Sabine Weigand: Die Englische Fürstin, Zwischen Glanz und Rebellion

Vorab möchte ich ein paar persönliche Worte schreiben. Diese Rezension habe ich als Mann verfasst. Warum sollten nicht auch Männer über ein sogenanntes Frauenbuch eine Rezension schreiben. Erstens hat mich das Buch geschichtlich interessiert. Zweitens sind meine Großeltern väterlicherseits selbsterlebte Zeitzeugen. Mein Großvater war Leibjäger beim Bruder von Kaiser Wilhelm und mit diesen zur Eisbärenjagd in Spitzenbergen, zur Kaiserkrönung in Japan, auf der Rückfahrt zur Stippvisite beim Boxeraufstand in China. Meine Großmutter kam aus höherem Hause, hatte aber keinen Adelstitel mehr, da ihre Mutter einen Bürgerlichen geheiratet hatte. Sie wurde aber noch in einer Schule für höhere Töchter ausgebildet. Sie konnte wirklich auf Anhieb noch umfallen. Ich kann mich noch an die Bilder von dem Bruder des Kaisers und meinem Großvater erinnern. Leider waren wir Kinder damals zu jung, um zu begreifen, dass man das erlebte meiner Großeltern aufschreiben sollte.

Dieses Buch wird zwar als Roman angeführt, doch es ist weit mehr als das. Ein wahres Zeitgeschehen. Sabine Weigand hat hier von einer realen Person geschrieben. Sie hat die Biographien, Zeitungsberichte, Tagebucheintragungen, Briefe und Aussagen von Zeitzeugen mit aufgeführt. Dazu sogar Originalbilder verwendet. Beim Lesen vermischt sich alles so gekonnt, dass man immer weiterlesen will. Man möchte wissen, wie das wirkliche Leben  von Daisy am Hofe des Kaisers und den Wirren des Ersten Weltkrieges und danach weiter geht. Tatsachen, keine Fiktion.

Sabine Weigand
Foto Gaby Gerster

Sabine Weigand stammt aus Franken. Sie ist promovierte Historikerin, arbeitete als Ausstellungsplanerin für Museen und ist nun Abgeordnete im bayerischen Landtag. Historische Originaldokumente und reale Frauenbiographien sind der Ausgangspunkt ihrer insgesamt neun Romane, wie ›Die Markgräfin‹, ›Die Seelen im Feuer‹ oder ›Die Tore des Himmels‹. In ›Die Manufaktur der Düfte‹ schildert sie Aufstieg und Fall einer deutschen Seifenfabrikantendynastie. Das dramatische Leben der Daisy von Pless liegt ihrem neuen Roman ›Die englische Fürstin‹ zugrunde

Marie Theresa Olivia Cornwallis, genannt Daisy, wird als junges, unerfahrenes Mädchen mit dem 12 Jahre älteren, sehr reichen deutschen Kohlebaron verheiratet. Sie muss ihn heiraten, um die Besitzungen ihrer Eltern zu retten. Er heiratet sie, weil sie die schönste Debütantin ist und aus einer angesehenen hohen Adelslinie stammt. Das Leben von Daisy wird zur Tortur. Die vorgegebene  Etikette und das strenge Regime und die Anforderungen ihres Mannes ersticken jeden Freiraum. Dazu kommt die Pflicht, einen Erben zu gebären. Sie weiß, was ihren Pflichten sind und versucht den Anforderungen gerecht zu werden. Am Hofe gilt sie als schönste Frau und charmante Begleiterin. Genauso wie Heute, wird sie ständig in den Gazetten erwähnt. Doch das tröstet sie nicht über ihr schweres Schicksal hinweg.

Irgendwann zwischen den Hirschjagden mit dem Kaiser, den vielen Reisen von Berlin zum Hofe, London zur Königin und Eltern, Baden-Baden zum Pferderennen, Paris zum Schneider, bis hin zum Maharadscha nach Kalkutta findet sie ihren Weg in die Charity. Die Situation in den Kohlebergwerken ihres Mannes und dem Wohnort Waldenberg der Familien ist entsetzlich. Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Die Kindersterblichkeit liegt über 50 %. Eine Absicherung für Witwen, Weisen und Arbeitsunfälle gibt es nicht.

Sabine Weigand:  Die Englische Fürstin, Zwischen Glanz und Rebellion, Fischer Verlag, 569 Seiten, ISBN: 978-3-8105-3059-2, € 14,99

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