Ralph Knobelsdorf: DES KUMMERS NACHT; Zusätzlich ein Werkstattgespräch mit Autor

Dieser historische Kriminalroman ist eine absolute Leseperle. Es ist ein Roman der eine unglaubliche Vielfalt von historischen Details beinhaltet und diese in spannender Form an seine Leserschaft weitergibt. Der Autor hat hier eine unglaubliche Recherchearbeit geleistet, in der die kulturelle, soziologische, wirtschaftliche und politische Situation Preußens im Jahre 1950 darstellt. Wir, die Leser erfahren was sich im Königshaus tut, welche wirtschaftlichen Nöte die Gutsbesitzer und die kleinen Leute drücken und welche technologischen Gegebenheiten dieser Zeit vorhanden sind. Atmosphärisch dicht vermittelt uns der Roman die Standesdünkel der adligen Gesellschaft und welche Auswirkungen die deutsche Revolution von 1948 für die Zukunft Preußens und der deutschen Nation bereithält. Besonders beachtenswert ist das Zusammentreffen der handelnden Personen mit Otto von Bismarck dem späteren Reichskanzler des Deutschen Reiches, der uns die europäische Stellung Preußens und der angrenzenden Nationen vermittelt. Erleben Sie mit Wilhelm von der Heyden, dem Protagonisten, die Entwicklung der preußischen Kriminalpolizei im Berlin des 19. Jahrhunderts!

Ralph Knobelsdorf
Foto by Peter Paul Lorenz

Ralph Knobelsdorf, Jahrgang 1967, wurde in Löbau/Sachsen geboren. Der Informatikkaufmann studierte in Halle an der Saale Philosophie, Jura und Geschichte mit dem Schwerpunkt Deutschland im 19. Jahrhundert. Nach Tätigkeiten in Werbe- und Internetagenturen arbeitet er gegenwärtig in einem Unternehmen der IT-Branche. Mit Des Kummers Nacht legt er sein Debüt als Autor historischer Kriminalromane vor. Der begeisterte Eishockeyanhänger und bekennende Liebhaber von Downton Abbey lebt mit Frau und zwei Kindern in Erfurt.

Berlin, 1855: Wilhelm von der Heyden steht kurz vor dem Abschluss seines Studiums, als er Zeuge einer Explosion wird. Die Fenster der gegenüberliegenden Wohnung sind zerstört, eine Frau hängt leblos im Zaun. Um ihr zu helfen, eilt er an den Unglücksort – und gerät selbst in Verdacht. Der Wachtmeister hat sein Urteil schon gefällt, der Chef der Kriminalpolizei ist jedoch von Wilhelms Beobachtungsgabe begeistert und stellt ihn ein. Talentierte neue Mitarbeiter werden in der noch jungen preußischen Ermittlungsbehörde dringend benötigt. Doch Fingerspitzengefühl ist gefragt, denn bald schon führen die Ermittlungen Wilhelm und seine Kollegen in die höchsten Kreise.

Dieser Kriminalroman ist ein gelungener Einstieg und wir hoffen eine baldige Fortsetzung lesen zu dürfen.

Hier Auszüge aus einem Werkstatt Gespräch dass der Verlag mit dem Autor geführt hat:

Da ich aber auch Kriminalromane liebe und mich Sherlock Holmes schon früh begeistert hat, verbanden sich bei der Idee für einen eigenen Roman diese beiden Elemente: Familiendramen und Kriminalfälle vor der historischen Kulisse des 19. Jahrhunderts“.

Warum er gerade dieses Jahrhundert und die Epoche zwischen 1855 und 1880 gewählt hat, die er in mehreren Fortsetzungen mit den Abenteuern seines fiktiven Helden Wilhelm von der Heyden Revue passieren lassen möchte?

„Viele tausend Jahre hat sich die Menschheit eher gemächlich entwickelt. Doch dann plötzlich, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, hat es einen gewaltigen Aufschwung gegeben. In der Wissenschaft, der Technik, der Medizin. Für mich eine faszinierende Zeit. Dazu befand sich Deutschland in einem enormen politischen Umschwung. Die Napoleonischen Kriege waren vorüber, die Revolutionen um 1850 vorbei, und in Preußen entwickelte sich die allgemeine bürgerliche Ordnung, aber auch die Polizei als Schutzmacht dieser Ordnung sehr rasch. 1809 wurde die Polizei in Berlin gegründet, ursprünglich sogar nach englischem Vorbild. In der Zeit, in der mein erstes Buch DES KUMMERS NACHT spielt, nämlich im Jahr 1855, gab es 36 Reviere mit Kriminalkommissaren und ihnen zugeordneten Schutzmännern.

