Julian Voloj und Soren Mosdal: „Basquiat“ eine Graphic Novel

Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte

Viele Kunstkritiker sehen Jean-Michel Basquiats Lebenslauf als paradigmatisch für die Situation der Kunstwelt in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts an. Als er am 12.8.1988 in New York an einer Überdosis starb, war er 27 Jahre alt. Fulminant schildert Julian Voloj mit den farbexplodierenden Pop-artigen Bildern von Soren Mosdal das Leben dieses Ausnahmekünstlers. Aufgewachsen in Brooklyn verlässt er sein gewalttätiges Elternhaus mit 15, schlägt sich als Kleinkrimineller durch und taucht in die Drogenszene ein. Nachdem er von der Polizei aufgegriffen wird, steckt ihn sein Vater in eine alternative Privatschule mit ihrem Konzept von Freiheit, Vertrauen und Selbstverantwortung und experimentellem Lernen und Neugier als Schlüssel zur Lebenserfahrung: eine weitere Basis für sein Leben.

Julian Voloj

In einem magisch märchenhaften Abschnitt der Graphic Novel kramt „König“ (immer wieder dargestellt mit einer Krone) Jean-Michel in seiner Zauberkiste nach verschiedenen Lebensentwürfen wie dem Buddhismus mit Selbstkontrolle und Meditation, dem Judentum als der Wurzel aller monotheistischen Religionen, Katholizismus vom griechischen „Universelle Lehre“. Am meisten hingezogen fühlte sich Basquiat jedoch hingezogen zu SAMO, zu dem er den oben erwähnten Comic in einer Schulzeitung beisteuerte: „Im Prinzip tun und lassen wir, was wir wollen und vertrauen auf die Gnade Gottes unter dem Vorwand, dass wir nicht wussten, was wir taten.“ Es ist eine verballhornende Abkürzung, ein Akronym von „SAMe Old shit“ – dieses System von Sätzen breitete sich 1978 aus auf der Brooklyn Bridge, in der Nähe der School of Visual Arts, der Mary-Boone-Gallery und in SoHo. Die SAMO-Religion war ein auf die Abgebrühtheit der materialistischen Gesellschaft zugeschnittenes Kunstprojekt. Von den häufig mit einem Copyrightzeichen versehenen Graffitis gibt es kaum Aufnahmen: später rekonstruierte Basquiat sie für einen Film, in dem er eine Hauptrolle spielte. Er hängte sich an die Graffitimode an, als diese erfolgreich wurde und wandte sich von ihr ab, als das Interesse der Kunstwelt nachließ.

Ausschnitt aus Basquiat

Er habe es satt, sagte er, den Wilden für den Kunstmarkt zu spielen und wandte sich daher ab von einer Szene, die der New Yorker Bürgermeister Ed Koch als Vandalismus bezeichnete und für den Michael Stewart von der Polizei tot geprügelt wurde. Mit seiner Band „Gray“ tingelte er durch die Clubs, kannte David Bowie, die „Talking Heads“, Iggy Pop und Madonna. Die erste große Gruppenausstellung von Punk, Kitsch, Kunst, Graffiti und Performance, die „Times Square Show“ fand in einem leer stehenden Gebäude statt, wobei Basquiats Beitrag „als schlagende Kombination von de Kooning und auf U-Bahnen gespraytes Gekritzel“ bezeichnet wurde. Trotz Armut genoss Basquiat das Leben mit immer härteren Drogen und Frauen, immer begleitet von seinem inneren Dämon, seinem skelettartigen Alter ego, der ihn führt. Für seine erste eigene Ausstellung wird Basquiat in der Graphic Novel in vollem Körpereinsatz gezeigt, drischt Farbbahnen auf die Leinwand, malt mit allen 4 Gliedmaßen gleichzeitig, presst seinen Körper auf den Boden. Immer wieder gibt es humorvolle Einlagen wie das Büro der Gründerin des zeitgenössischen Kunstzentrums PSI in einer öffentlichen Telefonzelle, die sich gleichzeitig als Sekretärin und Chefin ausgibt – um immer wieder das Prekariat der Kunstszene spotartig zu beleuchten. Oder wie sich Basquiat hinter/in einem Bild während einer Vernissage versteckt – er ist sein Bild. Abgelehnt von den Farbigen, die ihm vorwerfen, sich mit Weißen abzugeben und den Weißen, die ihn als Verbrecher abstempeln, versteckt er sich immer mehr in einer imaginären Welt, leidet an Realitätsverlust, lehnt die Forderungen der Kunstelite ab. Seine Galeristin Annina Nosei verkauft seine Bilder, die Basquiat noch nicht als fertig erachtet hat oder lässt ihn alles kurzfristig für eine Vernissage signieren oder dies sogar von einer Assistentin machen.

