Die Annonce, Marie-Hélène Lafon

Das Buch Die Annonce gehört definitiv zur anspruchsvollen Literatur. Auch wenn die Geschichte so alt ist wie die Gesellschaft. Sie erzählt von der Not, der Qual, den Ängsten, Vorurteilen und auch Schuld einer Gruppe von Menschen, die versucht haben, ihr Leben so gut wie möglich zu meistern. Doch für zwei von ihnen ist der Zeitpunkt gekommen endlich etwas zu verändern, einem Zwang, einer Vergangenheit und vorbestimmten Zukunft zu entfliehen. Deshalb gibt der sechsundvierzigjährige Auvergne Bauer Paul eine Annonce auf:

„Landwirt, sanft, sechsundvierzig, sucht junge Frau, die das Land liebt.“

Und so kommt die aus erster Ehe völlig geschundene Annette mit ihrem elfjährigen stillen Kind Éric nach Fridières ans Ende der Welt. In Pauls Haus, das jedoch noch von seinen beiden alten Onkeln und seiner verhärmten zur Boshaftigkeit neigenden Schwester Nicole bewohnt wird.

Copyright: Philippe Matsas

Marie-Hélène Lafon, geb. 1962, gehört zu den interessantesten literarischen Stimmen im heutigen Frankreich. Die meisten ihrer rund fünfzehn Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt vorliegen, spielen im Cantal in der Auvergne, in der abgeschiedenen, von Landwirtschaft geprägten Bergwelt, wo Lafon aufgewachsen ist. Seit vielen Jahren lebt und schreibt sie in Paris. 2016 erhielt sie den Prix Goncourt de la nouvelle.

Die Onkel mittlerweile über achtzig, die ihren Lebtag nur arbeiteten, nie geheiratet und daher selbst keine Kinder hatten, sind einfache Auvergne Bauern. Hart zu Paul ihrem Neffen, der als Jugendlicher mit seiner Schwester in ihren Haushalt verpflanz wurde. So musste der junge Mann Stück für Stück die Verantwortung über den Hof gewinnen. Früher mischten sie sich in alles ein, doch im Alter sind sie ruhiger geworden, wenn auch nicht einfacher. Nicole die Schwester, genannt die Rote, wegen ihrer Haarfarbe, verkümmert in dem Haushalt zu einer alten Jungfer. Dabei hat sie so viel mehr Potenzial und vor langer Zeit auch Träume gehabt. Obwohl sie sich rührend um die Alten der Gemeinde kümmert, bekommt sie keine Anerkennung, keinen Dank. Wen wundert es, dass sie mit der Zeit boshaft wurde. Als Anette mit ihrem Sohn bei Paul einzieht, befürchtet Nicole die Fremde gefährdet ihre Rolle im Leben. Denn es ist Nicole Aufgabe, sich um die Onkel und den Bruder zu kümmert. Deshalb ist es für Annette, die sich von einem gewalttätigen, kriminellen alkoholkranken Ehemann getrennt hat, nicht einfach in Pauls Haus Fuß zu fassen.

All die Erwachsenen in diesem Haus sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man Èric das Kind dabei fast vergisst. Der stille, kluge Junge, der eine Hand für Tiere und die Natur hat. Der vom Charakter so gut auf einem Bauernhof und in die Auvergne passt. Der viel mehr von seinem furchtbaren Vater mitbekommen hat, als alle denken. Er ist die Person, die irgendwie alles vereint, der geschickt zwischen den Onkeln und der Roten manövriert. Und am Ende auch vorschlägt, seine geliebte Oma aus dem Norden herzuholen. Denn Mamie ist die einzige Person, die nicht vergessen hat, dass Èric ein Kind ist, ihn versteht und zuhört.

Ein sehr beeindruckendes Buch. Es hinterlässt gemischte Gefühle, weil man eigentlich keiner Person böse sein kann. Alle hatten ihr Schicksal und ihre Portion Schmerz. Nur das sie bei all ihrem Lebensbedauern einen kleinen Jungen übersehen, das kann man ihnen übel nehmen. Es ist nicht einfach das Buch zu lesen, da die Autorin kaum Absätze macht. Die Erzählung ist in unendlich langen Sätzen verschachtelt, doch genau der Stil passt zu dieser komplexen Geschichte.

Erwähnenswert ist noch das Cover, des Buches. Es passt so wunderbar zu der Erzählung, wie der kleine weiße Seereiher, mit dem frechen, selbstbewussten Blick auf dem Rücken des rötlichen Salers Rind aus dem Zentralmassiv sitzt.

Die Annonce, Marie-Hélène Lafon, Rotpunkt Verlag, gebunden, Seiten 170, ISBN: 978-3-85869-888-9, Euro 22,00.

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