Ein Lied vom Ende der Welt, Erica Ferencik mit Interview der Autorin

Valerie ist eine auf nordische Sprachen spezialisierte Linguistin, die jedoch nie reist, weil sie von einer lähmenden Angst beherrscht wird. Ausgerechnet der ehemalige Mentor ihres verstorbenen Bruders, ein Polarforscher, wendet sich plötzlich an sie. Er behauptet ein kleines Inuitmädchen im Eis entdeckt zu haben, das keine bekannte Sprache oder Dialekt spricht. Er braucht Valeries Hilfe, um mit dem Mädchen zu kommunizieren. Obwohl sie nicht wirklich weiß, warum sie sich darauf einlässt, reist sie zu der Forschungsstation am Polarkreis. Ausgerechnet an den Ort, an dem ihre Bruder Andy auf mysteriöse Weise im Eis starb. Die Kälte, die Einsamkeit und die stetige Erinnerung an Andy erträgt Val nur mit Beruhigungsmitteln und Alkohol. Dabei hat sie noch keine Ahnung, wie furchtbar es mit dem Geheimnis um das kleine Inuitmädchen Naaja bestellt ist.

Ein gutes Debüt über eine sehr fiktive Geschichte aus dem ewigen Eis, das seine Geheimnisse manchmal eben doch wieder preisgibt.

Autorenfoto: Copyright ® Kate Hannon

Erica Ferencik ist Absolventin des MFA-Programms für Kreatives Schreiben an der Boston University. Ihre Arbeiten sind in Salon und The Boston Globe sowie bei National Public Radio erschienen. »Ein Lied vom Ende der Welt« ist ihr erster Roman bei Goldmann.

Unter sehr merkwürdigen Umständen erfror Valeries Bruder damals auf der Polarstation am Ende der Welt. Sein Auffinden ließ nur darauf schließen, dass er sich mit Absicht aus der Station entfernte, um zu sterben. Val und auch ihr Vater kam nie richtig über den Verlust hinweg, besonders weil ihr Dad, selbst Klimaforscher und Polarwissenschaftler, nicht an einen Suizid glaubte. Ausgerechnet der Mann, der damals bei Andy war, sein bester Freund und Mentor Wyatt Speeks bittet sie um Hilfe. Er behauptet, den eingefrorenen Körper eines Kindes im Eis gefunden zu haben. Ein Mädchen das unerklärlicherweise lebt, nachdem sie aufgetaut wurde. Die Kleine redet pausenlos in einer Sprache, die niemand je zuvor gehört hat. Doktor Speeks bittet Valerie zum Polarkreis zu kommen, um endlich zu verstehen, was dem Mädchen passiert ist. Er muss eine Idee davon bekommen, wie sie das Einfrieren überleben konnte. Als Valerie die panische Kinderstimme auf der Tonaufnahme hört, entscheidet sie intuitiv in die Arktis zu reisen. Zwar glaubt sie von dem Unsinn, dass das Kind eingefroren war, kein Wort, doch die Stimme des Mädchens verrät eine große Angst. Dafür braucht man die Worte erst einmal nicht zu verstehen. Was Valerie jedoch auf der Polarstation wirklich erwartet, kann sie sich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen ausmalen.

Der Roman ist etwas abgedreht, weil die Fiktion keinerlei Realitätsbezug hat. Die Geschichte ist jedoch spannend, gut recherchiert und sprachlich sehr interessant. Ich würde Das Lied vom Ende der Welt als ideale Urlaubslektüre bezeichnen. Ein Roman, bei dem es einem auch an tropischen Sommertagen endlich mal kalt wird.

Ein Lied vom Ende der Welt, Erica Ferencik, Goldmann, gebundenes Buch, Seiten 384, ISBN 978-3-442-31678-6, Euro 24,00 Euro. Erschienen 14.September 2022

Copyright für das Interview: © Goldmann Verlag, die Fragen an Erica Ferencik stellten Lisa Krämer und Elke Kreil

Interview mit Erica Ferencik:

  1. Mit Ein Lied vom Ende der Welt haben Sie einen Roman geschrieben, der an einem der atemberaubendsten, gefährlichsten und einsamsten Orte der Welt spielt: der Arktis. Wie sind Sie auf Grönland als Schauplatz für Ihren Roman gekommen?

