Maifliegen ist ein inniges und berührendes Buch über eine schottische Männerfreundschaft. Es ist eine Geschichte, die manchmal mit viel Komik, tieferschweifenden philosophischen und politischen Gedanken und am Ende auch mit ans Herz gehenden Worten erzählt wird. Dennoch betritt man dieses Terrain, als Frau und als nicht in dieser Zeit in England und Schottland aufgewachsener Mensch, mit einigem Erstaunen. Denn das in der ersten Hälfte des Buches beschriebene Wochenende auf dem New Musical Festival des Punkrocks in Manchester 1986 fiel in Thatchers Amtszeit. Und der umgreifende Thatcherismus hatte bereits die Arbeiterklasse erfasst. Armut, Verelendung und tiefgreifender sozialer Verfall waren in den Stahlindustriestädten Manchester und Glasgow bereits an der Tagesordnung. In dieser Zeit der allgemeinen Hoffnungslosigkeit und Depression wachsen Tully, Noodles und ihre Freunde auf. Und wie es bei Jugendlichen um die achtzehn Jahre nun mal so ist, können Partys, Mädchen und Musik das Leben in ein Abenteuer verwandeln, das nur in der Ekstase und dem vibrierenden Taumel der Jugend erlebt werden kann.
So beschließen die sechs Freunde aus der schottischen Küstenkleinstadt, für ein Wochenende ins großartige Manchester zu fahren und alle ihre geliebten Bands auf dem Punkfestival zu sehen. Und dieses Wochenende wird unvergesslich, ist es doch das letzte, bevor die Jungs fürs Leben flügge werden. Alle von ihnen beginnen, geläutert oder auch nicht, danach ihr echtes Leben und werden erwachsen. Dreißig Jahre später erhält James, Tullys bester Freund, den er nur Noodels nannte, einen Anruf. Es sind keine guten Neuigkeiten, die diese beiden Freunde wieder näher aneinander schweißt. Und für Noodles wird Tullys Bitte zu einer existenziellen Frage nach dem Umgang mit dem Leben.
Mir hat das Buch sehr gefallen, aber es war mir auch nicht so fremd, da ich Manchester in den neunziger Jahren recht gut kannte. Ich erinnere mich, meistens nur als Beobachter an die überwältigende Musik, die alkoholischen Exzesse und an die unglaublichen Szenen auf den allgegenwärtigen nach Urin stinkenden Partymeilen. Hat man das gesehen, weiß man einfach, egal wie verrückt dieses Wochenende für die Jungs auch ausgeht, das hat Hand und Fuß und ist nicht der Fantasie des Autors entsprungen. Gefallen hat mir auch die einfühlsame Art, wie im zweiten Teil des Buches mit Leben und Sterben umgegangen wird. Wobei mein Herz viel bei Tullys Frau Anna war, die fast hilflos zusehen muss, wie die beiden Kerle ihr Ding durchziehen. Lassen Sie sich überraschen, es ist auf jeden Fall ein Buch, das nicht spurlos an dem Leser vorbeigeht.
Autorenfoto: Copyright ® Tricia Malley Ross
Andrew O’Hagan wurde in Glasgow geboren. Er war mehrfach für den Booker Prize nominiert, wurde von Granta 2003 zu einem der besten jungen britischen Schriftsteller gewählt, gewann den E.M. Forster Prize der American Academy of Arts and Letters. Er ist Editor-at-Large bei der London Review of Books und Fellow der Royal Society of Literature.
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Tully und James, der eine bereit für das Leben, der andere offen, sich von seinem Freund mitreißen zu lassen, wachsen in den Achtzigern in einer schottischen Kleinstadt auf. Einer Stadt ohne Perspektiven und Zukunft, mit vorgezeichneten Lebensläufen und Schicksalen. Die Musik ist ihnen Zuflucht und Ausweg, Manchester im Jahr 86 ihr Mekka. Ein Wochenende lang spielen dort ihre Heroen, Bands wie The Smiths, New Order oder Joy Division. Mit ihrer Clique ziehen die beiden durch die Clubs, getragen von den Riffs der Gitarren, der Magie des Fortseins von zu Hause und von einem Rausch, wie nur die Jugend ihn kennt. Dreißig Jahre später erhält James einen Anruf. Es ist Tully. Er hat Neuigkeiten. Er wird sterben. Und er hat eine letzte Bitte. Maifliegen setzt der Euphorie der Jugend ein Denkmal, und ist zugleich eine bewegende Reflexion über Freundschaft und die Zerbrechlichkeit des Lebens.
Maifliegen, Andrew O’Hagan, Ullstein Verlag, gebundene Ausgabe, Seiten 336, ISBN 978-3-550-20447-0, Buch Euro 24,99, 27. März 2025, erschienen 30.04.2026, übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.