken. Der Roman fesselt nicht nur, er hallt auch lange in einem nach und hinterlässt ein kleines Gefühl von Glück. Seit Langem mal wieder eine Geschichte, die auf die Liste der schönsten Bücher kommt, die ich je gelesen haben.

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Die Verlassenen, Matthias Jügler

Die Verlassenen von Matthias Juegler

Zitat: „Je mehr ich über meinen Vater nachdachte, desto überzeugter wurde ich, dass etwas ganz Grundlegendes mit ihm nicht stimmte, als wäre irgendetwas an ihm in Unordnung geraten und nie wieder zurechtgerückt worden.“

Das denkt der dreizehnjährige Johannes, nachdem ihn sein Vater mit den Worten, Mach’s gut, Jung, einfach verlässt. Er bleibt zurück bei der Großmutter, die sich ebenfalls in Schweigen hüllt. Mit fünf verlor das Kind seine Mutter, angeblich durch einen Herzinfarkt und sein Vater zieht ihn überfordert und schweigsam groß. Zum Glück gab es Vaters Freund Wolfgang, der immer etwas Freude in seine Kindheit brachte. Doch auch er verschwindet plötzlich. Ohne Eltern lebt er mit einer gütigen Großmutter, bis auch sie stirbt, kurz bevor Johannes vor dem Abitur steht.

Seine traurige so eigenartige Kindheit hinterlässt tiefe Verletzungen und Probleme in Johannes. Auch als er eine Beziehung eingeht und selbst Vater wird, ist sein Leben ein Drahtseilakt der Gefühle und Verwirrungen. Erst als er einen Brief in den Büchern seines Vaters findet, den Vater kurz vor seinem Verschwinden erhielt, wird ihm das Ausmaß der Tragödie seiner Familie klar.

Ein bewegendes, mit unterschwelliger Wut erzähltes Buch, die man gegen Ende des Buchs versteht. Es geht um Opfer und Täter und ein Kind, das mitten in das irrsinnige politische Konstrukt einer langsam zerfallenden DDR gerät. Sehr zu empfehlen!

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The Cousins, Karen M. McManus

The Cousins von Karen M McManus

Karen M. McManus stand bisher für Jugendromane, bei denen es immer um ein Problemthema von Teenagern ging. Nicht so in diesem Roman, den man als Jugendkrimi bezeichnen kann. Das Buch ist als solches aber ganz nett geschrieben und hat seine Spannungsmomente. Bestimmt trifft es den Nerv des einen oder anderen Teens. Den Roman kann man jedoch nicht mit den Vorgängern von Karen McManus vergleichen. Denn einen tieferen Sinn, von dem man als junger Mensch lernen könnte, fehlt dieses Mal. Dazu kommt, dass die Geschichte wenig glaubwürdig ist. Kann so etwas passieren? Eher nicht.

Dennoch ist es ganz nett zu lesen und daher eine Empfehlung wert.

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Die Welt in meinen Augen, ungesehene Bilder von Steve McCurry – Fotografie-Bildband

Das erste Mal bin ich den Fotografien von Steve McCurry in Florenz begegnet. Eine wunderbare Fotoausstellung in der Villa Bardini 2018, die mich ins Schwärmen, aber vor allem ins Grübeln brachte. Die Intensivität seiner Fotografien kennt keinen Kompromiss. Die Menschen die er ablichtete starren, klagen an, leiden oder existieren einfach nur. Wenn die Gesichter kleiner Kinder erwachsen sind, die heranwachsender Jugendlicher alt und die alter Menschen zerbrochen, dann stimmt etwas nicht mir unserer Welt. Was ist eindrucksvoller als eine Fotografie, wenn es darum geht das NICHT STIMMEN einzufangen, zu zeigen in den Augen von Menschen.

Ein großartiger wunderschöner und nachdenklicher Bildband mit ungesehenen Bildern eines Kameravirtuosen.