Grönland ist ein Ort voller Geheimnisse. Furchteinflößende schwarze Berge ragen aus dem Meer und umschließen ein riesiges Eisschild, das über 80 % der grönländischen Landmasse ausmacht. Einige der grönländischen Ureinwohner halten dieses Eisschild, das an manchen Stellen schon über drei Millionen Jahre lang gefroren ist, für einen Ort, der von bösen Geistern bewohnt wird, und würden sich nie dort hinauswagen. Damit ist die Arktis genau die Art von abgelegenem, unwirtlichem Ort, die ich als Schauplatz für meine Geschichte brauchte. Eine Geschichte, in der die Figuren nicht nur einander, sondern auch ihre Umgebung überleben müssen.

  1. Wie sind Sie auf die Idee für diesen Roman gekommen?

Die Idee für dieses Buch kam mir an einem verschneiten Wintermorgen. Ich ging im Wald spazieren und stieß auf drei Schildkröten, die eingefroren an einem Teichufer im Eis lagen. Sie sahen nicht lebendig aus … aber auch nicht tot. Ich begann zu recherchieren und fand heraus, dass es einige Tiere gibt, die im Winter einfrieren und im Frühling dann wieder zum Leben erwachen können. Diese Lebewesen besitzen ein bestimmtes Kryo-Protein, das ihre Zellen vor dem Zerplatzen schützt. Ein Protein, das wir nicht besitzen. Dennoch kam mir das Bild eines jungen Mädchens in den Sinn, das in einem Gletscher in der Arktis eingefroren war. Von da an habe ich mich gefragt: Wie ist sie dorthin gekommen? Was könnte ihre Geschichte sein?

  1. Die Darstellung der Arktis in Ein Lied vom Ende der Welt ist so authentisch, bildgewaltig und lebendig, dass man als Leser:in das Gefühl hat, direkt vor Ort zu sein. Wie haben Sie für diesen Roman recherchiert – sind Sie selbst in die Arktis gereist?

Nachdem ich mich für die Idee zu  Ein Lied vom Ende der Welt entschieden hatte, las ich jedes Buch über Grönland und die Arktis, das ich in die Finger bekam, und sah mir jeden Film an, der in irgendeiner Form in der Arktis spielt.  Über viele Monate hinweg habe ich dann an einem ersten Entwurf für meinen Roman gearbeitet. Denn ich breche erst dann zu einer Recherchereise auf, wenn ich meine Geschichte kenne und weiß, worauf ich mich vor Ort konzentrieren muss. Als der Entwurf stand, bin ich für mehrere Wochen in die Arktis gereist und habe zusammen mit anderen Arktis-Interessierten Land, Eis und Meer entlang der grönländischen Ostküste erkundet. Und auch wenn das albern klingt: Ich war überrascht, dass Grönland so groß ist und doch so wenig Menschen dort leben – und dass es dort keine Pinguine gibt.

  1. Was fasziniert Sie als Autorin an einem Setting wie der Arktis?

Wie viele Romanautor:innen schreibe ich das, was ich selbst gerne lesen würde. Was meine Vorliebe für Geschichten, die sich um das Überleben drehen, angeht, könnte man sicherlich über tiefenpsychologische Gründe spekulieren. Lassen Sie es mich so sagen: Wie so viele andere habe ich eine extrem schwierige Kindheit durchgestanden, und daher kenne ich das Gefühl von Angst ziemlich genau und bin auch gut darin, Überlebensstrategien zu  entwickeln. Aber abgesehen davon liebe ich jede großartige Geschichte, egal wo sie spielt; allerdings habe ich eine Schwäche für Geschichten, bei denen der Schauplatz eine wichtige Rolle spielt.