Das quirlige Leben Basquiats, sein kometenhafter Aufstieg und sein früher Tod machen ihn zum Mythos des gescheiterten Genies als Außenseiter. Er wird zum Star der Kunstwelt in USA, Europa und Japan, angetrieben auf der Suche nach Anerkennung, Ruhm und Geld, vertreten  von den größten Galeristen Mary Boone, Larry Gagosian und Bruno Bischofberger, schwankend zwischen Größenwahn und Scheu, voller Selbstzweifel und Selbstzerstörung. Kunst etablierte sich in jener Zeit als Anlageobjekt, in dem wie mit Aktien gehandelt wurde. Kunst wurde zum Lebensstil für Sammler, die wahre Einkaufsorgien in den Galerien starteten – immer in der Angst, nicht mehr en vogue zu sein und in der Absicht, schnell wieder verkaufen zu können, wofür es Wartelisten gab. So waren die Künstler gezwungen, Kunst nach Angebot und Nachfrage zu produzieren. Dabei wurden die Grenzen zwischen Hoch- und Trivialkultur, die die Pop-Art schon in den 70ern in Frage gestellt hatte, immer offener. Vor allen Dingen war es Andy Warhol, der die Vermischung zuvor streng getrennter Lebens- und Kunstbereiche in seiner legendären „factory“ vorwärts getrieben hatte. In ihm findet Basquiat eine neue Vaterfigur: interessant ist, wie der bekannteste weiße Künstler und der bekannteste farbige in der Graphic Novel einander immer näher kommen. Warhol erkennt die Schnelligkeit, mit der Basquiat malt, als ihm überlegen an. Erst schauen die beiden aneinander vorbei, dann in eine gleiche Richtung, werden zusammen fotographisch aufgenommen, inszenieren sich zusammen als Boxkämpfer (in der Kunstwelt), arbeiten zusammen … Doch die Kritik bezeichnet Basquiat  als Warhols Marionette, was er als Rassismus ansieht. Sein innerer Dämon im Kopf zeigt ihm die Realität: Basquiat ist ein Junkie, doch er behauptet, alles unter Kontrolle zu haben. Er habe sich selbst betrogen und verlasse sich selbst – „Ich bin du und du bist ich“. Ein Großteil seines Erfolges und seines Scheiterns ist auf seine Hautfarbe und den latenten Rassismus der New Yorker Kunstszene zurück zu führen – ein Thema, das in der „Black lives matter“-Bewegung auch heute noch erschreckend virulent ist. Lesens- und anschauenswert!

sren-glosimodt-mosdal

Soren Mosdal arbeitet seit 2000 als Comiczeichner und Illustrator in Kopenhagen. Seine Comics, darunter mehrere Musikerbiographien erschienen in verschiedenen Verlagen weltweit.

Julian Voloj lebt seit 2003 in New York. Bei Carlsen sind von ihm erschienen die Graphic Novels „Joe Schuster“ und „Ein Leben für den Fußball“.

Julian Voloj und Soren Mosdal „Basquiat“,  Carlsen Verlag, Hamburg 2020, 138 Seiten, ISBN 978-3-551-76046-3, 20 Euro

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.