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Der buddhistische Mönch, John Burdett

Der dritte Teil der Bangkok Krimi-Serie, um den Ermittler Sonchai Jitpleecheep. Der Roman lässt bestimmt den einen oder anderen Leser, ohne Thailand Erfahrung mit einem erstaunten und entsetzten Zucken zurück. Doch John Burdett weiß einfach, wovon er schreibt. Meine eigenen vier Jahre in Bangkok wurden wieder heraufbeschworen, wenn er von den Straßen, den Hotels und den sogenannten Vergnügungsvierteln erzählt. Doch am faszinierendsten ist, wie der Autor die Thais erkennt und wiedergibt. So erzählt dieser Roman eine harte und brutale Geschichte über die Pornoindustrie, die Ausbeutung der Ärmsten der Armen, dem Geisterglauben und die magische Koexistenz all dessen mit dem thailändischen Buddhismus. Und so grausam die Geschichte manchmal anmutet, sie wird relativiert durch den Fatalismus und die Gelassenheit von Sonchai. Auch wenn er in dem Fall ziemlich an seine Grenzen stößt.

Eine großartige, spannende Serie, die John Burdett mit der gleichen Leichtigkeit erzählt, wie in Thailand schwierige Situationen ertragen werden. Eine absolute Leseempfehlung für Thailandkenner und diejenigen, die der Mentalität Thailands etwas näher kommen wollen.

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Falsches Spiel in Brodersby, Stefanie Ross

Teil vier bei dem Landarzt in Brodersby. Moment, das ist ja nicht ganz richtig! Denn Jan Storm ist zwar ein Landarzt, aber er war vor allem, ein Mitglied einer Bundeswehrspezialeinheit. Außerdem fährt er eine Ninja und zieht das Verbrechen und auch gleich gesinnte Abenteurer an. So kann man eher von einem Ethan Hunt aus Mission Impossible reden, als von einem Landarzt, der Ibuprofen verordnet.

Auch im vierten Teil wird es verdammt laut, wenn Handgranaten explodieren, Kinder mit weißem Phosphor an den Stränden der Ostsee verätzt werden und sogar ein Mann stirbt. Was geht mal wieder vor in Brodersby? Es hat auf jeden Fall mit Munition und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun, die irgendwo an der Ostseeküste versanken. Eigentlich wollte sich Jan auf seine Rolle als Vater und die Geburt vorbereiten und das geruhsam. Doch die perfiden Machenschaften eines Mannes, den Jan seit Jahrzenten nicht mehr gesehen hat, lassen ihm diese Ruhe nicht. Sein eigener Vater.

Mal wieder Irre. Da passieren eine Geiselnahme, die Rettung eines schwer Verletzten und eine Geburt so ziemlich zeitgleich. Von wegen Ruhe. Die Autorin lässt es wieder ordentlich scheppern und knallen! Großartig, wer hat schon Mission Impossible an der Ostsee!

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Gruß aus der Küche, Texte zu fünfzig Jahren Frauenstimmrecht in der Schweiz

Am 7. Februar 1971, also heute vor fünfzig Jahren, wurde in der Schweiz als fast letztes Land das Frauenwahlrecht eingeführt. Die Schweiz kein Drittland, kein Entwicklungsland, warum dauerte es so viel länger? Weil das Frauenstimm- und -wahlrecht eine Verfassungsänderung verlangte und diese konnte zwingend nur durch ein Volksabstimmung erreicht werden. Einer Volksabstimmung bei der nur Männer abstimmen konnten!

Am Ende, in der Moderne angekommen, war das Ignorieren streikenden Frauen von Seite der männlichen Mehrheit nicht mehr möglich. Wobei einige Kantone wie Appenzell Innerrohden entgegen dem Mehrheitsentscheid der Männer, beim Frauenstimmrecht erst am 29. April 1990 gezwungenermaßen angeglichen wurden.

1990 das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und vor Entsetzten den Kopf schütteln. Nicht nur als Frau!

