Schlagwort: Philosophie

Was uns unsere Namen gibt, Alvin Pang

So klein und schmal dieses Buch mit seinen 73 Seiten ist, so herausfordernd ist es. Ich musste lange darüber nachdenken, um für mich einen Sinn daraus zu machen. Denn eigentlich wollte ich meine Besprechung nicht nur auf der reinen Gefühlsebene der Poesie belassen, und mich damit nur fragen: Mag ich das Buch? Gefällt mir der Stil? Ist es abgedreht oder avantgardistisch genug, um in seiner experimentellen Art für sich selbst zu bestehen?

Mein Anliegen war es, das Buch irgendwie zu verstehen, den philosophischen Gedanken dahinter zu ergründen, wenn es diesen denn gibt. Ich persönlich bin für mich zu einem Resultat gekommen. Doch eines kann ich von Alvin Pangs kleinem Werk mit Sicherheit sagen: Es regt zum Denken an, und das ist schon mehr, als viele andere Bücher von sich behaupten können. Pangs Texte fließen ruhig, fast beruhigend, und mit einmal Lesen ist es bei diesem Werk bestimmt nicht getan. Aber das ist auch das Schöne daran!

Wie Sie bereits ahnen, liebe Leser, empfehle ich dieses Buch. Doch an dieser Stelle möchte ich Alvin Pang selbst zu Wort kommen lassen. Er spricht über die Bedeutung, die seine Werke für ihn haben, und was er sich zum Ziel setzt, wenn er so mit den Lesern kommuniziert.

Alvin Pang hat in einem Interview (mit Yugin Teo für Wasafiri von 2016) einmal auf die Frage, ob seine Werke einen didaktischen Charakter haben, also durch eine Erzählung Lernprozesse anstoßen möchte, Folgendes geantwortet:

Zitatanfang: »Ein guter Freund sagte im positiven Sinne einmal über meinen Stil, dass meine Werke überwiegend skurril oder verspielt beginnen, um mit einem seriösen Punkt zu enden. Die Idee, den Leser zu einem Gespräch über die eigenen Gedanken einzuladen, ist etwas, das ich gerne beschreibe. Viele meiner Texte sind im Grunde genommen Dialogformen. Ich versuche weniger zu belehren, als vielmehr ein Argument oder eine Möglichkeit aufzuzeigen und Auseinandersetzung darüber anzuregen. Vielleicht ähnlich einer guten Vorlesung. In einem meiner Gedichte schrieb ich:  ›Ein Buch zu lesen heißt, zwei Einsamkeiten zu vereinen. Die Einsamkeit des Autors verbindet sich mit der Einsamkeit des Lesers, und es ist ein Gespräch, das zwei Menschen über die Zeit hinweg führen; so habe ich das Lesen selbst erlebt. Ich kann kein Buch lesen, ohne am Rand mit dem Autor zu diskutieren.‹«(freie Übersetzung aus dem Englischen)Zitatende.

Na, wenn das nicht spannend klingt, dann weiß ich es auch nicht. Was meinen Sie?

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GOTT, Ferdinand von Schirach

GOTT von Ferdinand von Schirach

Ein kerngesunder 78 Jahre alter Mann will nach dem Tod seiner Frau, mit der er 42 Jahre verheiratet war, nicht mehr leben. Er hat sich für seinen Suizid entschieden und beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine tödliche Dosis Natrium-Pentobarbital beantragt. Ein Medikament, das in anderen Ländern von Sterbehilfeorganisationen eingesetzt wird. Das wurde abgelehnt, daraufhin wandte er sich an seine Ärztin, die keine Beihilfe zum Suizid leisten möchte und auch aufgrund des ärztlichen Ethos ihre Zweifel hat. Ein Ethikrat erörtert den Fall mithilfe eines medizinischen, eines theologischen und eines Rechts-Sachverständigen. Eine rein ethische Entscheidung steht an, die bei diesem Theaterstück mal wieder das Publikum treffen muss.

Genau wie bei dem Theaterstück Terror, überlässt Ferdinand von Schirach wieder dem Leser bzw. dem Publikum die Entscheidung. So stößt der Autor einen komplexen, moralphilosophischen Denkprozess an. Vor allem, weil das Bundesverfassungsgericht die rechtliche Situation endlich im Februar 2020 geklärt hat. §217 des Strafgesetzbuches wurde als verfassungswidrig erklärt.

