Susanna Partsch: „Wer klaute die Mona Lisa? Die berühmtesten Kunstdiebstähle der Welt“

Gastrezension: Dr. Ulrike Bolte

Die Krimis in der Kunstgeschichte sind neben den Fälschungen die Kunstdiebstähle. Die Kunsthistorikerin und Autorin Susanna Partsch enthüllt mit akribischem Hintergrundwissen in Fallstudien Geschichten, die viele kennen: vom Raub der Mona Lisa über den Genter Altar, Rembrandt, den Schrei von Edvard Munch, van Gogh, Cezanne und Lucian Freud bis zur Saliera (Salzgefäß) des Benvenuto Cellini, den Gothaer Kunstraub, den Trierer Goldschatz und das Grüne Gewölbe. In dem spannenden Buch geht es um Verlust und Wiederauffindung, um Zerstörung und Angst, ob das Werk noch existiert, um die Täter und die Strippenzieher im Hintergrund. Der Kunstraub kann zum Performanceakt stilisiert werden; in Kunstaktionen werden Kunstdiebstähle in Film und Literatur thematisiert wie in dem Animationsfilm „Ruben Brand collector“, den das Eschborn K zum Tag der Architektur gezeigt hat. Durch den leeren Fleck an der Wand wird das Kunstwerk im Gedächtnis des Betrachters schmerzlich bewusst. Wie in den verpackten Architekturen und Landschaften von Christo und Jeanne Claude weckt das Verborgene oder nicht mehr Vorhandene eine neue „alte“ Erinnerung. Bei den Tätern handelt es sich nur in Ausnahmefällen um Frauen etwa als Mitwisserinnen. Manchmal wird wie in Palermo eine Kopie des gestohlenen Caravaggio durch ein aufwändiges Computer- 3D-Druckverfahren wieder hergestellt mit verblüffender Ähnlichkeit zum Original bis in den haptischen Pinselstrich hinein.

Susanna Partsch
Foto: Andreas Gregor

Susanna Partsch ist promovierte Kunsthistorikerin und lebt als freie Autorin in München. U. a. veröffentlichte sie „Tatort Kunst. Über Fälscher, Betrüger und Betrogene“ ( 2. Aufl. 2015), „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau“ (2012), „Die 101 wichtigsten Fragen. Moderne Kunst“ (3. Aufl.2010), „Schau mir in die Augen, Dürer“ (2018)

Die Gründe, warum ein Kunstwerk gestohlen wird, sind vielfältig. Die wenigsten Diebe sind Liebhaber wie der Elsässer Stéphane Breitwieser, der sich mit Kunst im Wert von 1,4 Milliarden Euro umgab, die er in 6 Jahren zusammen stahl. Dabei zerstörte er nichts, was seine Mutter aus Angst vor einer Razzia für ihn erledigte. Immerhin konnten von 239 Kunstwerken 102 aus einem Rhonekanal gerettet werden. Den meisten geht es um artnapping, d. h. um Lösegeldforderungen an die Versicherung, wobei häufig auch Mitwisser ihren Anteil anforderten. So wurde zur Aufdeckung des Kunstraubs in der Schirn 1994 mit zwei Gemälden von William Turner und einem von Caspar David Friedrich ein renommierter Rechtsanwalt hinzugezogen mit einschlägigen Kontakten, dem es nach Jahren gelang, die Werke zurück zu holen und wieder den Museen als den rechtmäßigen Besitzern auszuhändigen – zu welchem Preis bleibt geheim. Es stellt sich immer die Frage nach den Hintermännern und Strippenziehern, denn sehr berühmte Bilder sind auf dem Kunstmarkt unverkäuflich und dämmern in gut abgesicherten Freeports dahin oder hängen in Schlafzimmern der Auftraggeber (wie bereits die „Mona Lisa“ bei Napoleon).  Bereits in der Renaissance gab es auch gestohlene Kopien von Meisterwerken, die behalten (wie wir von Michelangelo wissen) oder in den Werkstätten herumgereicht wurden als Übungsmaterial für die Lehrlinge. Die „Mona Lisa“ wurde aus patriotischen Gründen von einem italienischen Handwerker aus dem Louvre geklaut und nach Florenz gebracht, wo sie 2 Jahre später wieder gefunden wurde mit dem Verweis, dass der italienische Staat jegliche Summe zu zahlen bereit war. Auf den Dieb wartete nicht die damals exorbitant hohe Summe von 1,5 Millionen Euro, sondern die Untersuchungshaft, die später auf seine Gefängnisstrafe angerechnet wurde und Vincenzo Peruggia nach dem Prozess zum freien Mann machte. Der Raub der „Mona Lisa“ war der erste öffentlich bekannte Kunstraub mit einem enormen Presserummel in der Weltöffentlichkeit, der das Bild zum bekanntesten Bild aller Zeiten hochstilisierte. Am Zustand der 4 Kopien des Apolls von Belvedere lassen sich verschiedene Stadien der Rekonstruktion erkennen.

Der Genter Altar der Gebrüder van Eyck wurde in seiner Reproduktionsgeschichte aufgestellt, versteckt, zerstückelt, verkauft, geraubt, geklaut, kehrte wieder zurück und wurde kürzlich neu repräsentiert. Die Autorin entführt in die Geschichte hinter die Geschichte von Kunstwerken, die dem Betrachter noch eine weitere Zuschauerdimension eröffnen, ihm bei Kopien zum genauen Vergleich auffordern, von findigen Kunstdetektiven und skrupellosen Dieben, die Gemälde zerschneiden, um sie transportieren oder besser verkaufen zu können. Dies wird unterstützt durch das digitalisierte Art Loss Register, ursprünglich geplant für die Rückführungsansprüche jüdischer Erben von geraubtem Familienbesitz, weitete sich immer weiter aus u.a. um geraubte und zerstörte Exponate aus archäologischen Stätten wie im Irak und Syrien. Dabei sinkt die Hemmschwelle, für ein Kunstwerk kriminell zu werden, immer weiter: in Italien mit dem höchsten Bestand an UNESCO-Weltkulturerbestätten werden jährlich 5000 bis 10000 Kunstgegenstände entwendet, häufig unter Mithilfe der Mafia, die Kunst als Garant für ihren Drogen- und Waffenhandel missbraucht. Auktionshäuser bieten ihre Dienste der Provenienzforschung an oder schaffen (ungewollt) neue Kunst für einen Markt wie der geschredderte Banksy, der nach seiner Quasizerstörung um 200000 Euro teurer wurde. Vor allem in der Literatur gab es die Gentlemandiebe wie Adam Worth mit einem exquisiten Kunstgeschmack und einem direkten Draht zur Unterwelt, dessen spannender Fall einfloss in der Figur des Prof. James Moriatry, dem Gegenspieler zu Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes oder Arsène Lupin von Maurice Leblanc.

Das leicht lesbare Buch zeigt die Hintergründe eines vernetzten Kunstmarkts auf – bis hin zu dem weit gespannten Remmo-Clan, dem der Diebstahl der großen Goldmünze und der Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden zugesprochen werden … Unbedingt lesenswert!

Susanna Partsch „Wer klaute die Mona Lisa. Die berühmtesten Kunstdiebstähle der Welt“, C. H. Beckverlag München 2021, 2. Aufl. 2022, ISBN 9783406776854, 14,95 Euro

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