Und so haben die zwei Autorinnen Texte von ausschließlich Frauen zum Frauenstimmrecht gesammelt. Texte von jungen Frauen, von alten und uralten Frauen! Texte der Freude, Texte des Forderns und Texte der Erinnerungen. Für jede emanzipierte Frau ein wunderbares Buch in Gedenken an ein großes Datum!

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Film: Gott, Ferdinand von Schirach, DVD

Ein kerngesunder 78 Jahre alter Mann will nach dem Tod seiner Frau, mit der er 42 Jahre verheiratet war, nicht mehr leben. Er hat sich für seinen Suizid entschieden und beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beantragt. Ein Medikament, das in anderen Ländern von Sterbehilfeorganisationen eingesetzt wird. Das wurde abgelehnt, daraufhin wandte er sich an seine Ärztin, die keine Beihilfe zum Suizid leisten möchte und auch aufgrund des ärztlichen Ethos ihre Zweifel hat.

Ein Ethikrat erörtert den Fall mithilfe eines medizinischen, eines theologischen und eines Rechts-Sachverständigen. Eine rein ethische Entscheidung steht an, die bei diesem verfilmten Theaterstück mal wieder das Publikum treffen muss.

Das Kammerspiel wurde mal wieder mit hervorragenden deutschen Schauspielern besetzt. Allen voran Lars Eidinger und Matthias Habicht in den Rollen des Verteidigers Biegler und des Achtundsiebzigjährigen, der sich nur noch den Tod wünscht.

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Die Rattenlinie, Philippe Sands

Das Buch ist das Ergebnis einer akribischen Recherche. Diese wurde mit vielen kompetenten Mitarbeitern, Experten und auch der Familie des ehemaligen NS Gouverneurs von Krakau und Galizien, dem Massenmörder Otto Wächter durchgeführt. Es verfolgt Otto Wächters Leben vom Studium über die Heirat mit Charlotte und seinem Aufstieg als überzeugter Nazi. Philippe Sands beleuchtet Wächters Verbrechen in Krakau, Lemberg und ganz Galizien, bis zu seiner Flucht über Bozen nach Rom. Dort will er über die Rattenlinie nach Südamerika auswandern. Eine Flucht, die nicht nur von der Kirche unterstützt, sondern auch von den Alliierten geduldet wurde. Denn 1949 war es den Amerikanern und auch den Sowjets wichtiger, sich gegeneinander auszuspionieren, als Nazigrößen zu jagen. Man wusste damals, wo Otto Wächter war.

Ein Buch, das sich spannend wie ein Krimi liest. Die geschichtlichen Hintergründe sind wahnsinnig gut dokumentiert. Doch es handelt auch von der Familie Wächter, den unerschütterlichen Glauben an den Nationalsozialismus und den Führer. Den Akt des Leugnens, wenn es um Massenhinrichtungen geht, die der Vater befehligt hat. Die Blindheit, die für Jahrzehnte weiter zelebriert wurde und die Liebe einer Frau und ihres Sohnes für einen Monster.

Ganz großartiges Buch. Für jeden an Geschichte und Politik Interessierten ein Leckerbissen!

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Film: Igby goes down, Nichts ist verrückter als der Rest der WElt, DVD und Blu-Ray

Auf Geld und Status pfeift Igby, solange er nicht endet wie seine Familie. Der Vater schizophren und in eine Anstalt abgeschoben, die Mutter eine kaltherzige, von Pillen abhängige High Society Lady, der Patenonkel ein skrupelloser Immobilienhai und sein angepasster Trendsetter Bruder, ein schöner Fiesling. Igby passt da nicht rein, weder in die Eliteschulen, Internate und auch nicht auf die Militärakademie, von denen er reihenweise fliegt. Er will ein anderes, sinnvolles Leben mit Gefühlen.

Der Film trifft den Nerv des damaligen Lebensstils, der schönen und reichen New Yorker. Und dem ewigen Kampf eines jungen Erwachsenen auf der Suche nach sich selbst.

Prima Unterhaltung mit hochkarätigen Schauspielern und völlig kuriosen fast absurden Wendungen. Dabei jedoch so lebensecht.

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