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Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation, Michel Serres

Eine neue Renaissance bricht in unserer Gesellschaft an. Genau, wie die Erfindung des Buchdrucks einst die verbalen Lehren für wenige Privilegierte veränderte. Weg von all den Informationen im Kopf der Wenigen, hin zu den Nachschlagewerken für viele Menschen. So ist das digitale Zeitalter ein noch größerer, gravierenderer Umbruch. Denn Informationen stehen auf Knopfdruck bereit, die Lehre beruht nicht mehr auf Angebot und Nachfrage, es geht nur noch um das Angebot. So kann jeder sich Wissen aneignen, weil es überall und für fast jeden Menschen verfügbar ist. Der kleine Kasten (Handy) in der Hosentasche der jungen Generation macht es möglich.

So ist innerhalb kürzester Zeit ein neuer Mensch geboren worden, der die alten Rahmenbedingungen der Welt nicht mehr hinnehmen muss, weil er nicht mehr in der gleichen Weise darin lebt. Ein Wendepunkt, da jetzt alles erneuern werden muss, von unseren Jungen. Es ist an ihnen alles zu erneuern, ja erst noch zu erfinden.

Michel Serres kleines philosophisches Werk wendet sich gezielt an den klugen Jugendlichen, der mit beiden Daumen auf dem Handy mitten in der ganzen Welt steht.

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Was genau war früher besser? Michel Serres

Man kann dieses kleine wunderbare Buch keinen optimistischen Wutanfall nennen. Ich würde es eher als liebevolle Mahnung an die neue Generation sehen. Und als Entlarvung, der historischen Verklärungen stetig Gestriger. Mit vielen einfach einleuchtenden Beispielen zeigte Serres, wie gut es uns heutzutage geht und wie bescheiden das früher Bessere eigentlich war. Dabei bediente er sich einer schönen aber verständlichen Sprache. Was für einen Grandseigneur der französischen Philosophie nicht selbstverständlich war.

Ein Buch, das einem ein gutes, warmes Gefühl gibt, in gefühlt unruhigen Zeiten. Ein nicht zu bestreitend aufklärendes Büchlein für lesende Menschen jedes Lebensalter, vom Handy wischenden Jugendlichen bis zum frustrierten Rentner. Eigentlich sollte jeder es lesen, denn danach kann man eine bisschen freier atmen und sagen: Es ist viel besser heute, vor allem weil wir Frieden haben.

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Stevan Paul (Hg.): Die Philosophie des Kochens“

„Kochen ist die Summe unzähliger kleinster Details von größter Wichtigkeit.“
Eckart Witzigmann, Jahrhundertkoch. Als gelernter Koch und heute im Unruhestand und immer noch leidenschaftlicher Koch, hat mich das von Stevan Paul zusammengestellte Buch mehr als interessiert. Welche Philosophie steckt in der Lust, dem Wahn, der Freude, der Hingabe sich an den Herd zu stellen, Kreativ zu sein und Spaß daran zu haben stundenlang zu kochen. Weiterlesen

Die Herzlichkeit der Vernunft, Ferdinand von Schirach, Alexander Kluge

Das Buch ist ein Zwiegespräch zweier großer Denker, die man selbst als Philosophen bezeichnen möchte. So drehen sich ihre Gespräche um Sokrates, Voltaire, Kleist, Schirachs Theaterstück Terror und die Politik im Allgemeinen. Was mir als bekennenden Bewunderer von Ferdinand von Schirach wieder einmal auffiel, war die Wortwahl des Autors. Wo Alexander Kluge seine Theorien und Vorstellungen eher etwas verschachtelt darstellt und den Leser zu einem zweiten und auch dritten Durchlesen veranlasst, um das Gesagte zu verstehen, bleibt Ferdinand von Schirach sich treu. Das einfache, verständliche Wort ist seine Zauberformel. Und immer wieder trifft er damit den Nagel auf den Kopf. Solch ein Buch kann ich nicht lesen, ohne einen Bleistift zur Hand, damit ich mir wichtige Stellen markieren kann und darüber nachdenken werde. Ein Stück deutsche Literatur, wie wir es nur noch selten lesen können.

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