Schatten der Welt, Andreas Izquierdo

Die Welt 1910 in Westpreußen ist für einen Vierzehnjährigen ein ungerechter Ort, vor allem, wenn man arm ist. Ganz egal wie klug Carl Friedländer, der Sohn des jüdischen Schneiders ist, nach Ende der Volksschule ist es vorbei und er wird in die Werkstatt seines Vaters gehen müssen. Arbeiten und arm bleiben! Während die Gutsbesitzer und der Mittelstand in Thorn ein pralles Leben führen und die Ärmsten noch um ihr hart verdientes Geld betrügen. Gut nur, dass Carl seinen Freund Arthur und die clevere Louise, genannt Isi, hat. Denn das Trio infernal rächt sich an den Bürgern von Thorn. Sie ergaunern ein kleines Vermögen mit dem Verkauf von Gesichtsmasken. Die Halley-Gesichtsmasken sollen vor den schlimmsten Gasen des Kometen schützen, der die Welt zu vernichten droht …

Eine wunderbare Geschichte von Freundschaft und Familie in den Wirren der Kaiserzeit und des Ersten Weltkriegs. Man merkt die Liebe, mit der Andreas Izquierdo seine Figuren zeichnet. Trotz der himmelschreienden Ungerechtigkeit dieser Zeit wäre man damals gerne mit Arthur, Carl und Isi befreundet gewesen. Oder man hätte sich wenigstens einen so liebevollen Vater wie Carl Friedländer senior gewünscht.

Fotocopyright: Karin Lorenz

Andreas Izquierdo ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Er veröffentlichte u.a. den Roman ›König von Albanien‹ (2007), der mit dem Sir-Walter-Scott-Preis für den besten historischen Roman des Jahres ausgezeichnet wurde, sowie ›Apocalypsia‹ (2010). Bei DuMont erschienen ›Das Glücksbüro‹ (2013) und der SPIEGEL-Bestseller ›Der Club der Traumtänzer‹ (2014). Zuletzt veröffentlichte er die Romane ›Romeo & Romy‹ (2017) und ›Fräulein Hedy träumt vom Fliegen‹ (2018). Andreas Izquierdo lebt in Köln.

Nur die Freundschaft und die Liebe können helfen, die schlimmsten Zeiten zu überstehen. Wir, die wir über eine Corona Pandemie stöhnen und manche von uns sogar versuchen sie weg zu feiern, haben vergessen, wie es der Generation vor und während der Weltkriege ging.

Das Elend vor und während des Ersten Weltkriegs war an der Tagesordnung. Besonders als rechtlose Frau und Tochter und als Mensch in niederen Diensten war man den Dreck unter den Stiefeln der Gutsherren nicht wert. War man arm, musste man kreativ sein und auch ein wenig skrupellos. So ergaunern sich Arthur, Carl und Isi das erste Kapital, um in die Moderne zu investieren. Sie gründen ein Lkw-Fuhrunternehmen, und weil sie noch nicht volljährig sind, wird das gar nicht so einfach. Ob es nun Arthurs Vater ist, der seinem Sohn den Erfolg nicht gönnt und das lukrative Unternehmen an den Gutsherren verkaufen will oder Isis Vater, der sich den Anteil der Tochter einfach auszahlen möchte. Die drei Freunde finden jedoch immer einen Weg, die frustrierten, rabiaten Väter unter Kontrolle zu bekommen. Nur Carl hat in der Hinsicht Glück, denn sein Vater, ein jüdischer Schneider, ist der liebste und verständnisvollste Mensch der Welt. Wo er den jungen Leuten helfen kann, tut er es. Bis ihn die Demenz in ihre Klauen schlägt und sein Licht erlischt.

Kaum hat sich Carl von seinem Verlust gefangen, will er sich wieder seinem Beruf als Fotograf zuwenden. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus. Nicht nur requiriert die Armee all ihre Lastwagen, was ihr Geschäft ruiniert, Arthur und Isi bekommen auch kurzfristig keinen Termin mehr für die Trauung, bevor Arthur und Carl eingezogen werden. So wird Isi Arthurs Frau ohne Trauschein und löst einen Skandal in Thorn aus.

Doch es soll noch schlimmer werden, denn Sergeant Trommer, Schleifer der Rekruten, hat vom ersten Tag der Grundausbildung Carl zu seinem persönlichen Prellbock auserkoren. Er schindet den schmächtigen, jüdischen Jugendlichen und fast hätte Carls letztes Stündchen geschlagen. Gut nur, dass sein Freund Arthur wieder einmal zur Stelle ist. Zum Glück erkennt Oberleutnant von Grohe Carls Talent beim Fotografieren und schickt ihn kurzerhand nach Österreich zum K.-u.-k.-Kriegspressequartier. In dem Moment heißt es für die Freunde, sich zu trennen. Plötzlich muss jeder allein zurechtkommen.

Damit ist diese bezaubernd dramatische Geschichte noch lange nicht zu Ende. Trotz allen Elends ist der Roman leicht geschrieben, man lacht, man schmunzelt und drückt hier und da ein Tränchen aus den Augenwinkeln.

Lieben Sie Geschichten, wie die Bücherdiebin oder Wo man im Meer nicht mehr stehen kann, so ist Schatten der Welt genau richtig für Sie.

Schatten der Welt, Andreas Izquierdo, Dumont, Brochiert, Seiten 539, ISBN 978-3-8321-6498-0 Euro 16,00 Euro.

 

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