Es ging meist um Prostitution und um die Überwachung verdächtiger Personen, zu denen zum Beispiel Landstreicher zählten“. Diese Frühzeit der Polizeiarbeit in Berlin hat Knobelsdorf mehr gereizt als einen „modernen“ Krimi zu schreiben. Und auch die Ära zwischen 1900 und 1930 ist nicht „sein Ding“. „Romane über Berlin um 1900 und nach dem Ersten Weltkrieg gibt es inzwischen recht viele“, sagt er. Für ihn war die Anfangszeit der Polizeiarbeit spannender. „Überall herrschte Aufbruchsstimmung und es gab erstaunliche Neuerungen. In Berlin fuhr damals schon eine Pferdebuslinie mit festem Fahrplan, in der Charité trafen sich die besten Mediziner der Zeit, weshalb in einem der nächsten Bände auch Berühmtheiten wie Rudolf Virchow auftreten werden. Die Polizei war gut ausgerüstet, und selbst wenn es die moderne Forensik noch nicht gab, fanden sie andere Mittel und Wege, der Kriminalität weitgehend Herr zu werden. So gab es durch die Initiative von Männern wie Wilhelm Stieber, einem kompetenten Kriminalisten und geschickten Organisator der Polizei, ein recht ausgefeiltes System an Informanten, eigentlich eher schon Spitzeln“

Wie ihre britischen Kollegen trugen die Kriminalbeamten keine Schusswaffen, sondern nur Schlagstöcke mit sich. Privat durften sie aber eine Waffe besitzen. Zu ihren Aufgaben gehörten damals die Versorgung von Armenkindern, die Überwachung der Insassen in der Stadtvogtei und im Zuchthaus, die Beobachtung der rund viertausend Bettler sowie die Kontrolle der etwa zwölftausend bereits bekannten Ganoven. Berlin war seinerzeit eine rasant wachsende Stadt, da hier die Industrie um 1830 ihre erste Blüte erreichte, und deshalb immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt strömten.

„Ich mag Krimis, in denen Nebenhandlungen eine Rolle spielen und bei denen sich nicht alles nur auf den eigentlichen Kriminalfall konzentriert“. Deshalb liebt er die Romane von Elizabeth George, Donna Leon und Andrea Camilleri, in denen es auch immer wieder um familiäre Strukturen und die Entwicklung der Hauptfiguren geht. Der historische Kriminalroman, der natürlich auch den Regeln des Krimis folgen muss in der Hinsicht, dass Konflikte plausibel geklärt werden sollten und der Inhalt stimmig sein muss, bietet zusätzlich den Reiz, fiktive Personen mit realen zu konfrontieren. Das 19. Jahrhundert in Preußen aber ist im Vergleich dazu noch eher Brachland, obwohl es in dieser Zeit viele spannende Persönlichkeiten gegeben hat, die Knobelsdorf geschickt in seinen Plot einbaut. „Natürlich ist es eine große Herausforderung, diese realen Personen mit den fiktiven zu vermischen. Man darf sich bei der Darstellung der historischen Figuren keine Phantasie erlauben und plötzlich aus Bismarck zum Beispiel einen Sozialisten machen. Gerade diese Möglichkeit, die Realität mit der Fiktion zu verbinden, ist ein großer Ansporn für mich“. Aber vor allem auch viel Arbeit mit ausführlichen Recherchen im Internet und in Archiven, wobei die Erschwernisse der diversen Lockdowns den Zugang zu Bibliotheken verhindert haben. „Wie gut, dass es inzwischen ausgefeilte digitale Archive gibt, so dass ich auf alte Zeitungsberichte, frühe Fotos und Dokumente zurückgreifen konnte“ sagt Knobelsdorf. „Noch während des Schreibens ging die Recherche ständig weiter. Ich lege viel Wert auf Genauigkeit und auf Details, vor allem, was die Schauplätze betrifft. Denn ich nehme die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch das Berlin vor gut 180 Jahren und besuche mit ihm den Tiergarten, den Molkenmarkt, die Universität und das Berliner Schloss und die engen Gassen und dunklen Seiten der Stadt“.

Ralph Knobelsdorf: DES KUMMERS NACHT,  Lübbe Belletristik, Paperback, 623 Seiten, ISBN: 978-3-7857-2730-, € 16,90

 

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