  1. Welche Erfahrung hat Sie auf Ihrer Reise in die Arktis am meisten geprägt?

Ich hatte die Gelegenheit, den Bürgermeister einer kleinen Stadt zu interviewen. Er war siebzig Jahre alt und wuchs in einer Lehmhütte auf, wie sie für Grönland bis vor nicht allzu langer Zeit üblich waren. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in einem einfachen Holzhaus mit fließendem Wasser und Strom, und ich fragte ihn, ob es nicht eine Erleichterung sei, nicht mehr in einer Lehmhütte halb unter der Erde zu leben. Seine Antwort verblüffte mich. Er sagte, dass er die Annehmlichkeiten des Holzhauses schätze, dass er aber die Nähe vermisse, die er verspürte, als er noch mit seinen Eltern und Geschwistern in der Lehmhütte lebte, während draußen über Monate Schneestürme tobten. Diese Erfahrung und Vertrautheit fehle ihm bis heute. Das hat mich sehr beeindruckt und berührt.

  1. Wie haben Sie die Sprache entwickelt, die das Mädchen aus der Arktis spricht, und haben Sie selbst ein Faible für nordische Sprachen?

Ich liebe nordische Sprachen! Und um Najaas Sprache zu entwickeln, habe ich mir über einen langen Zeitraum die verschiedenen nordischen Sprachen wie Schwedisch, Dänisch, Isländisch und Grönländisch angehört, um ein Gefühl für Tonfall und Klang zu bekommen. Neben diesen lebenden Sprachen habe ich mich auch in die Sprache der Wikinger, Altnordisch, vertieft, um so eine Sprache zu entwickeln, die ähnlich, aber trotzdem anders als alle noch gesprochenen nordischen Sprachen klingt. Zusätzlich habe ich mich mit Sprachwissenschaftlern ausgetauscht, um herauszufinden, ob und wie es möglich ist, sich ohne eine gemeinsame Sprachbasis zu verständigen. Am wichtigsten ist dabei: Beide Personen müssen sich verstehen wollen. Daher machen Naaja und Valerie erst Fortschritte, als Valerie Naajas volles Vertrauen erlangt hat.

 

  1. Die Figuren in Ein Lied vom Ende der Welt, allen voran Valerie, müssen sich im Laufe des Romans sowohl ihrer Vergangenheit als auch ihren Ängsten stellen. Wie sehr reizt Sie die psychologische Komponente des Romanschreibens?

 Für mich ist die Figurenpsychologie das Wichtigste an einem Roman. Klar, die Leser:innen lieben actionreiche Szenen, aber die eigentliche Faszination steckt doch in der Frage: Warum tut die Figur dieses oder jenes, und was steckt wirklich dahinter? Ich liebe es, ein psychologisches Profil für meine Figuren zu entwerfen, empfinde diese Arbeit aber auch als unglaublich herausfordernd. Umso mehr freue ich mich, wenn mir meine Leser:innen das Gefühl geben, alles richtig gemacht zu haben.

  1. Wo und wann schreiben Sie am liebsten? Haben Sie eine besondere Schreibroutine?

Okay, das „wo“ ist wirklich eher langweilig, denn ich schreibe in einem kleinen renovierten Schuppen hinter meinem Haus, und das von etwa drei Uhr nachmittags bis neun Uhr abends an sechs Tagen in der Woche. Wenn ich ein paar Kapitel fertig habe, drucke ich sie mir aus und fahre  an einen schönen Ort, zum Beispiel in den Wald oder an den Strand. Dort sitze ich dann mit heruntergelassenen Fenstern im Auto und lese, um zu sehen, wie sich das Geschriebene in einer anderen Umgebung anfühlt.

  1. In Ihrem Beruf als Autorin ist Sprache unerlässlich – Valerie und das Mädchen aus dem Eis müssen eine gemeinsame Sprache etablieren, haben aber dennoch eine sehr starke Verbindung zueinander. Könnte man sagen, dass eine wichtige Botschaft Ihres Romans ist, dass es letztendlich nur auf die Sprache des Herzens ankommt?

Auf jeden Fall. Für Naaja ist ihre Situation in der Arktis traumatisierend. Die Forschungsstation ist ihr fremd, ihr fehlt ihre Familie, und sie kann sich nicht verständigen. Valerie tut alles in ihrer Macht Stehende, um mit Naaja zu kommunizieren. Aber erst als Naaja merkt, dass sie Valerie mit ihrem Leben vertrauen kann, baut sie eine echte Beziehung zu ihr auf – und schließt sie in ihr Herz.

© Goldmann Verlag

Die Fragen an Erica Ferencik stellten Lisa Krämer und Elke Kreil

 

 

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